Sarg für Dänemarks Königin stammt aus Böhmen

Ein einzigartiges Werk der tschechischen Glaserkunst hat sich Ende April auf den Weg aus Nordböhmen nach Dänemark gemacht. Der gläserne Sarg steht in der St. Birgitte Kapelle im Dom zu Roskilde. Nach ihrem Tod soll dort einmal Königin Margarethe II. ruhen.

Sarg für Dänemarks Königin Margrethe II. (Foto: Keld Navntoft, Kongehuset)Sarg für Dänemarks Königin Margrethe II. (Foto: Keld Navntoft, Kongehuset) Kurz vor ihrem 70. Geburtstag 2010 hat Dänemarks Königin Margrethe II. für sich und ihren Ehemann Prinz Henrik einen Sarkophag aus Glas bestellt. Er sollte in der letzten freien Kapelle der roten Backsteinkathedrale in Roskilde aufgestellt werden. Bjørn Nørgaard, ein dänischer Bildhauer, hat den Wunsch der Königin erfüllt und einen Sarg aus Glas entworfen. Mehrere Jahre lang hat er nach Glasern gesucht, die imstande wären, seinen Entwurf umzusetzen. Gefunden hat er sie schließlich in Nordböhmen am Fuße des Riesengebirges. In Pelechov, einem Teil der Glasstadt Železný Brod / Eisenbrod, befindet sich das Studio des Glaskünstlers Zdeněk Lhotský. Dort wurde der 4-Tonnen-Koloss geschmolzen und geschliffen. Der Meister beschreibt sein Werk:

Zdeněk Lhotský (Foto: ČT24)Zdeněk Lhotský (Foto: ČT24) „Es ist ein Bathyskaph, ein U-Boot. Darin schweben zwei Figuren in Totenhemden, es handelt sich dabei um Königin Margarethe II. und Prinz Henrik. Eigentlich sind es Blasen, ein leerer Raum in Form dieser Personen.“

Geschmolzen und geschliffen

Der Sarg besteht aus transparentem Glas und wird von drei Säulen getragen. Diese repräsentieren die drei Länder, die von Margrethe II. regiert werden – Bornholm aus Granit, Grönland aus Marmor und die Färöer aus Basalt. Jede der drei Säulen ist geschmückt von je zwei Elefanten. Diese symbolisieren die Verpflichtung gegenüber dem höchsten Verdienstorden Dänemarks, nämlich dem Elefantenorden.

Die gläsernen Teile wurden in Pelechov gefertigt. Der Glaser Robert Hušek hat sie zwei Jahre lang geschliffen.

„Man muss dabei ein großes Vertrauen in seine eigenen Kräfte haben. Hier wurde eine Halle für diesen Zweck gebaut. Ich war dort eingesperrt und wollte sie nicht verlassen, bis der letzte Teil aus dem Ofen kommt. Es war ziemlich anstrengend.“

Foto: Keld Navntoft, KongehusetFoto: Keld Navntoft, Kongehuset Der gläserne Sarg besteht aus sechs Teilen. Jeder wiegt etwa 750 Kilo. Jedes Stück musste mehrere Monate lang im Ofen liegen. Am wichtigsten war aber das Abkühlen, bei dem man aufpassen muss, damit die Teile nicht in zwei brechen. Schließlich hat alles reibungslos geklappt, die Spannung ist aber geblieben, sagt Zdeněk Lhotský:

„Wir hatten ein halbfertiges Produkt in der Hand. Dann haben wir mit dem Schleifen begonnen. Wir lebten ständig in der Angst, dass jemand ins Haus einbricht und alles zerstört. Je weiter die Arbeit fortgeschritten war, desto mehr waren wir im Stress. Am Schluss kam die Montage. Alles, was wir zuvor in der Werkstatt simuliert haben, musste in der Kathedrale genau passen und klappen.“

Foto: Keld Navntoft, KongehusetFoto: Keld Navntoft, Kongehuset Befürchtungen herrschten vor allem bei der Einsetzung des oberen mittleren Teils.

„Es war ein schreckliches Gefühl. Auf ein Stück Glas, das so lange bearbeitet wurde, legt man ein anderes Stück, das 700 Kilo wiegt. Wir hofften die ganze Zeit, dass der Statiker sich nicht verrechnet hatte. Ein zweiter schwieriger Moment folgte, als ein Bronzeabguss mit einem Gewicht von 210 Kilo auf dem Sarg installiert wurde. Danach dachten wir, das Ganze hält maximal eine Woche. Aber bisher wurde uns nicht berichtet, dass etwas schiefgegangen wäre.“

Raumstation für Roskilde

Pavel Štingl (Foto: Adam Kebrt, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Pavel Štingl (Foto: Adam Kebrt, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Der Dokumentarist Pavel Štingl hat vier Jahre lang die Entstehung des Glaskunstwerks verfolgt und einen Film darüber gedreht. Er war auch dabei, als der Sarg in Roskilde aufgestellt wurde.

