Kultursalon Josef Hofbauer und „Der Marsch ins Chaos“. Ein Roman über den Ersten Weltkrieg von einem Arbeiterschriftsteller aus Teplitz
Die deutsche Sozialdemokratie in der ersten Tschechoslowakischen Republik ist ein Thema, dass in jüngster Zeit häufiger von Historikern aufgegriffen wurde. Unter ihnen gab es auch einige talentierte Schriftsteller und Literaten. Die so genannten Arbeiterschriftsteller sind aber häufig in Vergessenheit geraten. Deswegen wollen wir ihnen heute einen dieser Schriftsteller vorstellen, dessen erstes Buch zu den bekanntesten österreichischen Anti-Kriegs-Romanen gehörte.
Josef Hofbauer
Nach der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien ziehen 1914 die
Völker der Donaumonarchie in einen blutigen Krieg. Dabei gelten die
österreichischen Deutschen als besonders loyal und patriotisch gegenüber
dem Staat und den Habsburgern. Josef Hofbauer, ein sozialdemokratischer
Redakteur, hat die Grauen dieses Krieges in seinem Buch „Der Marsch ins
Chaos“ beschrieben und damit den erfolgreichsten Anti-Kriegs-Roman
Österreichs in Zwischenkriegszeit verfasst. Hofbauer berichtet aber nicht
nur über die Schlachten, sondern auch über die Besonderheiten des
Vielvölkerstaates im Krieg:
„Wenn`s die Zeitungen schreiben, daß das eine deitsche Krieg is – was gehte dann mich an? Aber du weißt, daß ich kein Behm bin, sondern Wiener, Tscheche, aber Wiener. Da bist doch eher du ein Behm, weil du wohnst in Behmen…“ „Weil ich fünf Jahre in Komotau als Beamter leb´, bin ich noch lange kein Böhm. Du weißt doch, daß man unter einem Böhm nicht einen Menschen aus Böhmen versteht, sondern einen Tschechen! Das wär noch schöner, wenn wir uns mit euch verwechseln lassen sollten! Wir Deutschen wissen wenigstens noch, was Treue ist …! „Wenn ein Deutschböhm und ein Böhm zusammenkommen, müssen sie streiten!“ Zornig mengte sich ein anderer ins Gespräch. „Und dabei bist du doch nur ein gelernter Deutschböhm, Dorniger – bist doch erst fünf Jahre fort von Wien!“
Thomas Oellermann
Als gelernten Deutschböhmen lässt sich auch Josef Hofbauer, der Autor
der eben gehörten Zeilen, charakterisieren. Der Historiker Thomas
Oellermann vom Collegium Bohemicum forscht zur Geschichte der deutschen
Arbeiterbewegung in der Ersten Tschechoslowakischen Republik und weiß mehr
über Hofbauer:
„Josef Hofbauer wurde 1886 in Wien geboren. Er kam dort schon in jungen Jahren mit der Arbeiterbewegung in Kontakt und engagierte sich dort. Im Jahr 1910 wurde er von Josef Seliger nach Teplitz in Böhmen geschickt. Er hatte ein journalistisch-schriftstellerisches Talent und sollte dort in der Redaktion der sozialdemokratischen Zeitung „Freiheit“ arbeiten. Unterbrochen wurde seine Tätigkeit bei der „Freiheit“ durch den Ersten Weltkrieg, an dem er als Soldat teilnahm. Seine Erfahrungen notierte er in einem Kriegstagebuch.“
Seine Erfahrungen und Aufzeichnungen bildeten die Grundlage für sein Buch. Immer wieder schildert er den Krieg in seiner ganzen Grausamkeit und Menschenverachtung:
„Wildes, donnerndes Krachen, das den Steinboden erschüttert, reißt die Schlafenden auf, wirft sie in die Höhe. Schlag auf Schlag. Zischen und Heulen in den Lüften. Steine, große Blöcke und kleinere Stücke, Metalltrümmer, Erde stürzen polternd nieder. Feuer spritzt im Graben auf, sprüht nach allen Seiten – dunkle Springquellen wirbeln empor, sinken zusammen, sinken in neu aufbrennende Flammenstrahlen. Schlag auf Schlag – hundert krachende Schläge zu gleicher Zeit – ein gigantischer Hammer zertrümmert den Monte San Michele und die Gänge und Höhlen, die winzigen Menschlein in seinen Leib geritzt, zerstampft mit den Gräben die Menschlein, die sie in vielwochenlanger Arbeit gebaut.“
Tomáš G. Masaryk
Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte Hofbauer zunächst einmal nach Teplitz in
die Redaktion der „Freiheit“ zurück. Mitte der 1920er Jahre wechselte
er aber nach Prag und begann für die Tageszeitung „Sozialdemokrat“ zu
schreiben. Er hat dann auch seinen kritischen Roman über den Krieg fertig
gestellt und entfaltete eine große schriftstellerische Tätigkeit, er
verfasste weit über 100 Gedichte, von denen leider nur ein kleiner Teil
veröffentlicht wurde. Im Jahr 1938 erschien „Der große alte Mann. Ein
Masaryk-Buch“. Darin schreibt er aus Sicht der sozialdemokratischen
Deutschen über den ersten Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik,
Tomáš G. Masaryk. Im selben Jahr musste Hofbauer, als Gegner der
Nationalsozialisten, nach Schweden flüchten. Ihm drohte nicht nur als
Sozialdemokrat, sondern auch als Schriftsteller die Verfolgung, wie der
Historiker Oellermann erklärt:
„Sein zentrales Werk ist der ´Marsch ins Chaos´. Es erschien 1929 in
Wien und ist ein Anti-Kriegs-Roman, der sicherlich auch durch die eigenen
Kriegserfahrungen motiviert war. ´Der Marsch ins Chaos´ ist ein Buch, das
ganz klar die Schrecken des Krieges aus der Perspektive eines jungen
Soldaten zeigt. Daher hat es durchaus Parallelen zu Erich Maria Remarques
´Im Westen nichts Neues´. Diese literarische Darstellung des Krieges hat
natürlich den Nationalsozialisten nicht gefallen und deswegen war Josef
Hofbauer ab 1933 in Deutschland verboten und seine Bücher wurden
verbrannt.“
Die Nazis verachteten den realistischen Stil, den Autoren wie Remarque und auch Hofbauer nutzten, um die tagtäglichen Grausamkeiten und Sinnlosigkeiten des Krieges zu beschreiben. Ihrer Meinung nach war der Krieg eine Schmiede, in der Helden geformt wurden – kein Chaos aus Angst und Blut, in das sich Menschen verirrt hatten.
Chomutov / Komotau nach dem Ersten Weltkrieg
Der Held in Hofbauers Roman ist der Landsturmsoldat Dorniger. Im
Zivilberuf ist er Buchhalter, geboren in Wien und in Anstellung in Komotau
/ Chomutov. Er ist Mitglied im deutschen nationalen Turnverein und
zunächst enttäuscht, dass er nicht direkt zu Kriegsbeginn eingezogen
wird. Später, als er die ersten Verwundeten nach Hause kommen sieht und in
der dritten Nachmusterung nun doch noch einrücken muss, ist seine
Begeisterung bereits deutlich gedämpft. Der Leser folgt dem etwas biederen
Landstürmer in einen grausamen Krieg, in dem er mehrmals verletzt wird.
