Kultursalon Das Bild des Deutschen im tschechoslowakischen Film nach 1945
In der tschechoslowakischen Nachkriegs-Kinematographie spielt der Zweite Weltkrieg und seine Vorgeschichte eine enorm große Rolle. Unzählige Filme, gute wie schlechte, wurden zu dem Thema gedreht. Die Ereignisse der Jahre unmittelbar nach der deutschen Niederlage aber blieben lange ein Tabu für die tschechoslowakischen Filmemacher. Dies führte dazu, dass „der Deutsche“ in Spielfilmen – und hier ist das tschechoslowakische Kino ganz sicher kein Einzelfall – vor allem als Nazi in Erscheinung trat. Die Tschechen hingegen wurden als Opfer oder als heldenhafte Widerstandskämpfer dargestellt. In den 60er Jahren aber, und dann wieder in den 80er Jahren und nach der Samtenen Revolution von 1989 mischen sich in diese Schwarz-Weiß-Malerei Grautöne. Über "Das Bild des Deutschen im tschechoslowakischen Spielfilm nach 1945" hat der Historiker Petr Koura einen Vortrag im Tschechischen Zentrum in München gehalten. Radio Prag hat ihn vors Mikrofon gebeten.
Film „Blutsbande“
Als Richter und Henker, so kennt man „den Deutschen“ meist aus dem
tschechoslowakischen Nachkriegsfilm.
„Dieses Bild finden wir im tschechischen Spielfilm von 1945 bis heute. Das Bild der gewalttätigen SS- oder Gestapo-Männer, die sehr grausam sind, Widerstandskämpfer verhaften oder auch Hinrichtungen durchführen“, sagt der Historiker Petr Koura, der zum „Bild des Deutschen im tschechoslowakischen Film nach 1945“ geforscht hat.
Das Bild vom „Nazimonster“ war etwa 20 Jahre lang das einzige Bild, das die tschechoslowakischen Filmemacher vom Deutschen zeichneten, sagt Koura. Dies gilt vor allem in der Zeit nach der kommunistischen Machtergreifung im Jahre 1948.
Petr Koura
„Der tschechische Film zum Thema der Okkupation nach 1948 ähnelt
ein
wenig dem Western-Genre in Amerika. Es herrscht eine Polarität zwischen
dem Guten und dem Bösen. Die Guten sind immer die Widerstandskämpfer,
die
Partisanen und die sowjetischen Soldaten. Und das Regime, das diese Filme
produziert hat ist gewissermaßen der direkte Nachfolger dieser guten
Seite. Und die Bösen, das sind immer die Deutschen.“
Diese einseitige Interpretation der Kriegs- und Nachkriegsereignisse bekommt erst in Filmen der 60er Jahre Risse. Auf kulturellem Gebiet ist eine Liberalisierung zu spüren, ein Vorbote des Prager Frühlings. Noch bevor 1967 auf einem Schriftstellerkongress mit damals unerhörter Deutlichkeit Kritik am kommunistischen Regime geübt wurde, wagen sich einige Filmemacher an eine facettenreichere Aufarbeitung der Geschichte.
„Wagen nach Wien“
„Diese Filme sind vor allem mit dem Namen Jan Procházka verbunden.
Er
war ein tschechischer Schriftsteller und einer der führenden Vertreter
des
Prager Frühlings im Jahr 1968. Er war damals auch noch Mitglied im
Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei. Procházka
hat in seinen Filmdrehbüchern diese Schwarz-Weiß-Malerei im Bild des
Deutschen zerstört“, so Koura. Am radikalsten rüttelte der Film
„Kočár do Vídně“ (auf Deutsch: „Wagen nach Wien“) am
Negativbild des Deutschen. Er wurde im Jahr 1966 produziert. Das Drehbuch
stammte aus der Feder von Procházka. Regie führte Karel Kachyňa.
„Wagen nach Wien“ spielt in den letzten Kriegstagen 1945 in einem Wald
in Südmähren. Im Wesentlichen handeln nur drei Charaktere, eine junge
tschechische Frau und zwei desertierte Wehrmachtssoldaten, von denen einer
schwer verwundet auf der Ladefläche einer ärmlichen Pferdekutsche liegt.
Im Verlauf des Films stirbt er an seiner Verletzung. Die Vorgeschichte
erfährt der Zuschauer zu Beginn des Filmes in einem Text: Die beiden
Deutschen wollen sich in Sicherheit bringen vor der Roten Armee und
marodierenden tschechischen Partisanen. Sie zwingen die junge Tschechin,
sie mit ihrem Pferdefuhrwerk über die Grenze nach Österreich zu bringen.
Was sie nicht wissen: der Ehemann der schweigsamen Frau wurde kurz zuvor
– offenbar von Deutschen – ermordet. Sie sinnt auf Rache.
