Vernunft, Kaviar und Sehnsucht nach Gemeinsamkeit

Robert Menasse gilt als einer der wichtigsten Schriftsteller seiner Generation. Vor allem in den derzeit politisch und gesellschaftlich stürmischen Zeiten ist er eine der stärksten Stimmen für Europa. Anfang der Woche war der gebürtige Wiener beim Schriftstellerfestival in Prag und hat dort seine Visionen vorgestellt. Ein Gespräch über Europa, Prager Kaviar und die Gefahren unserer Zeit.

Robert Menasse (Foto: Heike Huslage-Koch, CC BY-SA 4.0)Robert Menasse (Foto: Heike Huslage-Koch, CC BY-SA 4.0) Herr Menasse, zunächst möchte ich Ihnen zum Deutschen Buchpreis gratulieren, mit dem Sie in diesem Jahr ausgezeichnet wurden. Geehrt wurde Ihr politisch-satirischer Roman „Die Hauptstadt“, aber auch die übrigen Kandidaten auf der Shortlist waren mit sehr engagierter Literatur vertreten. Ist das ein Zeichen, dass die Literatur heutzutage politischer sein muss?

„Nein, eine Satire ist ‚Die Hauptstadt‘ nicht, der Roman ist sehr realistisch. Die Realität ist halt manchmal komisch. Es ist tatsächlich so, dass die Autoren heutzutage ein immer größeres Interesse haben, die politische Lage zu reflektieren. Wir befinden uns nämlich in einer Situation, die sehr gefährlich ist. Auf uns kommen große Probleme zu, oder sie sind sogar schon da. Die politischen Eliten bekommen das nicht mehr in den Griff, was eine bestimmte Stimmung erzeugt – sowohl in der Bevölkerung, als auch bei Künstlern. Die können sich eben nicht mehr auf einen radikalästhetischen Standpunkt zurückziehen. Wenn ich mich vor 15 Jahren beispielsweise mit Schriftstellerkollegen getroffen habe, unterhielten wir uns hauptsächlich über Romantheorie oder Ästhetik. Heute sprechen wir nur noch über Politik. Das ist eindeutig ein Symptom der Zeit.“

Foto: Verlag SuhrkampFoto: Verlag Suhrkamp In „Die Hauptstadt“ rechnen Sie mit der Brüsseler Bürokratie ab, und Sie bestätigen damit Ihre Kritik an den Strukturen der EU. Gleichzeitig gelten Sie derzeit aber als einer der europäischsten Schriftsteller überhaupt. Was ist Ihre Vision vom Kontinent, wenn man das so platt ausdrücken darf?

„Die Idee der europäischen Einigung ist aus zwei Gründen sehr vernünftig. Einmal geht es um die Erfahrungen, die wir bis 1945 gesammelt haben. Der Nationalismus hat uns damals bis nach Auschwitz geführt und bewiesen, dass er kriminell ist. Die Gründergeneration der europäischen Einigung hat sich dann zusammengesetzt und nach Wegen gesucht, den Nationalismus zu überwinden. Der zweite Grund, warum die EU vernünftig ist, ist die Globalisierung. Die ist nämlich mittlerweile nicht mehr zu stoppen, auch wenn gerade das viele wollen. Wir müssen uns also die Frage stellen, ob wir die Globalisierung als Chance begreifen und Freiheit aus ihr schöpfen – oder eben zu ihren Opfern werden. Wir können die Globalisierung aber nur durch Gemeinschaftsprojekte mitgestallten, und gerade deshalb ist die EU ein solches Zukunftsprojekt. Beispielsweise die Tschechische Republik kann Microsoft oder Google nicht zwingen, Steuern zu zahlen, oder das Roaming in Europa abschaffen. Die Europäische Kommission aber kann es. Die Nationalisten hingegen versprechen, die ganzen kleinen Nationen vor den Stürmen in der Welt schützen. Gerade sie können es aber nicht, die Wähler wollen es aber immer wieder glauben. Sie wählen die Nationalisten immer wieder, und sie wählen damit ihr Verhängnis und ihren Untergang.“

„Die Globalisierung ist nämlich mittlerweile nicht mehr zu stoppen, auch wenn gerade das viele wollen. Wir müssen uns also die Frage stellen, ob wir die Globalisierung als Chance begreifen und Freiheit aus ihr schöpfen – oder eben zu ihren Opfern werden.“

In Europa brodelt es derzeit fast überall, man will meist vor allem weg von Brüssel. Ist die EU in gewisser Weise zu einem neuen „Völkerkerker“ geworden, oder ist alles nur ein großes Missverständnis?

