Kultursalon Tschechisches Weihnachtsgebäck: die schönste Versuchung in der Fastenzeit
Mhm, riechen Sie es auch? Irgendwer im Haus bäckt. Vielleicht haben auch Sie gerade Ihre Küche in eine Weihnachtsbäckerei verwandelt. Und während Sie gerade den Teig ausrollen, Sterne und Monde ausstechen oder die letzte Fuhre Plätzchen im Ofen brutzelt, erfahren Sie nun, wie es die Tschechen mit dem Backen vor Weihnachten halten.
Foto: Kristýna Maková
Beim Backen geht es in Tschechien traditionell zu, zumindest was die
Herrschaft in der Küche anbelangt: Die hat allein die Frau inne. Auf der
Beliebtheitsskala ganz oben rangieren Vanillehörnchen, also
Vanillekipferl, dicht gefolgt von den Pratzen. Für die Pratzen wird der
Teig in kleine Förmchen gedrückt und darin gebacken. Die ebenfalls
populären Linzer Küchlein sind ein Genuss, aber sehr aufwendig. Aus
Mürbeteig sticht man Sterne oder Kreise aus und klebt sie nach dem Backen
mit Marmelade zusammen. Und dann fehlt nur noch der Puderzuckerschnee
obendrauf. Der Zucker gibt den tschechischen Weihnachtsplätzchen auch
seinen Namen: „vánoční cukroví“. Der Advent ist die Zeit des
Wartens auf Jesu Geburt und deshalb eigentlich Fastenzeit. Wann darf also
gekostet werden?
„Natürlich muss man sie vor Weihnachten kosten. Und was nicht gegessen
wird, kommt in die Kühltruhe“, sagt eine Frau.
Eine andere ergänzt:
„Wir versuchen die Plätzchen erst an Heiligen Abend zu essen. Mein Vater und ich fasten bis zum Abend, gegen fünf gibt es dann Essen – wenn die ersten drei Sterne am Himmel erscheinen. Dann gibt es Suppe, Karpfen, Salat und zum Dessert natürlich Plätzchen.“
Plätzchen sind zwar das erste, an das man denkt, wenn von
Weihnachtsgebäck die Rede ist, aber sie sind nicht als erste dran. Noch im
November werden die perníčky, die tschechischen Pfefferkuchen, gebacken
und in Büchsen oder Tongefäße gepackt, damit sie bis Weihnachten gut
durchgezogen sind.
„Der Lebkuchenmann ist zu uns gekommen. Kommt, kommt, ihr Mädchen, den Burschen Marzipan zu kaufen“, so heißt es in einem tschechischen Gedicht.
Foto: Iris Riedel
Wer schon einmal auf einem tschechischen Weihnachtsmarkt war, dem sind
bestimmt die Stände mit dekorierten Pfefferkuchen aufgefallen. Jeder für
sich ist ein kleines Kunstwerk, durch zierliche Striche aus weißem
Zuckerguss werden die Schweinchen, Nikoläuse und Blumenkörbchen erst
sichtbar, die in dem jeweiligen Pfefferkuchen stecken. Zum Essen aber sind
sie viel zu schade, sie zieren den tschechischen Weihnachtsbaum.
„In meiner Heimatstadt Kostelec an der Moldau fand der Weihnachtsbaum erst in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts Verbreitung. Und zwar dadurch, dass die Familie Schwarzenberg auf ihrem Schloss armen Kindern Weihnachtsgebäck und Kerzen vom Weihnachtbaum, einer riesigen Tanne, gaben. Zu Hause haben wir damit dann unseren eigenen, kleinen Baum geschmückt“, lässt sich nachlesen.
Der Weihnachtsbaum vertrieb Stück für Stück die traditionelle Krippe
aus der Weihnachtsstube. Jung wie der stachelige Wächter der
Weihnachtsstube ist auch das Plätzchenbacken. Letzteres kam erst Ende des
19. Jahrhunderts in Tschechien auf. Die Hausfrau war angehalten, entweder 7
oder 13 Sorten zu backen, was wohl mit der mystischen Bedeutung der Zahlen
zusammenhängt. Zuerst gab es das feine Gebäck nur bei wohlhabenden
Familien in der Stadt, später buk man auch auf dem Land einfache
Plätzchenvarianten. Aber auch schon vor dem 19. Jahrhundert wurde für
Weihnachten gebacken. Aus dem 14. Jahrhundert ist die Schrift eines
Benediktiners erhalten, in dem er fünf Bräuche zur Weihnachtszeit
beschreibt:
„Der vierte Brauch ist der, dass die Leute am Vorabend der Geburt des
Herrn weißes Brot zu sich nehmen, „vánočka“ oder Kuchen. Ältere
legen dann aus gutem Glauben ein Tuch auf den Tisch, darauf das Brot und
daneben ein Messer und erlaubten damit dem Gesinde, sich nach Belieben
davon abzuschneiden und auch den Armen zu geben. Aber leider versucht auch
hier der Teufel die Sinne zu verwirren. Wie ich gehört habe, legen einige
Christen das Brot nicht zur Ehre und zur Erinnerung an Christi Kindheit auf
den Tisch, sondern damit die Götzen kämen und davon äßen.“
Hier spricht der Mönch die heidnischen Weihnachtsbräuche an, die zu
dieser Zeit in den Menschen noch fest verwurzelt waren und in Konkurrenz
zum relativ jungen Christentum standen. „Vánočka“, das
Weihnachtsbrot, ist süßes Brot und in Tschechien das ganze Jahr über
beliebt. Aber zu Weihnachten versuchen sich viele selbst an dieser hohen
Kunst der tschechischen Küche. Der Leib wird aus neun Teigstriemen
geflochten, die unteren vier symbolisieren die vier Elemente, die mittleren
stehen für den menschlichen Verstand, das Gefühl und den Willen, die
oberen Streifen verbanden Liebe und Macht.
