Architekten lassen „Deutsches Haus“ in Brünn wiederauferstehen – als Stahlgerüst

Auf dem Mährischen Platz in Brno / Brünn steht derzeit eine große Stahlgerüstkonstruktion. Sie ist Hauptveranstaltungsort für das Multigenre-Festival „Sommer 2017“. Das Besondere daran ist, dass die Architekten der Stahlkonstruktion sich vom früheren „Deutschen Haus“ haben inspirieren lassen. Das stand genau an dem Ort.

Foto: Chybik+Kristof Architects & Urban Designers.Foto: Chybik+Kristof Architects & Urban Designers. Im Jahr 2015 hat sich das südmährische Brünn erstmals bemüht, die gesamte Stadtgeschichte zu betrachten. Damals wurde also nicht nur an das Ende des Zweiten Weltkriegs und der Nazidiktatur erinnert, sondern auch an den Todesmarsch der deutschsprachigen Bevölkerung nur wenige Wochen später. Daraus ist mittlerweile das Festival „Meeting Brno“ entstanden. Es findet im Mai statt und bildet den Auftakt zum Brünner Festival-Sommer. Bei „Meeting Brno“ entstand in diesem Jahr eine markante Stahlgerüstkonstruktion, die derzeit auf dem Mährischen Platz steht.

Mit dem Bau beauftragt war das renommierte Architekturstudio „Chybik + Kristof“ aus Brünn. Die Architekten Ondřej Chybík und Michal Krištof haben vor zwei Jahren großen Erfolg gefeiert mit dem tschechischen Pavillon auf der Expo in Mailand. Ihr Projekt auf dem Mährischen Platz steht unter dem Motto: „ein Ort, unterschiedliche Regimes und Tausende menschliche Schicksale“. Auf der Grünfläche des Platzes ist dabei eine Installation erwachsen, die auf das „Deutsche Haus“ hinweist, das dort bis Ende des Zweiten Weltkriegs stand. Warum aber gerade das Deutsche Haus? Ondřej Chybík gegenüber Radio Prag:

Ondřej Chybík (Foto: Ondřej Surý)Ondřej Chybík (Foto: Ondřej Surý) „Vor einiger Zeit hat mein Vater ein Buch zu Weihnachten geschenkt bekommen über die Geschichte des Deutschen Hauses in Brünn. Von dem Bau hatte ich bereits während meines Architekturstudiums an der Brünner Universität gehört. Als ich im Buch blätterte, dachte ich mir, es könnte interessant sein, das historische Gebäude in irgendeiner Weise architektonisch zu visualisieren. Das hat sich mit der Idee vermischt, zu veranschaulichen, dass die zum Mährischen Platz hinführende Rašínova-Straße nicht von ungefähr gebaut wurde. Man hat sie im 19. Jahrhundert eindeutig als wichtige Stadtachse projektiert, und an ihrem Ende wurde sie von einem palastartigen Bau abgeschlossen.“

Und zwar eben vom Deutschen Haus, dessen Größe, Breite und Höhe nun vom Stahlgerüst getreu abgebildet wird. Die Konstruktion steht sogar am Original-Standort.

Der Architekt als Fundraiser

Mährischer Platz (Foto: Martin Strachoň, CC BY-SA 4.0)Mährischer Platz (Foto: Martin Strachoň, CC BY-SA 4.0) Allerdings blieb Chybíks Idee zunächst unerfüllt. Erst als die Stadtvertreter den Plan bekanntmachten, auf dem Mährischen Platz ein Podium für das Sommerfestival zu bauen, haben sich Chybík und Krištof gemeldet. Ihnen sei sofort klar gewesen, was dort entstehen solle, sagt Chybík. Eben eine Konstruktion, die das frühere Deutsche Haus visualisiert. Der Stadtrat rechnete allerdings nur mit den üblichen Komponenten eines Festivalareals: dem Podium, einem Café und einem Biergarten. Dementsprechend gering war auch das Budget, das man dem Architekturstudio zur Verfügung stellte. Die großdimensionierte Installation ließ sich damit aber nicht finanzieren. Deswegen habe man eine eigene Lösung gefunden, so Chybík:

„Ich habe praktisch wie eine Fundraising-Agentur gearbeitet. Meine Ambitionen, das Projekt umzusetzen, waren ziemlich groß. Im Lauf eines Monats habe ich 1,6 Millionen Kronen von privaten Spendern zusammengetragen. Das war nicht einfach. Zum Glück habe ich aber eine Reihe von Freunden, die unternehmerisch tätig sind. Sie sprangen an bei dem Gedanken, unter anderem an das Deutsche Haus zu erinnern. Die Mehrheit der Spender sind meine Altersgenossen, sie sind in Leitungsorganen von Unternehmen tätig. Sie haben auch die älteren Topmanager ihrer Firmen davon überzeugt, dass es sich um eine gute Sache handelt.“

Kaiser Josef II. Denkmal auf dem Mährischen Platz (Foto: Anton Brenek, Public Domain)Kaiser Josef II. Denkmal auf dem Mährischen Platz (Foto: Anton Brenek, Public Domain) In die Stahlgerüstkonstruktion wurden natürlich auch das Podium sowie die geplanten Gaststätten integriert. Hinzu kam noch eine Bildergalerie. Das Festivalareal auf dem Mährischen Platz hat damit eine andere Gestalt erhalten, als der Stadtrat ursprünglich im Sinn gehabt hatte. Sie entspricht nun der Absicht von Chybík und Krištof, vielerlei architektonische Anspielungen zu schaffen.

