Wenig Wind in den Rotoren

Tschechien hat die Förderung von Windkraft eingestellt. Trotzdem entstehen neue Anlagen: Kommt ein Umdenken?

Foto: CC0 / PixabayFoto: CC0 / Pixabay In der Nähe von Hrádek nad Nisou / Grottau an der Neiße im Dreiländereck Tschechien-Deutschland-Polen wird in diesem Sommer heftig gebaut. Dort entstehen 13 Windkraftanlagen, die künftig Strom für etwa 15.000 Haushalte liefern werden.

Dabei hat es die Windkraft heutzutage schwer in Tschechien. 2013 wurde die staatliche Förderung neuer Projekte vorerst gestoppt. Die Begründung: Windenergie sei ineffezient, töte Vögel, schädige die Gesundheit der Menschen und verschandle die Landschaft. Solche Aussagen wurden in der Zeit des „Solarbooms“ gemacht, als die Fotovoltaik wegen extrem großzügiger staatlicher Unterstützung zur Goldgrube wurde. Plötzlich tauchten damals überall Spekulanten auf, und die erneuerbaren Energien wurden als Ganzes verunglimpft. Einige Politiker quer durch Parteien verkündeten sogar, dass sie mit allen gesetzlichen Mitteln gegen den Ausbau der Windkraft kämpfen wollten. Kein Wunder, dass sich mittlerweile praktisch alle Investoren aus diesem Bereich zurückgezogen haben.

Alte Förderansprüche

Das Projekt bei Hrádek in Nordböhmen ist aber eine Ausnahme: Es ist bereits vor 2013 genehmigt worden und erhält daher noch eine Förderung nach damaligen Regeln. Damit ist die Rentabilität der Investition für 15 Jahre garantiert. Es handelt sich um den ersten Bau einer Windanlage hierzulande nach dreijähriger Pause. Marek Lang ist Geschäftsführer der Prager Firma EEH, die in den Windpark investiert hat:

„Die erste Idee für dieses Projekt entstand im Jahr 2006, die Realisierung hat also elf Jahre Zeit benötigt. Zwischenzeitlich waren zwar alle Genehmigungen eingeholt und erste Vorbereitungsarbeiten abgeschlossen, doch dann geriet der ursprüngliche Investor in finanzielle Schwierigkeiten. Unsere Firma hat das Projekt erst im vergangenen Jahr übernommen und konnte es recht einfach verwirklichen. Was ich ziemlich einzigartig finde, ist die Akzeptanz der Bevölkerung. Bereits am Anfang fand eine Volksbefragung statt, wobei die Bewohner dem Projekt zugestimmt haben. Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, dass auch im nahen Deutschland und Polen Windkraftanlagen stehen. Die Menschen sind also gewöhnt daran, die Windräder zu sehen und haben keine irrationellen Vorurteile gegen diese Form alternativer Energie. Das war für die Umsetzung des Projektes nötig.“

Foto: CC0 / PixabayFoto: CC0 / Pixabay Jeder der 13 Türme ist 80 Meter hoch, die Rotorblätter haben 50 Meter Durchmesser. Die Türme hat eine tschechische Firma geliefert, die Rotorblätter kommen aus Polen und die Antriebstechnologie aus Deutschland. Für das Genehmigungsverfahren wurde auch ein Umweltgutachten ausgearbeitet. Aus diesem geht hervor, dass in der Gegend des Windparks keine Fledermäuse nisten und auch keine Trassen von Zugvögeln hindurchführen. Eine weitere Studie belegte, dass die Anlage keine Lärmbelästigung für die Anwohner bedeuten wird. Ganz im Gegenteil, sagt Marek Lang, diese dürften von dem Projekt eher profitieren:

„Es gibt ein Abkommen mit Hrádek nad Nisou, wonach die Stadt einen gewissen Anteil am Gewinn aus dem Betrieb des Windparks bekommen soll. Dieses Abkommen haben wir vom ursprünglichen Investor übernommen. Für die Stadt sind die Vereinbarungen aber nicht ganz optimal, denn der Gewinn hängt davon ab, wie sehr der Wind weht und wieviel Strom die ganze Anlage dann produziert. Wir verhandeln daher mit den Stadtvertretern darüber, dass die Kommune jedes Jahr einen festen Betrag erhalten soll. Seine Höhe ist noch nicht festgelegt, dies muss noch ausgehandelt werden.“

Weitere Projekte genehmigt

Den Plänen nach soll der ganze Windpark jährlich 52 Gigawattstunden Ökostrom liefern. Damit würde sich die Gesamtleistung der tschechischen Windkraftanlagen um zehn Prozent erhöhen. Eine Revolution ist das dennoch nicht: Kaum ein Prozent des Stroms wird in Tschechien auf diese Weise gewonnen.

