Kultursalon Lesung auf der Moldau mit Bachmann-Preisträger Tilman Rammstedt

30-08-2009 02:55 | Daniel Kortschak

Seit Anfang August ist der Gewinner des renommierten Ingeborg-Bachmann-Literaturpreises Tilman Rammstedt in Prag – als Stipendiat des Prager Literaturhauses. Wir haben darüber berichtet. Am Mittwoch las der 34-jährige, der in Berlin lebt, aus seinem Roman „Der Kaiser von China“. Und das an einem ungewöhnlichen Ort: Auf einem Moldaukahn.

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Bachmann-Preisträger Tilman RammstedtBachmann-Preisträger Tilman Rammstedt Ein unscheinbarer Treppenabgang neben dem Altstädter Brückenturm führt in ein Gewölbe unter der Karlsbrücke. Dort legen Tag für Tag Hunderte Touristen mit kleinen Holzschiffen zu einer Tour über die Moldau ab. Die meisten Prager machen für gewöhnlich einen weiten Bogen um derartige Touristenattraktionen. Erst recht in der Hauptsaison. Doch am vergangenen Mittwoch brach ein Schiff zu einer etwas anderen Moldau-Rundfahrt auf. Mit an Bord: Der Berliner Autor und Ingeborg-Bachmann-Preisträger Tilman Rammstedt:

„Ich freue mich sehr, heute Abend auf diesem Schiff zu sein, und hier in Prag auf der Moldau zu lesen. Das ist überhaupt erst meine zweite Lesung auf einem Schiff. Meine erste war vor drei Jahren, am Eröffnungstag der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Das dies genau dieser Tag sein würde, wusste ich allerdings noch nicht, als ich zugesagt habe. Ich dachte, es kommt niemand. Es kamen dann fünfhundert Leute. Darüber freute ich mich sehr. Bis ich herausfand, dass diese schöne Boostfahrt den Rhein herunter mit mir billiger war, als wenn man es ohne die Lesung gebucht hätte. Das schmälerte die Freude etwas. Vor allen Dingen waren von den 500 Leuten 497 Frauen, das hat die Freude natürlich wieder etwas gesteigert... Aber die Männer schauten Fußball. Die drei Männer, die mitgeschleift wurden, haben die ganze Zeit mit dem Handy unter dem Tisch den Spielstand durchgeben lassen; auch aus der Küche wurde der Zwischenstand dauernd herausgeschrien. Aber das ist ja lange her, heute also kein Fußball. Heute: ‚Der Kaiser von China’.“

Diesmal machte also kein Match dem Schriftsteller Konkurrenz. Allerdings meinte Tilman Rammstedt vor der Lesung, er müsse aufpassen, sich von der Aussicht auf die Prager Altstadt nicht zu sehr ablenken zu lassen. Und nach der Lesung war er ein wenig enttäuscht, weil die meisten Zuhörer lieber aus dem Fenster geschaut hätten, als sich seiner Lesung zu widmen.

Nun aber zum „Kaiser von China“, jenem Roman, für den Rammstedt 2008 den Haupt- und den Publikumspreis beim Ingeborg-Bachmann-Literaturwettbewerb in Klagenfurt bekommen hat.

„Es gibt einen Erzähler, der hat den unglücklichen Namen Keith Stapperpfennig. Der sitzt unter seinem Schreibtisch und versteckt sich dort. Er versteckt sich dort schon sehr lange; seit zehn Tagen. Er versteckt sich vor seinen Geschwistern, denn die denken, er sei mit dem Großvater in China. Warum sie das denken, das erfahren Sie gleich. Und gleich im ersten Satz des Romans erhält er einen Anruf, in dem ihm mitgeteilt wird, dass der Großvater gestorben ist, und zwar auch nicht in China, sondern im Westerwald; von dort kommt der Anruf aus einem Krankenhaus. Keith soll jetzt dorthin fahren und die Leiche identifizieren. Die Tage zuvor hat er andauernd Postkarten von seinem Großvater bekommen, so auch an diesem Tag, an den ihn dieser Anruf erreicht und die Handlung einsetzt.“

Inzwischen hat das Boot seinen versteckten Hafen unter der Karlsbrücke verlassen und fährt unter der Brücke hindurch, flussaufwärts in Richtung Nationaltheater, von dem uns freilich die breite Kaskade trennt. Und Autor Rammstedt schlägt das schon ziemlich abgegriffene Buch mit dem knallgrünen Einband auf:

