Kultursalon Die Vogelscheuche als Kunstobjekt - Ausstellung des Fotografen Rudolf Šmíd

21-05-2011 | Jitka Mládková

Vogelschreck, Starenschreck oder Vogelscheuche - was stellt man sich heutzutage darunter vor? Vielleicht nur oder vor allem pyrotechnische Munition wie Knallpatronen oder Luftböller, die aus Signal- und Schreckschusswaffen abgefeuert werden. Von der Blitz- und Knallwirkung der Explosion machen immer mehr Landwirte, Obstbauern und Jäger Gebrauch, wenn sie Vögel und Schwarzwild vertreiben wollen. Was ist aber mit den alten guten Vogelscheuchen passiert? Darüber weiß der tschechische Fotograf Rudolf Šmíd sehr viel, er fotografiert schon seit geraumer Zeit Vogelscheuchen. Durch seine Fotos versucht er zu veranschaulichen, dass sie keineswegs nur Stangen mit zerfetzten Klamotten sind. Seine jüngste Fotoausstellung im Prager Kinský-Luftschloss hat Jitka Mládková für Radio Prag besucht, und stellt Ihnen nun den „Vogelscheuchenexperten“ im Kultursalon vor.

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Foto: Rudolf ŠmídFoto: Rudolf Šmíd „Der sieht ja aus wie eine Vogelscheuche!“ Wer kennt nicht diese emotionale und eindeutig negative Aussage? Die Spezies, mit der man als Mensch im gewissen Sinne ungerechterweise verglichen wird, verschwindet zunehmend aus der heutigen Kulturlandschaft. Auch in Tschechien ist ihre sanfte Art des Ernteschutzes nicht mehr wie früher gefragt. Für ihre vielen Dienstjahre hätten die Vogelscheuchen wenig Dankbarkeit erfahren, aber das wolle man nachholen, so Petr Janeček, Leiter der ethnografischen Abteilung des Prager Nationalmuseums. Janeček hat vor kurzem die Fotoausstellung „Hastroši, plašiči a animisté“, auf Deutsch kurz „Vogelscheuchen“ eröffnet. Seiner Meinung nach dokumentieren die Vogelscheuchen von heute modische sowie technologische Trends in der Gesellschaft. Doch dass sie „trendy“ sind, damit ist für den Fotografen Rudolf Šmíd zu wenig gesagt. Ihm nach haben die Vogelscheuchen auch ein eigenes Leben:

Petr Janeček (Foto: Hynek Bulíř, Tschechischer Rundfunk)Petr Janeček (Foto: Hynek Bulíř, Tschechischer Rundfunk) „Auch unbelebte Gegenstände haben doch ein Leben und eine Lebensgeschichte. Ich habe zum Beispiel verliebte Vogelscheuchen gesehen, die sich innerhalb von zwei Jahren getrennt haben. Sie kamen zusammen und gingen auseinander. Wenn man aufmerksam das Leben einer Vogelscheuche verfolgt, findet man viele Gemeinsamkeiten mit dem menschlichen Leben. Ich persönlich finde darin Urfundamente solcher Phänomene wie Liebe, Einsamkeit, Tod und ähnliches mehr.“

Rudolf Šmíd lebt in Prag, verbringt seine Zeit aber gerne auf dem Land, um Vogelscheuchen zu fotografieren. Allerdings nur die auf Feldern, in Gärten oder Weinbergen. Ihrer Poetik wandert er seit bereits 17 Jahren nach. Seine erste Aufnahme einer bewusst gesuchten Vogelscheuche sei entstanden, als er diese Artefakte der Kulturlandschaft aus zweierlei Blickwinkeln wahrzunehmen begann. Nämlich als Ethnograph und als Soziologe, so Šmíd.