Wann weitere solche Anlagen aufgestellt werden, das ist laut Experten aber fraglich. Ohne jegliche Förderung rentiere sich die Investition nicht, die Einspeisetarife seien zu niedrig, so die Fachleute. Nur einige ältere Projekte wie das in Hrádek erhalten noch Gelder. Lenka Kovačovská ist Staatssekretärin im Industrie- und Handelsministerium:

Foto: CC0 / PixabayFoto: CC0 / Pixabay „Beim Genehmigungsverfahren für die Förderprogramme durch die Europäische Kommission haben wir ausgehandelt, dass noch 19 weitere Projekte mit einer Gesamtleistung von 354 Megawatt Gelder beanspruchen können. Das würde praktisch die Verdoppelung der gegenwärtigen Kapazität aller Windkraftanlagen bedeuten. Die Projekte müssen bis 2019 realisiert werden. Ursprünglich war die Deadline 2015, wir haben Brüssel aber erklärt, dass die Umsetzung bei uns länger dauert.“

Nicht nur Ökologen sagen, dass tschechische Politiker das Potenzial der Windkraft unterschätzen. Laut einer Studie der tschechischen Akademie der Wissenschaften aus dem Jahr 2015 könnte sie zukünftig fast ein Drittel des Stromverbrauchs hierzulande decken. Das entspricht der Kapazität der beiden neuen Reaktorblöcke, die die Regierung gerne im Atomkraftwerk Temelín bauen lassen würde. Dabei lägen die benötigten Subventionen für die Windkraft nur bei einem Sechstel; und es könnten damit bis zu 23.000 neue Arbeitsplätze geschaffen werden, heißt es in der Studie. Die Wissenschaftler haben extra das tatsächliche Potenzial berechnet, also unter Ausschluss von Naturschutzgebieten, städtischen Ballungsräumen und weiteren unpassenden Orten. Die tschechischen Politiker und ihre Beamten rechnen jedoch anders.

„Das Potenzial erneuerbarer Energien ist in Tschechien beschränkt, das staatliche Energiekonzept rechnet mit einem Anteil von maximal 25 Prozent. Die Möglichkeiten für den Ausbau der Windkraft sind bei uns eindeutig schlechter als in Deutschland oder Frankreich. Das ergibt sich aus der Geographie und den Witterungsverhältnissen, aber auch durch die niedrige Akzeptanz seitens der Bürger und Kommunen“, so Staatssekretärin Kovačovská.

Windkraft nicht gewollt?

Foto: CC0 / PixabayFoto: CC0 / Pixabay Verfechter einer Energiewende wenden jedoch ein, dass Letzteres von den Politikern selbst verursacht worden sei. Martin Sedlák leitet die Allianz für Energieautonomie (Aliance pro energetickou soběstačnost):

„Tschechische Politiker sind oft zu Besuch in Atomkraftwerken, wo sie sich für den wirtschaftlich höchst problematischen Bau neuer Reaktoren aussprechen, egal ob in Temelín oder Dukovany. Ich kann mich aber nicht erinnern, irgendwann mal einen Politiker bei einer Windkraft- oder Solaranlage gesehen zu habe. Das ist doch ein klares Signal dafür, was die Politiker bevorzugen. Wenn sie sich also jetzt über den Widerstand der Öffentlichkeit gegen die Erneuerbaren beklagen, sollten sie sinnigerweise deutlich machen, dass Tschechien die Nutzung dieser Energiequellen ausbauen will.“

Die Lage scheint sich aber zu ändern. Mehrere Bürgermeister haben im Ausland bereits die Vorteile der Energiewende kennengelernt. Sie fordern von den Politikern in Prag, effektive Förderprogramme auszuarbeiten. Vor wenigen Monaten ist sogar eine kommunale Koalition für erneuerbare Energien entstanden. Städte und Gemeinden wollen vor allem Bürgerprojekte planen, damit Bewohner selbst in die Anlagen investieren und von ihnen profitieren können. Der Koalition haben sich sowohl kleine Gemeinden als auch große Städte wie etwa Brno / Brünn angeschlossen. Das Echo ist bereits zu hören: So hat das Umweltministerium in den zurückliegenden Monaten mehrere Förderprogramme ins Leben gerufen, die auf Energiesparmaßnahmen, Fotovoltaik und Elektromobilität zielen. Bisher bleibt aber die Windkraft außen vor.