Kultursalon Prager Frühling, schwangere Katzen, zu kleine Schuhe – Filmfest weckt Erinnerungen
Der Polizeiruf-Schauspieler Edgar Selge, Karl Markovics, den man unter anderem aus „Die Fälscher“ und „Kommissar Rex“ kennt, sowie Comiczeichnerin und Regisseurin Ziska Riemann – sie alle haben persönliche Geschichten, die sie mit Prag verbinden. Im Rahmen des Festivals deutschsprachiger Filme waren sie an die Moldau gereist, um ihre Filme vorzustellen. Gegenüber Radio Prag haben sie sich zu den Filmen und ihrem Bezug zu Prag geäußert.
Edgar Selge (Foto: Chester100, Creative Commons 3.0)
Der Schauspieler Edgar Selge ist als einarmiger Kommissar aus dem
Münchener Polizeiruf 110 und aus zahlreichen Theaterrollen bekannt. Nach
Prag reiste er, um den Film „Poll“ vorzustellen. Der Schauspieler
sprach dabei nicht nur über seine Rolle, sondern auch über seinen
persönlichen Bezug zu Prag:
„Es war 1968, Prager Frühling, ich hatte gerade die Schule beendet und sollte hier auf die Katzen eines tschechischen Geigers aufpassen, der gerade in Deutschland war. Die Katzen waren alleine und bekamen Junge und ich war drei Wochen hier und habe dieser aufregenden Zeit in Prag sein dürfen. Da die meisten Menschen zu der Zeit auf der Straße waren, war es sehr leicht Kontakt zu knüpfen. Ich habe viele Menschen kennengelernt. Prag ist für mich nach wie vor der Prager Frühling. Das war ein unvergessliches Erlebnis.“
Dušan Pařízek
Seine Verbindung zu Prag habe sich seit dem kontinuierlich gehalten,
erzählt Selge:
„Ich bin befreundet mit einem tschechischem Theaterregisseur, Dušan
Pařízek, der hier das Theater ‚Divadlo Komedie’ hat. Ich arbeite mit
ihm in Deutschland zusammen. Ich schätze ihn sehr und habe viele seiner
Aufführungen gesehen, unter anderem von Schwab und Thomas Bernhard.“
Film „Poll“
Der Film „Poll“, den Selge in Prag vergangene Woche vorgestellt hat,
spielt in Estland. Es ist Sommer 1914, der Ausbruch des Ersten Weltkriegs
steht kurz bevor und die Atmosphäre ist angespannt. Oda von Siering reist
nach dem Tod ihrer Mutter aus Berlin auf das Gut ihres Vaters in Estland.
Odas Vater, ein Baltendeutscher, gespielt von Edgar Selge, widmet seine
ganze Aufmerksamkeit der Hirnforschung. Doch seine Forschungserfolge lassen
auf sich warten. Oda kapselt sich weitgehend von der Familie ab, verbringt
ihre Zeit außerhalb des Gutes und schreibt Gedichte. Doch dann entdeckt
sie auf einem ihrer Streifzüge einen verletzten Anarchisten und
beschließt ihm zu helfen.
In Estland herrscht allgemeinen Umbruchsstimmung und Odas Familie steht vor einem unaufhaltsamen Zerfall. In diesem Rahmen entwickeln sich verschiedene Erzählstränge und jeder einzelne spitzt sich immer weiter zu.
Film „Atmen“
Der Film „Atmen“ handelt von einem jungen Mann, der eine Ausbildung
bei einem Bestattungsunternehmen macht. Es ist das Regiedebüt von Karl
Markovics, das er beim Filmfest in Prag vorstellte. Markovics ist dem
breiten Publikum bisher eher vor der Kamera bekannt, unter anderem aus dem
Film „Die Fälscher“ und aus der Fernseh-Serie Kommissar Rex.
In dem Film geht es um den 19-jährigen Roman Kogler, der im Gefängnis sitzt. Während seiner Freigänge beginnt er eine Ausbildung zum Bestatter. Zwei Welten dominieren den Film: Gitterstäbe, Mauern, Eisentüren auf der einen Seite - Tote, Leichenhallen, Friedhöfe auf der anderen. In diesen Umgebungen wandelt die wortkarge Hauptfigur. Markovics charakterisiert die Rolle folgendermaßen:
Karl Markovics (Foto: Thore Siebrands, Creative Commons 2.0)
„Jemand, der kein Leben führt, weil er nie gelernt hat, es zu führen.