„Ich bewundere Zdeněk sehr, da er das alles geschafft hat. Vor Robert, der die Teile geschliffen hat, hat sich die Königin verbeugt. Es war schön, hautnah dabei zu sein.“

Und wie Zdeněk Lhotský ergänzt, habe das futuristische Werk der Königin gefallen:

„Sie hat sich den Sarg sehr gründlich angeschaut und war zufrieden. Aus meiner Sicht ist das Werk des dänischen Künstlers herrlich, weil es – wie auch die Königin feststellte – sehr ungewöhnlich und mutig ist. Alle Särge im Dom sind mehr oder weniger von der Antike beeinflusst. Dazwischen steht nun sozusagen eine Raumstation.“

Dom von Roskilde (Foto: Nils Jepsen, CC BY-SA 3.0)Dom von Roskilde (Foto: Nils Jepsen, CC BY-SA 3.0) Der Sarg wurde genau in der Zeit fertig, als Prinz Henrik von Dänemark gestorben ist, das war im Februar dieses Jahres. Seine Asche wurde allerdings nach seinem Wunsch verstreut. Der gläserne Sarg wartet nun verhüllt im Dom von Roskilde, bis er zur letzten Ruhestätte der dänischen Königin wird.

Der Glaskünstler Zdeněk Lhotský hält diesen Auftrag für einen Höhepunkt in seinem Schaffen:

„Wir machen keine kleinen Sachen in unserem Studio. Aber dieses Werk ist, auch was seine Ehrenwürdigkeit und Pietät angeht, etwas Außergewöhnliches."

Petr Nový ist Chefkurator des Museums für Glas und Bijouterie in Jablonec nad Nisou / Gablonz. Er hält den Sarg für einen monumentalen Auftrag.

Petr Nový, Foto: Archiv von Petr NovýPetr Nový, Foto: Archiv von Petr Nový „Diese unglaubliche Arbeit bestätigt, dass die tschechischen Glaser technologisch imstande sind, Sachen herzustellen, die man im Ausland sonst nirgendwo fertigen kann. Außerdem belegt der Auftrag, dass auch ein kleines Glaserstudio überlebensfähig ist. Vor allem da es Werke schaffen kann, die keine Konkurrenz zulassen.“

Nur in Pelechov

Der Sarg lasse sich heute kaum mit einem anderen Auftrag vergleichen, sagt Nový. Er nennt aber ein vergleichbares Beispiel aus dem Jahr 1938:

„Damals sollte in Wien ein Denkmal des unbekannten Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg aus Gussglas aufgestellt werden. In Folge der Ereignisse von 1938 konnte die Idee aber nicht mehr umgesetzt werden.“

Margrethe II. von Dänemark (Foto: Johannes Jansson, CC BY 2.5 DK)Margrethe II. von Dänemark (Foto: Johannes Jansson, CC BY 2.5 DK) Heute ist vor allem dekoratives Glas aus Tschechien weltweit gefragt:

„Da gibt es große Aufträge von Monarchen und Präsidenten, die damit ihre Residenzen ausstatten. Diese Aufträge kann nur ein einziger Hersteller hierzulande machen, die Firma Moser. Außerdem sind aber auch Leuchtkörper ein Kassenschlager.“

Die Herstellung der gläsernen Schmelzplastiken beruhe auf einer sehr eigenartigen Technologie, sagt Petr Nový. Sie sei mit einem einzigen Ort eng verbunden – mit der Glaserschule in Železný Brod und dem Studio im naheliegenden Pelechov. Der Museumsleiter nennt ein Spezifikum der dortigen Glasproduktion – die Rivalität mit der naheliegenden und bis 1945 von deutschen Einwohnern besiedelten Stadt Jablonec nad Nisou:

„In der Umgebung der Glasstadt Gablonz hat sich die Bevölkerung nach 1945 ausgetauscht. Die Umgebung von Železný Brod war immer tschechischsprachig, und die Entwicklung dort ein bisschen anders. Wenn wir von einer Tradition sprechen wollen, können wir auf das Ethos der ersten Tschechoslowakischen Republik hinweisen. Damals entwickelte sich Železný Brod zur Glasstadt schlechthin und wurde als solche auch im Ausland präsentiert. Viele sehr ambitionierte Menschen kamen damals in die Stadt. Sie wollten den Deutschen hinter den Bergen zeigen, dass sie die Glaskunst nicht gleich, sondern besser beherrschen. Diese Rivalität der beiden Glaserzentren, die 13 Kilometer voneinander entfernt liegen, funktionierte wohl als eine lebensspendende Kraft.“

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