Mährische Plätzchen
Vielleicht waren sie schon einmal zur Weihnachtszeit in den USA und haben
dort „Moravian cookies“, also Mährische Plätzchen, angeboten
bekommen? Diese beweisen, dass auch das Backen von Lebkuchen eine alte
tschechische Tradition ist. Denn die „Moravian Cookies“ sind mit den
Böhmischen Brüdern nach Amerika gekommen. In Tschechien wurden die
evangelischen Christen in der Zeit der Gegenreformation verfolgt und
verstreuten sich so über den Erdball. Mährische Lebkuchen zeugen von den
großen Seereisen, die unternommen wurden, um neue Handelsrouten zu
erschließen. Die Entdecker brachten nicht nur Karten mit weniger weißen
Flecken nach Europa, sondern auch exotische Gewürze. Ingwer, Zimt und
Zuckerrübensirup verleihen den mährischen Lebkuchen ihren typischen
Geschmack. Sie werden papierdünn ausgerollt und tragen deshalb auch den
Namen „dünnste Kekse der Welt“. Nicht alle Mitglieder der Böhmischen
Brüder machten sich gleich auf eine so weite Reise. Einige fanden Zuflucht
im sächsischen Erzgebirge. Auch dort führte die Brüdergemeinde einen
weihnachtlichen Brauch ein: den Herrnhuter Stern, dessen zahlreiche Zacken
in alle Richtungen des Universums zeigen sollen. Genauso wie den Stern gibt
es auch die Lebkuchen heute noch, und nicht nur in den USA. In Tschechien
heißen sie „zázvorky“, Ingwerplätzchen.
Foto: Iris Riedel
In der Passage „U Nováků“ unweit vom Prager Wenzelsplatz gehen jedem
bei einem unschuldigen Schaufensterbummel die Augen über. Crème- und
Schokoladentörtchen verziert mit Früchten und Glasur stehen in Reih und
Glied, wobei die Reihen kein Ende nehmen. Das ist die französische
Konditorei von Nadine und Jean-François Musso. Aber die beiden bieten
nicht nur französische Leckerbissen an, wie die Besitzerin stolz
präsentiert.
„Es ist ganz normal, den Kunden, auch dieses traditionelle Gebäck anzubieten. Es ist so berühmt und wir verfeinern die traditionellen Rezepte dann noch ein bisschen. Hier sehen Sie Vanillehörnchen, die wir noch mit Schokolade überziehen. Und hier sind die Kuchen aus den Förmchen und die Linzer Kekse.“
Foto: Iris Riedel
Die Konditorei hat ein volles Bestellbuch, alles Kunden, die auf
traditionelles Weihnachtsgebäck Wert legen, aber selbst keine Zeit haben,
es herzustellen. Manchmal bringen die Kunden die Rezepte ihrer Verwandten,
nach denen dann gebacken werden soll. Aber auch die Mussos können zu
Weihnachten die verstaubten Backbücher ihrer Ahnen hervorziehen.
„Wir haben eine französische und eine tschechische Vorgeschichte. Einer unserer Großväter stammt aus Tschechien und war auch Konditor. Und deshalb haben wir auch die alten Rezepte. Wir backen 18 verschiedene Sorten, das ist eine ganz schöne Herausforderung“, sagt Nadine Musso.
Foto: Iris Riedel
Schade, dass gemeinsam mit den Rezepten nicht auch die Symbolik und das
Wissen über die Ursprünge in die Neuzeit hinübergerettet wurden. Die
moderne Hausfrau, oder auch der moderne Hausmann, gehen auf in ihrer Rolle
als Herrscher über Nudelholz und Backschüssel, sie sind ständig auf der
Jagd nach neuen Varianten, sei es in Zeitschriften oder im Internet. Die
werden dann mit den Kollegen auf Erfolg oder Misserfolg ausgewertet. Aber
auch das hat Tradition, wie Ladislav Dvorský im Buch „Weihnachten in der
tschechischen Kultur“ anmerkt:
„Das Interesse an der gastronomischen und Konsumproblematik entspringt
zwar einer Überbewertung der materiellen Seite von Weihnachten, aber
machen wir uns nichts vor: Lebensmittel, ihre Verwendung und Verarbeitung,
das ist ein Konversationsthema so alt wie die Konversation selbst. Es macht
Konflikte vergessen, eint und verbindet. Der Mensch ist das, was er atmet,
aber noch mehr, was er isst.“
Dieser Beitrag wurde am 12. Dezember 2010 gesendet. Heute konnten Sie seine Wiederholung hören.






