Ausstellung: Künstler verwandeln Loos’sche Architektur in Räume der Seele

Tschechische Künstler haben sich auf ein berühmtes Vorbild der architektonischen Moderne eingelassen. Und zwar auf Adolf Loos, der vor und nach dem Ersten Weltkrieg in Plzeň / Pilsen tätig war. Die dortige Westböhmische Galerie zeigt nun die Werke dieser 13 Künstler unter dem Titel „Interieure der Seele“. Ausgestellt sind sie im Galeriehaus Masné krámy (Fleischbänke).

Adolf LoosAdolf Loos Adolf Loos hat während zweier Schaffensperioden in Pilsen gewirkt: vor 1910 und von 1927 bis zu seinem Tod im Jahr 1933. Er entwarf dort die Innenausstattung von mehr als einem Dutzend Wohnungen und Villen. Die Künstler der Gruppenausstellung „Interieure der Seele“ haben einige dieser Residenzen unter die Lupe genommen und die Gestaltungsprinzipien von Adolf Loos studiert. Konzipiert wurde das Projekt von Michal Koleček, der an der Fakultät für Kunst und Design in Ústí nad Labem / Aussig an der Elbe lehrt. Er wählte die Künstler aus, die an der Ausstellung teilnehmen. Obwohl sie aus ganz Tschechien kommen, haben alle einen Bezug zu Pilsen und Adolf Loos. Kuratorin der Schau ist Marcela Štýbrová von der Westböhmischen Galerie in Pilsen.

„Die Künstler hatten mehrere Gestaltungsmöglichkeiten. Sie haben auf die Ästhetik der Wohnungsausstattungen beziehungsweise auf die Persönlichkeit von Adolf Loos reagieren können. Oder sie konnten sich mit den oft tragischen Lebensgeschichten der ursprünglichen, meist jüdischen Bewohner auseinandersetzen. Ebenso kam in Frage, das Schicksal der Interieure selbst zu verfolgen. Mit ihnen wurde zu kommunistischen Zeiten sehr achtlos umgegangen, erst jetzt sind sie wieder instandgesetzt worden.“

Laminat statt Marmor

Installation „Das hier ist kein Loos“ von Benedikt Tolar (Foto: Archiv der Westböhmischen Galerie in Pilsen)Installation „Das hier ist kein Loos“ von Benedikt Tolar (Foto: Archiv der Westböhmischen Galerie in Pilsen) Benedikt Tolar stammt direkt aus Pilsen, für die Ausstellung hat er eine Wand im Stil von Adolf Loos gestaltet. Die betont edlen Materialien, die der Architekt damals verwendete, hat Benedikt Tolar durch zeitgenössische Werkstoffe ersetzt. Das habe die emotionale Wirkung stark verändert, sagt der Künstler.

„Meine Installation besteht aus einem Kamin mit einer Verkleidung und einer Spiegelwand, wie Loos sie gerne in großen Räumen angebracht hat. Doch mein Kamin ist aus Betonformsteinen, die eigentlich für Zäune bestimmt sind, und für die Verkleidung habe ich bedrucktes Laminat verwendet, das wie schwarzer Marmor aussieht. Diesen Werkstoff findet man heute oft bei Arbeitsplatten von Einbauküchen.“

Tolar lehrt an der Westböhmischen Universität Pilsen. Bei seiner Arbeit an der Wand hat er festgestellt, dass viele der gediegenen Materialien, die Loos bevorzugte, heute schlicht nicht mehr zu bekommen sind. Die billigen Imitate von heute erzielen allerdings nicht die behagliche emotionale Wirkung der Loos’schen Interieure. Unser Wohngefühl habe sich verändert, folgert der Künstler. Deshalb nennt er seine Installation auch „Das hier ist kein Loos“. Durch einen Türspalt öffnet sich der Blick von seiner Wand auf den Hinterhof der Galerie, in dem Fahrzeuge parken. Durch diese visuelle Brücke verweist Tolar auf den exklusiven Charakter der Architektur von Adolf Loos.

Dominik Lang (Foto: Tschechisches Fernsehen)Dominik Lang (Foto: Tschechisches Fernsehen) Der Prager Künstler Dominik Lang nennt seine Installation „Verloren“. Sie bestehe aus einem Set von Repliken Loos’scher Deckenlampen, die von sogenannten Schneekesseln inspiriert seien, erklärt Marcela Štýbrová:

„Es ist bekannt, dass Adolf Loos gerne Kaffeehäuser besuchte. Und die sogenannten Schneekessel waren früher schön geformte Töpfe aus Messing, in denen Eiweiß zu Schnee oder auch Sahne geschlagen wurde. Adolf Loos modellierte nach der Form und auch den Farben solcher Schneekessel einen bestimmten Typ seiner Leuchten. Unterschiedliche Varianten dieser Leuchten waren ein wichtiges Zubehör seiner Interieure. Dominik Lang hat sich aber nicht damit begnügt, Repliken solcher Lampen zu schaffen; sondern er hat die Lampen in der Galerie so angebracht, dass die Lichtkegel manche Objekte weiterer Künstler gleichsam in einem besonderen Licht erstrahlen lassen.“

In der Ausstellung „Interieure der Seele“ sind des Weiteren Arbeiten von Matěj Al-Ali, Milena Dopitová, Martin Kolář, Luděk Míšek, Tomáš Moravec und Jan Stolín vertreten.

