Der Medienspiegel Meinungsseiten: Benes-Dekrete und tschechischer Irak-Einsatz
Der 55. Sudetendeutsche Tag hat auch dieses Jahr auf deutscher und tschechischer Seite für Aufregung gesorgt. Und: Tschechien plant noch vor 2005 den Rückzug seiner Militäreinheiten aus dem Irak. Zwei Themen, mehrere Meinungen. Die Kommentare der tschechischen Presse in der Sendereihe "Im Spiegel der Medien" von Daniel Satra.
Der 55. Sudetendeutsche Tag - Bernd Posselt, Karin Stoiber und Edmund Stoiber (v.r.n.l.) Foto: CTK
Der 55. Sudetendeutsche Tag hat einmal mehr für deftige Äußerung auf
deutscher und tschechischer Seite gesorgt. Bayerns Ministerpräsident
Edmund Stoiber hatte in seiner Rede in Nürnberg die Aufhebung der
tschechischen Benes-Dekrete zu einer europäischen Angelegenheit erklärt.
Er forderte die tschechische Regierung dazu auf, die Vertreibung von rund
drei Millionen Deutschen als Unrecht zu ächten. Wörtlich sagte Stoiber
über die Dekrete vor mehreren tausend Teilnehmern: "Sie sollten
eigentlich längst auf dem Müllhaufen der Geschichte liegen."
Tschechiens Premier Vladimir Spidla wies Stoibers Forderung kategorisch
zurück. Er sagte im tschechischen Fernsehen, das Problem sei definitiv
abgehandelt, und er beabsichtige nicht, eine neue Debatte darüber zu
eröffnen. Eine Priese schärfer reagierte Tschechiens Präsident Václav
Klaus: Stoibers Rede sei "frech" und "nicht
annehmbar", sagte er am Wochenbeginn. Wörtlich fügte Klaus hinzu:
"Es muss jedem klar sein, dass auf der Grundlage dieser Dekrete
niemand Entscheidungen trifft und niemand seine Heimat verlassen
muss." Dennoch, so Klaus weiter, bleiben sie Bestandteil
tschechischen Rechts. Nie würde er sich an ihrer Aufhebung beteiligen. Und
weil der Vorsitzende des Europäischen Parlaments Pat Cox gerade zu Besuch
in Prag war, erhob auch er seine Stimme zum Thema: "Es ist nicht
notwendig sich mit den tschechoslowakischen Präsidentendekreten zu
befassen", so Cox kurz und knapp. Befasst mit dem Thema haben sich
jedoch einige Kommentare auf den Meinungsseiten der tschechischen Presse.
Martin Komárek wiegt in der Tageszeitung "Mlada fronta Dnes" die
Argumente der alt-neuen Debatte:
Präsident Vaclav Klaus
"Präsident Klaus kontert (gegen Stoiber): So ein Verhalten ist nicht
annehmbar! Und er fügt hinzu: Die Dekrete sind unantastbar. Im ersten
Punkt hat Klaus Recht. Tschechien ist bei weitem nicht der einzige Staat
der EU, der ein Problem hat. Nur als Stichprobe: Deutsche wurden auch aus
Polen vertrieben. Ungarn trachtet nach einer Vereinigung mit seiner
Diaspora. Die Deutschen haben den Krieg entfesselt, und bis heute setzen
sich deutsche Unternehmen damit auseinander, dass sie ihren Aufschwung auf
Sklavenarbeit aufgebaut haben."
Komárek schreibt, der Erfolg Europas fuße auf Verhandlungen, nicht auf Ultimaten, wie sie Stoiber heraufbeschwöre. Doch wie steht es mit Punkt Zwei, den Benes-Dekreten. Irrt Stoiber auch hier, fragt sich Komárek. Seine Antwort:
Chef der Kommunisten Miroslav Grebenícek
"In Tschechien gibt es zwei scharf polemisierende Meinungsströme. Der
erste, zu dem sich auch Klaus und die Mehrzahl der führenden Politiker
inklusive zum Beispiel dem Chef der Kommunisten Miroslav Grebenícek
bekennen, sagt vereinfacht: Die Vertreibung der Deutschen war eine Folge
des Zweiten Weltkriegs, den sie selbst verschuldet haben. Sie war eine
Reaktion auf die irrsinnigen Grausamkeiten der Zeit. Wir können sie nicht
mit heutigen Maßstäben bewerten. Falls wir die Dekrete aufheben, öffnen
wir dem Revanchismus das Tor und zweifeln an den Wurzeln der tschechischen
Staatlichkeit."
Die zweite Sicht auf das politische und historische Phänomen Benes-Dekrete, zu der sich auch der Autor des Kommentars bekennt und der zum Beispiel Ex-Präsident Václav Havel und der tschechische Senatsvorsitzende Petr Pithart anhängen, lässt sich wie folgt zusammen fassen:
"Der Krieg hat barbarische Gesetze erzwungen. Aber warum sollten diese noch heute Teil unserer Rechtssprechung sein? Aus rechtlicher Sicht war zumindest das Berauben und Vertreiben von Kindern, auf denen weder die moralische noch die politische Schuld ihrer Eltern lastete, unzulässig. Wir können die Geschichte nicht mehr ändern, aber wir können unser Bedauern ausdrücken, die Dekrete aufheben und symbolisch die Opfer dieses Unrechts entschädigen."
