Brutalismus: ein neuer Blick auf ein ungeliebtes Kind der 1970er Jahre

Der Brutalismus war eine architektonische Stilrichtung der 1960er und 1970er Jahre – und das nicht nur in der sozialistischen Tschechoslowakei. Die Trutzburgen aus Beton haben im heutigen Tschechien keinen leichten Stand. Sie werden mit dem ungeliebten Kommunismus verbunden oder sind schlicht als hässlich verschrien. Doch in den letzten Jahren gibt es immer mehr junge Menschen, die sich für die Gebäude einsetzen. Das Projekt Architektura489 soll dabei Pragern und Ausländern die Architektur der Jahre 1948 bis 1989 näher bringen.

Pavel Hrubý und Pavlína Krásná (Foto: Strahinja Bućan)Pavel Hrubý und Pavlína Krásná (Foto: Strahinja Bućan) Der Brutalismus gilt nicht als die schönste Form der Architektur. Die erste Assoziation sind meist menschenfeindliche Betonklötze. Es scheint, als ob man auf eine unnatürliche Weise versucht habe, den Lebensraum des Menschen zu planen. Oft wird der Stil auch als eine totalitäre Ausprägung der Baukunst verstanden. Pavlína Krásná erklärt den Brutalismus so:

„Der Brutalismus ist ein architektonischer Stil der 60er und 70er Jahre. Vor allem in den 70er Jahren sind viele dieser Bauten entstanden. Insgesamt war diese Bauweise ein weltweiter Trend und nicht nur eine Erscheinung der Tschechoslowakei. Dennoch denken das viele Menschen. Zudem verbinden sie den Stil mit dem Kommunismus. Dabei ging es den Architekten eigentlich darum, die Schönheit von rohem Beton zu zeigen.“

Brutalismus in London (Foto: stevecadman, CC BY-SA 2.0)Brutalismus in London (Foto: stevecadman, CC BY-SA 2.0) Pavlína Krásná hat mit ihrem Freund Pavel Hrubý das Projekt Architektura489, oder kurz A489, ins Leben gerufen. Sie möchten den Menschen zeigen, dass der Brutalismus bei weitem nicht so einschüchternd und kalt sein muss. Vor allem die Bauwerke, die in der Tschechoslowakei entstanden sind, haben etwas Besonderes an sich. Letztlich ist er ein Konzept, das in einem weitaus größeren Kontext steht:

„Zunächst möchte ich klarstellen, dass der Begriff Brutalismus bei uns oft falsch interpretiert wird. Meist sagen wir zu allen Gebäuden, die in den 60er und 70er Jahren entstanden sind, sie seien brutalistisch. Im Grunde ist das nicht ganz richtig, denn sie entsprechen nicht ganz dem ästhetischen Konzept des Stils. Der hier umgesetzte Brutalismus ist sehr spezifisch. Viele Gebäude des Brutalismus stehen in Randbezirken von London. Vor allem bei ihnen lässt sich von Brutalismus in Reinform sprechen. Hierzulande besteht eine eher abgemilderte Variante.“

Urologische Klinik in der Straße Na Karlově (Foto: ŠJů, CC BY-SA 3.0)Urologische Klinik in der Straße Na Karlově (Foto: ŠJů, CC BY-SA 3.0) Hier sei alles etwas eleganter. Man finde Elemente an den Gebäuden, die dem Auge schmeicheln und so nicht in den Stil passen, ergänzt Pavel Hrubý.

In Prag gibt es eigentlich nur zwei Gebäude, die man dem „reinen“ Brutalismus zuordnen könnte: die urologische Klinik in der Straße Na-Karlově und das Hotel Intercontinental am Ende der Pařížská-Straße. Gerade bei ihnen sind die meisten Elemente vertreten, die auch bei den Vorbildern in London zu finden sind. Pavel Hrubý versucht, sie in den Kontext mehrerer markanter Gebäude in Prag zu stellen:

Neue Szene des Nationaltheaters (Foto: Che, CC BY-SA 2.5)Neue Szene des Nationaltheaters (Foto: Che, CC BY-SA 2.5) „Die zwei Gebäude repräsentieren eigentlich den klassischen brutalistischen Stil. Es gibt daneben noch eine ganze Reihe anderer Bauten, die in dieser Zeit hier in Prag entstanden sind. Das sind die Kaufhäuser Kotva und Máj, das Gebäude des Bundesparlaments, die Neue Szene des Nationaltheaters und der Transgas-Bau. Sie alle sind aber schon entferntere Spielformen des Brutalismus. Nichtsdestotrotz sind sie aber für uns interessant.“

Nach der Wende hatten die Gebäude des Brutalismus einen schlechten Ruf. Sie wurden grundsätzlich mit dem Sozialismus in Verbindung gesetzt. Man betrachtete sie als ästhetisches Aushängeschild der ČSSR und des ungeliebten Systems insgesamt. Dabei wird aber oft der globale Zusammenhang von stilistischen Trends vergessen und der künstlerische Anspruch nicht beachtet. Pavlína Krásná:

Kaufhaus Kotva (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Kaufhaus Kotva (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) „Die meisten Menschen verbinden diesen Stil mit dem Kommunismus. Sie begreifen nicht, dass man auf der ganzen Welt so gebaut hat. Und dass der Brutalismus nicht Merkmal einer bestimmten politischen Richtung oder Kaste war.“

Dennoch sind die beiden Architekturbegeisterten optimistisch. Sie sehen vor allem bei jungen Leuten eine Wende. Man beschäftigt sich mit dieser Form der Architektur und beginnt sie mehr und mehr zu schätzen. Der Brutalismus und auch andere Phänomene des Designs dieser Zeit erleben momentan einen regelrechten Boom. Pavel Hrubý sieht aber noch einen weiten Weg, bis der Stil vollständig rehabilitiert ist:

Bundesversammlungsgebäude (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Bundesversammlungsgebäude (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) „Im Gegensatz zum Westen beginnt sich die Meinung hier erst jetzt ein bisschen zu ändern. Eigentlich setzt jetzt das ein, woran wir arbeiten und was wir weitergeben möchten. Die Gebäude sollen aus einem anderen Blickwinkel betrachtet werden. Unabhängig von den ideologischen Vorurteilen. Es ist klar, dass die Bauwerke nichts dafür können, dass sie zu dieser Zeit und unter diesen politischen Umständen entstanden sind.“

Neben Pavlína Krásná und Pavel Hrubý versuchen immer mehr Menschen, einen Zugang zu der nackten und kühlen Ästhetik dieser Zeit zu finden. Der Rapper und Künstler Vladimir518 beispielsweise. Er versucht bereits seit dem Jahr 2000, mit Vorträgen den Architekten des Bundesversammlungsgebäudes, Karel Prager, populär zu machen. Andere organisieren Stadtrundgänge mit einem Fokus auf die Architektur der Zeit vor der Wende. Als besonders engagiert zeigen sich die Designerin Klára Mergerová mit ihrem Projekt „unblok“ und die Gruppe „Nejošklivejší budova“ / „Das hässlichste Gebäude“.

Facebook-Seite des Projektes Architektura 489Facebook-Seite des Projektes Architektura 489 Pavlína Krásná und Pavel Hrubý haben eine andere Richtung eingeschlagen. Bewusst wollen sie nicht wissenschaftlich vorgehen. Gleichzeitig möchten die beiden etwas Nachhaltigeres schaffen als eine Stadtführung. Ihrem Projekt Architektura489 liegt dabei eine bestimmte Motivation zugrunde:

„Bisher hat sich niemand wirklich mit dem Thema auseinandergesetzt. Das war auch ein Impuls für uns, A489 zu starten. Einerseits hat uns unser Interesse an dieser Architektur dazu gebracht. Andererseits hatten wir bewusst zum Ziel, die Gebäude dieser Zeit von ihrem negativen Image zu befreien. Wir wollten den Blickwinkel auf den Stil dieser Zeit ändern.“

Hotel Intercontinental (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Hotel Intercontinental (Foto: Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) Pavlína Krásná fügt hinzu:

„A489 soll vor allem über die Qualität dieser Bauten informieren. Wir wollen der Gesellschaft einen wissenschaftlichen oder eher populärwissenschaftlichen Anreiz geben, sich damit auseinanderzusetzen. Wir sind aber keine Aktivisten, die Rechtsstreitigkeiten um die Gebäude austragen. Wir wollen lediglich erreichen, dass die Gesellschaft versteht, warum diese Architektur gut ist. Die Menschen brauchen Erklärungen. Nur so öffnet sich für sie eine andere Sichtweise. Wir wollen ihnen zeigen, in welchem Kontext die Bauwerke gebaut wurden oder warum sie etwas Besonderes sind.“

Kaufhaus Máj (My). Foto: Alina AltuchowaKaufhaus Máj (My). Foto: Alina Altuchowa Das Projekt entwickelt sich dabei stetig weiter. Beide legen einen großen Wert auf vielfältige Formen der Präsentation. Sie wollen die Architektur, die ihnen am Herzen liegt, aus verschieden Perspektiven zeigen. In diesem Sinn greifen sie auf unterschiedliche Medien zurück. Pavlína Krásná:

„Zurzeit haben wir unsere Facebook-Präsenz gestartet und arbeiten an einer Webseite. Diese soll als Kartothek der einzelnen Gebäude aufgebaut sein. Jedes Bauwerk erhält ein fotografisches Portfolio und eine kurze Beschreibung seiner Besonderheiten sowie Angaben zu dem jeweiligen Architekten. Unser ambitioniertestes Ziel ist ein Stadtplan von Prag. Direkt an den Bauten bringen wir kleine Schilder mit wichtigen Informationen an. Diese korrespondieren mit der Karte, und man kann so eine bestimmte Route abgehen.“

Transgas-Bau (Foto: Google Street View)Transgas-Bau (Foto: Google Street View) Pavlína Krásná und Pavel Hrubý wollen bewusst offen lassen, wer sich ihre Karte zur Hand nimmt und Prag nach brutalistischen Gebäuden absucht. Vielmehr versuchen sie Möglichkeiten zu geben, diesen besonderen Stil mit anderen Augen zu betrachten:

„Eine richtige Zielgruppe haben wir eigentlich nicht. Wir möchten unser Anliegen an eine breite Öffentlichkeit bringen. Das Herzstück unserer Arbeit soll ja die Karte von Prag sein. Deshalb möchten wir natürlich alle ansprechen, die etwas für diese Stadt übrig haben. Selbstverständlich kann das Projekt auch für Touristen interessant sein. Sie sehen etwas Neues und ganz anderes als das historische Prag.“

Pavlina Krásná hebt aber auch das Interesse der Studenten an dem Projekt hervor:

„Vor allem ist unsere Arbeit auch für Studenten interessant. Im Großen und Ganzen sprechen wir Leute im Alter von 18 bis 40 Jahren an. Ältere Jahrgänge können wir bisher nicht wirklich erreichen. Wie gesagt, unser Ziel ist es, eine breitere Öffentlichkeit anzusprechen. Deswegen versuchen wir auch, unsere Texte zu den einzelnen Gebäuden möglichst einfach zu halten.“

Momentan ist das Projekt Architektura489 auf Facebook zu finden: https://www.facebook.com/Architektura-489-485750258289045/?fref=ts Eine eigene Webseite wird in Kürze verfügbar sein.