Aus dem Film „Wagen nach Wien“
Der Film zeigt die ständige Anspannung der Wehrmachtssoldaten und ihre
Angst sobald in der Ferne Schüsse zu hören sind. Die menschliche Seite
des vermeintlichen Feindes lässt auch die junge Tschechin nicht kalt. Sie
bringt es nicht übers Herz ihre Rachepläne umzusetzen. Das Ende ist
tragisch. Tschechische Partisanen greifen die beiden auf, vergewaltigen
die
Frau, foltern und erschießen schließlich den jungen Deserteur. Die
Bedeutung von „Wagen nach Wien“ kann Koura zufolge kaum überschätzt
werden:
Karel Kachyňa (Quelle: Tschechisches Fernsehen)
„Das ist der erste Film, in dem Gewaltakte tschechischer
Widerstandskämpfer an deutschen Soldaten im Mai 1945 gezeigt werden. Vom
künstlerischen Gesichtspunkt wird dieser Film heute sehr geschätzt. Er
wird zu den besten tschechischen Spielfilmen überhaupt gezählt. Aber die
Kritiken damals im Jahr 1966 gingen mit dem Film sehr hart ins
Gericht.“
Der Film würde aus den Faschisten Gutmenschen machen, hieß es. Auch viele tschechische Kinogänger waren von Filmen wie „Wagen nach Wien“ wenig begeistert. Zu tief saß das Bild vom Deutschen als kaltblütigem Nazi, das ihnen die kommunistische Propaganda seit 1948 eingetrichtert hatte. Der schmerzhafte Blick auch auf die tschechischen Gräueltaten im Zuge der wilden Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg, blieb ihnen nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 wieder für viele Jahre erspart.
Aus dem Film „Schlüssel“ / „Klíč“
In der Zeit der Normalisierung war es weder möglich tschechische
Gewaltakte an Deutschen zu zeigen noch die tschechische Kollaboration zu
thematisieren. Die tschechoslowakische Kinematographie kehrte was die
Darstellung der Deutschen anging wieder in das Schema der 50er Jahre
zurück. Beispielhaft hierfür steht der Film „Klíč“ von 1971, in
dem
sehr eindrücklich die Hinrichtungen von tschechischen
Widerstandskämpfern
im Prager Gefängnis Pankrác. Der Deutsche im tschechoslowakischen Film
war wieder das Nazimonster geworden.
Zu Beginn der 80er Jahre war es abermals Karel Kachyňa, der Regisseur von „Wagen nach Wien“, der sich daran machte das Stereotyp zu überwinden. In seinem Film „Cukrová bouda“ (auf Deutsch: „Die Zuckerbude“) spielt ein deutscher Antifaschist, ein KZ-Überlebender, eine große Rolle. Das war neu, sagt Petr Koura:
Aus dem Film „Die Zuckerbude“
„Fast zum ersten Mal im tschechischen Spielfilm sieht man hier den
Deutschen auch als Antifaschisten. Schon in den 50er-Jahren gab es in
Filmen ähnliche Figuren. Im Zusammenhang mit dem [sozialistischen
Bruderland] DDR wurden auch ‚gute Deutsche’ präsentiert. Aber die
Figuren bekamen in diesen Filmen keinen großen Raum. In dem Film ‚Die
Zuckerbude’ aber spielt die Figur des deutschen Antifaschisten für die
Geschichte eine wichtige Rolle.“
Trotzdem blieben Filme wie „Die Zuckerbude“ bis zur Samtenen Revolution 1989 die große Ausnahme.
Aus dem Film „Wir müssen zusammenhalten“
Aber auch nach 1989 dauerte es einige Jahre, bis Deutsche nicht mehr nur
als Täter in Erscheinung traten: „Die Gewaltakte an den Deutschen
wurden
zwar heftig diskutiert, im Film aber wurde das direkt nach 1989 noch nicht
reflektiert“, so Koura. Diese Reflexion habe erst 1999 stattgefunden mit
dem Film „Musíme si pomáhat“ (auf Deutsch: „Wir müssen
zusammenhalten“) von Jan Hřebejk. Tschechen schlagen gegen Ende des
Films einen wehrlosen, kranken deutschen Mann, allerdings einen
fanatischen
Nazi. Es handelt sich aber nur um eine Szene und nicht um das Hauptthema
der Geschichte. Schonungsloser räumt 2003 der Film „Krev zmizelého“
(auf Deutsch: „Blutsbande“) mit dem althergebrachten Deutschen-Bild
auf. Deutsche Frauen werden von hier tschechischen Männern und
sowjetischen Soldaten vergewaltigt.
Aus dem Film „Habermann“ (Quelle: Bontonfilm)
Die Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld ist bis heute problematisch
für viele Tschechen. Dies zeigten erst kürzlich die Diskussionen nach
der
Entdeckung eines Massengrabes deutscher Zivilisten in einem Dorf nahe
Jihlava / Iglau. Die Männer wurden offenbar kurz nach Kriegsende von
tschechischen Partisanen brutal ermordet.
„Habermannův mlýn“ (auf Deutsch: „Habermann“), der neue Film des slowakisch-tschechischen Regisseurs Juraj Herz, spielt in einem sudetendeutschen Dorf in den Jahren 1938 bis 1946. Er wird wohl neue Diskussionen anregen über Schuld, über die deutsche aber auch über die tschechische. Juraj Herz hat zwar lange Jahre in Deutschland gelebt und gearbeitet. Aber selbst für Tschechen, die den schmerzhaften Blick auf die eigene Geschichte scheuen, kann er nicht als Revisionist gelten. Der jüdischstämmige Herz überlebte als Kind selbst die bestialische Vernichtungsmaschinerie der Nazis. Aus dem KZ Sachsenhausen wurde er von Soldaten der Roten Armee befreit. Sein Film „Habermann“ kommt am 7. Oktober in die tschechischen und am 4. November auch in die deutschen Kinos.






