„Rasender Reporter“ ruht in Prag

Der Reporter Egon Erwin Kisch war der einzige Autor der Prager deutschen Literatur, über den man in der Nachkriegszeit in der Tschechoslowakei reden durfte. Er starb vor 70 Jahren in Prag, am 31. März 1948.

Egon Erwin Kisch (Foto: Sam Hood, Public Domain)Egon Erwin Kisch (Foto: Sam Hood, Public Domain) Egon Erwin Kisch war neben Kafka, Brod, Werfel und anderen ein deutsch-jüdischer Autor aus Prag. Der Literaturhistoriker Manfred Weinberg von der Karlsuniversität in Prag bespricht die Texte von ihm gerne in seinen Seminaren. Auch 70 Jahre nach dem Tod des Autors findet er das Werk von Kisch aktuell:

„Er ist einfach ein Reporter gewesen. Es ist auch das, was hängen geblieben ist: der ‚rasende Reporter‘. Die Reportagen, die er hier in Prag angefertigt und dann auch im Exil fortgesetzt hat, ihre soziale Dimension sind schon von großer Relevanz und auch heute nicht unwichtig. Außerdem ist er ein Autor, der – anders als andere Autoren –, wenn man ihn heute wiederliest, durchaus seine Qualitäten zeigt.“

Wer war dieser Autor und Reporter, der „rasende Reporter“, wie er sich selbst nannte? Mit der Historikerin und Reiseleiterin Lenka Mandová begeben wir uns auf seine Spuren. Der Spaziergang beginnt an Kischs Geburtshaus:

„Egon Erwin Kisch wurde 1885 in der Prager Altstadt geboren, in der Melantrich-Straße, ein paar Meter hinter dem Altstädter Ring. Das Haus ist sehr interessant. An diesem Ort stand im Mittelalter wohl ein Kloster, unter ihm befinden sich drei Stockwerke Keller. Dieses Gotik-Renaissance-Haus heißt „Zu den zwei goldenen Bären“, bis heute findet man Renaissance-Elemente an der Fassade. Die Familie wohnte in diesem Haus, weil der Onkel und früher auch der Vater Tuch und Wollstoffe verkauft haben. Kisch stammte also aus der Familie eines Händlers. Seine Familie kam im 16. Jahrhundert aus Westböhmen nach Prag, aus der Stadt Chyše / Chiesch. Sein Vater interessierte sich für Literatur, er unterstützte den Literaturverein Concordia und schrieb selbst Gedichte. Es war eine sehr interessante Familie.“

Gedenktafel für Egon Erwin Kisch in der Herrengasse (Foto: Ejw0851, Public Domain)Gedenktafel für Egon Erwin Kisch in der Herrengasse (Foto: Ejw0851, Public Domain) Von der Stadt Chiesch leitet sich übrigens auch der Familienname Kisch ab. Egon Erwin startete seine journalistische Laufbahn als Lokalreporter in Prag. Der Streifzug auf seinen Spuren geht weiter:

„Wir müssen dabei die Herrengasse erwähnen. Dort hatte das Prager Tagblatt schon in den 1870er Jahren seinen Sitz. Dort arbeitete Egon Erwin Kisch. Außerdem war er in der Altstadt beschäftigt, im ehemaligen Kloster der heiligen Anna. Dort gründeten die Brüder Haas im 19. Jahrhundert eine große Druckerei. Nach 1848 saß dort auch die wichtige Tageszeitung Bohemia.“

Kneipen, Arme, Kriminelle

In seinen Reportagen für beide Zeitungen hat Kisch ein buntes Bild der Stadt hinterlassen. Der Literaturhistoriker Manfred Weinberg:

„Das sind vor allem Reportagen, die versuchen, den Zeitungslesern Ecken und Winkeln näherzubringen, die er normalerweise eben nicht im Blick hatte. Kisch versucht ein Bild von Prag zu zeichnen, das auch in die kriminellen Bereiche, in Prostitution und Ähnliches hineingeht. Er beschreibt Häuser, in denen Obdachlose übernachten können, in diese hat sich der Reporter mehr oder minder verkleidet eingeschlichen. Kisch versucht also auch, aber nicht nur die Rückseite dieser Stadt zu zeigen und so ein Gesamtbild der Stadt Prag mit allen ihren Facetten und auch ihren dunklen Seiten zu zeichnen.“

Lenka Mandová (Foto: Archiv von Lenka Mandová)Lenka Mandová (Foto: Archiv von Lenka Mandová) Lenka Mandová nennt einige konkrete Themen von Kischs Artikeln:

„Er studierte Kneipen, interessierte sich für Arbeiter, zum Beispiel für Leute, die Hopfen pflückten, er fuhr mit einem Schiff Richtung Magdeburg und später nach Hamburg. Er studierte die niedrigsten, die ärmsten Schichten, Prostituierte, Taschendiebe. Ich will nicht nur die Altstadt und das sogenannte fünfte Stadtviertel, die Judenstadt, nennen, sondern er hat zum Beispiel die Kneipe Gifthütte im Prager Stadtteil Nusle beschrieben. Das war seine Welt.“