Der 55. Sudetendeutsche Tag - Edmund Stoiber (Foto: Martina Schneibergova)
Jirí Hanák schließt sich dieser zweiten Sicht in seinem Kommentar für die
linksliberale Tageszeitung "Právo" an. Die Aufhebung der
Benes-Dekrete erfordert seiner Ansicht nach jedoch eine festgelegte
Reihenfolge. Hanák schreibt:
"Es ist wahr, dass Prag die Dekrete aufheben könnte. Jedoch erst eine Minute nachdem die Sudentendeutsche Landsmannschaft sich damit einverstanden erklärt, dass das Diktat von München von Beginn an ungültig war."
Also wird Tschechien die Benes-Dekrete wohl nie aufheben, so sein Fazit.
Hanák weist zudem darauf hin, dass Stoibers Rede in Nürnberg nur in ihrem
Kontext begreifbar ist. Denn schließlich, so der Kommentar, spreche
Bayerns Ministerpräsident mit "anti-tschechischen Äußerungen"
immerhin eine Million Wähler an - eben jene Vertriebene.
Verteidigungsminister Miroslav Kostelka (Foto: Pavla Jedlickova)
Kommen wir zum zweiten Thema "Im Spiegel der Medien". Ein Thema,
das überraschend wenig Spuren auf den Meinungsseiten der tschechischen
Presse hinterlassen hat. Worum geht´s? Tschechiens Verteidigungsminister
Miroslav Kostelka hat sich für ein baldiges Ende des Militär-Engagements
seines Landes im Irak ausgesprochen. Tschechien solle zum Jahresende seine
etwa 100 Militärpolizisten abziehen und sich auf seine Aufgaben im Kosovo
und in Afghanistan konzentrieren, so Kostelkas Botschaft zum Wochenbeginn.
Denn: Eine geplante Aufstockung tschechischer KFOR-Soldaten im Kosovo von
400 auf 700 sei mit der Irak-Mission nicht zu vereinbaren. In der
"Mlada fronta Dnes" hat sich Martin Komárek den Abzugsplänen
gewidmet:
"Es gibt viele vernünftige Gründe, warum unsere Militärpolizisten Irak verlassen sollten. Und es gibt nur einen, warum sie nicht gehen sollten."
Die Gründe für den Abzug, laut Komárek: Die Mehrheit der tschechischen Bevölkerung ist gegen eine Beteiligung am Irak-Einsatz. Die politische Elite zeigt kaum Interesse. Und zusammengenommen ist Tschechiens Unterstützung der Koalition eher symbolisch zu sehen. Im Rahmen einer riesigen Militäroperation muten die tschechischen Einheiten, die zum Ausbilden irakischer Polizisten ausgesandt worden waren, wie ein einzelnes Sandkorn im Sandkasten an. Ein tschechischer Abzug ist also nicht mit dem "Salto Mortale" Spaniens zu vergleichen, meint der Autor. Dennoch, so Komárek, gäbe es einen triftigen Grund für Tschechien seine Truppen vor Ort zu lassen:
Tschechische Militärpolizisten in Irak (Foto: CTK)
"Der Grund zu bleiben, der hochgradig unvernünftig ist, klingt wie
folgt: Ein höflicher Mensch sowie ein höflicher Staat verlassen ihren
Freund nicht in der Not. Und die Koalition befindet sich gegenwärtig in
großer Not. Selbst der Abzug einer symbolischen Truppeneinheit wird sie
schwächen - alle werden sehen, wie die Kräfte abbröckeln. Dieser Grund ist
zwar nicht vernünftig, aber er ist ein moralischer Imperativ."
Ein Imperativ, der Tschechien teuer zu stehen kommen könnte. Denn mit dem Kosovo und Afghanistan hat der Staat bereits zwei Krisenherde mit Truppen vor Ort. Außerdem läuft das politische Mandat für den Irak-Einsatz zum Jahresende aus. Ob eine Mehrheit für die Verlängerung des Mandats erzielt werden kann, ist gegenwärtig noch offen, meint Radek Kohl, Mitarbeiter des Instituts für internationale Beziehungen:
Tschechische Militärpolizisten in Irak (Foto: CTK)
"Leider gehört die Tschechische Republik zu denjenigen Staaten, die
in Zukunft sehr viel mehr Sicherheitsprioritäten als finanzielles und
humanes Kapital haben werden, um Soldaten oder Militärpolizisten aussenden
zu können. Das gilt im Rahmen aller internationaler Organisationen, zu
denen Tschechien gehört - also in erster Linie die NATO und die EU."
Seit zwei Jahren ist Tschechien nun Teil des Irak-Einsatzes. Zeit genug, sagen viele, um einen Stab irakischer Militärpolizisten selbst zu Ausbildern gemacht zu haben. Radek Kohl:
"Die Entsendung der Militärpolizisten hatte das Hauptziel ein Kader irakischer Ausbilder zu schulen, denn man kann den Aufbau einer irakischen Polizei nicht allein internationalen Ausbildern überlassen. Vor allem nicht nach der geplanten Machtübergabe an eine irakische Übergangsregierung. Falls die tschechischen Ausbilder bis zum Jahresende bleiben, wird es ihnen sicherlich im Rahmen der gegenwärtigen Mission gelingen mehrere Hundert oder sogar Tausend irakische Ausbilder vorzubereiten, die dann ihre Aufgaben übernehmen können."
Zwar gehörte Tschechien vor Beginn des Irakkrieges nicht zur so genannten "Koalition der Willigen", dennoch verfolge die tschechische Sicherheitsstrategie im Kern dieselben Ziele, wie die Koalitionspartner. Allen voran der große Verbündete Vereinigte Staaten. Die Bekämpfung des internationalen Terrorismus sowie die Pflege der transatlantischen Beziehungen sind laut Kohl die beiden Kernsätze des Strategiepapiers. Beides sei durch einen Rückzug aus dem Irak nicht gefährdet.






