Kultursalon Tschechisches Weihnachtsgebäck: Die schönste Versuchung in der Fastenzeit
Mhm, riechen Sie es auch? Irgendwer im Haus bäckt. Vielleicht haben auch Sie gerade Ihre Küche in eine Weihnachtsbäckerei verwandelt. Und während Sie gerade den Teig ausrollen, Sterne und Monde ausstechen oder die letzte Fuhre Plätzchen im Ofen brutzelt, erfahren Sie nun in unserem Kultursalon von Iris Riedel, wie es die Tschechen mit dem Backen vor Weihnachten halten.
Karlsbrücke im Winter (Foto: Iris Riedel)
Backen Sie Plätzchen? – Frau: Ja, backen wir, Pfefferkuchen vor allem,
für die Kinder – Frau: Nein, weil ich das nicht kann und weil ich keine
Zeit habe, weil ich so viel fürs Studium machen muss. – Mann: Nein, ich
backe nicht. Das ist furchtbar schwer. Aber meine Mutter bäckt. - Frau:
Naja, mehr als fünf Sorten werden es in diesem Jahr nicht.
Vanillehörnchen, Pratzen, Vánočka, Strudel. Ich mache das so wie meine
Mutter, die aus Mähren stammte. - Mann: Ich? Ach, hören Sie auf. - Frau:
Ja, ich muss Plätzchen backen, das ist Tradition und ich mache es auch
gern. Auch wenn es viel Arbeit ist. Ich backe die Klassiker:
Vanillehörnchen, Linzer Küchlein, Pratzen und gefüllte Nüsse.
Foto: Kristýna Maková
In puncto Backen geht es in Tschechien traditionell zu, zumindest was die
Herrschaft in der Küche anbelangt, die hat allein die Frau. Auf der
Beliebtheitsskala ganz oben rangieren Vanillehörnchen, also
Vanillekipferl. Dicht gefolgt von den Pratzen. Dabei wird der Teig in
kleine Förmchen gedrückt und darin gebacken. Die ebenfalls populären
Linzer Küchlein sind ein Genuss, aber sehr aufwendig. Aus Mürbeteig
sticht man Sterne oder Kreise aus und klebt sie nach dem Backen mit
Marmelade zusammen. Und dann fehlt nur noch der Puderzuckerschnee
obendrauf. Der Zucker gibt den tschechischen Weihnachtsplätzchen auch
seinen Namen - „vánoční cukroví“. Der Advent ist die Zeit des
Wartens auf Jesu Geburt und deshalb eigentlich Fastenzeit. Wann darf also
gekostet werden?
Karpfen
Natürlich müssen wir sie vor Weihnachten kosten. Und was nicht gegessen
wird, kommt in die Kühltruhe. - Vor Weihnachten schmeckt es am besten. -
Wir versuchen die Plätzchen erst am Heiligen Abend zu essen. Mein Vater
und ich fasten bis zum Abend, gegen fünf gibt es dann Essen – wenn die
ersten drei Sterne am Himmel erscheinen – und dann gibt es Suppe,
Karpfen, Salat und zum Dessert natürlich Plätzchen.
Buchzitat: „Aber inzwischen brannten die Kerzen herunter und sie mussten sie löschen, sie bliesen in die Flammen mit aller Kraft bis keine einzige mehr brannte. Dann setzten sie sich an den Tisch, knackten Nüsse, knabberten Plätzchen, schälten Äpfel und gossen Blei. Und dann war es auch schon Mitternacht. Sie hörten Trompeten und Glocken. Der Kasper, Hurvínek und Spejbl nahmen ihre Laternen und gingen durch die Schneewehen zur Mitternachtsmesse.“
Plätzchen sind zwar das erste, an das man denkt, wenn von
Weihnachtsgebäck die Rede ist, aber sie sind nicht als erste dran. Noch im
November werden die Perníčky, die tschechischen Pfefferkuchen gebacken
und in Büchsen oder Tongefäße gepackt, damit sie bis Weihnachten gut
durchgezogen sind.
Gedicht: „Přijel pan pernikář, / přijel, holky, k nám. / Pojďte, pojďte nakupovat / hochům marcipán.“ Der Lebkuchenmann ist zu uns gekommen. Kommt, kommt, ihr Mädchen, den Burschen Marzipan zu kaufen.
Pfefferkuchen (Foto: Iris Riedel
Wer schon einmal auf einem tschechischen Weihnachtsmarkt war, dem sind
bestimmt die Stände mit dekorierten Pfefferkuchen aufgefallen. Jeder für
sich ist ein kleines Kunstwerk, durch zierliche Striche aus weißem
Zuckerguss werden die Schweinchen, Nikoläuse und Blumenkörbchen erst
sichtbar, die in dem jeweiligen Pfefferkuchen stecken. Zum Essen aber sind
sie viel zu schade, sie zieren den tschechischen Weihnachtsbaum.
