Kultursalon Auf Erfolgskurs: die Technische Nationalbibliothek feiert ihren ersten Geburtstag
Drei Jahre lang wurde erbittert um den Neubau der Tschechischen Nationalbibliothek gerungen, bis man sich schließlich zum Ausbau des historischen Standortes im Klementinum in der Prager Altstadt entschlossen hat. Im Schatten dieses Dauerstreits hat die Staatliche Technische Bibliothek dem Klementinum den Rücken gekehrt und auf dem TU-Campus im Stadtteil Dejvice einen Neubau errichtet. Wir haben mehrmals berichtet. Vor genau einem Jahr hat die mittlerweile in Technische Nationalbibliothek umbenannte Bücherei ihren Betrieb aufgenommen. Grund genug für die Bibliotheksleitung, Bilanz zu ziehen.
Neubau der Tschechischen Nationalbibliothek (Foto: Barbora Kmentová)
Der Stadtteil Prag-Dejvice ist untrennbar mit seinem Universitätscampus
verbunden: nicht nur die Technische Universität Prag, auch die
Chemisch-Technische Hochschule ist hier zuhause. Den Campus bilden
verschiedene, rasterförmig angeordnete Gebäude aus verschiedenen Epochen.
Vom sozialistischen Realismus der 1950er, über die durch ein bisschen lila
Mosaik aufgehübschten Plattenbauten der Siebziger und Achtziger, bis zu
einigen Neubauten nach der Jahrtausendwende. Das neueste Bauwerk auf dem
weitläufigen Universitätsgelände ist jenes der Technischen
Nationalbibliothek mit seiner eleganten grauen Glasfassade. Vor genau einem
Jahr eröffnet, hat es bereits mehrere Preise bekommen, wie
Bibliotheksleiter Martin Svoboda stolz berichtet:
Martin Svoboda
„Es hat uns sehr gefreut, dass wir noch vor der Eröffnung den Preis des
‚Klubs für das Alte Prag’ für den besten Neubau im historischen
Umfeld bekommen haben. Dann ging es weiter mit dem Preis ‚Großartiger
Betonbau’. Im Wettbewerb ‚Bauwerke des Jahres’ haben wir die
Auszeichnung des Oberbürgermeisters bekommen sowie den Preis des
Staatlichen Umweltschutz-Fonds. Im ‚Grand-Design-Wettbewerb’ haben die
Autoren der Inneneinrichtung und des Grafikdesigns jeweils den ersten Platz
belegt. Kurz vor den Sommerferien wurde dann bekannt, dass unsere
Bibliothek beim Grand Prix der Architektur den Hauptpreis gewonnen hat.
Außerdem sind wir beim Publikumspreis für den ‚Bau des Jahrzehnts’ im
Rennen und die Architektenkammer hat unser Gebäude zum
Mies-Van-der-Rohe-Award 2011 angemeldet.“
Foto: Barbora Kmentová
Doch nicht nur die Architekturkritiker sind begeistert von der neuen
Technischen Nationalbibliothek, auch die Benutzer zeigen großes Interesse
an der neuen Bücherei, erläutert Svoboda im Radio-Prag-Gespräch:
„Am beliebtesten an der Bibliothek ist das Kaffeehaus. Nein, ich mache einen Scherz. Die Studenten kommen natürlich wegen der Bücher. Im ersten Jahr haben wir rund 300.000 Besucher gezählt, und es werden sicher noch mehr werden. Für die Bibliothek ist das kein Problem, die verkraftet mehr als diese 300.000 Besucher. An Spitzentagen kommen bis zu 2500 Leute, im Durchschnitt sind es etwa 1000 pro Tag.“
Foto: Barbora Kmentová
Damit ist die Besucherzahl im Vergleich zum letzten Jahr in den düsteren,
beengten Räumlichkeiten des Klementinums um beinahe das Sechsfache
gestiegen. Mit dem Besucheransturm hat man in der Technischen
Nationalbibliothek durchaus gerechnet, nicht aber, dass auch viel mehr
Bücher ausgeliehen würden. Denn in der Technischen Nationalbibliothek
sind alle Bücher in einer Freihandaufstellung zugänglich und
hauptsächlich zum Studium vor Ort bestimmt. Dazu stehen fast 1300
Studienplätze und weitere 450 bequeme Sitzplätze in so genannten
Relaxzonen zur Verfügung.
Foto: Barbora Kmentová
„Überraschenderweise ist die Zahl der ausgeliehenen Bücher gestiegen.