Als er einmal Heimurlaub über Weihnachten bekommt, erkennt ihn sein Sohn
nicht mehr wieder. Dorniger ist desillusioniert und will nichts mehr mit
dem Krieg und dem nationalistischen Gerede seiner Kameraden aus dem
Turnverein zu tun haben:
„Wir Deutsche haben an allen Fronten gezeigt, dass wir alleine verlässlich sind – wir sind die Stützen der Monarchie. Solche Treue verdient ihren Lohn. Ich kann dir sagen, dass sich Großes vorbereitet. Eine Begehrschrift soll ausgearbeitet werden – die berechtigten Forderungen des deutschen Volkes zusammenfassend – innere deutsche Amtssprache, engster Anschluß an Deutschland – nur Deutsche dürfen, weil alleine verlässlich, Zugang zu den höheren Staatsposten finden – deutsche Treue muss belohnt werden – darauf kommt jetzt alles an – „Hast du jetzt endlich ausgeschwätzt, ja? Dann sag ich dir, dass ihr heut´ abends schön allein saufen und politisieren könnt, ihr alten Esel. Sonst habt ihr keine Sorgen, als die innere deutsche Amtssprache – und das Durchhalten? Geh´ doch in die Gräben – frag doch die Soldaten, was sie von der inneren Amtssprache halten! Leckmiamarsch werden s´ dir antworten!“
Österreichische Soldaten im Ersten Weltkrieg
Nach seinem Urlaub versucht Dorniger zunächst, in der Etappe in Graz zu
bleiben, wo er den unbeschreiblichen Hunger der Zivilbevölkerung erlebt.
Er wird dann aber schließlich doch wieder an die Front versetzt. Auf dem
Weg dorthin erlebt er den wachsenden Ungehorsam der Soldaten und das
Auseinanderbrechen des Vielvölkerstaats. Die Front erreicht das Bataillon
am Ende gar nicht mehr, alles verliert sich in Auflösung, Front, wie auch
Monarchie. Dorniger kehrt zurück und ist auf einmal Bürger der neu
entstandenen Tschechoslowakei. Dies ist eine deutliche Parallele zum Leben
Josef Hofbauers, der nach dem Krieg ebenfalls Bürger des neuen Staates
wird.
Konrad Henlein
In der neuen Tschechoslowakei kommt es zu Spannungen zwischen der
deutschen Bevölkerung und den Tschechen, die in den 1930er Jahren zum
Aufstieg von Konrad Henleins Sudetendeutscher Partei führen. Ihren extrem
nationalistischen Standpunkt bekämpfen die Sozialdemokraten, wie einer
ihrer Sprecher auf einer großen Veranstaltung deutlich machte:
„Wir lehnen die faschistische Totalität ab und geben unserer Überzeugung Ausdruck, dass für den Arbeiter nationale Freiheit ohne politische Freiheit wertlos ist.“
Trotz der Bereitschaft der Deutschen Sozialdemokraten und anderer Antifaschisten, die Freiheit der Tschechoslowakei notfalls mit der Waffe zu verteidigen, war der Druck der Nationalisten übermächtig. Nachdem die deutschsprachigen Gebiete der Tschechoslowakei im Jahr 1938 dem Deutschen Reich zugeschlagen wurden, musste Josef Hofbauer gemeinsam mit vielen anderen deutschen Sozialdemokraten nach Schweden emigrieren. Sie siedelten sich in Südschweden an, in und um Malmö. Seine Nachfahren leben noch heute dort. Sein Enkel, Harry Hofbauer versucht, den Großvater zu charakterisieren:
Harry Hofbauer und Peter Hofbauer vor der ehemaligen Redaktion der Zeitung „Freiheit“ in Teplitz
„Er ist ja schon 1948 gestorben, noch vor meiner Geburt. Ich habe ihn
also nie getroffen und meine Oma und mein Vater haben wenig über ihn
erzählt. Ich hatte im Nachlass alles was er geschrieben hat, und habe
stundenlang, manchmal nächtelang diese Sachen gelesen, um herauszufinden,
wer er eigentlich war. Nachdem ich alles gelesen hatte war mein Bild von
ihm, dass er zuallererst einmal ein Philosoph und ein Denker war.“
Im Sommer 2011 kamen seine Nachkommen, Harry Hofbauer und sein Bruder Peter nach Nordböhmen. Sie besuchten Teplitz, die Stadt, in der ihr Großvater den Großteil seines Lebens verbracht hatte und natürlich auch die meisten seiner Werke verfasst hatte. Harry Hofbauer erklärt, was Teplitz für ihren Großvater bedeutet hat:
„Er war in Wien geboren und aufgewachsen, aber er ist mit 23 oder 24 nach Böhmen gekommen, nach Teplitz. Und da hat er sich verliebt. In das Land und in seine zukünftige Frau, meine Großmutter. Ich würde sagen, das war seine Heimat. Das lässt sich auch aus seinen Schriften herauslesen, Böhmen war seine Heimat.“
Teplice / Teplitz
Auch der Held aus Hofbauers Roman, Dorniger lebt in Böhmen, in Komotau.