Buchzitat: „In meiner Heimatstadt Kostelec an der Moldau fand der Weihnachtsbaum erst in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts Verbreitung. Und zwar dadurch, dass die Familie Schwarzenberg auf ihrem Schloss armen Kindern Weihnachtsgebäck und Kerzen vom Weihnachtbaum, einer riesigen Tanne, gaben. Zu Hause haben wir damit dann unseren eigenen, kleinen Baum geschmückt.“
Der Weihnachtsbaum vertrieb Stück für Stück die traditionelle Krippe
aus der Weihnachtsstube. Jung wie der stachelige Wächter der
Weihnachtsstube ist auch das Plätzchenbacken. Letzteres kam erst Ende des
19. Jahrhunderts in Tschechien auf. Die Hausfrau war angehalten, entweder 7
oder 13 Sorten zu backen, was wohl mit der mystischen Bedeutung der Zahlen
zusammenhängt. Zuerst gab es das feine Gebäck nur bei wohlhabenden
Familien in der Stadt, später buk man auch auf dem Land einfache
Plätzchenvarianten. Aber auch schon vor dem 19. Jahrhundert wurde für
Weihnachten gebacken. Aus dem 14. Jahrhundert ist die Schrift eines
Benediktiners erhalten, in dem er fünf Bräuche zur Weihnachtszeit
beschreibt.
Buchzitat: „Der vierte Brauch ist der, dass die Leute am Vorabend der
Geburt des Herrn weißes Brot zu sich nehmen, Vánočka oder Kuchen. Ältere
legen dann aus gutem Glauben ein Tuch auf den Tisch, darauf das Brot und
daneben ein Messer und erlaubten damit dem Gesinde, sich nach Belieben
davon abzuschneiden und auch den Armen zu geben. Aber leider versucht auch
hier der Teufel die Sinne zu verwirren. Wie ich gehört habe, legen einige
Christen das Brot nicht zur Ehre und zur Erinnerung an Christi Kindheit auf
den Tisch, sondern damit die Götzen kämen und davon äßen.“
Vánočka
Hier spricht der Mönch die heidnischen Weihnachtsbräuche an, die zu
dieser Zeit in den Menschen noch fest verwurzelt waren und in Konkurrenz
zum relativ jungen Christentum standen. Vánočka, das Weihnachtsbrot, ist
süßes Brot und in Tschechien das ganze Jahr über beliebt. Aber zu
Weihnachten versuchen sich viele selbst an dieser hohen Kunst der
tschechischen Küche. Der Leib wird aus neun Teigstriemen geflochten, die
unteren vier symbolisieren die vier Elemente, die mittleren stehen für den
menschlichen Verstand, das Gefühl und den Willen, die oberen Streifen
verbandeln Liebe und Macht.
Lied: Vánoce, Vánoce přicházejí, / zpívejme přátelé, /po roce
Vánoce, Vánoce přicházejí, /šťastné a veselé. / Naše teta péče
léta /na Vánoce vánočku, /nereptáme, aspoň máme, / něco pro kočku.
Weihnachten kommt, singen wir, Freunde, Weihnachten kommt, voller Glück
und Freude. Unsere Tante bäckt schon ewig für Weihnachten Vánočka, wir
fragen nicht nach, aber wenigstens haben wir etwas, um die Katze zu
füttern.
Mährische Plätzchen
Vielleicht waren sie schon einmal zur Weihnachtszeit in den USA und haben
dort „Moravian cookies“, also Mährische Plätzchen, angeboten
bekommen. Diese beweisen, dass auch das Backen von Lebkuchen eine
althergekommene tschechische Tradition ist. Denn die „Moravian Cookies“
sind mit den Böhmischen Brüdern nach Amerika gekommen. In Tschechien
wurden die evangelischen Christen in der Zeit der Gegenreformation verfolgt
und verstreuten sich so über den Erdball. Mährische Lebkuchen zeugen von
den großen Seereisen, die unternommen wurden, um neue Handeslrouten zu
erschließen. Die Entdecker brachten nicht nur Karten mit weniger weißen
Flecken nach Europa, sondern auch exotische Gewürze. Ingwer, Zimt und
Zuckerrübensirup verleihen den mährischen Lebkuchen ihren typischen
Geschmack. Sie werden papierdünn ausgerollt und tragen deshalb auch den
Namen „dünnste Kekse der Welt“. Nicht alle Mitglieder der Böhmischen
Brüder machten sich gleich auf eine so weite Reise. Einige fanden Zuflucht
im sächsischen Erzgebirge. Auch dort führte die Brüdergemeinde einen
weihnachtlichen Brauch ein: den Herrnhuter Stern, dessen zahlreiche Zacken
in alle Richtungen des Universums zeigen sollen. Genauso wie den Stern gibt
es auch die Lebkuchen heute noch, und nicht nur in den USA. In Tschechien
heißen sie „zázvorky“, Ingwerplätzchen.
