Karlsbad: Festival für Filmemacher und für junges Publikum

Filmstars wie Uma Thurman, Casey Affleck und Jeremy Renner, der Regisseur Ken Loach und der Drehbuchautor Paul Laverty oder der Komponist James Newton Howard waren in Karlovy Vary dabei. Daneben wurden in diesem Jahr aber auch weniger populäre Filmberufe in den Fokus genommen. Das 52. Internationale Filmfestival in Karlsbad geht an diesem Wochenende zu Ende.

Foto: Eva TurečkováFoto: Eva Turečková „Ich möchte Filme anschauen, vor allem internationale Filme. Natürlich auch deutsche Filme oder Koproduktionen mit deutscher Beteiligung, um mich über die Filmlandschaft hier in Europa und in Osteuropa zu informieren.“

Soweit der Journalist Kay aus Potsdam. In Karlsbad war er in diesem Jahr nicht zum ersten Mal und mit dem Angebot war er zufrieden. Auch Karolína und Pavlína wollten sich Filme ansehen, mussten letztlich aber nach einer anderen Unterhaltung suchen:

„Wir haben uns schlecht vorbereitet. Wir sind heute gekommen und haben keine Eintrittskarten mehr bekommen. Wir sind sehr verärgert. Wir haben nicht gewusst, dass man die Karten im Voraus kaufen muss. Auch für morgen ist alles schon ausverkauft. Es tut uns leid. Wir sind hierher gefahren und wahrscheinlich werden wir keinen einzigen Film sehen.“

Burg Loket (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Burg Loket (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) Ein Besuch der nahe liegenden Burg Loket bietet sich als Ersatzprogramm an. Václavs Vorbereitung war besser:

„Ich habe mir bereits einige Filme aus dem Hauptwettbewerb ausgewählt. Außerdem möchte ich einige tschechische Filme sehen, die im letzten Jahr uraufgeführt wurden und die ich verpasst habe.“

Filmprofessionen im Fokus – Editorin Monika Willi

Von den Zuschauern nun zur anderen Seite der Leinwand, zu den Filmschaffenden. Und da geht es natürlich nicht nur um Schauspieler und Regisseure. Bewegte Bilder wären ohne Kameraleute, Bühnenbildner und Kostümdesigner, Schnitt- und Tonmeister nicht möglich. Darauf wollten die Organisatoren des Karlsbader Filmfestivals in diesem Jahr besonders aufmerksam machen. Monika Willi ist eine österreichische Film-Editorin. Sie ist für ihre Zusammenarbeit mit den Regisseuren Michael Glawogger, Barbara Albert und Michael Haneke bekannt. Radio Prag hat sie nach einer Podiumsdiskussion im Karlsbader Hotel Thermal vors Mikrophon gebeten:

Monika Willi (Foto: Markéta Kachlíková)Monika Willi (Foto: Markéta Kachlíková) Im Fokus der Debatte standen hier die Berufe, die nicht so sind beim Film wie zum Beispiel Schauspieler und die Regisseure. Sie vertreten hier die Schnittkünstler beziehungsweise Editoren. Wie würden Sie Ihre Arbeit beschreiben?

„Viele Editoren vergleichen ihre Arbeit gerne mit dem Schreiben. Ich denke, das stimmt nur sehr bedingt: Wir bekommen in den Schneideraum Sätze, Worte, Paragraphen, die uns erlauben, eine Geschichte zu erzählen. Und je nachdem, wie konzeptionell ein Film ist und wieviel vorher gearbeitet wurde, haben wir manchmal die Möglichkeit, wirklich etwas neu zu schreiben und neu zu erzählen. Wir sind die letzte Station. Dann geht es in die Tonbearbeitung, die auch extrem wichtig ist, aber geformt wird der Film im Schneideraum.“

Der Film wird dann aber als das Werk eines Regisseurs präsentiert. Wie sieht die Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur und dem Editor aus?

