Kultursalon Schauspieler Boris Rösner erinnert sich an Samtene Revolution 1989

22-11-2009 02:01 | Jitka Mládková

Vor 20 Jahren kam das Geschehen in der damaligen Tschechoslowakei ins Rollen, für das sich weltweit der Name „Samtene Revolution“ eingebürgert hat. Oft spricht man in diesem Zusammenhang auch von einer Studentenrevolution. Im Lauf der Zeit ist aber etwas in Vergessenheit geraten, dass auch bekannte Schauspieler und Theaterhäuser von Anfang an eine bedeutende Rolle im turbulenten Revolutionsgeschehen gespielt haben. Dieser Tage strahlte der Tschechische Rundfunk dazu - aus aktuellem Anlass - auch ein Gespräch mit dem bekannten Schauspieler Boris Rösner aus. Vor drei Jahren ist er gestorben, die aufgezeichneten Erinnerungen dieses Zeitzeugen haben ihre Bedeutung jedoch nicht verloren.

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Boris Rösner als Cyrano de Bergerac (Foto: ČTK)Boris Rösner als Cyrano de Bergerac (Foto: ČTK) Er war ein unvergesslicher Cyrano de Bergerac und ein unvergesslicher Harpagon in Molières „Der Geizige“, geglänzt hat Boris Rösner aber auch in vielen anderen Rollen auf der Bühne des Prager Nationaltheaters. Vor 20 Jahren trat er in den Dienst der Samtenen Revolution. Aus Anlass ihres 15. Jubiläums hatte er sich im Tschechischen Rundfunk erinnert. Und so fing es am 17. November für ihn und seine Kollegen an:

„An diesem Tag haben wir Dantons Tod im Nationaltheater gespielt. Das ist bekanntlich ein Stück über die Französische Revolution. Auf der Bühne finden Hinrichtungen statt – von Danton, Robespierre, ich habe den Saint Just gespielt. Das sind in der Tat Rätsel. Aus bestimmten Anlässen mussten wir schon immer zum Beispiel russische und sowjetische Autoren spielen. Einmal stand ein Stück auf dem Programm, und die ersten Worte, die auf der Bühne erklangen, waren: ´Die Auszeichnung und dabei so ein Pech!´ Und ausgerechnet an demselben Tag ist Breschnjew gestorben!“

Nationaltheaters in PragNationaltheaters in Prag Das sei ein seltsamer Zufall gewesen. Da näherte sich schon der Umzug und jemand sagte: Die kommen schon! Zu dem Zeitpunkt hat die Vorstellung noch nicht angefangen, und so gingen wir an die Fenster, erzählt Boris Rösner.

„Ich habe den Saint Just gespielt, den Ideologen der Französischen Revolution, Ein sehr abartiger Typ. Ich hatte eine schwarze Hose und ein weißes Hemd an und so stellte ich mich mit meiner ganzen Statur in eines der Fenster. Damals habe ich zum ersten Mal den Ausruf gehört: Hoch leben die Schauspieler! Man fing an, sich gegenseitig etwas zuzurufen: Kommt mit uns! Wir können nicht, wir müssen spielen! Das Haus war damals ausverkauft. Und wissen Sie, was schrecklich war? Als Saint Just trug ich im Stück einen schlagkräftigen ideologischen Monolog über die Bedeutung der Revolution vor. Einen echt stalinistischen. Dem Publikum zugewandt - als wäre es die Pariser Nationalversammlung - sagt er: ´Ich glaube, in dieser Versammlung befinden sich einige Menschen, die offenbar das Wort Blut nicht mögen.´ Ungefähr in demselben Moment hat die Polizei die Studenten auf der Národní-Straße geprügelt. Das ist unglaublich!“

Und wie ging es weiter? Einen Tag darauf, also am 18. November 1989, fand im Prager Nationaltheater der geplante „Tag der offenen Tür“ statt. Boris Rösner erzählt:

Boris RösnerBoris Rösner „Es kam ein Fernseh-Team und drehte den ganzen Vormittag alles Mögliche Wir haben ihnen verschiedene Räumlichkeiten gezeigt – zum Beispiel die Proberäume, die Schneiderei... Es wurden auch ein paar Schauspieler ausgewählt, die etwas vorspielen oder sagen sollten. Ich sollte auch dabei sein. Unser damaliger Chef Lukeš kam zu mir und fragte, ob wir das machen wollen. Wegen der Ereignisse am Vortag wollte ich nicht. Und wenn, dann nur unter der Bedingung, dass man mir erlaubt zu sagen, was ich will. Nämlich das, was passiert war, um die Leute von außerhalb von Prag zu informieren. Das Fernsehen aber lehnte ab.“