Foto: Iris Riedel
In der Passage „U Nováků“ unweit vom Prager Wenzelsplatz gehen jedem
bei einem unschuldigen Schaufensterbummel die Augen über. Créme- und
Schokoladentörtchen verziert mit Früchten und Glasur stehen in Reih und
Glied, wobei die Reihen kein Ende nehmen. Das ist die französische
Konditorei von Nadine und Jean-François Musso. Aber die beiden bieten nicht
nur französische Leckerbissen an, wie die Besitzerin stolz präsentiert.
„Es ist ganz normal, den Kunden, auch dieses traditionelle Gebäck anzubieten. Es ist so berühmt und wir verfeinern die traditionellen Rezepte dann noch ein bisschen. Hier sehen Sie Vanillehörnchen, die wir noch mit Schokolade überziehen. Und hier sind die Kuchen aus den Förmchen und die Linzer Kekse.“
Foto: Iris Riedel
Die Konditorei hat ein volles Bestellbuch, alles Kunden, die auf
traditionelles Weihnachtsgebäck Wert legen, aber selbst keine Zeit haben,
es herzustellen. Manchmal bringen die Kunden die Rezepte ihrer Verwandten,
nach denen dann gebacken werden soll. Aber auch die Mussos können zu
Weihnachten die verstaubten Backbücher ihrer Ahnen hervorziehen.
„Wir haben eine französische und eine tschechische Vorgeschichte. Einer unserer Großväter stammt aus Tschechien und war auch Konditor. Und deshalb haben wir auch die alten Rezepte. Wir backen 18 verschiedene Sorten, das ist eine ganz schöne Herausforderung“, sagt Frau Musso.
Foto: Iris Riedel
Schade, dass gemeinsam mit den Rezepten nicht auch die Symbolik und das
Wissen über die Ursprünge in die Neuzeit hinübergerettet wurden. Die
moderne Hausfrau, oder auch der moderne Hausmann, gehen auf in ihrer Rolle
als Herrscher über Nudelholz und Backschüssel, sie sind ständig auf der
Jagd nach neuen Varianten, sei es in Zeitschriften oder im Internet. Die
werden dann mit den Kollegen auf Erfolg oder Misserfolg ausgewertet. Aber
auch das hat Tradition, wie Ladislav Dvorský im Buch „Weihnachten in der
tschechischen Kultur“ anmerkt:
„Das Interesse an der gastronomischen und Konsumproblematik entspringt
zwar einer Überbewertung der materiellen Seite von Weihnachten, aber
machen wir uns nichts vor: Lebensmittel, ihre Verwendung und Verarbeitung,
das ist ein Konversationsthema so alt wie die Konversation selbst. Es macht
Konflikte vergessen, eint und verbindet. … Der Mensch ist das, was er
atmet, aber noch mehr, was er isst.“
Tschechische Pfefferkuchen
Tschechische Pfefferkuchen
650 g Mehl
250 g Zucker
4 Eier
50 g Butter
1 TL Honig
2 TL Natron
2 TL Lebkuchengewürz
2 EL Kakao
vermengen, ausstechen und backen.
Für den Guss: 1 Eigelb, 170 g Puderzucker, Zitronensaft verrühren und
die Pfefferkuchen fein verzieren.
Mährische Lebkuchen ( Moravian Cookies)
Mährische Lebkuchen
1 ¼ Tasse brauner Zucker
6 EL Margarine oder Butter
6 EL Pflanzenfett
2 Tassen Zuckerrübensirup (Melasse)
in einem Topf vermischen, aufwärmen bis der Zucker zerlassen ist.
1 EL Natron in
¼ Tasse kochendes Wasser auflösen und in die Sirupmasse geben.
6 Tassen Mehl
1 EL gemahlene Nelken
2 EL gemahlener Ingwer
1 EL gemahlener Zimt vermischen und zugeben. Das ganze zu einem Teig
kneten und in den Kühlschrank legen. Am zweiten Tag Teig hauchdünn
ausrollen, Formen ausstechen, bei 135°C ca. 10 Minuten backen. Auf dem
Blech abkühlen lassen und dann in Schachteln verstauen zum Durchziehen.
Linzer Küchlein
Linzer Küchlein
250 g Butter (Raumtemperatur)
120 g Puderzucker vermengen,
1 Ei zugeben.
500 g Mehl
1 Pck. Vanillezucker
geriebene Zitronenschale von einer Zitrone daraufgeben und vermengen. Teig
an einem kühlen Ort ruhen lassen, 2mm dick ausrollen, beliebige Formen
ausstechen, bei 200°C 5-10 minuten goldbraun backen. Plätzchen mit
Marmelade zusammenkleben und mit Puderzucker bestreuen.





