Ferdinand II., Renaissanceherrscher und Mäzen

Eine große Ausstellung zeigt Erzherzog Ferdinand II. von Tirol als Renaissanceherrscher zwischen Prag und Innsbruck.

Ferdinand II. von Tirol (Foto: Martina Schneibergová)Ferdinand II. von Tirol (Foto: Martina Schneibergová) Erzherzog Ferdinand II. von Tirol war der zweite Sohn von Kaiser Ferdinand I. und Anna Jagiello von Böhmen. Er hat zwanzig Jahre seines Lebens als Statthalter der Böhmischen Ländern in Prag verbracht, bevor er nach Innsbruck zurückkehrte. Eine große Ausstellung in der Prager Waldstein-Reiutschule stellt Ferdinand als einen Renaissanceherrscher und Kunstmäzen vor. Der Anlass ist ein Doppeljubiläum: Vor 470 Jahren kam Ferdinand II. nach Prag, wo er seinen Vater vertrat. Und vor 450 Jahren wurde er zum Erzherzog von Tirol ernannt. Die Prager Ausstellung lehnt an eine Schau auf Schloss Ambras in Innsbruck an. Zusammengestellt wurde sie von einem Team tschechischer und österreichischer Kunsthistoriker. Mit dem Kurator aus dem Schloss Ambras, Thomas Kuster, hat Martina Schneibergová über die Ausstellung gesprochen.

Herr Kuster, Sie haben sich an der Zusammenstellung der Ausstellung in Ambras beteiligt. In Prag waren Sie nun auch dabei. Unterscheiden sich die beiden Ausstellungen wesentlich voneinander?

„Die Ausstellungen unterscheiden sich insofern, dass die Ausstellung hier in Prag natürlich sehr stark den Statthalter von Böhmen zentriert, während die auf Schloss Ambras in Innsbruck sehr auf die Rolle des Landesfürsten von Tirol eingegangen ist, mit dem Blick darauf, was Ferdinand vor 1567 getan hat.“

Thomas Kuster (Foto: Archiv von Thomas Kuster)Thomas Kuster (Foto: Archiv von Thomas Kuster) Haben ihn die zwanzig Jahre, die er in Prag verbracht hat, stark beeinflusst?

„Das war sicherlich prägend für seine spätere Rolle in Innsbruck. Wahrscheinlich sind schon einige Dinge, die er dann später in Tirol gesammelt hat, hier in den Kinderschuhen gesteckt. Ich bin mir sicher, dass die Sammlungen von Rüstungen und Waffen bereits hier in Prag begonnen haben.“

Warum wird Ferdinand manchmal als der erste Museumsgründer bezeichnet?

„Als Museumsgründer würde ich ihn nicht bezeichnen. Was aber sicherlich stimmt, ist, dass Ferdinand II. das erste Museum geführt hat. Es gibt eine Ansicht von Schloss Ambras von Georg Hoefnagel aus den 1580er Jahren, und das ist oben links angeführt: Schloss Ambras als Museum mit Bibliothek. Die beiden Begriffe Museum und Bibliothek sind dort erwähnt.“

Weiß man, ob die berühmte Kunstkammer teilweise schon in Prag entstanden ist?

„Ferdinand II. hat das erste Museum geführt.“

„Man weiß das nicht. Ich glaube, dass das Sammeln als Idee natürlich schon hier in Prag entstanden ist. Die Kunstkammer selbst hat sich erst in Innsbruck ausgebildet. Ein Grund war sicherlich, dass er in Prag nicht über die finanziellen Mittel verfügt hat, die er dann in Innsbruck als Landesfürst hatte. Also ich muss ganz klar sagen, das Sammeln hat erst wirklich in Tirol begonnen.“

Schloss Stern (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Schloss Stern (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) Wie ist die Ausstellung thematisch gegliedert?

„Die Ausstellung ist thematisch gegliedert in Biographisches, welche Dinge er gesammelt hat, die Bibliothek, die Kunstkammer natürlich als ein großer Schwerpunkt, Ferdinand als dilettierender Architekt, Schloss Stern, in wieweit er dort involviert war und schließlich ganz stark auch Ferdinand II. als Renaissancefürst, höfische Feste, Turniere, wie er sie verwendet hat.“

War Ferdinand auch ein großzügiger Kunstmäzen?

„Er war ein Kunstmäzen, hat die Künstler gefördert, hat sie auch für sich in Anspruch genommen, dass sie Dinge so fertigen, wie er das haben möchte, vor allem wenn wir beispielsweise auf die Innsbrucker Hofglashütte zu sprechen kommen. Da hat Ferdinand eine ganz klare Vorstellung gehabt, wie die Dinge auszusehen haben. Insofern ist es schon so, dass er nicht nur finanziell Künstler unterstützt hat, sondern ihnen auch seinen künstlerischen Willen aufgezwungen hat.“

Für die Besucher ist vermutlich am attraktivsten die Kunstkammer. Wie wurde die Auswahl der Gegenstände für Prag getroffen?

„In Prag wurde Versuch gemacht, repräsentative Objekte für die Kästen der Kunstkammer auszusuchen.“

„Wir müssen uns die Ambraser Kunstkammer mit 20 Verwahrungskästen vorstellen. In Prag wurde der Versuch gemacht, repräsentative Objekte für diese Kästen auszusuchen. Es gibt Kästen mit Eisen, mit Glas, mit Gold und Silber, mit den Büchern, mit Korallen etc. Den Besuchern wollte man hier zeigen, wie diese Kästen ausgestattet waren, mit Stücken, die immer noch erhalten sind und die man der Ambraser Kunstkammer auch heute zuschreiben kann.“

Weiß man wie diese Kunstsammlung zusammengetragen wurde?

