Kultursalon Die Kneipe - ein Grundelement der tschechischen kulturellen Identität
Das Phänomen „Tschechische Kneipe“ kann man aus verschiedenen Blickwinkeln beobachten, beschreiben und bewerten. Dies geschieht hierzulande seit geraumer Zeit, allerdings nicht nur im Rahmen der Sozialforschung. Die traditionelle Kneipe wird von Experten auch als Ausdruck der tschechischen Kultur betrachtet. In der tschechischen Geschichte hat sie eine Zeitlang auch eine kulturpolitische Rolle gespielt, im Wandel der Zeiten ist sie aber nicht immun gegenüber der fortschreitenden Entwicklung geblieben. Eine ausführliche Vertiefung in die Materie würde viel Zeit in Anspruch nehmen. Jitka Mládková will sie Ihnen im heutigen Kultursalon wenigstens ein wenig näher bringen.
Einfach, volkstümlich, etwas heruntergekommen bis muffig, entspannt und
natürlich mit Bier: Das sind die elementaren Attribute, die die Mehrheit
der Tschechen mit dem Bild einer typischen tschechischen Kneipe verbinden.
Und das unabhängig davon, ob sie gegenüber dem Kneipengang positiv oder
negativ eingestellt sind.
Der aktuelle Stand der Dinge hat sich aber etwas verändert. Heutzutage ist die traditionelle Kneipe nämlich einer großen Konkurrenz von exotischen Restaurants, Fitnesszentren, verschiedenen Vereinen und anderen Freizeiteinrichtungen ausgesetzt, die in den letzten 20 Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Doch trotzdem gilt die Kneipe nach wie vor als der beliebteste öffentliche Treffpunkt der Tschechen.
Wie sich neulich aus einer Umfrage des Soziologischen Instituts der
Tschechischen Akademie der Wissenschaft ergeben hat, gehen immer noch 44
Prozent der tschechischen Männer öfter in eine Kneipe und weitere 27
Prozent besuchen eine andere Form der Gaststätte, um ihr Bier zu trinken.
Für 97 Prozent der Befragten sind die hauptsächlichen Gründe für einen
Kneipenbesuch im Prinzip dieselben geblieben: Man möchte sich mit
Freunden
unterhalten, sich amüsieren und die Laune verbessern. Kneipen und
Biertrinken werden auch immer noch von vielen Ausländern als ein Symbol
Tschechiens wahrgenommen. Jiří Vinopal vom Prager Institut für
Soziologie:
Jiří Vinopal (Foto: Šárka Ševčíková, Tschechischer Rundfunk)
„Die tschechische Kneipe hat ihre Besonderheiten ebenso wie zum
Beispiel
der irische Pub oder das französische Café. Die echte tschechische
Kneipe
besuchen auch viele Ausländer gerne, weil sie hier eine spezifische
Atmosphäre sowie ein Milieu finden, das nicht nur durch das Angebot an
Speisen und Getränken, sondern auch durch die Innenraumgestaltung sonst
nirgendwo anzutreffen ist. In gewissem Sinne gilt dies auch für die
Kneipenkundschaft, die einen Querschnitt der Gesellschaft
darstellt.“
Belege für die letztgenannte Besonderheit findet Vinopal, Autor der 2004 veröffentlichten Studie „Die Institution der Kneipe in der tschechischen Gesellschaft“, in der Vergangenheit:
„Schon im 19.Jahrhundert hat man in der Literatur darauf verwiesen, dass sich in diesem Milieu Angehörige unterschiedlicher Sozialschichten trafen. Man hat oft darüber geschrieben, dass etwa Straßenfeger, Arbeiter, Anwalt, Arzt und Beamter an einem Tisch in der Kneipe nebeneinandersaßen.“
Böhmische Kneipe vor 80 Jahren auf dem Bild von Josef Lada
Die Wurzeln sind vielleicht in der der Geschichte zu finden. In der ersten
Hälfte des 19.Jahrhunderts war nämlich die Kneipe einer der wenigen
öffentlichen Orte, an dem man ohne weiteres tschechisch sprechen konnte.
