Leipzig liest… tschechische Literatur

Bei der Leipziger Buchmesse waren diesmal Autoren aus Tschechien viel stärker vertreten als in den zurückliegenden Jahren.

Leipziger Buchmesse (Foto: Markéta Kachlíková)Leipziger Buchmesse (Foto: Markéta Kachlíková) Ganz hinten in der Halle 4 des Messe-Labyrinths befindet sich der Stand der Tschechischen Republik. Eine kleine Umfrage unter Besuchern bestätigt, dass die tschechische Literatur mehr gefördert und beworben werden sollte. Eine Frau mittleren Alters sagt zum Beispiel:

„Von der Literatur an sich weiß ich nicht allzu viel. Aber ich versuche im Augenblick, Tschechisch zu lernen. Ich wurde von der großen Flagge hier angezogen und wollte mich mal umschauen, ob es irgendetwas Verständliches für einen Sprachanfänger gibt. Also ich bin bei erstmal bei der Kinderliteratur gelandet. Vielleicht kann man damit anfangen.“

Aus Regensburg kommt eine weitere interessierte Besucherin:

„Ich habe zwei drei Bücher von Milan Kundera gelesen, aber das ist schon lange her, es sind zwanzig Jahre.“

„Ich persönlich kenne eigentlich gar keine tschechischen Werke. Deshalb war es für mich interessant, einfach mal reinzuhören. Die Lesung war interessant, und wenn das Buch übersetzt wird, könnte ich mir vorstellen, es zu lesen“, so eine Frau, die sich Jiří Hajíček angehört hat.

Und ihre Bekannte meint: „Ich kenne ein bisschen den Jaroslav Rudiš. Zum Beispiel sein Werk Alois Nebel finde ich sehr schön. Ich hab es schon auch in filmischer Variante gesehen.“

 

Martin Krafl (Foto: Markéta Kachlíková)Martin Krafl (Foto: Markéta Kachlíková) Für das Programm bei der Leipziger Buchmesse ist die Mährische Landesbibliothek in Brno / Brünn zuständig. Martin Krafl ist eigentlich Koordinator der Präsentation im kommenden Jahr 2019, da wird Tschechien nämlich Schwerpunktland in Leipzig sein.

Herr Krafl, der tschechische Stand bei der Leipziger Buchmesse ist diesmal größer als üblich. Warum?

„Ich halte dies für einen Vorgeschmack auf 2019, wenn Tschechien die Ehre hat, Gastland auf der Leipziger Buchmesse zu sein. Darüber freuen wir uns sehr, da die Tschechische Republik sehr lange über diese Idee nachgedacht und sich bemüht hat, diese Möglichkeit zu erhalten. Dies ist nun Realität geworden.“

Wie ist die Präsentation der Bücher konzipiert? Wird sie im kommenden Jahr breiter sein?

„Auf jeden Fall. Wir hatten in der Vergangenheit immer drei bis vier Autoren in Leipzig. Dieses Jahr sind zehn Autoren vor Ort. Acht von ihnen sind kuratiert. Das bedeutet, die Experten haben sich dazu entschieden, dass diese Autoren nach Leipzig kommen sollen. Ein Grund dafür ist, dass eines ihrer Bücher jüngst ins Deutsche übersetzt wurde – wie zum Beispiel bei Bianca Bellová mit ihrem Roman Jezero (auf Deutsch: Der See, Anm. d. Red.). Ein anderer ist, dass die Verleger und die literarischen Agenten uns gesagt haben, dass die Autoren das Potential hätten, anlässlich des Gastlandauftrittes im kommenden Jahr auf der Buchmesse zu sein.“

Tschechischer Stand (Foto: Markéta Kachlíková)Tschechischer Stand (Foto: Markéta Kachlíková) Die Autoren lesen hier vor Ort aus ihren Werken vor und debattieren darüber. Welche weiteren Informationen erhalten die Besucher an Ihrem Stand?

„Die Besucher können sich hier hinsetzen, nebenbei Kaffee oder Tee trinken und dann in den Büchern blättern. Das ist ja genau das, was die Menschen lieben, die sich für Literatur interessieren. Außerdem finden unsere Besucher am Tresen alle Informationen über die gegenwärtige tschechische Literatur, aktuelle Übersetzungen ins Deutsche und verschiedene Förderprogramme, wie man den Gastlandauftritt unterstützen kann.“

Bis zur nächsten Buchmesse erwartet uns hier in Deutschland noch ein tschechisches Kulturjahr. Welche Intention steckt hinter dieser Veranstaltungsreihe?

