Kultursalon Tschechen in Rumänien bewahren die alten Traditionen ihrer Heimat
Im süd-westlichen Rumänien, in den Bergen über der Donau, erklingt schon fast zwei Jahrhunderte lang die tschechische Sprache. In dieser herrlichen, ganz abgelegenen Ecke der Welt, kann man noch Überreste der alten tschechischen Landeskultur erleben, die in Tschechien schon längst verschwunden ist. Jakub Siska lädt zum Besuch ein.
Banat
Den Anlass zur ersten tschechischen Siedlungswelle im rumänischen Gebiet
Banat gab ein gewisser Magyarly, ein Holzhändler. Er lockte ein paar
Dutzend tschechischer Familien an und versprach ihnen gute und
langfristige Löhne. 1823 wurde die erste tschechische Gemeinde
"Heilige Elisabeth" gegründet. Sie bestand aber wegen
Wassermangels nicht lange. 1825 entstand die zweite Gemeinde,
"Heilige Helena". Beide Dörfer wurden wahrscheinlich nach
Magyarly´s Töchtern benannt. Der Holzhändler erfüllte jedoch seine Zusagen
nicht und die armen Tschechen mussten in der Folge als Grenzposten
arbeiten. Nun begann das Militär, Tschechen anzuwerben, eine zweite
Siedlungswelle folgte. So entstanden in der öden Gegend noch fünf weitere
Gemeinden. Sie bestehen bis heute und bilden eine kompakte tschechische
Insel, erklärt Ivo Dokoupil aus Rumänien, der dort für die Stiftung
"Mensch im Not" arbeitet.
´Heilige Helena´ in Banat
"Wir haben hier die Möglichkeit, ein wahres, kulturelles Unikat zu
erleben. Die Tschechen sind in dieser Gegend einerseits von Rumänen und
anderseits von Serben umschlossen. Diese beiden Völker sind orthodox,
während die Tschechen sich zur katholischen und teilweise auch zur
protestantischen Kirche bekennen. Deshalb kam es nur selten zu Mischehen
und die Kommune bewahrte sowohl ihre Sprache, als auch ihre Volks- und
Religionsbräuche in ihrer ursprünglichen Form. Das kann man zum Bespiel
sonntags in der Kirche sehen, da kommen die Leute in ihren Trachten. Diese
Trachten wurden zwar in der Vergangenheit auch durch rumänische und
serbische Teile ergänzt, aber grundsätzlich entsprechen sie dem, was die
Tschechen vor 180 Jahren aus ihrer Heimat mitgebracht haben."
Das Gebiet ist auch eine bemerkenswerte Schatzkammer tschechischer Volkslieder. Vor ein paar Jahren erschien in Tschechien ein Gesangbuch mit mehr als 100 Liedern aus dem dortigen Gebiet. Die meisten von ihnen sind den Tschechen gut bekannt, doch fast alle klingen im Mund der rumänischen Tschechen ein bisschen anders. Beispielsweise haben die rumänischen Tschechen das Lied "Wir sind Musiker und kommen aus dem böhmischen Land" durch einige Strophen ergänzt.
Ein paar tschechische Volkslieder sind sogar in Rumänien entstanden. Man kann sie vor allem rund um das Eibental hören. Die Gemeinde wurde zwar mit einem deutschen Namen versehen - nach den ausgedehnten Eibenwäldern in ihrer Umgebung - aber die Bewohner waren immer Tschechen. Sie arbeiteten hauptsächlich im Kohlebergbau und sangen unter Tage oft das Lied "Bergleute, Bergleute, fahrt tief und sucht in der Erde meinen Brautkranz".
Banat
Das Leben der Tschechen in Banat richtet sich nach den Perioden des
katholischen, liturgischen Jahres. Der Glaube bildet die Grundlage ihrer
Identität und sie nehmen alle katholischen Feste sehr ernst. Für sie wäre
es unvorstellbar, sonntags zu arbeiten oder die Fastenzeit nicht
einzuhalten. Auch während der Osterfeiertage findet man dort keine
unchristlichen Bräuche, wie Eierfärben oder das Auspeitschen der Mädchen,
wie es in Tschechien Tradition ist. Trotzdem geht es dort auch vergnüglich
zu. Das größte Gemeindefest ist immer eine Hochzeit, wie Ivo Dokoupil aus
"Heilige Helena" beschreibt.
