Der Medienspiegel Milliarden-Raub und Schulminister – außerdem: Podcasting bei Radio Prag
Christian Rühmkorf präsentiert Ihnen heute im Medienspiegel wieder die neuesten Schwerpunktthemen in den tschechischen Tageszeitungen der vergangenen Tage. Außerdem hat er mit dem Chefredakteur von Radio Prag, Gerald Schubert über die neuesten Möglichkeiten des Radiokonsums gesprochen. Stichwort: „Podcasting“.
Foto: ČTK
Wir beginnen unseren Medienspiegel wie immer mit einem Überblick über die
Themenschwerpunkte der Zeitungen in den vergangenen Tagen. Um mich herum
die wichtigsten und größten Tageszeitungen auf dem tschechischen Markt.
Die „Lidove noviny“ zum Beispiel hat am Samstag aus einer kleinen
Meldung eine ganze Seite gemacht und schreibt somit die Geschichte der
Autobahn in der Tschechischen Republik weiter. Sie titelt: „1000
Kilometer Autobahn – D 47 verbindet Ostrava mit dem Rest der Republik,
Staat plant weitere Projekte“. Das Blatt bietet einen Überblick über
die Geschichte der Autobahnen und widmet einen Teil der Seite auch Jan
Antonin Bata, dem tschechischen Schuhkönig der 20er und 30er Jahre, der
sich auch mit Infrastruktur befasst hat, um den Staat zu einer blühenden
Landschaft zu machen.
Die Zeitung „Mlada fronta Dnes“ will ihre Leser ganzseitig auf das neue Jahr vorbereiten: „Veränderungen 2008 – Die fünf größten Neuerungen, die uns ab dem nächsten Jahr erwarten“. So die Schlagzeile der „Mlada fronta Dnes“. Darunter werden detailliert die einzelnen Veränderungen abgehandelt von der steigenden Mehrwertsteuer über höhere Preise für Wärme und Licht, den 15-prozentigen Steuersatz auf den so genannten Superbruttolohn, die Gebühren im Gesundheitswesen bis hin zu Neuregelung des Elterngeldes. Ein kompakt geschnürtes Veränderungspaket im Zeitungsformat.
Foto: ČTK
Ein Ereignis vom Samstag, das allerdings erst im Laufe des Montag an die
Öffentlichkeit drang, hielt dann die Themenseiten fast aller Zeitungen
für die nächsten Tage fest im Griff. Ein Sicherheitsbediensteter stahl
sich mit über einer halbe Milliarde Kronen aus seiner Firma. 21 Millionen
Euro – auch umgerechnet ist es ein hübsches Sümmchen. Und so titelt die
„Mlada fronta Dnes“: „Der Jahrhundert-Raub“ und fragt: „Wer hat
versagt? Und was kann man mit solch einer Summe anfangen?“ Selbst die oft
seriös daher kommende und häufig eigene Akzente setzende „Lidove
noviny“ kann sich der Faszination des Geldes und der kriminellen Energie
nicht entziehen: „Pack die Knete ein und hau ab – Tschechien erlebte
den größten Raub in seiner Geschichte“. Die Tageszeitung „Pravo“
bringt zwar selten „Ganzseitiges“, aber beim Jahrhundert-Raub ist auch
sie mit von der Partie. Die Postillen stürzen sich auf alles, was zu
kriegen ist und bringen Prager Stadtpläne mit mutmaßlichen Fluchtwegen,
Fotos vom Täter, Zitate seines Vaters und Gespräche mit
Sicherheitsexperten. Es wäre also nicht verwunderlich, wenn die
Journalisten den Polizisten einen Schritt voraus wären.
Ondrej Liska (rechts) mit Martin Bursik (Foto: ČTK)
Obwohl riesige Summen sich in der Wirtschaftszeitung „Hospodarske
noviny“ oft größter Aufmerksamkeit erfreuen können, widmet diese
Zeitung dem Milliarden-Raub nur einen mittelgewichtigen Artikel. Die
„Hospodarske noviny“ stürzen sich stattdessen zwei Tage hintereinander
auf den nagelneuen Bildungsminister Ondrej Liska und seine bevorstehenden
Verhandlungen mit der Schulgewerkschaft, die am Dienstag zum Streik
aufgerufen hatte: „´Ich werde mit euch verhandeln´, verspricht
Liska“. So der Titel. Dazu noch ausführliche Informationen über den
Gewerkschaftsführer Frantisek Dobsik und die Lehrergehälter. Letztlich
endet eben doch alles beim Geld. Soweit unser Blick auf die
Themenschwerpunkte in den Zeitungen der vergangenen Tage.
Gerald Schubert, Chefredakteur von Radio Prag (Foto: Martina Stejskalova)
Bei mir im Studio sitzt nun Gerald Schubert, Chefredakteur von Radio Prag.
