Der Medienspiegel Der Kinoautomat - Filmweltwunder aus der Tschechoslowakei wieder belebt
Was ein Kino ist, weiß jeder. Was ein Automat ist, auch. Was jedoch ein Kinoautomat ist, das ist schon schwieriger. Vor 40 Jahren wurde er vom tschechoslowakischen Regisseur Raduz Cincera erfunden. In Prag wurde der Kinoautomat-Film "Der Mensch und sein Haus" nun nach vier Jahrzehnten zum ersten Mal wieder gezeigt.
Sie sitzen im Kinosessel und sehen mit an, wie der Held, Herr Novak, dabei
ist, sich ins Unglück zu stürzen. Während er auf die baldige Rückkehr
seiner Frau wartet, die zufällig an diesem Tag Geburtstag hat - Ehefrauen
haben überdurchschnittlich oft Geburtstag - während er also wartet,
klingelt die Nachbarin an seiner Tür. Eine Marilyn-Monroe-Blondine, die
ihre Nacktheit nur durch ein spärliches Handtuch verhüllt. Sie hat sich
ausgeschlossen und sucht vorübergehend Asyl. Man hört die Gedanken im Kopf
des Protagonisten knirschen. Was soll er tun? Doch plötzlich...
"Stopp!" - ruft eine Stimme. Die Figuren auf der Leinwand frieren ein und aus dem Dunkel hinter der Leinwand löst sich ein Schatten - der Moderator. Er schildert in den schillerndsten Farben die beiden Möglichkeiten des Herrn Novak und ihre Folgen: helfen und reinlassen und einen Ehekrach riskieren, wenn seine Frau bei ihrer Rückkehr die Halbnackte in der Wohnung sieht oder die Nachbarin auf dem Hausflur stehen lassen um des lieben Hausfriedens Willen. Entscheiden Sie - jetzt! Der Zuschauer hält in seiner Hand eine Fernbedienung mit zwei Knöpfen. Grün für draußen lassen, rot für rein lassen. Das Publikum hat die Wahl. Das ist das Prinzip des Kinoautomats, der ersten interaktiven Filmvorführung der Welt. Der 1999 verstorbene tschechoslowakische Regisseur Raduz Cincera ist der Vater des Kinoautomats. Er hat ihn sich mit einigen Kollegen für die Weltausstellung 1967 in Montreal ausgedacht. Wie er auf die Idee kam, erklärt seine Tochter, die Regisseurin Alena Cincerova:
Raduz Cincera
"Mein Vater hat beim Theater angefangen. Und als er dann zum Film
kam, fehlte ihm sehr der direkte Kontakt zwischen Publikum und Bühne. Er
hat also überlegt, wie man es machen kann, dass der Zuschauer besser in
das Geschehen auf der Bühne - in diesem Falle auf der Leinwand -
eingebunden ist. Und so ist er auf diese Idee gekommen."
Der Kinoautomat. Eine Filmvorführung mit theoretisch weit über hundert Möglichkeiten, wie der Film weitergeht und endet. Das war in Montreal eine mediale Sensation. Aber wenn man aus einem kommunistischen Land kommt, so musste Raduz Cincera erfahren, dann gibt es nicht mal mehr geistiges Eigentum, wie seine Tochter erzählt:
Tomas Matonoha (Foto: www.ceskatelevize.cz)
"Das war 1967 auf der Weltausstellung ein Riesenerfolg. Boom! Es
kamen Produzenten aus der ganzen Welt, die den Kinoautomat auch sofort
kaufen wollten. Aber mein Vater durfte als Bürger der Tschechoslowakischen
Sozialistischen Republik darüber nicht selbst entscheiden. Er durfte nicht
entscheiden über seine Erfindung, sein geistiges Eigentum. Entschieden
haben die Genossen da oben. Und die haben den Kinoautomat ohne sein
Einverständnis verkauft. Aber unglaublich schlecht, zu absolut schlechten
finanziellen Bedingungen. Eine Produzentin, die das gekauft hatte, hat
damit sieben Jahre einfach nichts gemacht, bis ein anderer amerikanischer
Produzent sich vor Gericht die Rechte erfochten hat und den Film gezeigt
hat. Aber nach sieben Jahren war natürlich der ganze Boom schon verpufft.