Von Kaiser Joseph II. bis zur Roten Armee

Der Mährische Platz ist immer auch Ort politischer Symbolik gewesen: Bis in das 18. Jahrhundert bildete er einen Bestandteil der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Nach dem Abriss der Stadtmauern wurde der Platz in einen grünen Ring einbezogen, der damals den Stadtkern umspannte. 1891 wurde in einem Park dort das Deutsche Haus als Kulturzentrum für die deutschsprachigen Bewohner eröffnet. Kurze Zeit später wurde in der Nähe des Hauses eine Reiterstatue von Kaiser Joseph II. aufgestellt. Diese wurde 1919 beseitigt, also ein Jahr nach der Gründung der unabhängigen Tschechoslowakei. Dasselbe Schicksal ereilte auch das Deutsche Haus, nachdem es 1945 bei den Befreiungskämpfen auf dem damaligen Hitler-Platz stark beschädigt wurde. Unmittelbar nach Kriegsende wurden gefallene Sowjetsoldaten vorübergehend auf dem Gelände bestattet. Eine neue Statue sollte dann an den ersten tschechoslowakischen Präsidenten T.G. Masaryk erinnern, doch sie wurde nie vollendet. Wegen der Übernahme der Macht durch die Kommunisten im Jahr 1948 blieb es nur bei der Grundsteinlegung. Weitere neue Elemente kamen im Sinne der sozialistischen Ideologie Anfang der 1970er Jahre hinzu: ein Wasserbecken mit dem Grundriss des fünfzackigen Sowjetsternes und einem Springbrunnen in der Mitte. In seiner Nähe ragte ein Standbild mit dem Namen „Kommunisten“ in die Luft.

Foto: Chybik+Kristof Architects & Urban Designers.Foto: Chybik+Kristof Architects & Urban Designers. Auch diese historischen Verwandlungen des Ortes spiegeln sich in der Installation von Chybík und Krištof wieder. Das heißt, die Architekten erinnern nicht nur an die deutschsprachige Bevölkerung als damals größte Minderheit der Stadt, sondern auch an die einstige Zugehörigkeit Böhmens und Mährens zur Habsburger Monarchie sowie an die Befreiung der Stadt durch die Rote Armee.

Symbol für kulturelle Vielfalt

Dem gebürtigen Brünner Chybík und seinem Arbeitspartner Krištof mit slowakischer Abstammung liegen aber auch die Probleme der Gegenwart am Herzen. Für eines davon hält Chybík die Flüchtlingskrise und die ängstliche bis ablehnende Haltung der Tschechen:

Michal Krištof (Foto: Ondřej Surý)Michal Krištof (Foto: Ondřej Surý) „Diese Haltung ist beschämend und peinlich im Vergleich mit anderen europäischen Ländern. Daher wollten wir mit dem Projekt für ‚Meeting Brno‘ auch zeigen, dass Brünn ebenso wie die Tschechoslowakei früher nicht so monokulturell war wie heute. Bis zum Kriegsende lebten hier drei zahlenmäßig starke Ethnien. Historisch betrachtet ist also kulturelle Vielfalt etwas Natürliches für dieses Land. Seit 70 Jahren sind wir aber vor allem mit uns selbst beschäftigt. Eine Reihe von Tschechen empfindet sogar die wenigen Slowaken, die in Tschechien leben und sich von uns Tschechen gar nicht unterscheiden, als ‚Fremde‘. Wir wollten daher die Brünner Bevölkerung nachhaltig darüber aufklären, was in ihrer Stadt im Lauf der Geschichte vor sich gegangen ist. Und auch dass eine Koexistenz mehrerer Kulturen früher möglich gewesen ist.“

Foto: Chybik+Kristof Architects & Urban Designers.Foto: Chybik+Kristof Architects & Urban Designers. Die beiden Architekten sind Anfang 30 und haben bereits eine Reihe von Bauprojekten im In- und Ausland realisiert. Sie fühlen sich weltweit „zu Hause“. Und sie wollen nicht nur Räume schaffen, sondern diesen auch eine spezifische Dimension geben. Ondřej Chybík:

„Mein Kollege und ich, wir reisen durch die Welt und schauen uns auch verschiedene architektonische Projekte an, die nur für einen begrenzten Zeitraum gebaut werden. Sie werden danach meist demontiert. Oft handelt es sich um Entwürfe von Spitzenarchitekten, die zu einem aktuellen Anlass entstanden sind. Aus Sicht der ‚Millennials‘, also der Angehörigen der sogenannten Milleniumsgeneration, zu der wir gehören, sollte es nicht nur um das Geschäft und die Kohle gehen. Uns liegt auch daran, auf gesellschaftliche Themen aufmerksam zu machen, die unserer Meinung nach wichtig sind.“

„Einheit in der Vielfalt“ ist das Motto des diesjährigen Sommerfestivals in Brünn. Chybík und Krištof haben getreu ihrem Anspruch diesen Leitspruch gleich in vier Sprachen an ihrer Konstruktion angebracht – in Tschechisch, Englisch, Deutsch und Russisch.