Kultursalon Von Oskars und Idealisten - tschechisches Kino zwischen Förderung und Verlusten
Und bei uns heißt es jetzt: Film ab. In Karlsbad beginnt an diesem Wochenende das 42. Internationale Filmfestival, das kleinste der so genannten A-Festivals mit internationalem Renommee, Höhepunkt des tschechischen Kinojahres. Im Wettbewerb mit dabei ist unter anderem der Film "Vratne lahve" des tschechischen Oskarregisseurs Jan Sverak, eine bittere Komödie über das Älterwerden. Nachdem es im vergangenen Jahr beinahe zum Eklat gekommen wäre, blickt die tschechische Filmszene nun wieder verhalten optimistisch in die Zukunft.
Karlovy Vary (Foto: CTK)
Karlsbad, Juni 2006: Die Stimmung der tschechischen Filmemacher ist auf dem
Siedepunkt angelangt. Der Grund: Präsident Vaclav Klaus hatte kurz zuvor
ein mühsam erstrittenes Gesetz über die Filmförderung mit seinem Veto zu
Fall gebracht. Kinobetreiber, Video-Verleiher und Fernsehen sollten für
die Filmförderung in die Pflicht genommen werden - ein Modell, das
anderswo in Europa längst üblich ist. Der traditionsreichen tschechischen
Filmindustrie hätte es die dringend benötigte Luft zum Atmen verschafft:
Während in Deutschland durchschnittlich mehr als die Hälfte der
Produktionskosten durch Fördergelder gedeckt werden, sind es in Tschechien
gerade einmal sechs Prozent. Das präsidiale Veto hat das Gesetz erst einmal
vom Tisch gewischt, das Thema Filmförderung dafür aber auf die politische
Agenda gebracht. Noch auf dem letztjährigen Karlsbader Festival gab es
einen Krisengipfel. Ergebnis: vorerst 100 Millionen Kronen zusätzlich für
die tschechische Filmförderung.
Vratne lahve-Plakat in Karlovy Vary (Foto: CTK)
"Ich glaube, die Entwicklung in dem vergangenen Jahr ist sehr
positiv. Zum einen ist da die Dotation, an der es nichts zu rütteln gibt,
zum anderen haben die Politiker sich zum ersten Mal klar dazu bekannt,
dass sie den Film unterstützen wollen. Das sehen wir als Entgegenkommen
und als eindeutigen Erfolg",
meint Helena Trestikova, Regisseurin und zwischenzeitlich selbst für einige Tage Kulturministerin. Präsident Klaus hat damit seine Auffassung nicht durchsetzen können. Der Film sei ein Produkt wie jedes andere, hatte das Staatsoberhaupt argumentiert, und müsse sich nach den Gesetzen des Marktes richten. Es könne nicht angehen, dass die öffentliche Hand die Selbstverwirklichungsbestrebungen der Filmproduzenten finanziere. Der Film, so halten die Kritiker von Klaus entgegen, ist Kulturgut und - wenigstens in seinem besseren Teil - Spiegel der Gesellschaft. Ohne Förderung sei der tschechische Film zum Tode verurteilt. Auch Kassenschlager haben beim kleinen tschechischen Publikum kaum eine Chance, rentabel zu laufen, rechnet Regisseur Jan Sverak vor, der für seinen Film Kolja 1996 mit dem Oskar prämiert wurde:
Jan Sverak (links) mit seinem Vater Zdenek Sverak
"Wenn wir ein Budget von sagen wir 30 Millionen Kronen nehmen - eine
Million Euro, das ist ein durchschnittlicher tschechischer Film - und
annehmen, dass unser Film kommerziell erfolgreich ist, also etwa eine
halbe Million Zuschauer hat, was etwa drei Filme im Jahr erreichen - dann
haben wir einen Umsatz von rund 50 Millionen Kronen. 30 Millionen hat der
Film gekostet. Aber: 60 Prozent der Umsätze bleiben bei den Kinos, von dem
Rest gehen 10-15 Prozent an den Verleiher, nochmal drei Millionen kosten
Kopien und Reklame. Damit bleiben dem Produzenten nur noch 14 Millionen.
Jetzt kann er den Film noch für vier Millionen ans Fernsehen verkaufen,
nochmals vier Millionen bekommt er für die Video-Rechte - das sind 23
Millionen. Gekostet hat der - wohlgemerkt ausgesprochen erfolgreiche -
Film 30 Millionen! Die restlichen sieben Millionen kann man bei der
Filmförderung beantragen - aber solche Summen wurden kaum vergeben. Das
ist also ein Szenario für einen außergewöhnlich erfolgreichen Film. Aber
wie soll es bei den anderen Filmen gehen, die nur 50 oder 100.000
Zuschauer haben?"
Dabei ist Tschechien alles andere als kinematographisches Niemandsland, das beweist nicht nur das Karlsbader Filmfestival. Die Prager Barrandov-Studios, die Neue Welle der 60er Jahre - das tschechische Kino hat Format und Tradition. Und vor allem ein treues Publikum, wie Regisseur Jan Sverak erinnert: Tschechische Produktionen kommen daheim auf einen Marktanteil von 30 Prozent und behaupten sich auch gegen die Millionen-Produktionen aus Hollywood:
Helena Trestikova
"Bemerkenswert ist, dass das Interesse des Publikums für den
heimischen Film in Europa am größten in Frankreich ist, und dann kommt
gleich Tschechien. Weltweit liegen wir auf Rang neun."