Logische Fantasie

Egon Erwin Kisch gilt als Schöpfer der modernen literarischen Reportage. Allerdings warnen Historiker und Literaturhistoriker davor, die Texte als getreue Beschreibung der Realität zu nehmen. Es seien literarische Werke, in denen der Autor mit der Wahrheit kreativ verfahre:

Haus „Zu den zwei goldenen Bären“, wo wurde Kisch geboren (Foto: Markéta Kachlíková)Haus „Zu den zwei goldenen Bären“, wo wurde Kisch geboren (Foto: Markéta Kachlíková) „Erst einmal sagt es schon das Wort: Es sind Reportagen. Er hat sie damit auf die Wirklichkeit bezogen. Kisch hat für sich in Anspruch genommen, dass er in dem Moment, in dem er mit einer Recherche nicht so präzise weiterkam, auch Dinge hinzuerfinden durfte. Das hat er ‚logische Fantasie‘ genannt. Er hat seine Texte sehr oft überarbeitet und immer wieder von anderen lesen lassen. In einem sehr langwierigen Prozess hat Kisch also Texte geformt, die dann auch sehr gut lesbar sind.“

Kisch stammte aus einer jüdisch-deutschen Familie. In Prag stand er aber im täglichen Kontakt mit der tschechischen Umwelt, sagt Weinberg:

„Er war wirklich zweisprachig, er konnte perfekt Tschechisch. Es gibt den Text ‚Deutsche und Tschechen‘ von ihm. Darin stellt er dar, dass die tschechische Welt und die deutsche Welt in Prag vollständig getrennt würden. Jeder hätte seine eigene Schwimmanstalt, seine Instrumentalkonzerte, alles wäre jeweils einsprachig auf der einen oder anderen Seite. Das Spannende ist, dass der Text eine Pointe hat: Kisch stellt sich selbst so dar, als ob er der Brückenbauer wäre. Er redet mit dem Beamten bei der Post Tschechisch, er telefoniert Tschechisch, was in seiner Zeitung nicht gerne gesehen werde. Und zum Schluss pointiert er: In einer streng geteilten Stadt seien er und die junge Generation die Brückenbauer, die dann tatsächlich mit den Tschechen auch etwas gemeinsam Neues aufbauten.“

Altneusynagoge (Foto: © City of Prague)Altneusynagoge (Foto: © City of Prague) Egon Erwin Kisch war stark darauf bedacht, sich selbst zu stilisieren. In welcher Rolle gefiel er sich dabei am besten?

„Ich glaube schon, dass das mit dem ‚rasenden Reporter‘ ganz gut beschrieben ist. Also derjenige, der wirklich umtriebig ist, der über Grenzen in dem Sinne geht, dass er sich an Sachen heranwagt, die sich andere nicht zugetraut haben. Und zudem dann noch die Fähigkeit hat, dies in sehr gute Texte umzusetzen“, stellt der Literaturforscher fest.

Der Erste Weltkrieg führte Kisch an die serbische Front und später nach Wien, wo er im Kriegspressequartier tätig war. Nach dem Krieg kam er in die Hauptstadt der neugegründeten Tschechoslowakei zurück und schrieb wieder für das Prager Tagblatt. Großes Aufsehen erregte er 1920 mit seinem Bericht, wie er im Dachstuhl der Altneusynagoge nach den Überresten des legendären Golems gesucht habe. Lenka Mandová erzählt:

„Als Kisch geboren wurde, 1885, lebten die Juden nicht mehr im Ghetto. Das Prager Juden-Ghetto ist aber von vielen Sagen umwoben, vor allem jenen vom Golem. Kisch war sehr fleißig in seiner Arbeit. Er hat seine Reportagen unter schweren Bedingungen geschrieben. Er ist hinauf in den Dachstuhl der Altneusynagoge geklettert, hat aber nichts gefunden.“

Vom Lokalreporter zum Weltreisenden

Manfred Weinberg (Foto: Markéta Kachlíková)Manfred Weinberg (Foto: Markéta Kachlíková) 1921 siedelte Egon Erwin Kisch nach Berlin um. Es begann die Zeit seiner ausgedehnten Reisen durch alle Kontinente. Nicht nur Europa, sondern auch die Sowjetunion, die USA, China und Australien hat er in seinen Reportagen beschrieben. Nachdem die Nationalsozialisten 1933 in Deutschland die Macht ergriffen hatten, wurde er verhaftet. Dank einer Intervention der tschechoslowakischen Behörden konnte Kisch aber freikommen. Er lebte dann wieder in Prag, aber auch in Paris, zudem nahm er am Spanischen Bürgerkrieg teil. Nach dem Münchner Abkommen von 1938 ging er über die USA nach Mexiko ins Exil. Der Stil seiner Reportagen und seine Motivation hätten sich aber selbst dort kaum verändert, sagt Weinberg:

„In Prag war er ja Teil der Gemeinschaft und hat versucht, den Lesern und Leserinnen die Stadt näher zu bringen, auch die dunklen Seiten. In dem Moment, wo er dann zum großen Reisenden wurde, hatte er schlichtweg andere Themen. Also würde ich sagen, nicht die Ausrichtung seiner Reportagen hat sich verändert, sondern das Umfeld und seine Lebenssituation. Das betrifft vor allen Dingen Mexiko, sein Exil, in dem er auch noch einmal sehr umfassend Texte geschrieben hat. Diese waren aber natürlich völlig anders als die Prager Reportagen, in denen er sein Terrain erkundet und beschrieben hat. In Mexiko beschreibt er mehr oder weniger das Fremde. Aber er war auch da sehr vernetzt, also insofern ist der Anlass der gleiche geblieben, nur das Umfeld war anders.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Egon Erwin Kisch in seine Heimatstadt zurück. Im Stadtteil Dejvice steht das Haus, das er bis zu seinem Tod bewohnt hat. Lenka Mandová:

Gedenktafel für Egon Erwin Kisch am Haus ‚Zu den zwei goldenen Bären‘ (Foto: Markéta Kachlíková)Gedenktafel für Egon Erwin Kisch am Haus ‚Zu den zwei goldenen Bären‘ (Foto: Markéta Kachlíková) „Er kam aus Mexiko zurück, zusammen mit weiteren deutschsprachigen Schriftstellern wie Lenka Reinerová, Theodor Balk und Anna Seghers. Im Haus ‚Zu den zwei goldenen Bären‘ war für Egon Erwin Kisch keine Wohnung mehr frei. Ein Freund aus Gymnasialzeiten hatte aber eine Villa in Dejvice. Das Pikante daran ist, dass in dieser Villa im Zweiten Weltkrieg auch Adolf Eichmann gewohnt hat.“

Welche Motivation hatte Kisch aber damals, in die Tschechoslowakei zurückzukehrten, während andere Deutsche das Land verlassen mussten? Manfred Weinberg:

„Man kann es nicht generalisieren, aber dass er überhaupt zurückgekommen ist, sagt ja sehr deutlich, dass er Interesse daran hatte, sich hier auch ins politische Geschehen und in die gesellschaftlichen Prozesse wieder einzubringen. Das ist nicht sehr gut gegangen, er hatte auch nicht mehr besonders viel Zeit. Außerdem ist er hier nicht mit offenen Armen empfangen worden, seine Rückkehr führte zu Schwierigkeiten. Aber Kisch wollte sich wieder in dieses gesellschaftliche und politische Leben wieder einmischen und sicher auch zur Verständigung zwischen Deutschen und Tschechen beitragen. Dass es zu der Vertreibung kam, hatte sich in den letzten Jahren des Krieges abgezeichnet, aber das hat er nicht mehr wirklich mitbekommen.“

Dreifacher Kommunist

Egon Erwin Kisch in seiner Bibliothek (Foto: Public Domain)Egon Erwin Kisch in seiner Bibliothek (Foto: Public Domain) Ein vieldiskutiertes Thema ist das linksorientierte, kommunistische Weltbild von Egon Erwin Kisch. Er war Mitglied von drei kommunistischen Parteien, der österreichischen, der tschechoslowakischen und der deutschen. Wie war er zu dieser Weltanschauung gelangt? Der Literaturhistoriker:

„Es ist schwierig, das aus der Familiengeschichte genau herzuleiten. In der Familie waren auch andere politische Richtungen vertreten. Im Hintergrund stand wohl die damalige soziale Lage: dass die Deutschen sozial höher gestellt waren und unter den sozial Niedrigergestellten gelebt hätten. Das hat offensichtlich bei Kisch zu sozialer Verantwortung geführt und sich in einem kommunistischen Weltbild verfestigt.“

Egon Erwin Kischs Grab auf dem Friedhof Vinohrady in Prag (Foto: Jan Polák, CC BY-SA 3.0)Egon Erwin Kischs Grab auf dem Friedhof Vinohrady in Prag (Foto: Jan Polák, CC BY-SA 3.0) Der Autor plante zuletzt ein Reportagen-Buch über die Tschechoslowakei. Das gelang nicht mehr. Er starb am 31. März 1948. Egon Erwin Kisch erhielt sogar ein Staatsbegräbnis. Der Trauerzug ging vom Sitz der kommunistischen Partei zum Friedhof, in den Zeitungen hierzulande erschienen mehrere Artikel und Nachrufe. Manche Historiker glauben heute allerdings, dass der Tod ihn vor einer späteren politischen Verfolgung bewahrt hätte. Nichtdestotrotz war Kisch der einzige Autor der Prager deutschen Literatur, dessen Name in der Tschechoslowakei und auch in der DDR in der Nachkriegszeit erwähnt werden durfte.

„Dass Kisch heute kein wirklich vergessener Autor ist, hat wohl sehr viel mit der Pflege seines Werks in der DDR zu tun. Dort ist das Gesamtwerk aufgelegt worden, es wurde sehr gut betreut. Ich glaube, als Kommunist wäre er in Westdeutschland, wo sein Name auch bekannt war, nicht in der Weise gepflegt worden. Da wäre seine Rezeption abgebrochen, wie die vieler weiterer Prager deutschen Autoren. Andererseits gibt es noch die weltweite Rezeption, das finde ich spannend.“

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