Er hat dafür weder ein Werkzeug, noch einen Antrieb. Er hat nicht mal
einen großen Leidensdruck und keinen Antrieb diese Situation verändern zu
wollen, weil er auch gar nicht weiß, wofür.“
Fahrten zur Arbeit, Fahrten zurück ins Gefängnis, Fahrten in die Keller von Krankenhäusern und in den Hof des Leichenhauses. Am Alltag des Hauptdarstellers entspinnen sich im Laufe des Films verschiedene Geschichten. Teilweise werden sie weiter verfolgt, teilweise verlaufen sie im Nichts.
In dem Film ist die Darstellung von Toten ungewohnt explizit. Laut Markovics ist das Publikum teilweise davon auch schockiert gewesen, teilweise sind die Szenen aber so grotesk, dass gelacht werde. Der Film wurde bereits in zahlreichen Städten gezeigt: Toronto, Cannes, Sarajevo und nun Prag.
„Ich habe das Gefühl gehabt, dass die Geschichte an und für sich überall verstanden wird und dass das, was der Film kann, überall sehr stark ist“, sagt Markovics.
Film „Atmen“ (Foto: Petro Domenigg, Epo-Film)
Der Regisseur betont, es gehe zwar um einen Gefangenen, einen verurteilten
Straftäter. Trotzdem wollte er nicht das typische „Der Täter ist immer
auch ein Opfer“. Es ginge vielmehr darum zu zeigen, wie sich Roman Kogler
langsam mit sich und seiner Tat auseinandersetzt.
Bei dem Filmfest sprach Markovics nicht nur von seinem Film. Er erzählte außerdem von seinen Kindheitserinnerungen an Prag:
„An Prag habe ich ganz frühe Assoziationen. Ich habe eine tschechische Großmutter und wir waren zusammen Verwandte in Brünn besuchen. Auf dieser Reise sind wir dann natürlich auch nach Prag. Von dort gibt es auch ein Foto von mir mit viel zu kleinen Schuhen. Das sind meine frühesten Erinnerungen an Prag. Ich kam erst lange Zeit später wieder hierher, auch zum Drehen interessanter Weise. Man fühlt sich hier schon sehr zuhause als Österreicher. Aber auf eine angenehme Weise, weil es eben nicht das Zuhause ist.“
Ziska Riemann (Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary)
Ziska Riemann zeichnet Comics und macht Filme. In Prag stellte sie ihren
Streifen „Lollipop Monster“ vor. Auf die Frage nach einem persönlichen
Prag-Bezug erzählt sie:
„Meine Mutter war beim Prager Frühling dabei. Sie ist hierher gefahren und hat mir das mal erzählt alles, was sie so erlebt hat. Muss sehr aufregend gewesen sein.“
Viel Aufregung herrscht auch in dem Film “Lollipop Monster”: Hass, überquellende Freude, derbe Enttäuschungen, Fassungslosigkeit. Der Film handelt von zwei 15-jährige Mädchen, Oona und Ari. Auf den ersten Blick sind sie so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Ari ist blond, trägt bunte Tüllröcke mit grellen Stumpfhosen und knalligen Tops. Oona hat dunkle Haare und ist immer in schwarz gehüllt. So unterschiedlich das Aussehen, so unterschiedlich auch die Familien. Aris Mutter klammert sich an die Illusion einer perfekten Familienidylle. Dabei verdrängt sie, dass ihre Kinder fast erwachsen sind und eigene Probleme haben. Oona wiederum hat der Selbstmord ihres Vaters völlig aus der Bahn geworfen und sie macht ihre Mutter dafür verantwortlich:
Streifen „Lollipop Monster“
„In beiden Elternhäusern passieren unentwegt Dinge, die eigentlich
eines Gesprächs bedürfen”, so Riemann.
Die Eltern schweigen und wehren sich gegen eine Konfrontation. Die Konflikte werden ignoriert. Die Schwierigkeiten der Töchter finden nur oberflächlich Beachtung. Doch dann lernen sich die beiden kennen und finden in der jeweils anderen eine Hilfe, Unterstützung, Verständnis. Sie lernen voneinander, sich zu wehren.
Der Film lässt sich in keinen zeitlichen Kontext einordnen, die Orte an denen er spielt sind nicht von Bedeutung. Die Geschichte könnte sich überall und zu jeder Zeit ereignen. Die Erzählung ließe sich so auch nach Tschechien übertragen. Beispielsweise nach Karlsbad, wo der Film im Sommer seine Premiere feierte, oder eben nach Prag. Was zählt, ist nur die Rebellion der Mädchen.