Die Ereignisse überschlugen sich. Über die Bühne der Geschichte, um es ein bisschen pathetisch zu sagen, rollte bereits die Samtene Revolution. Der damalige Direktor des Nationaltheaters, Jiří Pauer, versuchte zunächst die Entwicklung zu bremsen. Er schloss das Theater kurzerhand und verbot den Schauspielern, dort Protestmeetings abzuhalten, wie es andere Theaterhäuser machten. Sein Argument war, die Besucher könnten dem historischen Gebäude Schaden zufügen. Es kam zum Streit mit der Direktion. Nach etwa drei Tage gab Pauer nach. An den Treffen mit den Bürgern nahmen viele Theaterschaffende teil, darunter auch hochgeschätzte und beliebte Schauspieler, wie zum Beispiel Rudolf Hrušínský.

Doch es gab nicht nur Monologe zu hören. Es entwickelten sich auch heftige Diskussionen unter den Teilnehmern der Treffen. In der Öffentlichkeit fand ein spontaner Meinungsaustausch statt. Nicht selten prallten Meinungen aufeinander, denn nicht alle waren begeistert vom Geschehen. Das hat auch Rösner erlebt:

„Die Leute haben sehr offen geredet. Manchmal war es echt schwer, ein solches Treffen zu moderieren. Es wurden knallharte Fragen gestellt. Auch Fragen wie etwa ´Warum macht ihr das´. Auch mich hat eine Frau gefragt, warum ich eigentlich Revolution mache und für wen denn. Ich habe ihr geantwortet: Drehen Sie sich bitte um, in ihrer Nähe sitzt ein 14-jähriges Mädchen, das ist meine Tochter. Meine Mutter lebt nicht mehr, sie hat aber den Kommunismus am eigenen Leibe zu spüren bekommen. Ich mache es für meine Tochter, damit sie mich mal, wenn ich alt bin, nicht verachten muss.“

Man hat sich allerdings nicht nur auf öffentliche Diskussionen in den Theaterhäusern beschränkt. Bekannte Theatermacher und führende Leute aus der Studentenbewegung leisteten wahre Aufklärungsarbeit:

„Wir besuchten zunächst einige Open-Air-Meetings hier in Prag, um dort mit Menschen zu sprechen oder sie zu beruhigen. Später reisten wir auch zu mehreren Treffen außerhalb von Prag. Bei uns im Theater hat sich sofort ein Revolutionsstab etabliert. Damals war das Theater eigentlich unser Wohnzimmer. Man hat Plakate gedruckt und Fahrten zu Treffen außerhalb Prags organisiert, und so weiter.“

Einmal begleitete Rösner seinen älteren Kollegen - den vom Regime mit Zähneknirschen geduldeten und von der Nation geliebten Schauspieler Josef Kemr. Kemr spielte am Nationaltheater, und Rösner begleitete ihn auf den Wenzelsplatz. Dort versammelten sich viele Menschen. In Prag kursierte an dem Tag das Gerücht, dass auf der Letná-Fläche Panzer in Bereitschaft stünden.

Josef KemrJosef Kemr „Wir kletterten auf den Sockel der Wenzelstatue und Herr Kemr wandte sich in seiner typischen wunderbaren Sprechart und mithilfe eines Megafons an die Menschen, die ihm an den Lippen hingen. Als er mich aufforderte, auch etwas zu sagen, war ich nicht in der Lage, noch etwas Kluges hinzuzufügen. Das einzige, was ich sagte, war die Bitte, uns durchzulassen, weil wir noch auf den Altstädter Ring weiter gehen wollten. Und stellen Sie sich das nur vor: Die Menschenmasse – ich weiß nich wie viele Tausend Menschen es waren – trat im Nu auseinander. Ganz unten auf dem Wenzelsplatz konnte ich meinen Skoda 120 sehen. Damals ist mir eingefallen, wie leicht, zugleich aber aber auch berauschend es ist, die Menschenmenge zu beherrschen. Ich habe ja nur zwei Sätze gesagt! Das war für mich ein derart intensives Gefühl, das ich mein Leben lang nicht vergessen werde.“

So erinnerte sich Boris Rösner vor fünf Jahren an die Samtene Revolution. Ein Schauspieler, der sich gemeinsam mit vielen Künstlerkollegen darum verdient gemacht hat, dass viele Theaterbühnen zu Diskussionsplattformen und damit auch zum Katalysator des damaligen Geschehens wurden. Das 20. Jubiläum der Samtenen Revolution konnte er leider nicht mehr erleben.

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