Tschechischer Rundfunk und sein Sinfonieorchester

Der Tschechische Rundfunk, das sind nicht nur Nachrichten, Reportagen, Kommentare, Debatten, Features und Hörspiele. Zum Rundfunk gehören nicht nur die Redaktionen einzelner Sender und Studios, sondern noch etwas mehr. In der heutigen Sendung möchten wir Ihnen das Symfonicky orchestr Ceskeho rozhlasu / Sinfonieorchester des Tschechischen Rundfunks bzw. das Prager Radiosinfonieorchester vorstellen, wie sich das Ensemble im Ausland nennt. Im Kultursalon begrüßen Sie Gerald Schubert und Markéta Maurová.

"Der Rundfunk ist für mich ein schicksalhaftes Moment, das mich seit meiner frühen Kindheit begleitet. Ich stamme aus einer Lehrerfamilie und wir hatten natürlich einen Radioempfänger zu Hause. Das war damals eine ziemlich teure Sache und es gab nur wenige Leute, die sie besaßen. Ich hab darin als Kind Musiker gesucht und konnte es nicht verstehen, wie sie drin, in dem Gerät sein und spielen können. Und schließlich habe ich die Musiker wirklich gefunden, nach vielen, vielen Jahren, und ich habe sie bis heute."

Sie hörten Vladimir Valek, den heutigen Chefdirigenten des Prager Radiosinfonieorchesters, der seit 1985 an der Spitze dieses Ensembles steht. Gerade Vladimir Valek ist zu Gast in unserem heutigen Kultursalon, der den Prager Radiosinfonikern gilt.

Ebenso wie die Eröffnung der regelmäßigen Sendungen gehen auch die Anfänge des Rundfunkorchesters bis in das Jahr 1923 zurück. Unter den ersten Mitarbeitern, die sich an den Sendungen aus dem - Ihnen aus unserem Programm sicher schon bekannten - Zelt in Prag-Kbely beteiligten, waren auch sechs Musiker. Ihr Spielen sowie regelmäßige Auftritte der Tschechischen Philharmonie ernteten bei den Hörern begeistertes Echo. Relativ bald wurde daher beschlossen, dass der Rundfunk sein eigenes Musikensemble haben muss. Das Geburtsdatum des 20köpfigen "Radiojournal-Orchesters" war der 1. Oktober 1926. Das Orchester unterschied sich damals jedoch wesentlich von dem großen und prestigevollen Sinfonieorchester, das wir heute kennen. Die Dramaturgie konzentrierte sich zunächst eher auf leichtere Musik und auf das Unterhaltungsrepertoire. Erst später begann das Orchester auch anspruchsvollere Aufträge zu bekommen:

LogoLogo "Ich glaube, dass die Zeit wesentlich später kam, besonders mit der Ankunft von Otakar Jeremias. Dieser war sozusagen ein Begründer dessen, woran wir noch heute anknüpfen und womit die Tätigkeit des Orchesters im Rundfunk begann: ein breites Wirkungsfeld nicht nur im Rundfunk, sondern auch außerhalb, Konzerte und weitere Tätigkeitsbereiche. Es begannen auch Gäste aus dem Ausland hierher zu kommen - z.B. Prokofjew, Respighi, später Honnegger."

Sie hörten gerade das sinfonische Bild "Der Lenz" von Zdenek Fibich, eine Aufnahme des Radiojournal-Orchesters unter der Leitung von Otakar Jeremias aus den 30er Jahren. Die wichtigste Ära in der Geschichte des Radiosinfonieorchesters kam nach Vladimir Valek mit dem Chefdirigenten Alois Klima, der 1950 Karel Ancerl ablöste:

"Klima war eine bedeutende künstlerische Persönlichkeit, ein bodenständiger Musiker mit einer anderen Art, als es von Dirigenten heute erwartet wird. Wir reisen, fliegen, gastieren - dies gab es damals nicht und er widmete sich wirklich dem Orchester. Er war ein Südböhme aus Klatovy und hat mir sehr viel auf den Lebensweg mitgegeben. Als ich ihn hier zum ersten Mal besuchte, nach meinem Umzug aus Bratislava nach Prag, zitterten mir die Knie. Ich traf ihn in einem Empfangszimmer im Erdgeschoss und sagte ihm, wer ich bin und dass ich bei ihm studieren möchte. Ich ahnte nicht, dass es mir einmal gelingt, dieses Orchester nach ihm, nach seiner Ära, die glaube ich die bedeutendste war, zu übernehmen. Er wirkte hier auch die längste Zeit, über 20 Jahre. Ich bin hier seit 17 Jahren, also wir werden sehen, ob ich ihn einhole."

