Kultursalon Bohumil Hrabals Kersko
Das mittelböhmische Kersko ist ein Ort der Stille. Einmal im Jahr jedoch beleben zahlreiche Leser und Freunde von Bohumil Hrabal die abgeschiedene Waldsiedlung. Sie begehen das Fest „Hrabals Kersko“. Der Romancier und Erzähler, einer der bedeutendsten Autoren der tschechischen Literatur des 20. Jahrhunderts, hatte in Kersko einen Zweitwohnsitz. Aufgewachsen im nahen Nymburk, einer Kleinstadt an der Elbe, kehrte Hrabal später in die Gegend seiner Kindheit zurück – und schrieb hier mehrere seiner Werke.
Die Sonne stand hoch im Zenit, als die Prager Bridge Band beim Hrabal-Fest
in Kersko zu spielen begann. Kersko - das ist eine abgeschiedene
Waldsiedlung in Mittelböhmen unweit von Nymburk: stilvolle Anwesen,
diskret verstreut in einem lichten Laubwald. Bohumil Hrabal hatte hier
viele Jahre einen Zweitwohnsitz. Ende Mai treffen in Kersko jedes Jahr
Freunde des Schriftstellers zusammen. Die Veranstaltung nennt sich viel
sagend „Hrabals Kersko“ und ist einladend gestaltet – als Fest. Elf
Jahre gibt es sie schon, die Jazzklänge der Bridge Band begleiteten dieses
Jahr den geselligen Teil am Nachmittag. Manche Besucher des Hrabal-Festes
sind schon zu Stammgästen geworden:
„Wir bemühen uns, um jeden Preis jedes Jahr wieder zum Hrabal-Fest zu kommen. Hier lernen wir bekannte Schauspieler kennen, die bei den Verfilmungen von Hrabals Werken mitgespielt haben. Man ruft Bohumil Hrabal in Erinnerung, Ausschnitte aus seinen Büchern werden vorgetragen. Es ist einfach ein schöner, entspannender Tag“, erzählt diese Besucherin.
Hrabals Haus in Kersko
Wie so viele kennt auch sie den Romancier und Erzähler vor allem von den
Verfilmungen seiner Werke.
„Gelesen habe ich Hrabal eher nur als Pflichtlektüre in der Schule. Aber einige Verfilmungen seiner Werke, wie ‚Die Schur’ oder ‚Schneeglöckchenfeste’, die kann ich mir immer wieder anschauen.“
Die Gegend von Nymburk ist Ort der Handlung in mehreren von Hrabals Werken. Das Programm des Hrabal-Festes stellt diese lokalen Bezüge in den Mittelpunkt. Die Erzählung „Die Schur“ spielt zum Beispiel in Nymburk, Schauplatz der Prosasammlung „Schneeglöckchenfeste“ ist Kersko. Oscar-Regisseur Jiří Menzel hat beide Werke in den 1980er Jahren durch kongeniale Verfilmungen populär gemacht.
Auf den Spuren von Bohumil Hrabal
Das Fest zu Ehren des Romanciers und Erzählers, der 1997 im hohen Alter
von 83 Jahren verstorbenen ist, geht jedoch fernab der Kinoleinwände los.
Frühmorgens, wenn der Tau noch auf den Gräsern im Waldgebiet von Kersko
glitzert, bricht die Fan-Gemeinde zu einem Rundgang auf. Angesteuert werden
Orte, die Bohumil Hrabal besonders mochte. In seinen literarischen Werken
umgab Hrabal diese Orte mit einzigartigem Kolorit und brachte sie Lesern
auf der ganzen Welt nahe:
„Hätte Hrabal nur die Erzählung ‚Die Schur’ geschrieben, hätte er bereits so viel für Nymburk getan wie kein anderer. Dasselbe gilt für Kersko. Bis zu Hrabals Prosasammlung ‚Schneeglöckchenfeste’ und deren Verfilmung war Kersko so gut wie nicht bekannt. Jetzt ist der Ort ein schillernder Begriff“, glaubt Jan Řehounek.
Föhre 'Schöne Peppi'
Er ist einer der Initiatoren des Hrabal-Festes. Řehounek begleitet die
mehreren Dutzend Fans auch auf ihrem Rundgang. Ziel der Wanderung ist eine
uralte Föhre. Hrabal taufte sie zärtlich „Schöne Peppi“. Den außer
Atem geratenen Wanderern mag sich die Schönheit dieses Baumes nicht sofort
erschließen. Für Hrabals poetisch-schöpferischen Blick erschien die
Baumkrone indes so prachtvoll wie das Rosettenfenster des Prager Veitsdoms.
Solche originellen, manchmal ins Bizarre gesteigerten Metaphern,
hergeleitet von scheinbar unscheinbaren Dingen, gehören untrennbar zu
Hrabals Stil.