Gerald, Ende September hat Radio Prag das Hörspiel „Pryc“ – zu
Deutsch „Weg“ – gesendet, das eigens für diesen Sender produziert
worden war. Das Hörspiel war eine Auseinandersetzung mit der komplizierten
deutsch-tschechischen Nachkriegsgeschichte. `Vertreibung´ ist das
Schlagwort. Aber Radio ist ein flüchtiges Medium – was einmal über den
Äther ging, ist in der Regel nicht ein zweites Mal zu hören. Radio Prag
beschreitet aber nun auch andere Wege, gerade auch was dieses Hörspiel
betrifft. Welche?
„Also unsere Stammhörer oder die Leute, die unsere Internetseite kennen, ahnen, dass es sich um ein Angebot unseres Internetdienstes handelt. Bei uns ist es ja auch so, dass alte Beiträge angehört werden können und wir haben uns jetzt auch entschieden, dieses Hörspiel, das wir produziert haben, im Internet anzubieten und zwar zum Streaming – das heißt zum direkten Anhören – oder zum douwloaden, also zum herunterladen auf den eigenen Computer. Das ganze im übrigen auch auf Deutsch und auf Tschechisch, denn das Hörspiel gibt es in zwei Varianten. Das entspricht einem allgemeinen Trend. Man kann heute über das Handy fernsehen, man kann über den Fernseher Radio hören, man über den Computer telefonieren. Man sieht schon, die Kombinationen sind da fast unendlich. Und man kann eben auch Audio-Inhalte über mp3 hören im Autobus oder auf dem i-Pod, also Stichwort Podcasting.“
Schauspieler Marketa Richterova und Karel Dobry im Studio
Das müssen wir vielleicht für unsere Hörer kurz erklären. Was ist das
Podcasting und was müssen die Hörer tun, damit sie in den Genuss dieses
Service kommen?
„Podcasting ist eigentlich nur eine Art automatisierte Variante des klassischen Downloads, also des klassischen Herunterladens von Audio-Inhalten auf den Computer, nur dass man über eine spezielle Software dem Computer sozusagen vorab verraten kann, was einen interessiert und von welchen Webseiten man das herunterzuladen gedenkt und der Computer macht das dann von selbst, ohne der der Benutzer das selbst steuern muss. Der steckt nur noch seinen mp3-Player an, der mit dieser Software kommunizieren kann und sitzt dann im Autobus oder in der U-Bahn und hört sich das an, wann und wo er will.“
Mal angenommen ein Hörer ist ein Kulturliebhaber und möchte alle kulturellen Sendungen von Radio Prag zu Hause auf seinen Computer herunterladen. Was hat er da für Möglichkeiten?
„Wenn wir von Podcasting sprechen, dann ist das in der Tat ein gutes
Beispiel, weil wir dann zwei Möglichkeiten anbieten. Es gibt so genannte
Themenkanäle und Rubrikenkanäle. Rubrikenkanal bedeutet: Der Hörer sagt,
´ich will jede Woche meinen Kultursalon automatisch auf dem Computer
haben. Dann kriegt er das – natürlich kostenlos. Themenkanal heißt: Er
will immer alles auf seinem Computer haben, was Radio Prag in deutscher
Sprache über Kultur sendet. Dann bekommt er alle Kultursalons. Er bekommt
aber auch alle Tagesecho-Beiträge, die mit Kultur zu tun haben oder er
bekommt auch mal ein Wirtschaftsmagazin, wenn das ein Thema ist, wo sich
Wirtschaft und Kultur überschneiden.“
Kommen wir noch mal zurück auf das Hörspiel. Welche Probleme waren eigentlich zu bewältigen, um das Hörspiel dauerhaft im Radio zur Verfügung zu stellen?
„Für uns waren es eigentlich keine technischen Probleme. Uns hat sich
ein rechtliches Problem gestellt – vielleicht für viele Hörer nicht so
spannend, aber ich will nur so viel verraten, dass das ein Bereich ist, wo
man sehr schön sieht, wie die Entwicklung von Medientechnologien
voranschreitet und manchmal auch die juristische Entwicklung ein bisschen
nachhinkt. Es gibt da relativ oft Unklarheiten. Wir haben alle Unklarheiten
beseitigt, wir haben neue Verträge abgeschlossen mit den Schauspielern,
mit den Regisseuren, auch mit dem Autor natürlich. Und das ermöglicht uns
jetzt dieses Hörspiel eben auch im Internet jetzt dauerhaft anzubieten.“
Radio Prag wird weiterhin für die Hörer permanent zur Verfügung stehen,
ob das nun über das Internet ist oder über die Kurzwelle. Herzlichen
Dank, Gerald Schubert, Chefredakteur von Radio Prag.