Meinem Vater tat das sehr leid."
Aber wir greifen der Geschichte des Kinoautomats vor. Die Wirren durch den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen im Jahre 1968 und die dann folgende Einschränkung der noch jungen Freiheiten in der Tschechoslowakei, bewirkten, dass der Film erst 1971 im Prager Kino "Svetozor" gespielt wurde. Der bekannte Schauspieler und Moderator des Films, Tomas Matonoha, erzählt welches Schicksal der Kinoautomat dann nahm:
Kinoautomat
"Der Film wurde ein Jahr lang mit großem Erfolg gespielt und endete
dann im Tresor. Die ganzen 70er Jahre, vor allem das Kulturleben, war in
dem Geiste, dass alles, was in den 60er Jahren bekannt und erfolgreich
war, in den Tresor weggeschlossen wurde. Und zwar auf so lange Zeit, dass
eine Idee wie der Kinoautomat einfach veraltete. Mit Ausnahme einer
ziemlich dusseligen Serie der Bolschewiken, die sich bemüht hat, das
Prinzip für das Fernsehen zu klauen, na ja, zu nutzen. Die Leute sollten
abstimmen, indem sie in ihren Plattenbauten das Licht an- und ausknipsten
und irgendein Ingenieur im Elektrizitätswerk meldete dann, dass 2,5
Millionen Menschen für diese Möglichkeit gestimmt haben und 1,7 Millionen
für die andere. Aber, wenn man sich für so ein Spiel entscheidet, dann
muss das neben der Idee des Abstimmens ganz einfach auch ein gutes
Drehbuch haben."
Und das Gegenteil war der Fall, wie Alena Cincerova erzählt:
Alena Cincerova
"Diese absolut dumme Serie ging über einen Koch. Und die Zuschauer
sollten entscheiden, ob er die Knödel ins Wasser werfen und kochen soll
oder nicht. Mein Vater hatte ihnen am Anfang seine Hilfe angeboten, aber
als er sah, was die daraus gemacht haben, wollte er nicht, dass man seinen
Namen damit verbindet."
Der Kinoautomat-Film wurde im Juni dieses Jahres im Prager Kino "Svetozor" seit 1971 zum ersten Mal wieder gespielt. Immer vor ausverkauftem Haus. Zur Wiederbelebung des Kinomats kam es, weil man sich in London für den ersten interaktiven Film der Welt interessierte. Nach vielen Vorbereitungen hat der Kinoautomat in London - auch vier Jahrzehnte nach seiner Entstehung - eingeschlagen wie eine Bombe. Und so wurde die Idee geboren, den Film auch wieder in seiner Heimat auf die Leinwand zu bringen.
Raduz Cincera
Aber warum wurde damals in der Tschechoslowakei eigentlich ein so
harmloser Film auf die Schwarze Liste gesetzt? War es, weil sich
Kommunismus und Wahlmöglichkeit zueinander verhalten wie Feuer und Wasser?
Alena Cincerova:
"Das bietet sich natürlich als Erklärung an. Aber der Bolschewik hat nicht so kompliziert gedacht. Ich persönlich denke, dass es mehr die Gruppe der Macher des Kinoautomats war, die den Kommunisten aufgestoßen ist. Sie waren mit ihrem freien Kunstverständnis politisch unliebsam, wie alle Leute, die gute Kunst gemacht haben. Damals bildete sich - im besten Sinne des Wortes - eine unpolitische antikommunistische Zelle. Und das war, glaube ich, der Hauptgrund für das Verbot."
Also kein Verbot weil der Kinoautomat auch eine kleine Demokratieübung mit Mehrheitsentscheidung ist? Alena Cincerova zwinkert mit dem Auge:
"Ich glaube, für die Zuschauer ist es eine Lektion in Demokratie und
für die Moderatoren eine Übung in Manipulation. Das ist wie im Leben. Wir,
die wir zu den Wahlen gehen, meinen, dass wir eine freie Wahl hätten. Aber
nur der liebe Gott weiß, wer uns wie von da oben aus manipuliert.
Oder?"