„Das Versprechen des Nationalismus ist so simpel. Die Menschen sehnen sich nach Solidarität, und die Nation scheint auf den ersten Blick auch so solidarisch. Das ist aber nicht so, die sozialen Unterschiede innerhalb der Nationen sind einfach zu groß. Insgesamt fehlt eine politische Stimme, die den Menschen erklärt, was Europa-Politik für eine Bedeutung hat. Sogar die selbsternannten Pro-Europäer haben kein Interesse, Europa zu erklären, da die Wähler zu große Angst haben vor den Nachbarn beispielsweise. Ein anderer Punkt ist, dass das System der EU widersprüchlich ist. Es wird versucht, Gemeinschaftspolitik zu machen, das letzte Wort haben aber die Vertreter der Nationalstaaten. Und die vertreten natürlich die Interessen der eigenen Eliten. Die Bürger fühlen sich dadurch natürlich betrogen und suchen nach einem Führer, der sie herausholt aus der Misere. Leider bieten sich dazu immer die Rechten an.“

Hotel Europa am Wenzelsplatz (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Hotel Europa am Wenzelsplatz (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) Wir befinden uns hier in der Altstadt von Prag. Welche Beziehung haben Sie zu Tschechien oder zu Prag?

„Meine Verbindung zu Tschechien geht weit über das Interesse eines Durchschnittsösterreichers an dem Land hinaus. Zunächst habe ich mich als Literaturstudent für die deutschsprachige Literatur aus Prag interessiert. Die moderne österreichische Literatur ist ja im Austausch zwischen Wien und Prag entstanden, und Prag spielte dabei eine entscheidende Rolle. Meine private Beziehung zu der Stadt hat aber Mitte der 1970er Jahre begonnen, damals hatte ich eine Freundin aus der DDR. Wir haben uns über ein Jahr lang in Prag getroffen, da dies in der Mitte lag zwischen Wien und damals Karl-Marx-Stadt. Sie durfte ja nicht zu mir nach Österreich. Das war zur der Zeit von Gustav Husák, und genau in dem Jahr wurde der 30. Jahrestag des Weltkriegsendes gefeiert. Prag war deshalb nicht grau, sondern wirklich geschmückt und aufpoliert. Dennoch herrschte eine große Misere, und es fehlte an allem. Ich bin damals im Hotel Europa am Wenzelsplatz abgestiegen, und das Einzige, was es dort zu essen gab, waren ungarische Salami und russischer Kaviar –für mich als österreichischen Studenten war es verrückt, dass Kaviar hier ein Armutsessen war. Ich habe aber in diesem Jahr auch den Untergrund der Hauptstadt kennengelernt, mit seiner spezifischen Szene, den Jazz- und Schwulenklubs und der Samisdat-Literatur. Und natürlich den Bierkneipen, in denen ich vor allem das geröstete Knoblauch-Brot genossen habe. Das war eine gute Abwechslung, denn es ist grauenhaft, jeden Tag Kaviar essen zu müssen. Aber, wie das so ist, keine Liebe ist so groß, dass sie über diese Entfernung länger als ein Jahr hält.“

„Das Einzige, was es dort zu essen gab, waren ungarische Salami und russischer Kaviar –für mich als österreichischen Studenten war es verrückt, dass Kaviar hier ein Armutsessen war.“

Und wie ist es heute? Ist Ihnen die Stadt fremd geworden?

„Heute habe ich über meine Tochter auch weiterhin eine enge Bindung zu Prag. Sie hat bei ihrem Erasmus-Studium in Istanbul einen Tschechen kennengelernt, hat ihn geheiratet und sich mit ihm hier niedergelassen. Prag ist für mich also jetzt zu Wien die Zwillings- und Verwandtenstadt. Mich macht nur eine Sache entsetzlich verzweifelt: Ich bin einfach zu alt, um diese Sprache noch zu lernen.“

Wo würden Sie Tschechien einordnen? Nach Westen, Osten oder doch in der Mitte Europas?

