Der Medienspiegel Die Regionale Presselandschaft in Tschechien

04-02-2005 | Robert Schuster

In der heutigen Ausgabe unserer Sendereihe "Im Spiegel der Medien" wollen wir den Blick auf einen Bereich der tschechischen Medienwelt richten, der in dieser Rubrik bislang ein wenig vernachlässigt wurde. Die Rede ist von der tschechischen Regionalpresse, die sich in den vergangen fünfzehn Jahren eher unauffällig, aber dennoch beständig einen festen Platz in der Gunst der Leserinnen und Leser sichern konnte. Mehr von Robert Schuster:

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Die Ausgangslage für die Entwicklung der Regionalpresse war in Tschechien eine andere als etwa in Deutschland. Dort gehören regional oder stark lokal verankerte Zeitungen schon traditionell zu den meistgelesenen Medien im Print-Bereich. Überregionale Tageszeitungen werden von den Kunden hingegen oft, wenn überhaupt, nur als zweites Medium dazugekauft. Ein Grund dafür liegt sicherlich auch darin, dass die deutsche Medienlandschaft, wie letztlich auch das ganze Staats- und Verwaltungswesen, wesentlich dezentraler gegliedert ist als in Tschechien.

Dennoch ist sicherlich auch hierzulande die Frage legitim, ob sich in den vergangenen Jahren auch in Tschechien ein ähnlicher Trend feststellen ließ. Nämlich, dass die Zeitungsleser heute eher einem regional bezogenen Titel den Vorzug geben.

Wir unterhielten uns darüber mit Frau Lida Rakusanova. Frau Rakusanova gehört zu den profiliertesten Journalistinnen des Landes. In den vergangenen Jahren, und zwar noch vor der Wende, war sie zunächst als Redakteurin bei Radio Free Europe in München, später, nach 1989, auch beim Tschechischen Rundfunk in Prag tätig. Vergangenem Sommer wechselte Frau Rakusanova jedoch in den Print-Bereich und ist nun zentrale Chefredakteurin beim Vltava-Labe-Press Verlag, der praktisch der dominierende Akteur im Bereich der tschechischen Regionalpresse ist. Gefragt, ob die tschechischen Zeitungsleser zunehmend regional ausgerichteten Zeitungen den Vorzug geben würden, meint Frau Rakusanova:

"Eigentlich lässt sich das nicht so ohne weiteres feststellen. Aber das hängt natürlich damit zusammen, dass Tschechien ein kleines und überschaubares Land ist. Ein weiterer Grund ist sicherlich auch, dass die Leser hier vor der Wende gewohnt waren, dass alle Zeitungen, auch die regionalen, fest im Griff der kommunistischen Partei waren und es daher keine großen Unterschiede gab. Die Ausrichtung auf die regionale Presse, wie in Deutschland, war hier nicht selbstverständlich. Das heißt, dass die regionalen Zeitungen ihre Leser erst noch gewinnen müssen, indem sie ihnen wichtige und nützliche Informationen bringen. Das ist nicht leicht, weil die Konkurrenz auf dem tschechischen Markt groß ist. Wir haben hier vier überregionale Zeitungen, die sich in letzter Zeit alle mit regionalen Ausgaben in den einzelnen Regionen zu positionieren versuchen. Aber dennoch glaube ich, dass die regionale Presse mit detaillierten Lokalteilen auch in Tschechien immer bessere Erfolgsaussichten haben wird. Das hängt auch mit der EU-Mitgliedschaft zusammen, weil dadurch dieser regionale Aspekt immer wichtiger wird."