Foto: Rudolf ŠmídFoto: Rudolf Šmíd Der studierte Soziologe behauptet aber gleichzeitig, kein Soziologe zu sein. Statistiken und Fragebögen hätten ihn nie interessiert, sondern die visuelle Soziologie, also die Nutzung der Fotografie in der Forschung. Als Hochschulpädagoge lehre er seine Studenten, so Šmíd, die Welt durch das Visuelle wahrzunehmen. Er selbst nennt sich einen „Glotzer“ - einen Beobachter also, der sich für Geschichten interessiert. Seine elementare Definition lautet: „Eine Wäscheleine verrät mehr als ein Fragebogen.“

Šmíds „intime“ Beziehung zu den Vogelscheuchen hat ihn bewogen, vor sechs Jahren ein neues wissenschaftliches Studienfach an der Masaryk-Universität in Brno / Brünn ins Leben zu rufen. Als Gastlehrer gibt er dort Unterricht im Fach „visualisierte Soziologie“:

Foto: Rudolf ŠmídFoto: Rudolf Šmíd „Man hat sich über mich als einen ´Vogelschreckologen´ lustig gemacht. Und so habe ich mir gesagt, dass jede Fachwissenschaft auch einen lateinischen Namen haben muss, und den habe ich aus dem Wort ´terriculus´- Vogelscheuche abgeleitet. So entstand die Terriculologie und ich bin also - wenn Sie so wollen - ihr Begründer.“

Bis heute hat Šmíd über 30 Fotoausstellungen im In- und Ausland veranstaltet. Im „Musaion“ - der ausgelagerten Volkskundeabteilung des Nationalmuseums mit Sitz im Prager Kinský-Lustschloss - sind dieser Tage großformatige Farbfotos von Vogelscheuchen aus ganz Tschechien zu sehen. Die meisten aber stammen aus den südmährischen Weinbergen. Die Namen der Vogelscheuchen hat der Autor aus der Menschen- oder Märchenwelt entnommen: zum Beispiel Michael Jackson, Sumo-Kämpfer, Batman, Dornröschen, Rattenfänger oder Breakdancer. Šmíds Ausstellung bietet allerdings nur eine kleine Kostprobe im Vergleich zu seinem reichhaltigen Archiv. Dieses hat er aus zwei persönlichen Gründen angelegt:

Foto: Rudolf ŠmídFoto: Rudolf Šmíd „Ich habe den Vogelscheuchen versprochen, sie alle zu fotografieren. Erstens zu dokumentarischem Zweck. Gleichzeitig aber trete ich an sie auch auf dem intimen fotografischen Weg heran, um in ihnen andere Wesen zu entdecken. Um also etwas anderes zu entdecken, als ihre Schöpfer ursprünglich im Sinn hatten. Wenn ich aber etwa bei der Vernissage von jemandem einen anderen Namen zu hören bekomme, der besser zutrifft als der, den ich für das Foto ausgedacht habe, wird es umbenannt.“

So ist zum Beispiel „Tschechischer Obstbauer“ auf Vorschlag eines Ausstellungsbesuchers auf den Namen „Michael Jackson“ umgetauft worden.

„Tschechischer Obstbauer“ oder „Michael Jackson“ (Foto: Rudolf Šmíd)„Tschechischer Obstbauer“ oder „Michael Jackson“ (Foto: Rudolf Šmíd) Rudolf Šmíd ist oft auf Reisen im In- und Ausland, um neue Vogelscheuchen „aufzuspüren“. Außerdem verfügt er über ein Netz von Freunden, die für ihn weltweit auf der Suche sind. Vogelscheuchen gebe es überall dort, wo man etwas auf Feldern anbaut, sagt Šmíd. In seiner Sammlung findet man daher Vogelscheuchenfotos auch aus exotischen Ländern wie dem Iran, Jemen, Indonesien oder etwa aus Las Vegas. Im Prinzip gebe es zwischen ihnen aber keinen Unterschied, so der neuzeitliche Terrikulologe:

„Es handelt sich um ein Urphänomen. Meistens ist es ein aus Holzstangen gefertigtes Kreuz, an dem etwas hängt. Es gibt zwar Theorien, die in dieser Konstruktion das Kreuz als christliches Symbol interpretieren. Ich kann mich damit aber nicht identifizieren. Die Kreuzkonstruktion ist viel älter. Es ist eigentlich eine minimalistische Nachbildung der Menschenfigur. Auch die moslemische Vogelscheuche besteht aus einem Kreuz und unterscheidet sich nur durch islamische Kleidung. Kurzum, überall dort, wo etwas angebaut wird, haben die Vogelscheuchen Schwestern und Brüder.“

Foto: Rudolf ŠmídFoto: Rudolf Šmíd Die Vogelscheuchen verschwinden aber immer mehr von ihrem angestammten Ort, den Kartoffel-, Gemüse- oder Maisfeldern. Das kann Rudolf Šmíd nur bestätigen:

„Mit großem Bedauern nehme ich wahr, wenn ein kleines Feld einer riesengroßen Feldfläche einverleibt wurde, oder wenn es dicht mit Unkraut bewachsen ist. Die Vogelscheuchen verschwinden und werden eigentlich durch nichts anderes ersetzt. Heutzutage kaufen ja auch die Leute, die auf dem Lande leben, die Zwiebeln oder Kartoffeln lieber im Supermarkt.“

„Braut“ (Foto: Rudolf Šmíd)„Braut“ (Foto: Rudolf Šmíd) Einen Landschaftswandel erlebte der Fotograf kürzlich in der westslowakischen Orava-Region, die sich einst durch eine besonders hohe Vogelscheuchen-Dichte ausgezeichnet habe:

„Dort gab es einst tausende kleine Felder und tausende Vogelscheuchen. Heute sind die Felder vollkommen überwuchert und nicht mehr wiederzuerkennen. Die früher an Vogelscheuchen reichste Landschaft ist vogelscheuchenfrei.“

Im Übrigen: Ein Stock, der mit einer Plastiktüte behängt wurde, ist für Šmíd nicht akzeptabel. Man müsse sich schon Mühe geben, um eine echte Vogelscheuche zu schaffen, die wie ein Mensch gekleidet ist:

„Ich fotografiere nur authentische Vogelscheuchen, von denen die Menschen seit Tausenden von Jahren geglaubt haben, dass sie über Abschreckungsfähigkeit verfügen. Die künstlich wirkenden Vogelscheuchen, die Leute heutzutage in ihren Vorgärten platzieren, mag ich nicht. Die herkömmlichen Vogelscheuchen haben etwas Besonderes an sich, was mich interessiert und womit man weiter arbeiten kann.“

Rudolf Šmíd (Foto: Miroslav Potyka, Slovácký deník)Rudolf Šmíd (Foto: Miroslav Potyka, Slovácký deník) Wäre er selbst eine Vogelscheuche, dann unbedingt im südmährischen Bílovice, findet Šmíd. Dort stecke man die Vogelscheuchen in besonders schöne Kleider, sagt der Fotograf mit einem Augenzwinkern. In der Nähe von Bílovice sei aber noch eine andere Besonderheit zu sehen. In unmittelbarer Nähe der hübschen weiblichen Vogelscheuchen baumelten ihre überwiegend als Männer gekleideten Pendants „mittleren Alters“ an „Galgen“. Auf die Frage, wie er erkannt haben will, dass sie ausgerechnet mittleren Alters seien, antwortet Šmíd simpel: Er sei doch ein Vogelschreckologe.

Kinský-LustschlossKinský-Lustschloss Die Fotoausstellung „Vogelscheuchen“ ist derzeit noch bis zum 6. Juni zu sehen. Ab dem 7. Oktober dieses Jahres werden sie aber am selben Ort - im Kinský-Lustschloss – erneut gezeigt. Diese Gelegenheit, sich mit den Vogelscheuchenfotos von Rudolf Šmíd vertraut zu machen, dauert dann bis zum 20. November 2011.

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