Gebäude mit Geschichte - Das architektonische Erbe der Deutschböhmen

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Vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert hinein galt Böhmen als einer der kulturellen „Schmelztiegel“ in Mitteleuropa. Dass das Zusammenleben der verschiedenen Kulturen nicht immer reibungslos verlief, allen voran zwischen Deutschen und Tschechen, ist gemeinhin bekannt. Weit weniger bekannt ist jedoch, wie sich diese Spannungen vor allem in der architektonischen Landschaft Böhmens äußern. Die Ausstellung „Ein fremdes Haus – Architektur der Deutschböhmen 1848 - 1891“ liefert nun interessante Einblicke in die Thematik. Zu sehen ist die Schau in der Prager Galerie UM, also der kunstgewerblichen Hochschule.

Věra Laštovičková  (Foto: Archiv der kunstgewerblichen Hochschule in Prag)
Im Fokus der Ausstellung steht mit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Phase, in der sich sowohl die deutsche als auch die tschechische Bevölkerung Böhmens auf der Suche nach einer kollektiven Identität befinden. Die Nationalisierungsprozesse fanden auch ihren politischen Ausdruck. Maßnahmen wie die Stremayr‘sche Sprachverordnungen sorgten damals wie heute für reichlich Zündstoff. Die Tendenzen zur Nationalisierung lassen sich rückblickend aber nicht an einem bestimmten Ereignis festmachen. Věra Laštovičková hat die Ausstellung kuratiert:

„Dieser Prozess begann im Rahmen des viel umfassenderen Prozesses des sogenannten Nationalen Erwachens, der Abgrenzung zwischen Tschechen und Deutschen im 19. Jahrhundert. Das ist ein allgemeiner europäischer Prozess, der mit dem Ende des Feudalismus zusammenhängt. Daran ist überhaupt nichts Schlechtes, aber je mehr Selbstbewusstsein die Tschechen entwickelten, desto mehr fanden sich die Deutschen allmählich in der zweiten Reihe wieder.“

Stephan Tragl: Gemeindehaus und Turnhalle in Prag
Ziel der Ausstellung ist es aber vor allem, das Augenmerk auf die Wegmarken zu legen, die im wahrsten Sinne des Wortes am greifbarsten sind, deren Bedeutung über lange Zeit aber mit Nichtachtung gestraft war: Die Architektur.

„Wir haben hier in der Ausstellung alle Typen von Gebäuden, aber wir haben uns speziell auf die Gebäude konzentriert, die irgendwie mit der deutschen, nationalen Identität zusammenhängen. Wir finden hier zum Beispiel Rathäuser von deutschen Städten, Turnhallen der deutschen Turnerbewegung sowie evangelische Kirchen. Der Protestantismus wurde im 19. Jahrhundert als typische deutsche Religion angesehen. Hauptsächlich finden sich hier deutsche Gemeinschaftshäuser, deutsche Casinos und deutsche Theater.“

Das Anliegen der Ausstellung ist dabei aufzuzeigen, dass Architektur mithin immer auch als Ausdruck von gesellschaftlichen Transformationsprozessen verstanden werden muss. Um das Nationalbewusstsein zu beschwören griffen sowohl deutsche als auch tschechische Architekten häufig auf die Baustile vergangener Epochen zurück. Diese Baustile wurden dann oft auf verschiedene Art und Weise kombiniert. Dies geschah allerdings nicht zwingend im Sinne einer Weiterführung von architektonischen Traditionen, sodass sich die Architektur jener Zeit bestimmten Kategorien entzieht. Věra Laštovičková:

Gebäude an der Ringstraße in Wien  (Foto: Gugerell,  Wikimedia CC0 1.0)
„Es handelt sich nicht um historisierende Stile wie ansonsten im 19. Jahrhundert üblich. Damals verwies der Stil auf die Identität des Gebäudes. Dies hatte sich schon während des vorangegangenen Jahrhunderts herauskristallisiert – im theoretischen Unterbau, wie Architektur und die Welt um uns herum wahrgenommen wurden. Die Leute damals waren es gewohnt, dass jeder Gebäudestil ihnen etwas sagte. Allgemein herrschte die italienisierende Neorenaissance vor, sie war in Mitteleuropa der am meisten verbreitete Stil. In diesem Stil wurden auch die Gebäude an der Ringstraße in Wien gestaltet. Und schrittweise wurde die Hinwendung zur deutschen Neorenaissance immer deutlicher.“

