„Neue Welten“ für die Prager Galerie DOX

DOX – so nennt sich die Prager Galerie für zeitgenössische Kunst. Sie hat vor einiger Zeit ihre Räume erweitert. Und der neue Veranstaltungsort hängt buchstäblich in der Luft über dem Galeriegebäude. Entworfen wurde er vom Architekten Martin Rajniš.

Luftschiff Gulliver (Foto: Jan Slavík, CC BY-SA 4.0)Luftschiff Gulliver (Foto: Jan Slavík, CC BY-SA 4.0) Ein Luftschiff öffnet neue Welten im DOX. Direktor Leoš Válka träumt schon seit langem davon, das Angebot der Galerie auszuweiten und neben bildender Kunst auch Literatur in das Programm aufzunehmen. Dazu braucht es aber zusätzlichen Raum, und so entstand die Idee des Luftschiffs: Auf den modernen, kubischen Gebäudeteilen der Galerie thront nun – in Form eines Zeppelins – der neue, filigran anmutende Veranstaltungsort aus Holz. Gerade der Kontrast mache den Reiz aus, meint Leoš Válka:

„Der Grundgedanke ist der folgende: Hier im Hauptgebäude der Galerie treffen wir auf die harte Welt des internationalen Stils. Also die zeitgenössische Architektur – rechte Winkel, minimalistisch, streng, hart, elegant, kompromisslos in der Geometrie. Das Luftschiff ist in allen Aspekten das genaue Gegenteil, seine Form ist organisch und auch das Material, es ist ja aus Holz. Typologisch gehört es also nicht hierher, aber gerade deswegen eben doch.“

Natürliche Architektur anstatt Shopping Malls

Martin Rajniš (Foto: Jana Kudláčková, Archiv des Tschechischen Rundfunks)Martin Rajniš (Foto: Jana Kudláčková, Archiv des Tschechischen Rundfunks) Für das Design zeichnet der Architekt Martin Rajniš verantwortlich. In den 1960er Jahren gehörte er zur tschechoslowakischen Avantgarde. In den 1990er Jahren entwarf er zahlreiche Einkaufszentren und andere Großprojekte. Bis eines Tages der Richtungswechsel gekommen sei, so Rajniš:

„Mir ist bewusst geworden, dass es absurd ist, Einkaufszentren zu bauen. Einzukaufen ist nicht, wie in einer Kirche zu beten. Einkaufen ist eine Dummheit. Es gibt in den Shopping Malls nur wertloses Zeug für arme Menschen. Da ist nichts Tolles dran. Es hat mir immer weniger gefallen, mich in diesem Umfeld zu bewegen. Irgendwann habe ich begonnen, es richtiggehend zu hassen.“

1998 gab Martin Rajniš sein erfolgreiches Architekturbüro an Kollegen ab und begann, ausgedehnte Reisen zu unternehmen.

Galerie DOX (Foto: Dominika Bernáthová)Galerie DOX (Foto: Dominika Bernáthová) „Das war die beste Idee meines Lebens. Ich bin fünf Jahre lang durch die ganze Welt gereist. Ich habe den Atlantik überquert, Wüsten durchquert, die Polargebiete bereist – ich war auf allen Kontinenten. Das Reisen hat mir die Augen geöffnet: Menschen bauen wunderschöne Gebäude, ganz ohne Geld, nur mit Materialien aus ihrem Umfeld und mit den eigenen Händen. Sie brauchen dazu kein Hochschulstudium, keine Genehmigungen, nichts. Und es ist, was die Kraft der Architektur betrifft, viel besser, als das, was wir hier machen. Als ich dann von meinen Reisen zurück war, habe ich ein Manifest über ‚natürliche Architektur‘ geschrieben.“

Martin Rajniš prägte damit den Begriff „natürliche Architektur“ und änderte seinen Stil grundlegend. Anstelle der großen Shopping Malls sind kleinere Projekte getreten, gebaut aus natürlichen Materialien wie Holz, Glas und Stein, in geometrischen oder organischen Formen. Natürliche Architektur bedeutet, sich von der Natur inspirieren lassen – im weitesten Sinne, so Rajniš:

Galerie DOX (Foto: Vít Švajcr, CC BY-SA 3.0)Galerie DOX (Foto: Vít Švajcr, CC BY-SA 3.0) „Damit meine ich nicht, wie die Jugendstil-Künstler goldene Blätter als Geländer zu verwenden. Das ist kindisch und viel zu wörtlich genommen. Es geht darum, natürliche Strukturen zu verwenden. Das ist Zukunftsarchitektur. Ich meine damit: Etwas kann sich künstlich oder eben natürlich anfühlen. Wir sind alle Teile der Natur. Die Architektur muss ähnlich sein. Aus der Natur lässt sich schöpfen.“

Behörden machen Bauchweh

Die Suche nach Natürlichkeit und Unmittelbarkeit in seiner Arbeit hat Martin Rajniš auch noch weiter getrieben: Wenn möglich, lässt er gerne die administrativen Seiten seines Berufs außer Acht.

