Tschechien als Drehort: „Tannbach“ liegt in Nordböhmen

Der Dreiteiler „Tannbach“ vom Schicksal eines deutschen Dorfes nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in Nordböhmen gedreht. Die Serie „Charité“ über das älteste Krankenhaus Berlins wurde in Prag gemacht. Und auch der Film „Himmel und Hölle“ über den Kirchenreformator Martin Luther entstand in Tschechien.

Ludmila Claussová (Foto: Archiv Film Commission)Ludmila Claussová (Foto: Archiv Film Commission) Deutsche Filmemacher drehen gerne im Nachbarland. Einer der Gründe ist, dass Tschechien seit 2010 ausländische Produktionen fördert: Filmemacher erhalten 20 Prozent der Kosten zurückerstattet, die sie hierzulande für die Dreharbeiten ausgeben.

Ludmila Claussová leitet die sogenannte Tschechische Filmkommission, die bei der Vermittlung der Dreharbeiten in Tschechien eine wichtige Rolle spielt:

„Wir nennen uns Film Commission. Es ist ein englischer Begriff, der in der ganzen Welt gebraucht wird. Es ist keine tschechische Erfindung, Film Commissions gibt es auch in Deutschland und in der ganzen Welt. Die Film Commission ist erstens dazu da, die Region zu repräsentieren, für sie nach außen zu werben, und zweitens um ausländische Produzenten und Filmemacher, die in die Region kommen, zu informieren. Und zwar über die Drehorte, die finanziellen Bedingungen und die nötigen Drehgenehmigungen. Die Czech Film Commission promotet Tschechien, damit die Filmleute wissen, dass man bei uns drehen kann, was das kostet und welch schöne Drehorte wir haben.“

„Wie viel bekomme ich, wenn ich bei Ihnen drehe?“

Wie groß ist das Interesse ausländischer Filmteams an Tschechien?

„Das Interesse ist konstant. Schon nach der Wende in den 1990er Jahren lag es sehr hoch und dies ist so geblieben. Allerdings haben sich die Bedingungen in weiteren Ländern verändert: Viele haben Steueranreize eingeführt, die mehr oder minder im Mittelpunkt aller Fragen stehen. Erst wird nach den Drehorten, nach der Infrastruktur, nach den Drehteams und Filmleuten gefragt. Die Standardfrage lautet: ‚Wie viel bekomme ich, wenn ich bei Ihnen drehe?‘ Das war vor zwanzig Jahren nicht so.“

Geoffrey Rush als Albert Einstein (Foto: Archiv National Geographic)Geoffrey Rush als Albert Einstein (Foto: Archiv National Geographic) Vielleicht können Sie einige Beispiele, welche Filme oder Filmproduktionen in letzter Zeit in Tschechien gedreht wurden…

„Das letzte Jahr war ziemlich interessant. Da hat sich der Trend der letzten Jahre gezeigt, dass zunehmend Big-Budget-Fernsehproduktionen hierherkommen. 2016 wurden drei große Serien in Tschechien gedreht, alle waren geschichtsbezogen. Es war die zehnteilige Serie ‚Britannia‘ des britischen TV-Senders Sky über das Römische Reich, dann eine Serie des History Chanels über die Tempelritter, und National Geographic hat eine zehnteilige Serie über Albert Einstein unter dem Titel ‚Genius‘ gedreht. Die Dreharbeiten haben ein halbes Jahr gedauert, viele tschechische Filmleute haben dabei mitgemacht, es wurde an vielen Drehorten gearbeitet. Dieses Jahr wird auch eine große Serie bei uns gedreht, und zwar ‚Das Boot‘ von der Bavaria Film Production. Es handelt sich um die Geschichte, die wir alle kennen und die einst von Wolfgang Petersen mit Jürgen Prochnow und Herbert Grönemeyer verfilmt wurde. Jetzt wird aus dem Stoff eine achtteilige Serie gedreht. Im Grunde sind es meist historische Stoffe und ganz viele Fernsehserien.“

„Römer, Templer, Einstein: Meist werden historische Stoffe und ganz viele Fernsehserien gedreht.“

Wie sieht das Angebot konkret aus: Fragen die Filmteams nach konkreten Drehorten oder nach bestimmten Motiven? Wie läuft das?

