Der Medienspiegel Polen und Blanka füllen das Sommerloch
Es war aber ausgerechnet ein weiteres Loch, das in dieser Woche das Sommerloch gefüllt hat. Die Bauarbeiten zum Blanka-Tunnel in Prag haben nämlich – mal wieder – die Erdoberfläche zum Einsturz gebracht. Nun klafft direkt neben dem Kulturministerium ein großer Krater. Außerdem ein Thema für die Kommentatoren: die Präsidentschaftswahlen in Polen.
Bronisław Komorowski (Foto: ČTK)
Moderator: Die Polen haben am vergangenen Wochenende einen neuen
Präsidenten gewählt. Bronisław Komorowski heißt der Mann. Er war der
Kandidat der Regierung von Premier Donald Tusk. In einer Stichwahl hat
Komorowski sich knapp gegen Jarosław Kaczyński durchgesetzt. Wie wurde
das Wahlergebnis in Tschechien kommentiert, Patrick?
Patrick Gschwend: Für Luboš Palata von der Lidové noviny heißt der wahre Sieger der polnischen Präsidentenwahlen nicht Komorowski sondern Tusk. Palata schreibt:
„Bronisław Komorowski ist der beste Präsident, den sich Premier Tusk nur wünschen konnte. Er ist nicht zu ambitioniert, so dass erstmals seit dem Jahr 1990 an der Spitze Polens ein ‚schwacher’ Präsident steht.“
Donald Tusk mit seiner Ehefrau wählen den Präsidenten (Foto: ČTK)
Die Tatsache, dass Tusk „seinen“ Kandidaten Komorowski durchsetzen
konnte, beraube ihn aber sämtlicher Ausreden, nötige Reformen auf die
lange Bank zu schieben. Trotzdem glaubt Palata an eine weitere Stagnation
in Polen, denn in etwas mehr als einem Jahr stehen in Polen die
Parlamentswahlen an. Und daher – so sagt Palata voraus – wird Tusk auf
Nummer sicher gehen und schmerzhafte Maßnahmen vermeiden, die ihn die
Wiederwahl kosten könnten. Palatas Fazit:
„Polen verliert noch ein Jahr. Aber immer noch besser als vier weitere mit Kaczyński als polnischem Präsident.“
Moderator: Was erwarten sich die Tschechen von dem neuen polnischen Präsidenten Komorowski?
Jarosław Kaczyński (Foto: ČTK)
P. G.: Was die tschechisch-polnischen Beziehungen angeht: nichts Neues. Der
eben zitierte Luboš Palata hat in der Lidové noviny schon vor der
Stichwahl geschrieben, dass auch ein Wahlsieg Kaczyńskis keine
Auswirkungen auf die guten Beziehungen beider Länder gehabt hätte. Polen
und Tschechien stünden sich sehr nahe. Beide Länder hätten einen
gemeinsamen „Weg in den Westen“ hinter sich. In den vergangenen Jahren
habe sie zudem das Projekt des US-amerikanischen Raketenschildes geeint.
Aber nicht nur das. Zitat Palata:
Presidäntenwahl in Polen (Foto: ČTK)
„Im Stillen sind wir auch wirtschaftlich eng verkoppelt. Das geht über
gemeinsame Supermarktketten, Autobahnen zwischen Prag, Katowice und Krakau,
bis hin zu Kohlegruben, die Polen an Tschechen verkaufen. Aber an Deutsche
oder Russen würden sie sie nie verkaufen. Daher ist der Ausgang der Wahlen
keine grundsätzliche Frage, auch wenn Komorowski uns ‚liberal
denkenden’ Tschechen näher ist als der traditionalistische Kaczyński.
Es ist gut zu wissen, dass das Ergebnis der Wahlen kaum Einfluss auf unsere
hervorragenden Beziehungen hat. Es gibt wenige Länder in unserer
Nachbarschaft, über die man das so klar sagen kann.“
Moderator: Nun hätten aber gerade der tschechische Präsident Václav Klaus und wohl auch der neue Premier Petr Nečas sicherlich besser mit dem konservativen Kaczyński leben können als mit dem liberalen Komorowski, oder nicht?
Bronislaw Komorowski ist der neue polnische Präsident (Foto: ČTK)
P. G.: Michal Kubát in der Mladá fronta dnes weist das zurück. Diese
Polarität zwischen Komorowski und Kaczyński sei künstlich geschaffen
worden. Ich zitiere Kubát:
„Beide Kandidaten stehen sich politisch relativ nahe. Beide polnischen Rechtsparteien, die Bürgerplattform (PO), deren Kandidat Komorowski war, und Kaczyńskis Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) sind mehr oder weniger katholisch, sozial, vorsichtig was die europäischen Integration angeht und so weiter. Der Unterschied liegt nur in der Intensität. Präsident Komorowski ist kein Liberaler ‚tschechischen’ oder ‚westlichen’ Typs, genauso wenig ist sein Kontrahent Kaczyński ein Extremist irgendeines Typs. In Polen wechseln sich normale politische Optionen an der Macht ab. Wahlen in Polen sind wie Wahlen wie in Portugal, Frankreich, Italien oder in Tschechien.“
Tunnel Blanka (Foto: www.tunelblanka.cz)
Moderator: Kommen wir zu einem weiteren Thema: der Tunnel Blanka. Er soll
mit 6,5 Kilometern der längste Autotunnel Tschechiens und der größte
städtische Tunnel Europas werden. Falls er fertig gestellt wird, soll er
als innerer Ring der Stadtautobahn den Prager Verkehr entlasten. Patrick,
du hast es eingangs erwähnt. Bei den Bauarbeiten zum Blanka-Tunnel ist nun
schon wieder die Erdoberfläche eingestürzt, pikanterweise in
unmittelbarer Nähe des Kulturministeriums. Dort klafft nun ein Krater im
Umfang von 20 mal 35 Metern.
