„Vila Štvanice“ – innovatives Theater im alternativen Kulturzentrum

Der Neue Zirkus, Site Specific Art, nachhaltiges Theater oder immersives Theater – diese Kunstformen haben sich in jüngster Zeit auch in Tschechien etabliert. Und sie kommen nicht nur beim jungen Publikum gut an. Das zeigt sich zum Beispiel im alternativen Kulturzentrum auf der Moldauinsel „Štvanice“ in Prag. Dies ist in einer alten Villa entstanden und besteht derzeit aus drei autonomen Theaterensembles. Ein Blick hinter die Kulissen.

Villa auf der Moldauinsel Štvanice (Foto: Tschechisches Fernsehen)Villa auf der Moldauinsel Štvanice (Foto: Tschechisches Fernsehen) Die klassizistische Villa auf der Moldauinsel Štvanice entstand 1824 als Teil eines Gebäudekomplexes mit einer Kneipe, einem Tanzsaal und einem Bordell. Davon ist nur ein Haus erhalten geblieben, an dem der Zahn der Zeit deutlich nagt. Welchem Zweck die Villa seinerzeit diente, das ist nicht bekannt.

Vor drei Jahren war die Theatergruppe „Tiger in Not“ (Tygr v tísni) auf der Suche nach einem passenden Raum. Es ging um ein neues Projekt mit dem Titel „Golem“, angelehnt an den gleichnamigen Roman von Gustav Meyrink. Das geeignete Ambiente, um die Zuschauer in die Atmosphäre der einstigen Prager Judenstadt zu versetzen, fand man in der leer stehenden Villa Štvanice. Bei der Aufführung wurden die Zuschauer zu aktiven Teilnehmern. Sie konnten zwischen mehreren Räumen hin- und hergehen, in denen parallel unterschiedliche Teile der Romanhandlung dargestellt wurden.

Immersive Aufführung

„Golem“ (Foto: Archiv von Tygr v tísni)„Golem“ (Foto: Archiv von Tygr v tísni) Jeder Besucher hatte dabei freie Wahl, wo, wie lange oder wie oft er Halt machen wollte. Die Aufführung war erfolgreich. Sie gilt als erste tschechische Theatervorstellung dieser Form. Auf Deutsch spricht man von immersivem Theater, angelehnt an das englische Wort „immersion“, also Eintauchen oder Versenkung.

Es sei super, originell, noch nie gesehen, wie „in einem verzauberten Schloss“, einfach „eine tolle Idee“ – so kommentierten die Theaterbesucher die Aufführung.

Nicht nur die Resonanz des Publikums, sondern auch der Kritik war positiv. Dies führte nachfolgend auch zur Entstehung des Multimedia-Projektes „Golem Cube“, das 2015 auf der Prager Quadriennale für Szenografie und Bühnenbild präsentiert wurde.

Ivo Kristián Kubák (Foto: YouTube)Ivo Kristián Kubák (Foto: YouTube) Die Gruppe „Tiger in Not“ wird vom Regisseur Ivo Kristián Kubák und der Dramaturgin Marie Nováková geleitet. Sie bezog als erste die Villa Štvanice. Mit dem Prager Magistrat wurde vorläufig ein Mietvertrag bis 2019 geschlossen. Später fanden dort noch zwei andere Theaterensembles ihr Domizil. Mittlerweile hat sich Villa zu einem Kulturzentrum gemausert, in dem auch Konzerte, Workshops und Festivals veranstaltet werden.

Aischylos-Drama entschlackt und modern

„Antická Štvanice“ (Foto: Tschechisches Fernsehen)„Antická Štvanice“ (Foto: Tschechisches Fernsehen) Im September 2016 stellte „Tiger in Not“ sein neues Projekt vor, es trägt den Titel „Antická Štvanice“, auf Deutsch „Das antike Štvanice“. Ivo Kristián Kubák:

„Unsere Leitidee war, gezielt ein Projekt zur antiken Literatur zu entwickeln. In seinem Rahmen möchten wir jedes Jahr um dieselbe Zeit jeweils ein Theaterstück zum Thema Antike beziehungsweise ein Werk des antiken Griechenlands oder des antiken Roms aufführen.“

Zur Einleitung fiel die Wahl auf Aischylos und seine dreiteilige Tragödie „Orestie“. Die Erstaufführung des ältesten bekannten Dramas fand zu den Dionysien im Jahr 458 v. Chr. in Athen statt. In Prag wurden 15 Freilichtvorstellungen gespielt. Dramaturgin Nováková:

„Antická Štvanice“ (Foto: Tschechisches Fernsehen)„Antická Štvanice“ (Foto: Tschechisches Fernsehen) „Mich persönlich begleitet die ‚Orestie‘ schon seit dem Beginn meines Studiums an der Theaterhochschule, an die ich gerade wegen meines Konzepts für ihre Inszenierung aufgenommen wurde. Den ersten Teil der Tragödie mit dem Titel ‚Agamemnon‘ habe ich dann im Rahmen einer Klausurarbeit inszeniert. Im Zusammenhang mit unserer Aufführung haben wir uns mit den tragenden Themen in allen drei Teilen des Stückes befasst. Im Hinblick auf das derzeitige Kriegsgeschehen überall rings um uns glauben wir, dass ‚Orestie‘ auch in der heutigen Zeit eine Aussagekraft hat und gespielt werden sollte.“