Die Liebe der Tschechen zum eigenen Kino hat Jan Sverak zuletzt mit dem Film "Vratne lahve" - Leergut - bewiesen. Er erzählt die Geschichte des pensionierten Lehrers Josef Tkaloun, gespielt von Sveraks Vater Zdenek, der auf der Suche nach einer neuen Lebensaufgabe an der Leergutannahme eines Supermarktes landet. Doch dann soll er durch einen Automaten ersetzt werden... Ein gefühlvoller Film über das Älterwerden, und natürlich eine Tragikkomödie, wie fast alle tschechischen Produktionen. Nicht nur eine Frage der tschechischen Mentalität, sondern vor allem Ergebnis der derzeitigen Finanzierungszwickmühle, meint der Vorsitzende des Staatlichen Kinematographie-Fonds und Filmpublizist Tomas Baldynsky:
"Das Phänomen der tschechischen Tragikkomödie ist Ergebnis davon, dass es für die Finanzierung eines Filmes nur zwei Quellen gibt: Die erste ist das Fernsehen - da geht es um das Zuschauerpotential, hierher kommt die Komödie. Die zweite ist der Staatliche Fond. Da achtet man darauf, inwiefern der Inhalt gesellschaftlich relevant und interessant ist - und da haben wir die Tragödie. Man muss also immer die eine Kommission überzeugen, dass man etwas sagen will und die andere, dass sich der Film gut verkaufen lässt. Und das ist der Grund, warum alle tschechischen Filme ähnlich gestrickt sind."
Sveraks Film "Vratne lahve" steuert inzwischen auf den
einmillionsten Besucher zu - solche Kassenschlager gibt es im
tschechischen Kino nur alle drei bis vier Jahre einmal. Schließlich heißt
das, dass jeder zehnte Tscheche den Film gesehen hat! Die harte
Wirklichkeit des tschechischen Filmschaffens spielt sich aber in ganz
anderen Dimensionen ab, so Regisseurin Helena Trestikova:
"Sehr viele Filme entstehen praktisch unter amateurhaften, fast unwürdigen Bedingungen und werden nur vom Idealismus getragen. Ich denke jetzt vor allem an Dokumentarfilme, die meist wirklich das Werk von Idealisten sind, die genau wissen: Das Leben ist zu kurz, um auf ideale Bedingungen zu warten. So arbeiten sie, wenn man so will, den herrschenden Bedingungen zum Trotz."
Immerhin: Besserung ist nun in Sicht. Seit dem Knall im letzten Jahr reden Politik und Filmemacher miteinander; noch im Herbst soll ein neuer, gemeinsam erarbeiteter Entwurf für ein Filmförderungsgesetz vorliegen. Mit 700 Millionen Kronen, knapp 25 Millionen Euro, soll der Staatliche Kino-Fond jährlich ausgestattet werden. Die Hälfte kommt aus dem Staatsbudget, über prozentuale Abgaben leisten auch Kinos, Filmverleihe und das Fernsehen einen Beitrag. Mit dem Geld soll die tschechische Filmproduktion besser gefördert werden. Fond-Vorsitzender Tomas Baldynsky träumt aber bereits davon, auch andere Probleme anzugehen, die der seit Jahren chronisch unterfinanzierten tschechischen Filmlandschaft zu schaffen machen. Die Einmal-Dotation des vergangenen Jahres erlaubt hier immerhin schon erste Schritte:
Tomas Baldynsky
"An erster Stelle ist die wirklich triste Situation der regionalen
Kinos zu nennen, die lange Zeit nur in Einzelfällen gefördert werden
konnten. Jetzt haben wir ein spezielles Förderprogramm ausgeschrieben, mit
dem wir eine gewisse Finanzspritze geben konnten und dazu beigetragen
haben, dass eine nicht kleine Zahl von Kinos in den Regionen modernisiert
werden konnte, was dringend nötig war."
Es ist aber nicht mit Dolby Stereo und einem neuen Popcorn-Automaten getan, so Baldynsky:
"Bei den Kinos steht uns immer noch eine Riesenaufgabe bevor, und zwar die Digitalisierung. Die ist im Ausland schon angelaufen, und die tschechischen Kinos werden bald vor dem Problem stehen, dass sie keine neuen Filme mehr zeigen können, wenn sie keine digitale Ausrüstung haben. Dank der Dotation können wir darüber jetzt wenigstens schon nachdenken. Klar ist aber, dass diese Dotation nur der Anfang sein kann, sonst können wir zwar hier und da etwas machen, aber insgesamt wird die Entwicklung eher nach hinten als nach vorne laufen."
Die letzte Klappe ist über dem tschechischen Film aber noch nicht gefallen
- das beweist zurzeit nicht zuletzt das 42. Internationale Filmfestival in
Karlsbad.