„Wenn es um die Drehorte geht, fragen sie nach Motiven. Es ist nicht so, dass sie ganz genau wissen, an welchem Ort sie drehen wollen. Sie wollen aber ein historisches Gebäude, ein Schloss, eine Burg, eine historische Straße oder Natur. Unsere Arbeit ist es nicht unbedingt, die genauen Drehorte zu finden, sondern sie zu überzeugen, dass das bei uns geht. Wir sind die erste Anlaufstelle, die ihnen die Informationen über die Bedingungen und Möglichkeiten geben soll. Wenn wir sie überzeugen, dann nehmen sie einen tschechischen Service-Produzenten, der für sie sozusagen das ganze Paket zusammenstellt. Er findet die konkreten Locations, stellt tschechische Filmschaffende an, organisiert die Unterkunft. Wir informieren und überzeugen, aber die eigentliche Arbeit machen die tschechischen Produktionsfirmen.“

„Prag ist überfüllt. Kleinere Orte sind flexibler und begeisterter.“

Prag, die historische Stadt, ist bestimmt ein beliebter Ort, eine beliebte Filmkulisse. Welche anderen Orte in Tschechien sind bei den Filmschaffenden beliebt?

„Das hängt von den Motiven ab. Es kann sein, dass in einem Jahr ganz bestimmte Motive gefragt sind – und es im folgenden Jahr ganz anders ist. Aber wenn wir jetzt verallgemeinern, sind das historische Motive, Schlösser und Burgen, zum Beispiel die Burg Křivoklát. Die Nähe zu Prag entscheidet ganz oft. Wenn wir weiter weggehen, dann etwa die Burg Pernstein und das Schloss Kroměříž. Die Stadt Liberec ist sehr beliebt, nicht nur weil sie interessante Locations bieten kann. Dies gilt gerade für deutsche Filme, die deutsche Architektur des Sudetenlandes passt gut in deutsche historische Filme. Außerdem sind der Stadtrat und der Bürgermeister sehr filmfreundlich, deshalb ist Liberec eine willkommene Abwechslung zu Prag. In der tschechischen Hauptstadt ist der Genehmigungsprozess sehr schwierig und langwierig. Prag ist einfach überfüllt, und die Behörden reagieren dementsprechend. Dagegen sind die kleinen Orte in Tschechien viel flexibler, begeisterter, auch die Einwohner sind froh, wenn bei denen etwas los ist. Liberec, die Gegend von Ústí nad Labem / Aussig sowie Olomouc / Olmütz und seine Umgebung) sind sehr beliebt.“

Václav Vorlíček (Foto: Tschechisches Fernsehen)Václav Vorlíček (Foto: Tschechisches Fernsehen) Beim Internationalen Filmfestival in Karlsbad ist in diesem Jahr der Regisseur Václav Vorlíček für sein Lebenswerk geehrt worden. Er hat ja viele Filme in tschechoslowakisch-deutscher Koproduktion gedreht. Wird heute an diese Tradition angeknüpft?

„Ich würde diese Beziehung nicht unbedingt herstellen, aber das Interesse deutscher Filmproduzenten ist groß, vor allem bei Fernsehfilmen. Hierzulande besteht offenbar eine größere Auswahl an historischen Locations, natürlich sind hierzulande die Arbeitskräfte auch immer noch günstiger. Und es besteht eine sehr gute Tradition in Bereichen wie Dekorationen, Kostümen und Requisiten, die noch auf die Zeit des Barrandov-Studios und der Märchen-Filme zurückgeht. Aber noch eine Sache spielt eine Rolle: Deutschland gewährt keine Steueranreize für Fernsehproduktionen, Tschechien hingegen doch. Deshalb ist es für die Produzenten doppelt so günstig, das hier zu machen. Wir haben jährlich vielleicht zehn große Produktionen aus Deutschland. 90 Prozent davon sind historische Stoffe vom Mittelalter bis in die 1980er Jahre. Und die Nähe zu Deutschland spielt natürlich auch eine Rolle. Man kann einfach am Wochenende wieder nach Hause fahren, auch deshalb sind wir sehr beliebt bei Deutschen.“

„Wir haben jährlich vielleicht zehn große Produktionen aus Deutschland. 90 Prozent sind historische Stoffe vom Mittelalter bis in die 1980er Jahre.“

Welche konkreten deutschen Produktionen wurden hier in der letzten Zeit gemacht, beziehungsweise welche sind für die nächste Zeit geplant?

„Von den Produktionen der letzten zwei, drei Jahre wäre es der Dreiteiler ‚Tannbach – Das Schicksal eines Dorfes‘, der vor zwei Jahren lief. Dieses Jahr lief der Zweiteiler über die Gebrüder Dassler, die Begründer der Marken Puma und Adidas, unter dem Namen ‚Das Duell der Brüder‘. Weiter die Serie ‚Charité‘ über das Berliner Krankenhaus Ende des 19. Jahrhunderts. Letztes Jahr wurde hier einiges über Martin Luther zum diesjährigen Jubiläum gedreht, der Film heißt ‚Himmel und Hölle‘. Dieses Jahr ein Dokudrama über Bertolt Brecht und die zweite Staffel von ‚Tannbach‘. Derzeit in Vorbereitung ist ein Fernsehfilm über Rudolf Mooshammer, die Mode-Ikone aus München – und auch die bereits genannte Serie ‚Das Boot‘.“