„Antická Štvanice“ (Foto: Tschechisches Fernsehen)„Antická Štvanice“ (Foto: Tschechisches Fernsehen) Aischylos‘ Orestie hat in der Originalversion rund sieben Stunden Spielzeit. Marie Nováková und ihre Mitarbeiter standen vor der schweren Aufgabe, „die Schere“ ansetzen zu müssen. Stellenweise habe man sich deutliche Schnitte erlaubt, sagt sie. Die gekürzte Version dauert nun knapp drei Stunden und besteht nach wie vor aus drei Teilen:

„Sie haben unterschiedliche Längen und Formen. Der erste Teil ist aufgebaut auf der Rhetorik politischer Reden und auf politischer Manipulation. Im zweiten Teil gibt es Musik, Gesang und Bewegung. Der dritte ist eine Kombination von Politik und Ritual vor dem Hintergrund eines Gerichtsstreits zwischen den Göttinnen und den Menschen.“

Schuld, Rache und Sühne, das sind die Themen, die im Zentrum der „Orestie“ stehen.

Horrortrip als Kammerspiel

Foto: Verlag Československý spisovatelFoto: Verlag Československý spisovatel Das Repertoire der Theatergruppe von Ivo Kristián Kubák und Marie Nováková ist sehr vielfältig. Nicht zuletzt zeugt davon die jüngste Premiere, die im vergangenen Dezember stattfand. Es handelt sich um eine Dramatisierung des Romans „Die Meerschweinchen“ (Tschechisch „Morčata“) von Ludvík Vaculík. Der 2015 verstorbene Schriftsteller, Publizist und ehemalige Dissident schrieb 1970 dieses Buch. Weil der Autor damals verboten war erschien der Roman zunächst im Samisdat, also im Selbstverlag. Im Mittelpunkt der Handlung steht die Absurdität der Zeit und die Hoffnungslosigkeit nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ 1968 in der Tschechoslowakei. Mittels der horrorartigen Geschichte einer Prager Familie stellte Vaculík sich selbst sowie Lesern die Frage, wie tief ein Mensch unter dem brutalen Druck des Gesellschaftssystems sinken kann. Die Autorin der Theaterfassung ist Marie Nováková:

„Bei der Adaption des Romans fürs Theater steht man vor vielen Schwierigkeiten. Zugleich aber bieten sich viele Möglichkeiten, die Welt der Menschen und der Meerschweinchen darzustellen. Außerdem vermittelt die Inszenierung ein genaues Bild der Lage nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakttruppen in die Tschechoslowakei vom 21. August 1968. Es ist übrigens interessant, dass die Kunst jener Zeit viele Ähnlichkeiten aufweist. Zum Beispiel spiegeln sowohl die Filme der sogenannten Neuen Welle als auch die Literatur, darunter ‚Die Meerschweinchen‘, die Gefühle der Menschen wider. Sie waren frustriert angesichts der äußeren Einflüsse, konnten dies aber nicht selbst reflektieren. Dabei sind die Helden dieser Filme und Romane nicht besonders sympathisch. Es waren außerdem gewöhnliche Leute. Auch in den ‚Meerschweinchen‘ geht es um einen ganz normalen Bankbeamten, der ohne eigenes Mitwirken in ein grausames Räderwerk gerät. Das gesamte Geschehen in der Bank führt bei ihm zu großer Frustration. Und zu Hause verhält er sich seinen Angehörigen aber auch den Haustieren gegenüber aggressiv.“

Die Gefühle der Frustrierten

Die Leitung der Bank merkt, dass irgendwo im eigenen Haus Geld verschwindet. Deswegen werden die Angestellten vor dem Heimweg einer gründlichen Kontrolle unterzogen. Das Geld, das einige Beamte gestohlen haben, wird beschlagnahmt, kehrt aber nicht mehr in den Umlauf zurück. Was mit dem Geld passiert, bleibt ein Geheimnis. In der Bank herrscht eine Atmosphäre der Angst. In einem parallelen Handlungsstrang wird das Verhalten der Hauptfigur im privaten Umfeld dargestellt. Seine innere Spannung und den Frust im Job projiziert er auf die Meerschweinchen. Er stellt mit ihnen Versuche an, die letztlich in Tierquälerei münden. Regisseur Kubák:

„Die Meerschweinchen sind für den Familienvater die Welt in klein, mit der er genauso umgeht, wie es die große Welt mit ihm tut. Dahinter steht das Vorhaben des Autors auszuloten, wohin menschliche Frustration und Aggression führen kann.“

Und im Programmheft heißt es, das Bühnenstück „Meerschweinchen“ sei „eine sinnbildliche Horrorstory im Kammerspiel“.