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová „Wir wissen, dass Ferdinand II. Zeit seines Lebens ein richtiges Agentennetz von Kaufleuten, Höflingen, Diplomaten, aber auch seine Familie, seine Verwandten, die über ganz Europa verstreut waren, benützt hat, damit die ihm Dinge schicken, bestellen und kaufen, die er dann in Ambras in seiner Kunstkammer zeigt. Deren Verwalter waren die Kunstkämmerer, die quasi für ihn die Dinge eingeräumt haben, die vielleicht auch auf Lücken hingewiesen haben, was man noch dazu kaufen könnte.“

Es wird erzählt, dass sich Ferdinand selbst am Entwurf und der Gestaltung des Schlosses Stern in Prag beteiligte. War er so begabt? Stimmt das?

Foto: Martina SchneibergováFoto: Martina Schneibergová „Er hat es sicher nicht selber entworfen. Es gibt eine Inschrift auf einem Grundriss zu Schloss Stern, wo er als derjenige dargestellt wird, der die Idee dazu geliefert hat. Aber ich glaube nicht, dass Ferdinand II. das architektonische Wissen gehabt hätte, um das wirklich so fein und so ausbalanciert entwerfen zu können. Die Idee, das Schloss in der Sternform bauen zu lassen, mag an ihn zurückgegangen sein. Aber das es auch statisch hält und als Architektur etwas hermacht, das war die Arbeit eines richtigen Architekten, eines Baumeisters.“

Ist bekannt, woher diese außergewöhnliche Sternform kommt?

„Nein, das weiß man nicht. Ich glaube, dieser Stern war eine herausragende geometrische Form, die bislang niemand in der Architektur verwendet hat. Das war vermutlich seine Idee, ein Gebäude in der Sternform zu haben.“

In der Ausstellung wird auch gezeigt, wie damals am Fürstenhof verschiedene Feste gefeiert wurden. Kommt dieser Teil der Schau auch aus Ambras?

„Ein Teil davon kommt aus Ambras, vor allem was die Turniere betrifft, mit denen er in Prag begonnen hat und die er gewusst hat, sie in Szene zu setzen. Es befinden sich da aber auch Elemente, die rein in Ambras anzusiedeln sind wie der sogenannte Bacchus-Kult. Da hat man eine Trinkgesellschaft zusammenbekommen, die dann eine Trinkprobe absolvieren musste. Auf einem Eisenstuhl, der Fangstuhl genannt wird, wurde man für kurze Zeit durch Federmechanismus festgeschnallt und dann musste man ein Glas Wein möglichst schnell austrinken. Dann konnte man den Stuhl wieder verlassen. Das ist etwas, was sich in Tirol entwickelt hat und in Bacchus-Grotte zelebriert wurde. Das wollte man auch den Besuchern in Prag zeigen.“

In Tirol ist Ferdinand II. zweifelsohne unter der Öffentlichkeit bekannt. Aber hierzulande weiß man, dass er mit Schloss Stern etwas zu tun hatte, aber sonst ist er unter der breiteren Öffentlichkeit nur wenig bekannt. Dies kann verschiedene Gründe haben.

„Dass der Sohn eines Kaisers eine Bürgerliche geheiratet hat, war für die damalige Zeit etwas Ungeheuerliches.“

„Ein Grund, warum er in Prag nicht so bekannt ist, ist einfach der, dass er damals als Statthalter rein repräsentative und keine politischen Funktionen hatte. Somit ist seine Handschrift an der Architektur der Prager Burg und am Schloss Stern zu sehen und sonst nicht. In Tirol ist es so, dass er auch nicht so bekannt ist, sondern mehr hinter seine erste Ehefrau Philippine Welser zurücktritt, dieser bürgerlichen Ehefrau, die aus Augsburg stammte. Der Umstand, dass der Sohn eines Kaisers eine Bürgerliche geheiratet hat, war für die damalige Zeit etwas Ungeheuerliches. In Tirol ist es so, dass er hinter Philippine Welser versteckt ist. Vielleicht ist es aber gelungen, durch die Ausstellung, die wir heuer im Schloss Ambras gezeigt haben, Ferdinand wieder der breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen.“

Die Ausstellung ist in der Waldstein-Reitschule auf der Prager Kleinseite zu sehen, sie läuft bis 25. Feber 2018. Sie ist täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Inspirierte die Beziehung zwischen Ferdinand und Phlippine die Künstler? Wurde sie auch in der Literatur reflektiert?

„In der zeitgenössischen Kunst und Literatur nicht, weil die Ehe geheim gehalten werden musste. Im 19. Jahrhundert im Historismus und im Zeitalter der Romantik hat man dann die ungewöhnliche Beziehung zwischen einem Prinzen und einer Bürgerlichen schon thematisiert. Es gibt romantische Gemälde, wo vor allem auf das Kennenlernen Bezug genommen wird, es gibt Theaterstücke, die beide Persönlichkeiten thematisieren. Also im 19. Jahrhundert ja, zur Zeit Ferdinands II. nicht.“

Ab Sonntag bis zum darauf folgenden Samstag können Sie abstimmen, welcher Song aus der Woche Ihnen am meisten gefallen hat. (mehr...)