Michal Viewegh

Der Schriftsteller Michal Viewegh, der in Tschechien oft mit dem Prädikat "Kult" versehen wurde, sorgt auch in der deutschen Übersetzung für hohe Auflagen. Er ist Preisträger des Jiri Orten-Preises und zwei seiner Bücher wurden bereits verfilmt. Martina Zschocke traf den Autor im Café Slavia und unterhielt sich mit ihm über sein Schreiben, seine Bücher und Prag.

"Weine nicht", sagte Großmutter gerührt. "Wirst mit Opa Suchanzeigen ankleben." Großvater riß sich die Zigarette aus dem Mund: "Was denn für Anzeigen?!" "Na, was denn wohl", entgegnete die Großmutter unwirsch. "Daß sie uns entflogen sind!" "Jetzt?!" schrie Großvater. "Ausgerechnet jetzt werde ich mich um Wellensittiche kümmern!" "Wann dennn sonst? Kann ich was dafür, daß sie jetzt weggeflogen sind?" "Ich kann sie kleben", sagte Quido. "Wenn ich darf..."

Seinen ersten grossen Erfolg hatte Michal Viewegh mit dem Buch "Bajecna leta pod psa" (Blendende Jahre für Hunde) aus dem Sie gerade einen Ausschnitt hörten. Für diesen Roman wurde er 1993 mit dem Jiri Orten Preis ausgezeichnet. Typisch für Viewegh sind sein hintergründiger Humor, seine voll aus dem Leben gegriffenen Dialoge und sein sehr gut lesbarer Stil. In "Blendende Jahre für Hunde" erzählt Viewegh die Geschichte einer durchschnittlichen Familie von 1968 bis 1989. Mit Humor und einem Sinn für Selbstironie werden die tragikomischen Stationen dieser sozialen Entwicklungsgeschichte beschrieben. Nach dem Prager Frühling Flucht der Familie von Prag nach Sazava. Nach einem Winter auf einer eiskalten verglasten Terasse kommt es zum langsamen Aufstieg des Vaters vom kleinen Büroangestellten zum stellvertretenden Leiter der Exportabteilung der Glasfabrik. Dann fällt er in Ungnade und wird zum Pförtner degradiert, nachdem sich die Eltern mit ihrem alten Bekannten, dem Dissidenten Pavel Kohout zum Abendessen trafen. Streckenweise ist es ein Buch zum Schlapplachen, obwohl die Tragik die hinter den Ereignissen steht, nicht zu übersehen ist. Es sind die grauen Jahre der Normalisierungszeit, wo Ärzte zu Kartenabreißern im Kino werden und Ingenieure zu Pförtnern. Bei all dem findet sich ein fast hrabalesker Sinn für komische Details und ein Hang zu Ironie und Selbstironie. Oft ist es die Ironie des Augenblicks oder die Komik von Banalitäten zum falschen Zeitpunkt, in der die Hauptpersonen in den entscheidenden Augenblicken der Geschichte etwas völlig Unsinniges machen. So kleben zum Beispiel Quido und sein Großvater mitten während des Einmarsches der Russen in Prag Suchanzeigen für entflohene Wellensittiche. Ob er seine Bücher als Sozialsatiren sieht und bewußt diese Ironie des Augenblicks festhält, frage ich Michal Viewegh:

"Ja, weil ein Schriftsteller Geschichten erzählen und keine Geschichtslehrbücher schreiben soll. Und auch in großen historischen Momenten, kaufen Leute ein, staubsaugen oder kleben Suchanzeige für entflogene Wellensittiche und das ist für mich die einzige mögliche Art und Weise, wie man in Romanen große geschichtliche Ereignisse erzählen kann."

Viewegh gehört derzeit wohl zu den meistgelesenen Autoren Tschechiens. Von ihm erschienen bisher nicht nur Romane, sondern auch Kurzgeschichten und Zeitungsfeuilletons. In jeder dieser Formen findet sich Vieweghs Gabe der treffenden Beobachtung und scharfen Pointe. Ich frage ihn, welche dieser literarischen Formen er bevorzugt.

"Für jeden Schriftsteller ist der Höhepunkt der Roman, das ist der Kilimandscharo der Prosa. Aber ich habe auch Kurzgeschichten gern. Ich habe in den 80er Jahren mit Kurzgeschichten begonnen. Kurzgeschichten sind Miniaturen. Tschechow hat gesagt: in Kurzgeschichten darf nicht ein überflüssiges Wort sein."

In seinen Büchern verwendet er oft verschiedene Stimmen. In "Blendende Jahre für Hunde" wechselt der Er-Erzähler mit Tagebuchausschnitten von Quido als Kind. Und der Roman "Die Liebe eines Vaters" ist in die Parts der Kinder und den Part des Vaters eingeteilt, die sich durch ihren sprachlichen Ausdruck deutlich voneinander unterscheiden. Jeder der drei Erzähler beurteilt die Situation aus seiner Perspektive. Was reizt ihn daran verschiedene Stimmen zu verwenden?

"Ich muß sagen, daß ich das eher intuitiv mache und nicht um irgendwelche literarischen Theorien zu verfolgen. Ich schreibe, wie ich fühle. Aber es ist wahr, dass wenn man die Ich- und Er-Stimme wechselt, die erzählerische Optik interessanter aussieht, auch für mich als Leser. Das verleiht der Geschichte eine andere Optik."