Das Fest in Kersko hat der Klub der Leser Bohumil Hrabals ins Leben gerufen. Helena Liptáková leitet die Stadtbibliothek Nymburk, zu welcher der Leserklub gehört:
„Den Klub der Leser Bohumil Hrabals gibt es bei der Stadtbibliothek Nymburk schon elf Jahre. Die wichtigste Aktion ist eben das heutige Fest ´Hrabals Kersko’. Außerdem machen wir im Herbst ein Treffen, das ist in einem kleineren Rahmen, wir inszenieren Passagen aus Hrabals Büchern oder laden Fachleute zu Vorträgen ein. Der Leserklub hat etwa 100 Mitglieder.“
Nach dem Hrabal-Fest könnten es wieder ein paar mehr Klubmitglieder
werden. Denn die Veranstaltung ist nicht nur ein Treffpunkt von
eingeschworenen Hrabal-Lesern, für einige Besucher ist es auch eine Art
Schnupperkurs:
„Durch das Treffen hier sagen sich bestimmt manche, die Hrabal noch nicht kennen: Ich könnte eigentlich etwas von ihm lesen. Auch das Fest veranlasst also manche, zu einem Buch von Bohumil Hrabal zu greifen. Aber das sind eher Ausnahmen. Ich glaube, die meisten Leute kennen sein Werk“, vermutet Helena Liptáková.
Die meisten sind auch in die Bezugspunkte Hrabals zu Nymburk und Kersko eingeweiht. In Nymburk ist Hrabal aufgewachsen, Kersko war ein Lebensmittelpunkt des reifen Autors. Die Öffentlichkeit kann sich über all das eingehend informieren. Helena Liptáková:
Bohumil Hrabal
„In Nymburk gibt es eine Ausstellung über Bohumil Hrabal, die bildet
einen Teil des heimatkundlichen Museums der Stadt. Und wir in der
Stadtbibliothek haben ein literarisches Kabinett zu Bohumil Hrabal. Dort
können Interessenten über Bohumil Hrabal forschen und seine Werke
studieren. Es können Computer-Recherchen angestellt werden, und wir haben
auch sämtliche Materialien, Fachaufsätze und wissenschaftliche
Veröffentlichungen, die über Hrabal herausgegeben wurden.“
Beim stellvertretenden Bürgermeister von Nymburk findet solches Engagement im Dienst von Bohumal Hrabal volles Verständnis. Miroslav Jeník ist schließlich selbst ein begeisterter Hrabal-Leser:
„Ich habe schon in den 1980er Jahren sämtliche Bücher von Hrabal gelesen, an die man damals herankommen konnte. Den Roman ‚Wie ich den englischen König bediente’ habe ich sogar mehrmals gelesen. Er wurde damals von der so genannten ‚Jazz-Sektion’ herausgeben und war verboten. An Hrabal fasziniert mich die erzählerische Begabung, die Art, wie er die einzelnen Episoden miteinander verknüpft und auf schöne, ansprechende Weise darstellt. Er hat seine Leser noch in der Zeit des Kommunismus in eine ganz eigene, echte Welt hineingeführt.“
In „Wie ich den englischen König bediente“ beschreibt Hrabal mit
unverwüstlichem Humor die groteske Laufbahn eines Kellners, der sich einen
Fehltritt nach dem andern leistet und dabei unaufhaltsam nach oben
katapultiert wird. Ein Antiheld frei von jedem Verdacht des Heroismus, eine
Figur zum Belächeln, vom Autor hervorgebracht in einer Zeit, in der
höhere Stellen den Literaten die Arbeit an positiven Vorbildern
verordneten. Jiří Menzel verfilmte auch dieses Buch, entstanden ist diese
bisher letzte Hrabal-Verfilmung 2006.
Die Handlung von „Wie ich den englischen König bediente“ spielt in Prag, in der Erzählung „Die Schur“ kehrt Hrabal in die Welt seiner Kindheit und Jugend in Nymburk zurück:
Bier 'Schafschur'
„Der Stiefvater von Bohumil Hrabal, František Hrabal, kam 1919 in die
Brauerei Nymburk. Er begann als Buchhalter, doch dann stieg er zum
Verwalter und zuletzt zum Direktor auf. Die Hrabals lebten viele Jahre lang
in einer Dienstwohnung am Brauereigelände. Bohumil Hrabal wohnte bis zum
Jahr 1947 im Gebäude der Brauerei“, So Pavel Benák, der Direktor der
Brauerei in Nymburk.
Beim Hrabal-Fest in Kersko darf das Bier der Brauerei also keineswegs fehlen. Es kommt während des zweiten, geselligen Teils im Privatgarten eines Ateliers zum Zug. In den Gläsern unter dem Zapfhahn schäumt dann einzig Bier der Marke „Schafschur“ - auf seinem Etikett prangt in verschiedenen hellen und dunklen Schattierungen das Porträt von Bohumil Hrabal.
Fotos: Autorin