Licht der Schneekessel

Installation von Alena Kozmannová (Foto: Archiv der Westböhmischen Galerie in Pilsen)Installation von Alena Kozmannová (Foto: Archiv der Westböhmischen Galerie in Pilsen) Die Fotografin und Konzeptionskünstlerin Alena Kotzmannová hat die räumlichen Besonderheiten der Galerie Masné krámy in ihre Installation mit einbezogen. Masné krámy heißt auf Deutsch „Fleischbänke“. Das Galeriehaus ist durch halboffene Rundbögen in Längsschiffe gegliedert. Auf den pultartigen Mauersockeln der Bögen – den ehemaligen Fleischbänken – handelten die Pilsner Metzger einst mit ihrer Ware. Die Künstlerin hat diese Pulte mit Fotos und handschriftlichen Zitaten von Adolf Loos bestückt. Die sorgfältig ausgewählten Zitate in aufgeschlagenen Schulheften vermitteln Leitsprüche von Loos wie „Zimmerwände sollen sein wie gut sitzende Kleider der Bewohner“, aber auch zeitkritische Äußerungen.

Jan Krtička: „Was ich mir von Loos gemerkt habe“ (Foto: Archiv der Westböhmischen Galerie in Pilsen)Jan Krtička: „Was ich mir von Loos gemerkt habe“ (Foto: Archiv der Westböhmischen Galerie in Pilsen) Eine Toninstallation hat der gebürtige Olmützer Jan Krtička in die Ausstellung eingebracht. Eine Runde von Lautsprechern auf mannshohen Ständern führt einen fiktiven Disput. Bei genauem Hinhören fügen sich die Redeströme magisch zu einer Kollage aus substantiellen Gedanken über Adolf Loos. „Was ich mir von Loos gemerkt habe“, nennt Krtička denn auch sein Artefakt.

Anstatt mit Lautsprechern arbeitet Michaela Thelenová mit kurzen Videoprojektionen. Die serienmäßig angeordneten vier Videos evozieren die Atmosphäre von konkreten Lebenssituationen in den Loos’schen Residenzen. Durch eine dynamische Belichtung simuliert die Künstlerin die Bewegung der Personen im Raum und den veränderlichen Sonnenstand im Laufe eines Tages. Geräuschkulissen wie das Klirren von Geschirr, Schritte oder leise Musik unterstreichen den atmosphärischen Zauber. Benedikt Tolar findet, dass der Gesamtplan der Ausstellung gut gelungen sei.

Jiří Černický: „Zentrifugale Tafel“ (Foto: Archiv der Westböhmischen Galerie in Pilsen)Jiří Černický: „Zentrifugale Tafel“ (Foto: Archiv der Westböhmischen Galerie in Pilsen) „Die Ausstellung ist für mich eine angenehme Überraschung. Ich muss dem Autor, Michal Koleček, meine Anerkennung aussprechen. Er hat bei Zusammenstellung der Artefakte eine sehr glückliche Hand gehabt.“

Tragische Schicksale

Ebenso einfallsreich wie anspruchsvoll sind auch die Artefakte der renommierten Künstler Pavel Mrkus und Jiří Černický. Die Videoprojektion „Raumplan Reloaded“ von Pavel Mrkus paraphrasiert den berühmten Loos’schen Raumplan durch dynamisch bewegte virtuelle Boxen. Der Künstler assoziiert diese Bewegungen mit den unsteten und teils tragischen Schicksalen der früheren Bewohner. Jiří Černický macht mit seiner „Zentrifugalen Tafel“ deutlich, dass wir heute von Geräten und Möbeln anstatt einer Funktionalität vielfach eine Multifunktionalität erwarten.

Die Ausstellung „Interieure der Seele“ ist noch bis Ende April in Pilsen zu sehen, und zwar im Haus Masné krámy der Westböhmischen Galerie. Die Öffnungszeiten sind Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr.

Trotz des Einfallsreichtums der Künstler sei die Koordination des Projektes nicht einfach gewesen, stellt Kuratorin Marcela Štýbrová fest.

„Wir mussten die 13 Künstler erst mit der Thematik bekanntmachen. Das hat so viel Zeit gekostet, dass der Katalog mit einiger Verspätung erscheint. Doch ich bin zuversichtlich, dass er bis Ende März fertig auf dem Tisch liegt.“

Der Katalog dürfte in jedem Fall eine große Hilfe sein für die Ausstellungsbesucher. Denn die vielen Anspielungen und Bezüge in den Werken lassen sich bei einem Rundgang auf den ersten Blick sicher nicht erkennen. Dazu braucht es schon die eine oder andere Erläuterung.