Kultursalon „Dem Grauen mit Ironie begegnen“ – Kabarett im KZ Theresienstadt
Am 23. September 1943 wurde im Konzentrationslager Terezín / Theresienstadt die Kinderoper „Brundibár“ des jüdischen Komponisten Hans Krása uraufgeführt. Die Hans-Krása-Stiftung, die sich der Erinnerung an das Kulturleben des KZ Theresienstadt widmet, veranstaltete nun am Originalschauplatz eine ungewöhnliche Gedenkveranstaltung. Dabei stand allerdings weniger der Namensgeber der Stiftung im Mittelpunkt, sondern die Kabarett-Ensembles der KZ-Häftlinge. Denn von denen gab es damals fünf Stück. Aus ihrem Repertoire hat das Ensemble des Komponisten und Regisseurs Winfried Radeke ein Kabarettprogramm zusammengestellt, dass genau 65 Jahre nach der Uraufführung von Krásas Oper in Theresienstadt präsentiert wurde. Patrick Gschwend hat es sich angesehen und angehört. Hören Sie dazu seinen Beitrag für unseren Kultursalon.
Schummriges Licht unter alten hölzernen Dachbalken. Wir befinden uns auf
dem Dachboden eines herrschaftlich wirkenden Hauses aus dem 18.
Jahrhundert. Doch es ist kein Platz für nostalgische Idylle. Denn wir
befinden uns in Terezin / Theresienstadt in der Magdeburger Kaserne. Das
Gebäude war Anfang der 1940er Jahren Sitz der so genannten „jüdischen
Selbstverwaltung“ des Konzentrationslagers Theresienstadt, wie die Stadt
auf Deutsch heißt. Auf dem Dachboden der Magdeburger Kaserne war zur
selben Zeit ein Theater untergebracht, in dem die Inhaftierten ein sehr
vielfältiges Kulturprogramm veranstalteten. Einer von ihnen war der
Komponist Hans Krása. Er starb 1944 im Vernichtungslager Auschwitz. Die
nach ihm benannte Stiftung hat nun in der Magdeburger Kaserne eine
ungewöhnliche Veranstaltung organisiert: Kabarett.
Hans Krása
Kabarett im ehemaligen Konzentrationslager Terezin / Theresienstadt: das
mag im ersten Moment makaber klingen. Die vorgestellten Lieder und
Gedichte
wurden aber von den jüdischen KZ-Gefangenen während ihrer Haft selbst
geschrieben. Schon damals wurden sie auf dem Dachboden der Magdeburger
Kaserne aufgeführt. Die Gründerin der Hans-Krása-Stiftung, Gaby Flatow,
erklärt warum man nun zum ersten Mal am Originalschauplatz ein
Kabarettprogramm mit Werken der Häftlinge aufführte, und was man damit
erreichen möchte:
„Auf die Kultur von Terezin wollten wir unbedingt auch immer aufmerksam machen. Zeigen, dass Kultur sehr wohl eine Form des Widerstandes oder der Selbstbehauptung gegen jede Tyrannei sein kann. Das schlägt nun wieder die Brücke zu uns in die Gegenwart, wo wir ja auch versuchen mit Kultur auf dieses Grauen zu reagieren. Und versuchen, uns nicht überwältigen zu lassen von dem Grauen oder der Trauer, und die Kraft behalten zu formulieren, was Recht und was Unrecht ist.“
Kaiser von Atlantis
Winfried Radeke ist der künstlerische Leiter des Abends. Im Jahr 1987
entdeckte der Komponist und Regisseur die Oper „Kaiser von Atlantis“,
die der Theresienstädter Häftling Viktor Ullmann geschrieben hatte. 1989
inszenierte Radeke die Oper in Berlin erneut. In der Folge regte er die
Gründung des Vereins musica reanimata an, der sich auf die Fahnen
geschrieben hat, das Theresienstädter Kulturleben aus der Vergessenheit
zu
holen. Dazu gehören auch die nun wieder auf die Bühne gebrachten
Kabarettstücke.
„Es dauerte dann noch ein bisschen, bis ich meinen Verein dazu bringen konnte, sich auch der zweitklassigen Musik anzunehmen. Diese so genannte Kleinkunst ist in Theresienstadt mindestens genauso wichtig gewesen, wenn nicht noch wichtiger wie die ‚hohe Kunst’. Es gab ja auch Tanzkapellen und Kaffeehäuser, und da haben die Leute sehr viel Freude dran gehabt.“
Das Wort Kabarett bedeutete in den 194oer Jahren etwas anderes als heute, wie Radeke erklärt.