„Dass auch die vorletzte Postkarte nicht aus China kam, war leicht zu erkennen. Sie war mit einer deutschen Briefmarke frankiert, das Bild des dicken goldenen Mannes war aus irgendeinem Reiseprospekt herausgerissen und notdürftig über eine Gratis-Postkarte geklebt worden, eine Ecke hatte sich bereits gelöst, ein Eisbär kam darunter zum Vorschein. Fast alle Karten, die mir mein Großvater in den letzten Wochen geschrieben hatte, waren derart überklebt. Manche nicht einmal das, einige zeigten Fachwerk und beim aufgedruckten ‚Viele Grüße aus dem Westerwald’ war das ‚dem Westerwald’ durchgestrichen und handschriftlich durch ein ‚Shanghai’ ersetzt worden. Natürlich überraschte es mich kaum, dass mein Großvater China doch nicht erreicht hatte. Achttausend Kilometer: dafür war das Auto einfach zu alt, dafür war auch mein Großvater einfach zu alt, dafür hätte man auch einen Pass benötigt, und einen Pass hatte mein Großvater ja offensichtlich nicht dabei; auch keinen Personalausweis, keinen Führerschein, nicht einmal seinen Kundenkarte für den Supermarkt. Nichts habe man bei ihm gefunden, hatte mir die Frau am Telefon gesagt. Nur diese angefangene Postkarte mit meinem Namen darauf.“

Er hat es also nicht geschafft, nach China, der Großvater von Keith. Doch was wollte der betagte Mann, weit über 80 Jahre war er alt – wahrscheinlich, so genau weiß das auch der Autor nicht - in China? Die Reise war ein Geschenk seiner Enkel. Obwohl er bis ins hohe Alter rüstig und vital gewesen war, hatte sich der Gesundheitszustand des Großvaters zuletzt zunehmend verschlechtert und immer öfter sprach er vom Sterben, vor allem dann, wenn ihm wieder einmal etwas nicht passte. Bevor es also zu spät war, wollten die vier Enkelkinder dem Alten noch einmal eine Freude machen, und schenkten ihm eine gemeinsame Reise. Doch einer nach dem anderen springt ab und Keith bleibt alleine übrig.

„’Keith unternimmt mit dir eine Reise’, erklärte mein zweitältester Bruder, wieder etwas zu laut und etwas zu fröhlich, wie er in letzter Zeit immer mit unserem Großvater sprach. ‚Wir wären ja gern alle mitgefahren, aber du weißt ja’, und mein Großvater wusste natürlich nicht, wie sollte er auch, er fuhr sich mit der Zunge unablässig die Zähne entlang und schaute meinen zweitältesten Bruder dabei verständnislos an. ‚Eine Reise wohin?’, fragte er schließlich. ‚Wohin du schon immer mal wolltest’, sagte meine jüngere Schwester, und sie hätte es besser nicht gesagt. Denn am nächsten Morgen, noch im Schlafanzug, sagte mein Großvater: ‚China’, und am Mittag sagte er es auch, und am Abend schon wieder, und als ich ihm Prospekte zeigte, Prag, Masuren, Korfu, schaute er gar nicht hin, ‚China’, sagte er, ‚Geschenkt ist geschenkt’, sagte er, und dass er darüber nicht diskutieren wolle, und dann wurde ein Arm verschränkt und das Sterben ins Spiel gebracht.“

Als sich Keith schließlich auch weigert, mit dem Großvater nach China zu fahren, bricht der alte Mann alleine auf. Und diesmal hat er es ernst gemeint mit dem Sterben.

Tilman Rammstedts Roman „Der Kaiser von China“ ist 2008 im Dumont-Verlag erschienen. Und der bekannte Übersetzer Radovan Charvát arbeitet bereits an der Übersetzung des Buches ins Tschechische. Vorrausichtlich im Herbst dieses Jahres soll es hierzulande in die Buchhandlungen kommen.

Die Leiterin des Literaturhauses Lucie ČernohousováDie Leiterin des Literaturhauses Lucie Černohousová Noch bis Ende September ist Tilman Rammstedt als Stipendiat des Prager Literaturhauses deutschsprachiger Autoren in der tschechischen Hauptstadt zu Gast. Lucie Černohousová ist die Leiterin des Literaturhauses. Am Rande der Lesung am vergangenen Mittwoch habe ich mit ihr gesprochen:

Frau Černohousová, wir haben jetzt gerade Tilman Rammstedt im Rahmen einer beeindruckenden Lesung auf einem Moldaukahn gehört. Wie kam es eigentlich zu der Idee mit der Lesung auf dem Wasser?

„Ich würde sagen, fast aus einer Not heraus: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass im Sommer wenige Leute zu Lesungen in abgeschlossenen Räumen gehen. Also haben wir nach einem interessanten Ort im Freien gesucht. Die Moldau, die Karlsbrücke: das stößt in Prag natürlich sofort auf Interesse. So kam uns die Idee, die Lesung auf einem Moldaukahn zu machen.“

Ein Wort noch zu Tilman Rammstedt: Warum haben Sie gerade ihn als Stipendiaten des Prager Literaturhauses ausgewählt?

„Das ist ganz einfach: weil er gut ist.“

Und das nicht nur als Schriftsteller. Rammstedt wirkt mit seinen Literaten-Kollegen Michael Ebmeyer und Florian Werner sowie dem Songschreiber Bruno Franceschini in der Band „Fön“. Wie Radio Prag in Erfahrung bringen konnte, werden „Fön“ Ende September im Prager Café „Černá labuť“ – dem „Schwarzen Schwan“ – auftreten.

Mehr zum Autor finden Sie auf den Internetseiten des Prager Literaturhauses.

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