Kultursalon "Inseln des Widerstands": Bilanz der tschechischen bildenden Kunst 1985 – 2012
„Ostrovy odporu – Inseln des Widerstandes“. Unter diesem Titel findet derzeit eine Ausstellung in der Nationalgalerie in Prag statt. Sie soll eine Bilanz der tschechischen bildenden Kunst in den letzten 25 Jahren vorlegen. Mit Inseln sind verschiedene Gruppen und Strömungen gemeint, die es in der zeitgenössischen künstlerischen Szene nebeneinander gab und weiterhin gibt. Ihr Widerstand richtet sich gegen Uniformität, gegen Konventionen und gegen Langweile. Radio Prag hat über die Ausstellung mit ihren Kuratoren, Jana und Jiří Ševčík gesprochen.
Foto: ČT 24
Die Ausstellung in der Nationalgalerie in Prag entstand während einer
fünfjährigen Forschungstätigkeit an der Akademie der bildenden Künste
in Prag. Das Ehepaar Jana und Jiří Ševčík sowie Edith Jeřábková
sind die Kuratoren des Projektes. Die Exposition setzt Mitte der 80er Jahre
des 20. Jahrhunderts ein, also in einer Zeit, in der sich die Postmoderne
hierzulande zu Wort gemeldet hat. Dazu hat man Bilder ausgewählt – denn
das wichtigste Medium war damals das Bild –, die auf eine möglichst
reife, fertige, definitive Art die Wandlung der Kunst repräsentieren. Ende
der 80er Jahre waren Vertreter der neuen, postmodernen Welle, David,
Diviš, Císařovský, Merta, Kokolja, Střížek usw. imstande, Bilder zu
schaffen, die auch im internationalen Vergleich bestehen konnten und eine
eindeutig artikulierte Konzeption vorlegten, wie der Kurator,
Kunsthistoriker und –theoretiker Jiří Ševčík betont:
Jiří Ševčík (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Mitte der 1980er Jahre kam es in Tschechien zu einer großen Wandlung,
die in der Welt ein bisschen früher stattgefunden hatte. Es entstand eine
erste Generation, die nicht nur Kritik an der Moderne, am Modernismus
äußerte, sondern auch mit der inoffiziellen Kunst ins Gericht ging, jene
Kunst also, die bei uns nur am Rande und in alternativen Räumen
ausgestellt werden konnte. Die jungen Leute haben diese beiden wichtigen
Kritiken artikuliert und haben ein neues Bild, eine neue Ästhetik
geschaffen. Nach ihnen, in den 1990er Jahren und besonders nach der
Jahrtausendwende entstanden neue Gruppen von Künstlern. Wir sprechen von
der Konstellation von Inseln, wobei mehrere verschiedene Formate,
verschiedene Methoden, verschiedene Modelle der Kunst gepflegt wurden.
Wichtig ist zum Beispiel die diagrammatische Denkweise, die Nutzung von
soziologischen und wissenschaftlichen Methoden, Dokumentarismus oder die
Darstellung von einfachen, sozusagen prosaischen Verhältnissen und
Situationen der Welt.“
Foto: ČT 24
Besonders das Letztgenannte ist für die Gruppe Pondělí (Der Montag)
kennzeichnend, ergänzt Jana Ševčíková:
„Sie beschäftigt sich mit ganz gewöhnlichen Sachen, denen man im Leben begegnet und die man nicht als bedeutend und als Kunst betrachtet. Es ist ein Spiel mit der Realität, die den Menschen zurück zum ihm selbst führt, weg von den Illusionen und Vorstellungen von großer Kunst, zurück in das alltägliche Leben.“
Foto: ČT 24
Der Untertitel der Ausstellung lautet „Zwischen der ersten und der
zweiten Modernität“. Jiří Ševčík erklärt, was dies bedeutet:
„Diese neue Moderne, man sagt auch Alter-Moderne. Die Soziologen bezeichnen sie auch als reflexive Moderne. Es ist eine Moderne, die gerade nach jener postmodernen Umwandlung kam. Die ursprüngliche Moderne mit ihren utopischen Projekten brach zusammen und wurde stark kritisiert. Die neue Moderne hat die Tradition, die klassische Moderne, die sozusagen die Antike des 20. Jahrhunderts darstellt, nicht verlassen. Aber wenn man versucht, diese Linie wiederzubeleben, erhält sie einen ganz neuen Inhalt. Die sozialen Projekte der ursprünglichen Moderne lassen sich nicht mehr wiederbeleben. Man kann aber mit der Sprache der Moderne arbeiten. Diese Verschiebung ist sehr wichtig. Es ließ sich bald erkennen, wie weit die Kunst von der ersten beziehungsweise klassischen oder utopischen Moderne fortgeschritten ist.“
Foto: ČT 24
Die Ausstellung in der Nationalgalerie dokumentiert auch Expositionen, die
in den vergangenen Jahrzehnten veranstaltet wurden und die Entwicklung der