Tschechen in Banat
"Es ist sehr beliebt, im Herbst zu heiraten, denn auf dem Feld ist
dann nicht mehr so viel zu tun und die Ernte ermöglicht einen großen
Schmaus. Ich stehe jetzt beim so genannten Kazan, das ist ein rumänischer
Ausdruck für "Kessel", in dem der Pflaumenschnaps gebrannt wird.
Morgen ist eine Hochzeit und die Menschen sind mitten in den
Vorbereitungen: Man backt Torten und Kuchen und röstet Fleisch. Und der
Schnaps muss selbstverständlich in Mengen zur Verfügung stehen. Die
Hochzeit wird groß gefeiert, es kommen auch entfernte Verwandte.
Üblicherweise sind es 300 bis 400 Leute. Als Geschenke bringen sie Mehl,
Zucker, Kuchen oder eine Henne mit. Beim mitternächtlichen Tanz bekommt
die Braut dann Geld. Wenn die Hochzeit vorbei ist, hat das Ehepaar eine
schöne Summe für ihre Ausstattung zusammen."
Zur böhmischen Hochzeit gehören in Banat auch alte Bräuche, die in Tschechien nur aus der Geschichte bekannt sind: die Rede des Schwätzers, der Hochzeitsumzug durch das Dorf, die Verschleierung der Braut, der Elternsegen für die Verlobten, die Spenden für die Wiege. Die Hochzeit findet selbstverständlich in der Kirche statt und dann geht sie im Haus der Braut weiter. Nur in "Heilige Helena" stellt man für die Feier ein hölzernes Zelt nach rumänischer Art auf. Zu den wichtigsten Ereignissen im Dorf gehören auch die Kirmes, das Erntefest und die Tanzabende.
Banat
Das postmoderne Zeitalter greift jedoch auch ins Leben der rumänischen
Tschechen ein. Nach dem Ende des Kommunismus in beiden Staaten ist
ungefähr die Hälfte der Menschen nach Tschechien zurückgekommen - die
harte Arbeit in der Landwirtschaft mit nur wenigen Maschinen ist nicht
mehr attraktiv und die Lebensbedingungen in Tschechien scheinen einfacher
zu sein. Aber die jungen Landsleute arbeiten hier als Hilfskräfte für
wenig Geld, da sie kaum eine Ausbildung haben. In Banat bleiben vor allem
die Alten zurück, die das Feld noch mit dem Pferd bestellen. Wenn ihre
Kräfte am Ende sind, werden auch sie weggehen. Wird also die einzigartige
tschechische Gemeinschaft in Rumänien überleben? Ivo Dokoupil ist trotz
aller Probleme optimistisch:
Tschechen in Banat
"Ich arbeite für ein Stiftungsprojekt, dessen Ziel es ist, den
Landleuten zu helfen und die Erhaltung hiesiger Tradition zu ermöglichen.
Diese Landschaft ist herrlich und für den so genannten sanften Tourismus
besonders geeignet. Es ist uns beispielsweise schon gelungen, markierte
Wanderwege einzurichten und eine Landkarte und ein paar Broschüren über
die Gegend herauszugeben. Wir bemühen uns, das Gebiet auch den
tschechischen Unternehmern zu präsentieren und bei Firmengründungen
behilflich zu sein. Ich bin überzeugt, dass die Abwanderung nicht so stark
ist, und dass umgekehrt mutige Personen aus Tschechien hierher kommen. Die
Einheimischen sind sehr lustige und arbeitswillige Leute, die unter
schlechten Bedingungen ganz erstaunliche Dinge vollbringen können. Meiner
Meinung nach wird es noch zehn bis zwanzig Jahre dauern, bis sich die
Kommune wieder erweitert und weiterentwickelt."







