Kultursalon Fotograf Josef Sudek - Die traurige Landschaft Nordböhmens
"Traurige Landschaft" heißt eine Ausstellung, die zurzeit im Kaiserlichen Pferdestall auf der Prager Burg gezeigt wird. 128 schwarz-weiße Panoramabilder eines der bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts, Josef Sudek, hängen dort in mildem Licht, das ihnen keinen Schaden zufügen kann. Markéta Kachlíková lädt Sie zur Besichtigung der Fotoausstellung ein.
Längst überflutete Allee, 1962
"Es ist eine traurige Landschaft. Ich mache nicht gern lustige
Landschaften. Weil lustige immer lustig und immer gleich sind. Aber die
traurige Landschaft hat viele Variationen. Mehr traurig und weniger
traurig und noch mehr traurig - und damit kann man etwas anfangen."
Mit der traurigen Landschaft ist in diesem Zitat von Josef Sudek die Gegend Nordböhmens gemeint, die Ende der 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts drastische Veränderungen erlebte und in ein Braunkohlerevier verwandelt wurde. Die verwüstete, von der Industrie geprägte Landschaft; das Schleifen der alten Stadt Most/Brüx und weiterer Gemeinden, die neuen Gruben weichen mussten; Ruinen, Halden, Fabriken und Fördertürme; tote Natur. 128 Panoramabilder aus der Region des nordböhmischen Braunkohlebeckens wirken auf den Betrachter völlig anders als schöne Bilder der bekannteren Serie "Panorama Prag" und Sudeks typische arrangierte Stillleben. Über die Stellung des Fotoensembles aus Nordböhmen im Gesamtwerk Sudeks spricht der Kurator der Ausstellung und einer der besten Sudek-Kenner, Antonín Dufek:
Rußufer, 1960
"Diese Kollektion stellt in Sudeks Werk einen Gegenpol zu seiner
Romantik, zu seinen schönen Traumbildern dar. Die meisten Fotos aus dieser
Kollektion sind sehr asketisch, sie sind der Alttäglichkeit, der
alltäglichen Landschaft gewidmet, nicht nur dem Schönen, sondern auch dem
Hässlichen, das man in der Region Most sehen konnte. Ich würde sagen, dass
einige davon, zum Beispiel die Bilder von Halden, so radikal sind, dass man
auch in der heutigen Kunst, die wirklich schon alles ausstellt, dazu kaum
etwas Vergleichbares findet. Es ist hervorragend, dass Sudek dies schon
vor einem halben Jahrhundert gesehen hatte."
Josef Sudek fotografierte die nordböhmische Landschaft zwischen den Jahren 1957 und 1962.
Ehemaliges Freibad in Most. Wer würde im schwarzen Wasser des Belá-Flusses baden!, 1959
"Er kam zusammen mit dem Maler Bohdan Kopecký dorthin. Dieser war
damals einer der radikalsten Maler, die sich vom sozialistischen Realismus
abgeneigt haben. Bohdan Kopecký pflegte öfter dorthin zu fahren. Wie er
schreibt, fuhr er mit Sudek auf einem Motorrad nach Nordböhmen und zeigte
ihm Orte, von denen er meinte, dort könnten interessante Fotos gemacht
werden. Das war die erste Phase. In der zweiten Phase hat der Redakteur
Dalibor Kozel Sudek aufgenommen. Sie haben zusammen eine Makette zum Buch
vollendet, das allerdings in jener Zeit nicht herausgegeben wurde."
Josef Sudek in der Region Most, um 1960 (Foto: Bohdan Kopecky)
Eigentlich sollten die Bilder in einem Buch mit dem Namen
"Nordlandschaft" veröffentlicht werden. In den 50er Jahren des
20. Jahrhunderts war es allerdings nicht zulässig, im Zusammenhang mit dem
sozialistischen Industrieaufbau von einer traurigen Landschaft bzw. einer
ökologischen Katastrophe zu sprechen, und so konnte das Buch erst ein
halbes Jahrhundert später erscheinen. Bis dahin ruhten diese Fotos zum
Großteil in Vergessenheit und wurden auch von Experten nur ausnahmsweise
erwähnt. Antonín Dufek von der Mährischen Galerie in Brünn, in deren
Besitz sie sich heute befinden:
"Die Fotos, die ganze Makette, alles blieb bei Dalibor Kozel. Er war ein Redakteur des Nordböhmischen Verlags, der das Buch herausgeben sollte. Im Jahr 1978 kam Dalibor Kozel mit uns in Kontakt. Unsere Galerie hat dann unter beträchtlichen Schwierigkeiten die ganze Makette gekauft."