„Diese Kabaretts waren natürlich nicht so politische Kabaretts wie
wir
sie heute kennen, gnadenlos mit politischen Themen aufgeladen. Sondern es
ging in erster Linie um die Probleme im Ghetto selbst. Und das war immer
das Gleiche: das Zusammenleben im Ghetto funktioniert nicht. Die Leute
können sich nicht vertragen.“
Es mag überraschen, dass einige KZ-Häftlinge ihrer schrecklichen Situation mit einem gewissen Humor begegneten. Für Gaby Flatow ist es aber genau das, was sie angetrieben hat, die Theresienstädter Kabaretts nach über 60 Jahren wieder auf die Bühne zu bringen.
Brundibár
„Ich halte das für außerordentlich wichtig, weil es ein anderer
Strang
ist, Widerstand zu leisten. Es ist etwas anderes, wenn man dem Grauen mit
Ironie begegnet und mit einer so bösen Schärfe, wie sie hier in den
Texten zum Ausdruck kommt. Ich denke es auch ganz fantastisch, dass zwei
Schulklassen hier sind und nachher kommen auch noch zwanzig
Kunststudenten,
das freut mich ganz besonders – dass die jungen Menschen am Beispiel
erleben, dass die Reaktion auf Gewalt nicht Gewalt sein muss, sondern mit
welcher Kraft und mit welcher Energie und im Grunde – und dann letztlich
auch mit welcher Souveränität – die Gefangenen sich hier zur Wehr
setzen. Das ist so vorbildlich! Das kann auch jeder mit nach Hause nehmen,
damit man auch in seinem eigenen Alltag seine Antwort auf eine
individuelle
und gewaltfreie und geistvolle Art findet und diese Antwort auch gibt und
auch vertritt.“
Auch Winfried Radeke lag sehr daran die Kabaretts wieder aufzuführen. Schockieren tut ihn die Tatsache, dass die meisten Menschen gar nicht wissen, dass es in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern überhaupt ein Kulturleben gegeben hat.
„Die Menschen, die zu den Aufführungen kommen, die sind ja schon
interessiert, sonst würden sie ja nicht kommen. Aber sie sagen dann
‚Das
haben wir nicht gewusst. Dass es in Theresienstadt Kabaretts gab. Und so
gut!’“
Viele sind also verwundert, wenn sie hören, dass es ein so reges Kulturleben in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern gegeben hat. Das hat meist damit zu tun, dass man glaubt, kulturelle Veranstaltungen der Häftlinge seien verbotenen gewesen. Gaby Flatow erklärt aber, dass das zumindest in Theresienstadt nicht – oder nicht immer – so war.
„Ganz am Anfang war es nicht erlaubt, so in den ersten zwei drei Monaten. Aber sehr bald hat die SS eingesehen, dass dieses Kulturleben ein wunderbares Mittel für die Propaganda ist. Die Juden spielen ja Theater oder haben ihr Kabarett und spielen ihre Konzerte. Das wirkte alles sehr verharmlosend, und die grausame Wahrheit wurde dadurch sehr bemäntelt.“
Die alten Texte der Kabarettstücke wieder aufzufinden war schwierig. Noch schwieriger aber war die Rekonstruktion der musikalischen Begleitung. Gaby Flatow erzählt, welche Probleme man im Vorfeld der Veranstaltung zu bewältigen hatte:
Gaby Flatow (rechts, Foto: ČTK)
„Das ist das erste Mal und das liegt daran, dass die Überlieferung
von
den Kabaretttexten und vor allem aber von den Noten außerordentlich
spärlich ist. Man musste sehr viel recherchieren, was Winfried Radeke ja
getan hat, aber er hat auch Jahre gebraucht, um die Texte und
Melodien
wieder aufzuspüren, die oft nur noch mündlich überliefert waren. Die
wurden dann vorgepfiffen oder vorgesungen.“
Winfried Radeke selbst, der seit zwei Jahren Rentner ist, sieht seine Aufgabe aber noch längst nicht als beendet an.
„Es gibt noch sehr viel zu suchen, gerade im musikalischen Bereich. Es gibt ja viele Parodien auf bekannte Operettenmelodien und Schlager. Da sind dann die Rechtsnachfolger der Urheber der Originale böse. Die wollen das nicht. Zumindest nicht, dass es gedruckt wird. Es gibt auch viele Melodien bei denen man nicht mehr genau weiß, ob sie sich vielleicht auf ein anderes Stück beziehen. Ich will aber noch weiter suchen.“
Dass Winfried Radeke mit seinem Ensemble, dem außer ihm noch Maria Thomaschke und Andreas Joksch als Sänger und Vortragende angehören, in Theresienstadt auftreten darf, kommentiert er mit der gebotenen Demut.
„Ich kann nur sagen, dass es für uns eine große Ehre ist, die uns
aber nicht stolz macht. Ganz und gar nicht. Wir sind
unheimlich froh hier sein zu dürfen!“