Galerie DOX (Foto: Ian Willoughby)Galerie DOX (Foto: Ian Willoughby) „Ich bin ein rechtsgerichteter Anarchist. Ich mag keine Behörden, das macht mir immer Bauchweh. Also denke ich mir gerne Projekte aus, für die ich keine behördliche Bewilligung brauche. Dafür gibt es verschiedene Tricks. Zum Beispiel lasse ich ein Gebäude auf einem Löschteich schwimmen, dann gilt es rechtlich nicht als Haus, denn es bewegt sich ja. Oder ich verwende keine baulichen Methoden, sondern staple nur Holzpfeiler aufeinander, ohne sie miteinander zu verbinden. Sie halten nur aufgrund des eigenen Gewichts zusammen.“

Dieser anarchistische Ansatz ist für Martin Rajniš eigentlich ein Ersehnen der Zukunft, eine Sehnsucht nach einer anders funktionierenden Welt:

„Für die Architektur ist eine Baubewilligung gänzlich bedeutungslos. Das ist wuchernde Bürokratie, behördliche Zwecklosigkeit. Es kostet viel Geld und Arbeit und ist in 90 Prozent der Fälle völlig sinnlos. Wir leben in einer Gesellschaft der Regeln und Vorschriften. In 100 Jahren wird der Großteil davon weg sein, davon bin ich überzeugt. Ich lebe einfach schon 100 Jahre voraus – also ignoriere ich diese Regeln.“

Leoš Válka (Foto: Dominika Bernáthová)Leoš Válka (Foto: Dominika Bernáthová) Zurück zum Luftschiff. 100 Jahre in die Zukunft, 100 Jahre in die Vergangenheit. Das Luftschiff über den Dächern der Galerie DOX sei eine Art Symbol, sagt Leoš Válka:

„Das Luftschiff ist eine Nachricht aus einer anderen Welt. Es evoziert auch die Vergangenheit, als Flugzeuge noch aus Holz waren, und stellt dem Hightech von heute die Idee eines Lowtech gegenüber. Es verbindet Welten und zeigt den Optimismus, die Ambitionen vom Anfang des 20. Jahrhunderts: Fortschritt, Emanzipation, Technologie. Das Luftschiff ist ein Symbol für die Eroberung des Himmels.“

Der Blick auf Prag durch die Stäbe des Zeppelins

Luftschiff Gulliver (Foto: NoJin, CC BY-SA 4.0)Luftschiff Gulliver (Foto: NoJin, CC BY-SA 4.0) Wie nach einer Notlandung hängt der Zeppelin schief auf den Dächern der Galerie. Wenn man ihn betritt, kann man zwischen den filigranen Holzstäben hinaussehen. Dann glaubt man tatsächlich, in einer anderen Welt zu schweben. Architekt Martin Rajniš beschreibt, wie durch die Zwischenräume die Stadt in das Luftschiff hineindringt:

„Es entsteht dort etwas sehr Interessantes: Diese teilweise Durchsichtigkeit des Gebäudes erlaubt es, die ganze Stadt zu beobachten. Man befindet sich über den Dächern der Stadt und ist aber nicht von ihr abgetrennt, sondern sie dringt teilweise herein. Mit dem Blick kann man das Ausmaß der Stadt erahnen.“

Inspiriert von dem Roman „Gullivers Reisen“, hat Galeriedirektor Leoš Válka dem Luftschiff den Namen Gulliver verliehen. Hier gibt es eine interessante Parallele zu Martin Rajniš, der sich in seinem Ansatz der natürlichen Architektur ja von dem inspirieren lässt, was er auf seinen Reisen gesehen hat. Für Leoš Válka war ausschlaggebend, dass die Veranstaltungen im neuen Zeppelin – genau wie Gullivers Reisen – neue Horizonte eröffnen sollen.

Das Luftschiff in der Galerie für zeitgenössische Kunst DOX ist während der Galerieöffnungszeiten jederzeit zugänglich. Etwa zweimal monatlich sind Lesungen, Diskussionsrunden und Gesprächsveranstaltungen geplant. Im Fokus steht dabei Literatur, die Nachrichten von anderen Welten bringt.

„Gulliver war der Überbringer von Nachrichten aus anderen Welten. Literatur eröffnet ebenfalls andere Welten: Sie ist eine Reise des Geistes. Das Luftschiff ist eine Metapher dafür: Es befindet sich zwischen Himmel und Erde, ist ein bisschen rätselhaft, und gleichzeitig können wir verschiedenste Hoffnungen daran knüpfen.“