Treppe, 1962
Danach mussten allerdings noch weitere 15 Jahre vergehen, bis man Geld für
die Restaurierung der Fotos fand. Sie waren auf hässliche rosafarbige
Kartons geklebt und mussten von diesen zunächst abgenommen werden. Nachdem
dies gelungen war, konnten sie innerhalb eines Jahres endlich ausgestellt
werden. Mitte der 90er Jahre fand die erste Vernissage in der Mährischen
Galerie in Brünn statt, später folgten Ausstellungen in weiteren
tschechischen Städten, aber auch in Berlin, München, im dänischen Aarhaus
und in Plauen. In Prag wird die Kollektion zurzeit zum ersten Mal gezeigt,
wobei gleichzeitig ein Nachdruck des Buches erscheint. Der Tatsache, dass
die Fotos ursprünglich für ein Buch und in Zusammenarbeit mit einem
Verlagsredakteur entstanden waren, verdanken wir noch etwas: nämlich dass
sie genau datiert und lokalisiert sind. Sudek selbst machte so etwas
nicht:
Letzte Wand (I), 1959
"Er datierte die Fotos mit einem Spielraum von plus minus 20 Jahren,
je nach dem, mit welcher Kamera sie gemacht wurden. Aber hier wissen wir
genau das Jahr, und wir wissen auch, dass Sudek sich dort immer im Sommer
aufhielt und fotografierte. Dalibor Kozel machte sich die Arbeit, dass er
alle Orte bestimmte. Andererseits muss gesagt werden, dass Sudek die
Bilder nicht auf diese Weise präsentiert hätte, es lag ihm nicht so sehr
daran. Wir führen die Bestimmung nur als Begleitinformation an, im Buch
steht eine Liste von Orten und Daten ganz hinten. Die Fotos tragen nur
Nummern, damit nichts die Betrachtung stört. Man kann die Angaben hinten
aber finden, und deshalb glaube ich, dass die Fotos ein wertvolles
Material auch für andere Wissenschaftsbereiche sein können."
Die Region Most wurde ganz absichtlich in einem zerstreuten, grauen Licht fotografiert. Wie zeitlebens, hat Sudek auch dort eine Plattenkamera mit Großbildnegativen benutzt und Panorama-Bilder gemacht:
Abraumhalden Lezáky, 1961
"Die Frage, warum er das Panorama-Landschaftsfoto nutzte, finde ich
sehr bedeutend. Wenn jemand nämlich in der Gegend um Most mit einem
normalen Fotoapparat fotografieren würde, würde immer nur ein Ausschnitt
entstehen. Man kann so etwas Hässliches oder etwas Schönes fotografieren,
wobei sich gleich daneben aber etwas anderes befindet, was auf dem Foto
nicht mehr zu sehen ist. Das Landschaftspanorama zeigt dagegen einen so
großen Ausschnitt der Landschaft, so dass wir uns sicher sind, dass dort
nichts mehr verborgen bleibt. Als ob das Panoramafoto sozusagen das Ethos
der Wahrhaftigkeit auf dem Foto wieder herstellen würde. Heute, in der Ära
digitaler Fotos, können wir an nichts mehr glauben. Aber diesen Fotografien
von damals meiner Meinung nach doch."
Wie war eigentlich das Verhältnis des Künstlers zu der fotografierten Landschaft? Das ist meine letzte Frage an den Kurator der Ausstellung, Antonín Dufek:
Humboldt-Förderturm, 1957
"Er hat sicher die Schönheit fotografiert. Er schaute die Landschaft
sicher nicht mit Abscheu an. Das sollten wir uns keinesfalls vorstellen.
Und was weiter ohne Zweifel ist: Er sah die Landschaft mit den Augen der
Leute, die ihn dorthin gebracht haben. Und diese Leute waren mit der
Landschaft eng verbunden, sie liebten sie, sie kämpften für sie. Er teilte
eigentlich ihr Verhältnis dazu."
Die Ausstellung "Traurige Landschaft" ist bis zum 20. März im Kaiserlichen Pferdestall auf der Prager Burg zu sehen.
Fotos: (c) Anna Farova. Aus den Sammlungen der Mährischen Galerie in Brno