„Der Film wird in dem Schneideraum geformt.“

„Die Zusammenarbeit zwischen Regie und Schnitt ist je nach Regisseur und Editoren sehr unterschiedlich. Es gibt Regisseure, die wirklich vom ersten bis zum letzten Tag mit im Schneideraum sitzen. Es gibt aber ganz viele und immer mehr, die das nicht wollen oder aber nicht können. Manche Regisseure können nicht ausmustern. Sie haben die Geduld nicht, sich ein und denselben Take fünfzehn bis zwanzig Mal anzuschauen und dann einen auszuwählen. Solche Filmemacher brachen die Editoren dann wirklich, die das machen. Und andere können das sehr genau und sehr präzise. Natürlich ist es ein Handwerk. Man muss einfach wissen, wie man was schneiden kann. Man macht auch Vorschläge, wie man eine Szene rein handwerklich besser in Fokus bekommt, um die Geschichte besser zu erzählen.“

Michael Haneke (Foto: Manfred Werner, CC BY-SA 3.0)Michael Haneke (Foto: Manfred Werner, CC BY-SA 3.0) Was ist für Sie angenehmer? Mögen Sie mehr Freiheit, mehr Raum für Ihre eigenen Entscheidungen oder bevorzugen Sie es, wenn der Regisseur mit Ihnen immer wieder diskutiert und jedes Bild bespricht?

„Ich arbeite gerne an guten Filmen. Unser tägliches Glück hängt immer von der Qualität des Materials ab. Das heißt, ich arbeite sehr gerne mit Michael Haneke zusammen, was aber nur alle zwei drei Jahre passiert. Und dann arbeite ich gerne alleine mit dem Material. Das Schönste ist immer gutes Material, und dann bin ich mit allen Varianten glücklich.“

Welcher Typ von einem Regisseur ist Michael Haneke, vor allem in Bezug auf die Zusammenarbeit mit Ihnen?

„Michael Haneke ist eigentlich immer im Schneideraum. Außer zum Beispiel bei den Tonarbeiten, also etwa in dem Moment, wo es dokumentarisch wird und er Dinge aussuchen muss: Wir haben bei unseren Projekt im Nachhinein zwei Radiosendungen eingebaut. Da hat er es gerne, wenn ich das alleine vorbereite. Aber sonst ist er jemand, der – und ich kann das sehr gut nachvollziehen – einfach dabei sein will, wenn das, was er so ausgedacht hat entsteht.“

Sie haben sowohl Spielfilme als auch Dokumentarfilme geschnitten. Ist das Vorgehen dabei unterschiedlich?

„Michael Haneke ist eigentlich immer im Schneideraum.“

„Der Unterschied beim Schneiden von Dokumentar- und Spielfilmen ist sehr groß, weil man beim Dokumentarfilm vorab nicht weiß, was kommt. Mit Michael Glawogger war es oft so, dass sich durch das Schneiden an einer Episode ein weiterer Teil des Films entwickelt hat. Wir hatten so eine Arbeitsweise, dass er eine Episode gedreht hat und dann damit zu mir gekommen ist. Er hat beim Schneiden dann immer gesagt, dass er seine Lehren daraus gezogen hat. Er hat erst dann an dem Film weitergedreht.“

Michael Glawogger (Foto: Borislavkf, CC BY-SA 3.0)Michael Glawogger (Foto: Borislavkf, CC BY-SA 3.0) Sie sind auch mit einem eigenen Film zum Festival nach Karlsbad gekommen. Können Sie den Film ‘Untitled‘ kurz vorstellen?

„Michael Glawogger wollte mit seinem Kameramann und seinem Tonmann ein Jahr lang ohne ein Thema um die Welt fahren. Ohne die Last eines Themas, ohne zu sagen, ich muss das verfolgen. Eine wage Route, nur mit dem Auto. Er wollte seiner Intuition und seiner Neugierde folgen und das drehen, was er für wichtig erachtet. Michael ist nach vier Monaten und neunzehn Tagen in Liberia an Malaria gestorben, und ich war immer die geplante Editorin. Ich habe aus dem Material einen Film gemacht, und das Ergebnis ist ‚Untitled‘.“

Sind Sie zum ersten Mal in Karlsbad?