Im Gegensatz zu Erich Maria Remarque zeigt Hofbauer am Ende seines Romans
die Tragik dieser Kriegsgeneration: War Dorniger im Heimaturlaub damals
noch ein verzweifelter und mutiger Gegner des Krieges und des deutschen
Überlegenheitsgefühls, steht er nun im heimischen Komotau bei der
Morgenrasur vor dem Spiegel und bewundert seine Narbe im Gesicht. Dabei
verklärt sich seine Haltung zum Krieg und er träumt von einer richtigen,
deutschen Stadt:
„Diese Wunde ist wertvoller als eine, die man auf der Mensur davongetragen hat. Diese Wunde beweist, dass ich auch mit dabei war, dass ich kein armseliger Hinterlandsheld gewesen bin.“ Zufrieden betrachtet Herr Dorniger sein Spiegelbild. Noch immer ein staatlicher Mann. Trotz allem schlimmen Erleben. Vielleicht gerade wegen dieses Erlebens! Das hat stark gemacht, dieses Leben an der Front! Die Front! Wie lustig war es doch manchmal in den Baracken in Graz! Eine schöne Stadt, sehr schön und so gemütlich! Und eine deutsche Stadt! Eine gute deutsche Stadt!“
Wenzel Jaksch
Bei ihrer Reise nach Nordböhmen hat die Familie Hofbauer auch den
Nachlass ihres Großvaters mitgebracht. Dieser Nachlass wurde dem Collegium
Bohemicum übergeben und wird nun dort der Forschung zur Verfügung stehen.
Thomas Oellermann:
„Das übergebene Material ist für das Collegium Bohemicum natürlich von großem Interesse. Es bietet eine interessante Perspektive, die Perspektive eines Emigranten in Schweden auf die Ereignisse während des zweiten Weltkriegs und auf die Dinge, die sich in London zwischen Beneš und Jaksch abspielten. Darüber hinaus finden sich viele, bisher nicht veröffentlichte Manuskripte von Josef Hofbauer, wir überlegen bereits im Collegium Bohemicum mit welchen Projekten wir dem Nachlass und dem Werk von Josef Hofbauer gerecht werden können.“
Auf weitere Forschung und neue Erkenntnisse hofft auch Josef Hofbauers
Enkel Harry. Das Material, dass lange nur der Familie zugänglich war, soll
nun der Forschung zur Verfügung gestellt werden – auch, um einen Beitrag
zur Versöhnung beider Völker zu leisten.
„Da liegen so unglaublich viele Materialien, sogar ein paar unveröffentlichte maschinengeschriebene Manuskripte. Wenn Forscher sich damit beschäftigen wollen und vielleicht herausfinden können, wer er war und wie er gedacht hat, auch wer er als Mensch war. Ich weiß es nicht, die Familie weiß es nicht, aber es wäre sehr interessant, mehr darüber zu wissen. Nicht nur für die Familie, sondern auf für die Sudetendeutschen und interessierte, deutschsprachige Tschechen.“
Sollten Sie nun Interesse an Josef Hofbauer und seinem Buch „Der Marsch ins Chaos“ haben, werden sie auf Antiquariate zurückgreifen müssen. Das Buch ist nämlich nie in einer Neuauflage erschienen. Auch Thomas Oellermann vom Collegium Bohemicum bedauert dies, sieht hier aber auch direkt die Möglichkeit eines ersten Projekts:
„Das Buch existiert nur noch antiquarisch. Aber auch in den Antiquariaten, im freien Handel sind nur noch einige Exemplare zu erwerben. Eigentlich scheint es geboten, das Buch, vielleicht zum 100-jährigen Jubiläum des Ersten Weltkriegs, erneut herauszugeben.“