Michal Viewegh wurde 1962 in Prag geboren und wuchs in Sazava auf. Nach dem Abitur studiert er 2 Jahre Ökonomie. Nach Abbruch des Studiums arbeitet er als Nachtwächter und studiert später Tschechisch und Pädagogik an der Karlsuniversität Prag. Nach dem Studienabschluss unterrichtet er einige Jahre an einer Grundschule und wird nach 1993 Redakteur des Verlags Cesky Spisovatel. Seit 1995 widmet er sich völlig seiner Tätigkeit als Schriftsteller. Angefangen hat er dabei mit dem Schreiben wie wohl viele:

"Ich habe in der Pubertät angefangen, Gedichte zu schreiben, ich denke, wie jeder zweite Schüler. Das war Liebespoesie, jungfräuliche Poesie. Es war die Poesie eines Jungen, der noch keine Erfahrung mit Liebe hat - `like a virgin`."

In dem Moment, in dem er feststellt, dass seine Poesie mehr mit seiner Pubertät als mit Literatur zu tun hat, beginnt er Kurzgeschichten und Erzählungen zu schreiben. Zu dieser Zeit ist sein größter Anspruch ein paar Erzählungen in Literaturzeitschriften zu veröffentlichen. Den Anspruch Schriftsteller zu werden hatte er damals nicht. Inzwischen ist er einer der bekanntesten und meistübersetzten Schriftsteller Tschechiens. Die meisten seiner Bücher sind im Grunde autobiographisch. Ich frage ihn, ob er dabei Lieblingsthemen hat.

"Im Leben ja, im Schreiben nicht. Es passiert mir öfters mal, dass mir das Leben irgendwelche Themen bringt, das sind selbstverständlich nicht nur Themen, die mir angenehm sind. Zum Beispiel als ich mich habe scheiden lassen und meine Tochter nicht sehen durfte, habe ich den Roman "Die Liebe eines Vaters" geschrieben. Das zeigt, dass ich auch über Themen schreibe, die nicht gerade meine Lieblingsthemen sind."

In "Geschichten über Sex und Ehe" verfasst er ein ganzes Buch mit Erzählungen über seine Affairen und seine Ehe. Ob es ihn dabei nicht gelangweilt hat, ein ganzes Buch nur als Variation über ein Thema zu schreiben, frage ich den Schriftsteller Michal Viewegh. Nach kurzem Zögern lächelt er und gesteht:

"Ja solange wir das als ein Buch über Sex sehen, ist es etwas monothematisch. Aber Sex und zwischenmenschliche Beziehungen sind ihrer Natur ziemlich vielseitig und deshalb ist auch jede Geschichte anders. .... Hemingway hat gesagt, der Schriftsteller soll über das Leben die Wahrheit schreiben, so habe ich eine Sammlung von Erzählungen geschrieben, die inspiriert waren von dieser traurigen Zeit alkoholischer Promiskuität, die ich genau so wirklich gelebt habe. Inzwischen habe ich mich als Mensch und als Autor entwickelt und ich lebe und schreibe total anders."

Michal Viewegh lebt in Prag und auch die meisten seiner Romane und Erzählungen spielen in Prag oder in Sazava. Wie wichtig ist ihm Prag für seine Geschichten?

"Prag ist für mich schrecklich wichtig, weil es die Stadt ist in der ich geboren wurde und zu der ich eine gefühlsmäßige Beziehung habe. Und ich gehöre zu dem Typ Schriftsteller, der wissen muß, wohin sein Held geht, wenn er um die Ecke biegt. Ich muss wissen, wenn mein Held abbiegt, wie die Strasse heißt, in der er sich befindet. Deshalb schreibe ich über Städte, die ich kenne. Deshalb schreibe ich über Berufe, die ich kenne, z.B über den Beruf des Schriftstellers oder des Lehrers. Deshalb schreibe ich über Sachen, die ich kenne, z.B. über Leute in einem Autobus auf einem touristischen Ausflug."

Die Prosawerke von Michal Viewegh, die in großen Auflagen erscheinen wurden bereits in 16 Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erschienen u.a. die Romane "Blendende Jahre für Hunde", "Erziehung von Mädchen in Böhmen", "Die Liebe eines Vaters", "Roman für Frauen" und die Kurzgeschichten-sammlung "Geschichten über Sex und Ehe". Letzeres allerdings in einer eher schlechten Übersetzung, die sich sehr von der oft hervorragenden Übersetzung seiner Romane abhebt. Alle Bücher erschienen im Deuticke Verlag. Die beiden Romane "Blendende Jahre für Hunde" und "Erziehung von Mädchen in Böhmen" wurden auch verfilmt.

Derzeit beginnt er gerade mit der Arbeit an seinem neuen Roman. "Ich habe gerade begonnen einen neuen Roman zu schreiben, der an einer Schule für kreatives Schreiben spielt, an der ich selbst fünf Jahre unterrichtet habe. Die ganze Geschichte wird in einer Stunde für Kreatives Schreiben handeln. Das wird so eine Art tschechischer James Joyce."

Damit sind wir am Ende unseres heutigen Kultursalon. Viel Spass beim Lesen wünscht Ihnen Martina Zschocke.