Jemanden auf der Straße auf Tschechisch anzusprechen hätte nämlich als
grobe Beleidigung oder zumindest als Ausdruck der Kulturlosigkeit und
einer
niedrigen sozialen Position des Sprechers empfunden werden können. Man
sollte deutsch reden. Unter diesen Umständen entwickelte sich das
Kneipenmilieu zu einer bedeutenden Plattform der wiedererwachenden
tschechischen Kultur.
Im Lauf der Zeit etablierten sich viele Kneipen als eigenwillige
Gesellschaftszentren, in denen sich engagierte tschechische Patrioten,
Literaten und tschechischsprachige Angehörige des Bürgertums trafen. In
der Kneipe fanden oft auch neu gegründete Vereine eine Heimat für ihre
Tätigkeit. Dort wurden auch verschiedene Kulturveranstaltungen
organisiert. Als patriotisch galt im gewissen Sinne auch das Biertrinken.
Doch schon gegen Ende des 19.Jahrhunderts wurden zunehmend Stimmen laut,
die den weit verbreiteten Bierkonsum verspotteten. Seit Beginn des neuen
Jahrhunderts ging das Image der Kneipen als wichtiger Zentren des
gesellschaftlichen und kulturellen Lebens schnell verloren.
Der Kneipenbesuch verbunden mit dem Bierkonsum wird von tschechischen Experten nicht nur als eine soziale, beziehungsweise geschichtspolitische, sondern auch als eine Erscheinung der Alltagskultur betrachtet. Als solche haben die Kneipen, laut Vinopal, auch in der Zeit des „realen Sozialismus“, wie man die Verhältnisse während des kommunistischen Regimes euphemistisch bezeichnete, viele Kulturfunktionen behalten. Parallel hätten sie ebenso die Rolle eines Katalysators und eines Dämpfers der sozialen Spannungen erfüllt.
Sammelband „Die Kneipen und das Bier in der tschechischen Gesellschaft“
1994 hat sich das Institut für tschechische Literatur der Akademie der
Wissenschaften mit diesem Phänomen als einem der Grundelemente der
tschechischen Kulturidentität auseinandergesetzt. Die
literaturwissenschaftlichen und kulturhistorischen Konferenzvorträge
erschienen in einem Sammelband mit dem Titel „Die Kneipen und das Bier
in
der tschechischen Gesellschaft“.
Neben der in der Vergangenheit wechselnden Bedeutung der Kneipe im Alltagsleben der Tschechen verfolgt Jiří Vinopal auch ihre Verwandlungen in der Gegenwart. Das gilt ihm zufolge nicht nur für die Kneipenszene in der Stadt, sondern auch für die ländlichen Lokale:
„So eine echte Kneipe, wie man sie noch in den 1980er Jahren gut kannte, ist heutzutage für den Großteil der Menschen nicht mehr das ideale Lokal, wo man jeden Abend seine Freizeit verbringen möchte. Im verqualmten Raum also und noch dazu mit einer miserablen Bedienung. In so eine Kneipe kommen auch auf dem Lande nur wenige Gäste, selbst wenn das jeweilige Dorf nicht unter dem Bewohnerschwund leidet. Viele fahren dann lieber woanders hin oder finden eine andere individuelle Lösung für sich.“
Buch „Don´t mention the wars – a journey through European stereotypes“
Zeugnis davon, dass sich auch die tschechische Kneipe in einem
Wandlungsprozess befindet, hat vor ein paar Jahren Tony Connelly,
Korrespondent des irischen Fernsehens in Brüssel, abgelegt: Bei seinen
Europareisen hat er wiederholt auch Tschechien besucht und seine
Eindrücke
niedergeschrieben. „Don´t mention the wars – a journey through
European stereotypes“ heißt sein Buch. Anfang der 1990er Jahre
begeisterte er sich für schmuddelige Kneipen, in denen es außer Bier nur
typische Gerichte wie eingelegten Käse oder den „Ertrunkenen“, eine
eingelegte Knackwurst mit Zwiebeln, zu essen gab und in denen die
Kundschaft emotionsgeladene Diskussionen über Politik und Sport führte.