bildenden Kunst wesentlich prägten. Und das, obwohl sie in kleinen
Galerien und Kulturzentren am Rande Prags stattgefunden haben. Die
Künstler haben nicht nur ihre Werke vorgestellt, sondern waren
gleichzeitig auch als Organisatoren und Zuschauer dabei. Die Ausstellung
„Inseln des Widerstands“ ist chronologisch aufgebaut, will aber
trotzdem keinen historischen Überblick bieten. Jana Ševčíková:
Jana Ševčíková (Foto: Tschechisches Fernsehen)
„Das Problem besteht darin, dass man immer die Vorstellung von einer
universalen Wahrheit oder Idee in der Kunst vor Augen hat. In diesem Fall
gelingt es aber nicht, diese zu finden. Genauso wie in der Welt, gibt es da
eine Reihe von fragmentarischen Aussagen, seien es soziale oder rein
ästhetische. Und aus dieser Mehrheit der Ausdrucksmittel ergeben sich
Inseln, die sich bemühen, sich in keiner eindeutigen Aussage zu
verschließen. Wenn die Zeit kommt, also wenn die Lage in der Welt stabiler
wird – weil diese Kunst ja auch die politische Lage in unserem Land und
in der Welt wiedergibt – wird die Kunst anders aussehen.“
Foto: ČT 24
„Wir kennen die Szene ganz gut und versuchen, die Leute zu
präsentieren, die genau die eine neue Idee gehabt haben, also jene Leute,
die eine prägende Wirkung hatten. Das bedeutet, sie haben die Kunst in den
letzten Jahren geändert, transformiert und waren auch imstande, dies in
ihrem eigenen Vokabular, in ihrer eigenen Liste von Begriffen und
Metaphern, auszusprechen. Diese Metaphern rahmen die Strategien der
Künstler ein. Zu diesen Metaphern zählen die Archipele, aber auch etwa
das Archiv. Das Archiv als Symbol für die Tätigkeit, die nach den letzten
Überresten der Realität, nach der verlorenen Realität sucht. Aber auch
etwa das Fehlen der Mitte, ein leerer Platz im Zentrum. Wie etwa in einer
exzellenten Filmarbeit des leider verstorbenen jungen Künstlers Jan
Mančuška.“
Foto: ČT 24
Das Gemälde war in den 80er Jahren noch das wichtigste Kunstmedium. Doch
inzwischen hat sich die Lage geändert, sagt Kunsthistoriker Ševčík:
„Je näher wir der Gegenwart kommen, desto kältere Medien dominieren, also Photographie, Film, Projektion und auch die erwähnte soziologische, wissenschaftliche Methodologie. Die Erforschung der Gesellschaft wird in verschiedenen Schichten dokumentiert. Die Ausstellung beginnt also mit der Malerei und geht über Installationen und Objekte bis zum Film und zur Photographie.“
Foto: ČT 24
Ungefähr 200 Werke werden präsentiert. Sie stammen nicht nur aus dem
Besitz der Nationalgalerie, sondern auch aus anderen Galerien Tschechiens
und aus Privatsammlungen. Mehrere Werke wurden vor mehr als zwanzig Jahren
im Ausland ausgestellt und konnten erst jetzt nach Tschechien
zurückgebracht und dem Inlandspublikum gezeigt werden. Die
unterschiedlichen Werke wurden von etwa siebzig Künstlern und
Künstlergruppen geschaffen.
„Die Gruppenbewegung, also die Gruppen Rafani, Guma Guar, Ládví, Pas und andere, sie ist ein wichtiges Format. Kennzeichnend dafür sind Interventionen in das soziale Leben und in die Gesellschaft.“
Tomáš Císařovský: Wie ein Gefangener in Russland
Die Kuratoren betonen, sie haben keine historische Ausstellung gemacht,
sondern sind wichtigen Problemebereiche nachgegangen. Einige der Künstler
werden auf der Ausstellung aber doch mehrmals präsentiert. Jiří
Ševčík:
„Wir verfolgen ganz bewusst einige Persönlichkeiten, die imstande sind, Stile durchgehend, in verschiedenen Etappen zu prägen und darin wirksam zu sein. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Jiří Kovanda, Jiří David und Vladimír Skrepl. Sie sind wichtige Künstler, die auch als Lehrer an Akademien tätig sind und auch für die jüngere Generation immer noch aktuell sind. Sie können die Szene mit neuen Ideen aufladen. Die Besucher können das selbst erkennen, wenn diese Personen in verschiedenen Phasen der Ausstellung erscheinen.“
Petr Pastrňák: Ohne Namen
Die Ausstellung im Messepalast der Nationalgalerie in Prag-Holešovice ist
noch bis zum 1. Juli geöffnet. Zur Ausstellung wurde eine umfangreiche
Anthologie von Texten von Kunsthistorikern, Kritikern, Philosophen und
Soziologen veröffentlicht, die die Zeit der letzten 25 Jahre
dokumentieren. Geplant ist auch die Ausgabe eines Ausstellungskatalogs.