Vladimir Valek ist im Jahre 1985 als Chefdirigent der Rundfunksinfoniker angetreten. Mit welchen Zielen, Ansprüchen und Ambitionen?

"Ich habe mir vorgenommen, aus diesem Orchester ein Konzertorchester, ähnlich wie andere Rundfunkorchester in der Welt, zu machen. Das war die Hauptaufgabe und sie war nicht einfach. Denn es herrschte hier eine schlechte Arbeitsmoral, die auch typisch für die Zeit war. Man hat damals langsamer gearbeitet als heute, wenn ich es sehr lapidar ausdrücke. Das Orchester spielte damals zwar auch in Konzerten, aber wenig und vor allem die Gegenwartsmusik, bei der der Interpretationsvergleich nicht so leicht ist. Wenn ich die Sinfonie "Aus der Neuen Welt" spiele, kennt sie jeder und jeder weiß, wie gut bzw. nicht gut das Orchester spielt. Und dann musste ich die Disziplin festigen. Es herrschte hier eine gewisse familiäre Gemütlichkeit, und es gab Leute, die dies missbrauchten. Das ist glücklicherweise vorbei. Etwas ist mehr, etwas weniger gelungen."

Ein Künstler könne nie hundertprozentig zufrieden sein, betont Valek. Was nach seiner Meinung jedoch eindeutig gelungen ist, das war, sich in der internationalen Konkurrenz durchzusetzen:

" Wir haben uns auf Märkten durchgeschlagen, von denen wir vorher nichtmal geträumt hatten. Wir waren in Japan, China, in den USA, wir reisten durch Europa, wir besuchten Festivals usw. - und bei aller Bescheidenheit muss ich sagen, dass wir dort bestanden haben."

Das Orchester sei also ziemlich erfolgreich, meint sein Chef, was es jedoch noch brauchen würde, ist, eine große Weltagentur zu finden. Dies jedoch dauere Jahrzehnte. Die Aufgaben und die Rolle eines Rundfunkorchesters sieht Vladimir Valek folgendermaßen:

"Erstens nehmen wir im Studio auf, wir machen Live-Aufnahmen. Und darüber hinaus - ein nicht weniger wichtiges Moment ist, dass wir den Tschechischen Rundfunk ziemlich massiv und aktiv im Ausland repräsentieren. Der Rundfunk hat natürlich Berichterstatter, seine Aufgabe ist zu informieren. Aber wenn wir irgendwohin kommen, etwa drei Wochen durch Japan oder durch die USA reisen, begleitet von Werbung, dann hören viele Leute sicher zum ersten Mal, dass es sich um ein Orchester des Tschechischen Rundfunks aus Prag handelt. Und das ist meiner Meinung nach eine sehr wichtige Sache."

Und wie sieht Vladimir Valek die Rolle eines Radio-Orchesters in einer Zeit, wo die Musik meist nicht mehr direkt übertragen wird, da das sinfonische Repertoire zum Großteil auf CDs zur Verfügung steht?

"Sie haben eine bedeutende Sache angesprochen: Die ästhetische Ansicht darüber, wie die Aufnahme aussehen soll, erlebt wesentliche Veränderungen. Das, was vor 20 Jahren galt, gilt nicht mehr. Man begann stereo aufzunehmen, danach quatro, was gar keine Wurzeln geschlagen hat, heute gebraucht man völlig andere Mikrophone als früher. Ich habe z.B. Karajans Aufnahmen, die 30, 40 Jahre alt sind, und diese haben einen so großen Nachhall und klingen so träumerisch, dass es sich bereits um keinen realen Klang mehr handelt. Usw. usf. Das ist eine Sache. Die andere Sache: Es verändert sich die Interpretationsweise, es gibt verschiedene Schulen, verschiedene Ansichten über die Tonfarbe bei Blasinstrumenten usw. Und drittens: Würden wir uns sagen, dass bereits alles aufgenommen wurde, dann dürften wir gar nichts mehr machen. Dies gilt auch für andere Bereiche. Wir haben aber in Anführungszeichen das "Pech", hier eine Menge von musikalischen Talenten zu haben."

Die "Tschechische Suite" von Antonin Dvorak in der Interpretation der Prager Rundfunksinfoniker unter der Leitung von Vladimir Valek beendet unsere heutige Sendung, in der der Chefdirigent des Radioorchesters unser Gast war. Aus dem Studio verabschieden sich Gerald Schubert und Markéta Maurová.