Prag (Foto: Ondřej Tomšů)Prag (Foto: Ondřej Tomšů) „Prag war immer so ein ambivalenter Fall. Die Stadt liegt zwar westlicher als Wien, gehörte aber immer zum Osten. Ich bin aber der Meinung, dass die ganze Tschechische Republik ihre Rolle in Europa erst finden muss. Derzeit ist dieses Land mit seiner langen Tradition und seiner sympathischen Mentalität ein Opfer. Es ist betrogen von nationalistischen Politikern, von falschen Versprechungen und von Lügen in Hinblick auf die Chancen eines wirklich gemeinsamen Europas. Der Kontinent sollte nämlich gesellschaftlich so vernetzt sein, wie ich persönlich es familiär bin. Und das immer unter den gleichen Rahmenbedingungen. Denn jeder in Europa sollte an seinem ursprünglichen Wohnort oder aber an dem Ort, an dem er sich gerade entschieden hat zu leben, immer dieselben Chancen haben.“

Derzeit scheint innerhalb der EU und Europas der Graben zwischen West und Ost immer größer zu werden, und man kommuniziert meist nur über den ausgestreckten Zeigefinger miteinander. Woran liegt es, dass man nach Ende des Kalten Krieges nicht zusammengewachsen ist?

„Die Mehrheit der Bevölkerungen hat deswegen den Westen in der Pflicht gesehen, für diese Privilegien zu bezahlen, nach dem Motto: ‚Schickt uns das Geld, damit wir jetzt nachholen können.‘ So funktioniert aber keine ordentliche Wirtschafts- und Entwicklungspolitik.“

„Meiner Meinung nach liegt das daran, dass die ehemaligen Ostblockländer eine besondere Opferkultur entwickelt haben. Da heißt es, dass der Westen nach 1945 sofort alles gehabt habe: Wachstum, soziale Absicherung, Reichtum, persönliche Freiheit, Reisefreiheit. Auch die Schuldigen am Krieg haben also sofort wieder alle Privilegien gehabt. Mir schlägt eines immer entgegen in den ehemaligen Ostblockländern: ‚Wir waren im Widerstand gegen die Nazi-Bagage, sind dann nach dem Krieg sofort wieder Opfer geworden, und zwar vom Stalinismus. Wir haben in Armut gelebt, hatten keine solchen Konsummöglichkeiten und konnten nirgendwohin reisen.‘ Nach 1989 dann wollten diese Staaten alle Privilegien sofort haben, die im Westen selbstverständlich waren. Die Mehrheit der Bevölkerungen hat deswegen den Westen in der Pflicht gesehen, für diese Privilegien zu bezahlen, nach dem Motto: ‚Schickt uns das Geld, damit wir jetzt nachholen können.‘ So funktioniert aber keine ordentliche Wirtschafts- und Entwicklungspolitik. Die Menschen im Osten haben sich dann wieder betrogen gefühlt und angefangen, nationalistische Wagenburgen aufzubauen.“

Ist nicht auch Teil des Problems, dass der Westen den Osten nicht als gleichwertigen Partner betrachtet hat, sondern nur als Möglichkeit eines größeren Marktes?

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission „Da kommt es auf den Blickwinkel an. Für Banken und Industriebetriebe war das natürlich so. Da hat sich auf einmal ein großer Markt geöffnet, der noch lange nicht gesättigt war. Das ist aber nur die eine Seite, denn es gab auch ein massives Interesse am kulturellen Austausch, vor allem über den Tourismus. Ich bin davon überzeugt, dass es keine Herablassung aus dem Westen gab, vielmehr bestand sogar die Bereitschaft, sehr viel Geld für den Osten in die Hand zu nehmen. Milliarden sind in die Infrastruktur oder die medizinische Versorgung geflossen. Dabei ist sehr interessant, dass die Menschen das alles konsumieren und verwenden, aber nicht wissen, wem sie dankbar sein sollen. Denn ein Produkt einer nationalen Kraftanstrengung war das alles nicht, sondern es war EU-Förderpolitik. Für die Beamten in Brüssel ist das grotesk – man hat so viel geholfen, wird dafür aber nur gehasst. Man ist ratlos, wie man mit Leuten umgehen soll, die europäisches Recht brechen oder eventuell brechen werden. Ungarn, Tschechien und Österreich sind da Beispiele. Herablassung war aber sicher nie da, sondern vielmehr Euphorie, Begeisterung, Liebe und auch sehr, sehr viel Geld.“