„Ja, leider. Weil wie immer, die Regisseure die Editoren nicht mitnehmen auf die Festivals. Jetzt reise ich mit dem eigenen Film als Ko-Regisseurin sehr viel. Und ich werde wiederkommen, es ist ja nicht so weit.“

Kleiner als Cannes, nicht so überlaufen wie die Berlinale

Martina Vacková (Foto: Markéta Kachlíková)Martina Vacková (Foto: Markéta Kachlíková) Die Filmpublizistin Martina Vacková hat das Programm die ganze Woche lang aufmerksam verfolgt. Viel gesprochen wurde in Karlsbad über den tschechischen Vertreter im Doku-Wettbewerb, das Filmporträt eines Neonazis, „Život podle Daliborka“ (auf Deutsch: „Das Leben nach dem kleinen Dalibor“) von Vít Klusák:

„Ich wundere mich nicht, dass über den Film viel gesprochen wird. Der Film hat meiner Meinung nach viele Fragen gestellt. Manche Antworten gibt der Film selbst, er ist aber sehr offen und fordert die Zuschauer auf, sich selbst ihre Meinung zu bilden. Und zwar zum Thema Intoleranz und Neonazismus. Die Hauptfigur ist ein Mensch, der sehr aggressiv ist in den sozialen Netzwerken, gegen Juden, Flüchtlinge und gegen Roma. Dann stellt der Zuschauer aber fest, dass er nur im Internet so radikal ist, in Wirklichkeit aber ein zerbrechlicher Mensch ist. Man fragt sich, ob dieser Mensch wirklich imstande wäre, jemanden zu verletzen. Der Film zeigt diese Ambivalenz sehr gut.“

„Svět podle Daliborka“ (Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary)„Svět podle Daliborka“ (Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary) Doch durch die Zerbrechlichkeit lasse sich Dalibors Handeln im Internet nicht entschuldigen, betont Vacková. Er trage volle Verantwortung dafür und die Gesellschaft müsse sich dessen bewusst sein.

Gemeinsame Züge beziehungsweise Themen in den Wettbewerbsfilmen zu suchen, hält die Filmpublizistin für schwierig:

„Es ist interessant zu sehen, was für eine Welt die Filme etwa bei der Berlinale und in Cannes zeigen. Worauf reagieren die Regisseure bereits, und worauf noch nicht? Die Migrationskrise bewegt heute die Welt und sie verändert sich dadurch: Noch vor einem Jahr hätte kaum jemand geglaubt, dass Donald Trump Präsident wird, dass Europa in Folge des Brexits langsam zerfallen wird. Die Filmschaffenden suchen nach Wegen, sich mit diesen schwierigen Themen auseinanderzusetzen. Zum Beispiel das Festival in Berlin, das immer sehr politisch ist, reflektiert immer irgendwie solche Themen. Im Unterschied dazu war Cannes etwas zurückhaltender. Als ob die Filmemacher nicht ganz genau wüssten, wie sich damit auseinandersetzen sollten. Sie bevorzugen einfache Stories, suchen nach Sicherheiten in den Themen wie die Familie oder die zwischenmenschlichen Beziehungen. Und auch die Filme in Karlsbad, die ich bisher gesehen habe, entsprechen dieser Tendenz.“

Foto: Eva TurečkováFoto: Eva Turečková Der deutsche Journalist Kay Grimmer weiß zu schätzen, dass Karlsbad ein eher kleines, aber durchaus bedeutendes Festival sei.

„Es ist ja in der A-Liga der Filmfestivals in Europa. Allerdings nicht so groß wie Cannes, nicht so überlaufen wie die Berlinale. Man trifft sich viel mehr, man kann viel mehr mit Menschen kommunizieren. Auch mit solchen, die primär nichts mit dem Film zu tun haben, aber gerne Filme schauen. Es ist ein Publikumsfestival, und demzufolge ist auch ein viel intensiverer Austausch zwischen den Leuten möglich. Und Karlsbad ist letztendlich eine schöne Stadt.“