Das hatten wir so nicht erwartet. Das liegt wohl an der Aufstellung der
Werke nach Themengebieten. Das heißt, die Leute suchen ein bestimmtes
Buch, sehen gleich daneben aber weitere interessante Werke zum Thema und
leihen die auch gleich aus. Bisher, im Klementinum, musste man die Bücher
ja immer vorab bestellen. Zunächst hat uns dieser Anstieg ein wenig
überrascht, aber eigentlich ist das logisch.“
Anders als im Klementinum läuft auch der Betrieb der Bibliothek teilweise automatisch. So können die Benutzer zum Beispiel mit ihrem Bibliotheksausweis die Bücher selbst ausleihen. Nun möchte die Technische Nationalbibliothek weitere Dienstleistungen auf Selbstbedienung umstellen. Dies sei angesichts der Einsparungen beim Personal dringend nötig, sagt Bibliotheksleiter Svoboda:
Foto: Barbora Kmentová
„Es gibt jetzt Selbstbedienungsdrucker und -kopierer. Auch Studier- und
Arbeitsräume sowie Termine für Beratungsgespräche können von den
Benutzern selbst im Internet reserviert werden. Diese Beratungsgespräche
bieten wir schon länger an und die Nachfrage hat sich verzehnfacht. Auch
immer mehr Recherchen werden in Auftrag gegeben. Diese speziellen
Recherchen machen wir vor allem für Studenten, die an ihrer Diplomarbeit,
ihrer Dissertation oder einem Semesterprojekt arbeiten. Das kostet zwar ein
bisschen Geld, aber für die Studenten lohnt es sich offensichtlich.“
Foto: Barbora Kmentová
Für eine Stunde Recherchearbeit verrechnet die Technische
Nationalbibliothek umgerechnet rund 6,50 Euro. Auch verschiedene
Recherche-Pakete werden angeboten. So kostet eine dreistündige
Internet-Recherche zu einem bestimmten Thema etwa 20 Euro. Studenten
bekommen jeweils 50 Prozent Ermäßigung.
Besonders beliebt in der Technischen Nationalbibliothek ist der
Nachtlesesaal, der wirklich die ganze Nacht hindurch geöffnet ist. Die
Technische Nationalbibliothek sei bisher die einzige Institution, die in
Tschechien einen derartigen Service anbiete, sagt Bibliotheks-Chef Svoboda:
Foto: Barbora Kmentová
„International ist es absolut üblich, dass eine Bibliothek rund um die
Uhr geöffnet hat. So weit haben wir uns nicht zu gehen getraut, weil wir
Angst vor den hohen Personalkosten haben. Irgendjemand muss ja auf die
Bibliothek aufpassen. Also haben wir einen eigenen Lesesaal eingerichtet,
der beheizt ist, wo es Toiletten und einen Internetzugang gibt. Der bleibt
die ganze Nacht offen und wird sehr gut angenommen. Wenn ich einmal länger
im Büro bleibe und gegen 22 Uhr dort vorbeigehe, dann ist der Lesesaal
immer voll. Mir wurde berichtet, dass auch um zwei Uhr morgens dort viele
Leute sitzen. Und wenn man gegen halb sieben vorbeikommt, dann sind dort
immer noch Leute. Oder schon wieder. Ursprünglich war der Nachtlesesaal
für 35 Leute geplant. Wir mussten aber bereits Tische und Stühle
nachkaufen, weil nicht alle Platz hatten.“
Foto: Barbora Kmentová
Aus Umfragen unter den Benutzern wisse man, dass auch viele Studenten aus
anderen Universitäten in die Technische Nationalbibliothek kommen. Die
Ausstattung sei viel besser als in den historischen Räumen der
Tschechischen Nationalbibliothek. Außerdem würden viele Studenten gerade
die durchgehenden Öffnungszeiten seiner Bibliothek schätzen, sagt Martin
Svoboda im Interview für Radio Prag:
„Gerade in der Nacht haben wir hier sehr viele ausländische Studenten, und die kommen vor allem von der Karlsuniversität, aber natürlich auch von der TU. Es sind aber wirklich viele internationale Studenten hier, die wahrscheinlich in sehr beengten Verhältnissen wohnen. Außerdem sind sie es von ihren Heimatuniversitäten gewohnt, dass man auch in der Nacht irgendwo lernen und arbeiten kann.“
Foto: Andrea Fajkusová
Insgesamt, so erläutert Bibliotheksdirektor Svoboda, hätten sich die
Benutzer in den Umfragen bisher sehr zufrieden mit der Technischen
Nationalbibliothek gezeigt. Besonders positiv bewertet wurden die gute
Ausstattung und die Freundlichkeit des Personals. Deutliche Kritik habe es
allerdings am zu hohen Lärmpegel im Haus gegeben. Durch die offene
Bauweise mit dem großen Atrium im Zentrum des Gebäudes sei auch ein
einzelnes lautes Telefongespräch im ganzen Haus zu hören.
„Was wir nun planen, sind individuelle Lernzonen und Gruppenarbeitsräume. Bisher unterhalten sich die Studenten teilweise recht laut an den einzelnen Tischen. Teamarbeit ist heute einfach immer mehr gefragt, es gibt aber bis jetzt keine abgetrennten Räume. Und das stört die anderen Benutzer und deswegen hat es Beschwerden gegeben. Wir wollen die Bibliothek nun in eine laute und eine leise Zone aufteilen.“
Mittelpunkt der Bibliothek (Foto: Barbora Kmentová)
Neben der Einrichtung eigenen Gruppenarbeitsräumen, die im Internet vorab
reserviert werden können, wurde der gesamte sechste Stock der Technischen
Nationalbibliothek zur Ruhezone erklärt. Das Publikum hat das Angebot
offenbar dankbar angenommen, denn seit der Einrichtung der Ruhezone seien
die Leseplätze im obersten Stockwerk die mit Abstand beliebtesten, sagt
Bibliotheksleiter Martin Svoboda.
Nähere Informationen zur Technischen Nationalbibliothek finden Sie hier: www.techlib.cz/en