Josef Schulz
Mitte des 19. Jahrhunderts war es noch weitestgehend egal, ob das Tschechische Nationaltheater von einem deutschen Architekten gebaut wurde oder Rathäuser in deutschen Städten von tschechischen Architekten. Doch spätestens mit der gescheiterten Landesausstellung im Jahre 1891war der Punkt erreicht, an dem man auch im Hinblick auf die Architektur von zwei böhmischen Parallelgesellschaften sprechen kann. Laut Věra Laštovičková lässt sich diese deutsch-tschechische Distanz in der Architektenzunft aber nicht so klar ausmachen:

„In manchen Fällen ist es sehr schwer herauszufinden, welche nationale Zugehörigkeit ein konkreter Architekt hatte. Es dauerte teilweise lange, bis sich die Architekten für die Zugehörigkeit zu einer ethnischen Gemeinschaft entschlossen. Die Erbauer des Nationaltheaters, Josef Zítek und Josef Schulz, schrieben einander Briefe in Deutsch und verfassten auch ihre Entwürfe in dieser Sprache. Nicht die Sprache, die sie nutzten, ist das wichtigste Kriterium. Denn auch die meisten tschechischen Architekten im 19. Jahrhundert sprachen Deutsch. Entscheidend ist viel eher, zu welcher Nationalität sie sich bekannten und wie sie von den anderen gesehen wurden.“

Staatsoper in Prag  (Foto: Oleg Fetisow)
Zu den bekanntesten und gleichzeitig am besten erhaltenen Gebäuden jener Zeit, gehört zweifelsohne das damals deutsche Theater bzw. die heutige tschechische Staatsoper in Prag. Weitere Beispiele für deutschböhmische Architektur finden sich aber auch im von Industrie und Kurbadwesen geprägten Norden und Westen Böhmens. Weil viele Gebäude später neue tschechische Namen erhielten, sind die deutschen Ursprünge dort oft kaum zu erkennen. Die Ausstellung zeigt daneben auch zahllose Baupläne und Fotomaterial von Gebäuden, die entweder nie realisiert wurden oder heute nicht mehr existieren:

„Vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg wurden besonders evangelische Kirchen zerstört und Synagogen, die nun keine Nutzung mehr fanden. Im Fall der Kirchen hatte dies aber auch einen stark ideologischen Hintergrund. Noch heute wird die Pflege von vielen dieser Gebäude vernachlässigt, so dass ihre Eigner diese abreißen müssen. Derzeit droht der Abriss zum Beispiel der alten Turnhalle in Jablonec. Vor einigen Jahren ereilte dieses Schicksal schon den großen Schulkomplex Rudolfinum in Cheb, den ein Wiener Architekt erbaut hatte und der bereits deutliche Zeichen der Zerstörung aufwies. Die Zeyer-Villa in Prag, die vielleicht einige Besucher kennen, ist mittlerweile auch in einem schlechten Zustand.“

Jindřich Vybíral  (Foto: Archiv der kunstgewerblichen Hochschule in Prag)
Mehr oder weniger parallel zu der mitunter schwergängigen Aufarbeitung der gemeinsamen Vergangenheit von Deutschen und Tschechen in den böhmischen Ländern lag auch das Forschungsfeld lange Zeit brach. Věra Laštovičková und ihr Doktorvater Jindřich Vybíral gehören nun zu den ersten, die gezielt darüber forschen und ihren Beitrag dazu leisten, dass das Thema Schritt für Schritt ein Gegenstand akademischen und öffentlichen Interesses wird.

„Noch bis vor kurzem hat sich auch der Denkmalschutz nicht sonderlich um die Gebäude aus dem 19. und 20. Jahrhundert gekümmert. Die Aufmerksamkeit gehörte vor allem früheren Epochen. Erst in den letzten Jahren ändert sich das. Die deutsche Architektur und die Architektur böhmischer Deutscher wurde auch deshalb vernachlässigt, weil ihre architektonischen Werke nicht in den nationalen Kanon und zur Entwicklung der tschechischen Nationalkunst gehörten. Aus diesem Grund hat die Forschung diese Architekten erst seit einigen Jahren für sich entdeckt.“

Die Prager Ausstellung ist nun die erste die sich dezidiert mit der Thematik deutschböhmischer Architektur auseinandersetzt und das Thema auch dem Architektur-Laien zugänglich macht.


Die Ausstellung wurde bereits am 9.Juli eröffnet und wird noch bis zum 5. September in der Galerie UM in Prag zu sehen sein. Die Dissertation von Věra Laštovičková wird demnächst auf Deutsch und Tschechisch erscheinen. Mehr Informationen unter: https://www.umprum.cz/web/cs/galerie-um/cizi-dum-architektura-ceskych-nemcu-1848-1891-2444.

Autor: Ruben Kircher
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