Tunnel Blanka (Foto: www.tunelblanka.cz)
P. G.: Ja, es ist schon das dritte Mal seit dem Baubeginn im Jahr 2007,
dass die Tunnelarbeiten Löcher in die Prager Erde gerissen haben. Nun ist
die zuständige Baufirma Metrostav in Erklärungsnot. 2008 nachdem sich im
Park Stromovka riesige Krater aufgetan hatten, hat die Firma noch
entrüstet bestritten, dass sich ein solcher Vorgang wiederholen könnte.
Der Unfall sei beim Schnitt in kompliziertes geologisches Terrain passiert.
Daniel Anýž in der Hospodářské noviny wettert daher vor allem gegen
die Firma Metrostav:
Pavel Bém (Foto: www.tunelblanka.cz)
„Nicht einmal in so ein großes Schlagloch, wie es jetzt beim
Kulturministerium klafft, passen die ganze Arroganz und
Unverantwortlichkeit, die diesen Unfall in Wirklichkeit verursacht haben.
Es handelt sich hier um ein Menschenwerk, und damit um menschliches
Versagen. Nur aufgrund glücklicher Zufälle hat der verpfuschte Tunnel
bisher noch niemanden begraben. Dieses Mal muss der Schuldige gefunden
werden, und komplizierte geologische Bedingungen sind es sicher nicht.“
Moderator: Oberbürgermeister Pavel Bém und die Stadt Prag haben Strafanzeige gegen Unbekannt gestellt. Außerdem soll nun geprüft werden, ob die Stadt von dem Vertrag mit Metrostav zurücktreten kann.
Tunnel Blanka (Foto: www.tunelblanka.cz)
P. G.: Richtig. Für Bém und seine Bürgerdemokraten ist die ganze
Angelegenheit aber schon mehr als unangenehm. Denn der Skandal um den
Blanka-Tunnel ist nur einer von vielen, der den Bürgerdemokraten
angelastet wird. Die regieren in Prag mit absoluter Mehrheit, sind aber
drauf und dran die Kommunalwahlen im Oktober zu verlieren – wenn man den
Umfragen glaubt. Und auch bei den Parlamentswahlen im Mai hat die Partei
ihre einstige Hochburg Prag eingebüßt. Karel Steigerwald schreibt in der
Mladá fronta dnes:
Tunnel Blanka (Foto: www.tunelblanka.cz)
„Die miserable Aufsicht auf den überteuerten Tunnelbau ist nur eine
kleine Kostprobe dessen, wie schlecht der Oberbürgermeister die Stadt
leitet. … Der Einsturz des kritisierten Tunnels Blanka ist für die
politische Opposition ein Geschenk des Himmels. Es weiß zwar niemand, wie
die Leitung der Stadt den Einsturz hätte verhindern können, aber das
macht nichts: In der Erde ist ein weiteres Loch, büßen werden Pavel Bém
und die Prager Bürgerdemokraten. So läuft es in der Politik.“
Auch Zbyněk Petráček in der Lidové noviny sagt den Bürgerdemokraten eine Wahlniederlage voraus – auch und vor allem wegen Blanka. Petráček schreibt:
Bei den Bauarbeiten zum Blanka-Tunnel ist die Erdoberfläche eingestürzt (Foto: ČTK)
„Wenn die Bürgerdemokraten im Oktober bilanzieren werden, warum sie die
Kommunalwahlen verloren haben, bietet sich als Blitzableiter der Schuld der
Blanka-Tunnel an. Diese verfluchte Unterführung wird zwar der größte
innerstädtische Tunnel in Europa, aber aus den Pragern macht er Geiseln.
Gerade wegen seiner Errichtung gibt es nur noch eine Straßenbahnverbindung
von Prag 6 ins Zentrum und gerade bei ihr klafft nun ein Krater. Was also
tun? Den Verkehr vorsorglich anhalten? Oder die Straßenbahn im
Schritttempo fahren lassen und beten, dass dieser Krater nun der letzte
war? Bis zum Oktober wird die Bedrohung Blanka nicht zur vollen
Zufriedenheit gelöst werden. Die Wahlen gewinnt derjenige, der die Prager
überzeugt, dass er den Blanka-Tunnel unter Kontrolle hat.“
Moderator: Im Oktober werden wir also mehr wissen was den Ausgang der Prager Kommunalwahlen angeht – und vermutlich auch, was den Blanka-Tunnel angeht.