Leipziger Buchmesse (Foto: Markéta Kachlíková)Leipziger Buchmesse (Foto: Markéta Kachlíková) „Als wir mit Kollegen über den Gastlandauftritt nachgedacht haben, ist uns bewusst geworden, dass es schade wäre, sich nur auf die vier Tage zu beschränken. Und deshalb haben wir uns überlegt, diesen mit einem tschechischen Kulturjahr zu umrahmen. Das Jahr fängt im Oktober 2018 an und läuft bis Ende 2019. Es wird sehr bunt sein – von Musik über Buchkunst, Comics, Filmreihen und Debatten. Mich persönlich freut es sehr, dass dieses Kulturjahr nicht nur in Leipzig, sondern nach dem Gastlandauftritt auch in Österreich und in der Schweiz veranstaltet wird.“

Durch das „Tschechische Kulturjahr“ wolle man die tschechische Literatur dort stärker sichtbar machen, ergänzt Martin Krafl, der Koordinator des Gastauftritts bei der Leipziger Buchmesse 2019.

 

Jaroslav Rudiš (Mitte). Foto: Markéta KachlíkováJaroslav Rudiš (Mitte). Foto: Markéta Kachlíková Einer der tschechischen Autoren, der auf dem deutschen Büchermarkt bereits einen festen Platz hat, ist Jaroslav Rudiš. Er wurde bei der diesjährigen Buchmesse mit dem Preis der deutschen Literaturhäuser ausgezeichnet. Radio Prag hat den frischgebackenen Preisträger in der Glashalle der Leipziger Messe auf dem Weg von einer Live-Sendung für Radio Mefisto zum „Blauen Sofa“ des ZDF getroffen:

Herr Rudiš, Sie wurden anlässlich der Buchmesse mit dem Preis der deutschen Literaturhäuser ausgezeichnet. Es handelt sich nicht um den ersten Literaturpreis, den Sie in Deutschland bekommen haben. Welche Bedeutung hat dieser Preis für Sie?

„Das ist auf jeden Fall ein wunderbarer Preis. Ich musste sehr lange schweigen, weil ich davon bereits bei der Buchmesse in Frankfurt erfahren habe. Ich durfte das keinem sagen. Nur meine Verleger in Deutschland, in Österreich und in Tschechien wussten Bescheid. Ich habe mich riesig gefreut, weil ich der erste Preisträger bin, der nicht hauptsächlich auf Deutsch schreibt. Das ist ein Preis für deutschsprachige Autoren. Eigentlich tue ich es jetzt auch: Ich habe gerade zur Buchmesse einen kleinen Band mit Kurzprosa herausgebracht. Und mein neuer Roman entsteht auf Deutsch. Der soll hoffentlich nächstes Jahr zur Leipziger Buchmesse erscheinen.“

Jaroslav Rudiš (rechts). Foto: Markéta KachlíkováJaroslav Rudiš (rechts). Foto: Markéta Kachlíková Haben Sie für diese Prosa, die Sie auf Deutsch schreiben, auch ein deutsches Thema gefunden?

„Bei mir bleiben die Themen immer ähnlich oder gleich. Es geht immer um die Gegenwart, aber zugleich auch um die Vergangenheit Mitteleuropas. Ich lasse meine Helden in meinem neuen kleinen Prosa-Band mit dem Zug durch Mitteleuropa fahren. Dabei taucht immer wieder die Geschichte auf. Ich lasse die Protagonisten in die Sauna gehen und beim Bierchen in einer Kneipe irgendwo in Tschechien hocken. Aber es ist schon unterschiedlich vom Sound her: Auf Tschechisch hat mein Schreiben einen anderen Ton, eine andere Stimmung als auf Deutsch.“

Ist das für Sie anders, auf Deutsch zu schreiben?

„Klar. Es ist nicht meine Muttersprache. Aber es ist auch keine Fremdsprache mehr. Ich mag die Sprache sehr, ich liebe aber beide. Aber es ist nicht so kompliziert, wie ich dachte. Ich komme da ziemlich gut voran. Und es ist auf jeden Fall spannend.“

Leipziger Buchmesse (Foto: Markéta Kachlíková)Leipziger Buchmesse (Foto: Markéta Kachlíková) Zurück noch zu den Literaturhäusern. Wie wichtig sind sie für Ihre Karriere als Schriftsteller in Deutschland?

„Die Literaturhäuser sind ganz wichtige Orte für die deutschsprachige Literatur in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz. Ich würde mir sehr wünschen, dass wir auch mehrere solche Häuser in Tschechien haben, die viel über aktuelle Literatur vermitteln. Ich vermisse das. Auch in Tschechien hat sich da, meiner Meinung nach, da vieles bewegt. So werden zum Beispiel Übersetzungen tschechischer Literatur jetzt massiv gefördert, viel mehr als in den vergangenen Jahren. Es ist wahnsinnig wichtig, Literatur und Kultur zu fördern. Mich erstaunt oft, was in Deutschland, Österreich oder der Schweiz mit Tschechien verbunden wird. Das sind nicht nur Bier und Škoda-Autos, sondern auch die Kultur – Kafka und Hašek, Smetana und Dvořák. Man kann eigentlich mit ziemlich wenig Fördergeldern wahnsinnig viel erreichen.“

Ab Sonntag bis zum darauf folgenden Samstag können Sie abstimmen, welcher Song aus der Woche Ihnen am meisten gefallen hat. (mehr...)