Connelly fand zwar die Lokale „kommunistisch grau“, gleichzeitig aber
auch ungewöhnlich und verlockend. Anlässlich des EU-Beitritts
Tschechiens
im Jahr 2004 kehrte er zurück.
“Ich bin in die Bierstube gegangen, die ich von früher kannte, und war sehr enttäuscht. Sie wirkte optisch schrecklich aufpoliert und im Angebot hatte man eine Menge von europäischen und amerikanischen Speisen. Die Kellner waren zwar tschechisch gekleidet, ich hatte aber trotzdem das Gefühl, als wäre die gewisse Unschuld von früher verschwunden. Ich war enttäuscht. Aber was kann man machen, so ist der Kapitalismus.“
Tony Connelly
Nach der Wende haben viele Kneipen geschlossen, es sind aber auch viele
neue entstanden. Nun hat aber die jüngste Wirtschaftskrise auch die
Kneipenlandschaft getroffen und die Gewinne vielerorts absacken lassen. 10
bis 15 Prozent der Gaststätten sind pleite gegangen. Seitdem hängt über
der Branche ein Damoklesschwert. Im Frühjahr 2009 schrieb die
tschechische
Wirtschaftszeitung „Hospodářské noviny“:
„Sollte die Wirtschaftskrise nicht nachlassen und 15 Prozent der Gastwirtschaften mit jedem weiteren Jahr verschwinden, würde von den heute 45 000 Lokalen nach 66 Jahren kein einziges überleben“.
Demnach würde die allerletzte tschechische Kneipe im Jahr 2075 schließen. Der Soziologe und Kenner des tschechischen Bierpatriotismus, Jiří Vinopal, sieht das allerdings anders:
„Ich sehe die weitere Existenz der tschechischen Kneipen nicht so
schwarz. Die Menschen werden immer das Bedürfnis haben, sich zu treffen,
das wird bestimmt überdauern. Mit dem zahlenmäßigen Rückgang der
traditionellen tschechischen Kneipe wie auch mit ihrem inneren Wandel wird
es höchstwahrscheinlich nach und nach auch zum Schwinden ihrer
charakteristischen Merkmale kommen. Sowohl die städtischen Kneipen wie
auch diejenigen auf dem Land haben seit 1989 einen deutlichen Wandel
erlebt
und trotzdem hat die Mehrheit von ihnen überlebt. Ich wüsste nicht, was
passieren könnte, dass sie aufhörten zu existieren.“
Sollte es trotzdem nicht klappen, hat Vinopal eine Empfehlung parat: Man wische sich die Träne aus dem Auge und behaupte, es sei eine gute Einrichtung gewesen – die Kneipe. Man könne sie aber durch viele andere gute Einrichtungen ersetzen.
Die Kneipentradition scheint aber immer noch lebendig zu sein. Auf dem
Lande etwas mehr als in der Stadt. Dominieren wird sie die Landschaft der
Gastronomie allerdings nicht mehr. Schaut man sich die immer zahlreicher
werdenden Weinstuben, Cafés, Bars, Klubs und Restaurants an, ist die
Dominanz wohl bereits vorbei. Die Kneipenbesucher werden also eine
besondere Spezies darstellen, die eine besondere Beziehung zur Gattung
Kneipe haben wird – aus welchen Gründen auch immer. Zum Abschluss noch
ein Zitat aus der erwähnten Studie „Die Institution der Kneipe in der
tschechischen Gesellschaft“ von Jiří Vinopal:
„Offenbar zum ersten Mal in ihrer jahrhundertelangen Existenz hört
die
Kneipe auf, die Landschaft des Gaststättenwesens zu dominieren, und
verliert dadurch automatisch ihre universelle Stellung. Neben der
prosaischen Wahrnehmung der Kneipe als eines der vielen Bestandteile
unseres Alltagslebens, mal gepriesen für ihre positiven Aspekte, mal
verdammt ihrer negativen wegen, bleibt ihr vielleicht als letzte Funktion
auf gesamtgesellschaftlicher Ebene der Status eines Kulturdenkmals:
sozusagen das Familiensilber, das gepflegt, geschützt und
auf das vielleicht auch etwas Rücksicht genommen werden muss.“