Bleiben wir jedoch noch bei Vergleichen der regionalen Presselandschaft in Deutschland und Tschechien. Lassen sich in diesem Bereich eventuell spezifische Unterschiede zwischen beiden Ländern finden? Dazu sagt Frau Rakusanova:

Lida RakusanovaLida Rakusanova "Einen Unterschied kann ich feststellen, und zwar ganz bestimmt im materiellen Bereich. Für tschechische Leser, vor allem in der Provinz, spielen die Ausgaben für Printmedien eine wichtige Rolle. Zudem würde ich einen wesentlich stärkeren Wettbewerb mit den elektronischen Medien erwähnen, der, glaube ich, noch mehr zuungunsten der Printmedien ausfällt, als in Deutschland."

Der größte tschechische Regionalpresseverlag gehörte von Anfang an dem bayrischen Passauer-Neue-Presse-Verlag. Insgesamt erscheinen dort heute 94 Zeitungstitel, wobei die meisten davon Tageszeitungen sind. Die geschätzte Reichweite dieser Medien beträgt ungefähr anderthalb Millionen Leserinnen und Leser täglich.

Während der vergangenen zehn Jahre ist es in der tschechischen Zeitungslandschaft zu einem großen Konzentrationsprozess gekommen, und zwar in zweierlei Hinsicht. Zum einen ist die Zahl der Zeitungstitel stark zurückgegangen, wovon insbesondere die überregionale Presse betroffen war. Gleichzeitig lässt sich aber auch ein anderer Trend feststellen: Nämlich, dass auch die Zahl der Zeitungsleser abnimmt. Schätzungen zufolge verringert sie sich jährlich um 10 000 bis 15 000, was natürlich auch für die regionale Presse langfristig ein Problem darstellen könnte.

Dazu meint Lida Rakusanova:

"Alle Printmedien verlieren in Tschechien an Leserschaft, genauso wie in Deutschland auch. Regionalzeitungen sind hier keine Ausnahme. Das Gebot der Stunde ist es, diesen Trend aufzuhalten. Und das versucht die Regionalpresse hier momentan mit großer Anstrengung."

Der deutsche Passauer-Neue-Presse-Verlag ist mit seinen Titeln bereits seit den frühen 90er Jahren in Tschechien vertreten. Damals, also in der Anfangszeit, wurde das von einigen Seiten sehr argwöhnisch beäugt - nach dem Motto: Ein Deutscher Verlag kann doch nicht die tschechische Regionalpresse aufkaufen und kontrollieren. Zudem wurden auch Befürchtungen laut, dass die deutsche Verlagsleitung in sensiblen Fragen auf die tschechischen Redaktionen Einfluss nehmen könnte. Gibt es dieses Misstrauen immer noch? Hören Sie dazu abschließend noch einmal die zentrale Chefredakteurin des größten tschechischen Regionalpresseverlags, Lida Rakusanova:

"Dieses Misstrauen hat sich gelegt. Erstens deswegen, weil diese Medien schon seit 15 Jahren beweisen, dass sie objektiv berichten. Der zweite Aspekt ist, dass eben nicht nur der Vltava-Labe-Press-Verlag deutsche Eigentümer hat, sondern de facto auch fast alle anderen tschechischen Printmedien. Dieser Vorwurf wird nun nicht mehr geäußert - was aber nicht bedeutet, dass er nicht latent herumgeistern würde und gelegentlich auch wieder auftauchen könnte. Meines Wissens war er nie berechtigt. Aber ebenso wenig berechtigt war die Hoffnung, dass die Eigentümer aus Deutschland automatisch dafür sorgen würden, dass hier auch im Print-Bereich automatisch demokratische Standards eingeführt werden. Denn von allein kommt natürlich überhaupt nichts. Zudem sind die deutschen Eigentümer deshalb nach Tschechien gekommen, um zu verdienen und nicht um zu erziehen. Meine persönliche Meinung ist: Es ist immer noch viel besser, in einer großen internationalen Gruppe eingebettet zu sein, als wenn man von einem tschechischen Geschäftsmann abhängig ist, der bei seinen Geschäften womöglich auf das Wohlwollen der tschechischen Regierung angewiesen wäre."

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