Vom Kuriosum zur beliebten Freizeitaktivität

Seit 30 Jahren bringt das Projekt „Universität des dritten Lebensalters“ Senioren in die Hörsäle.

Dana Steinová (Foto: Tschechisches Fernsehen)Dana Steinová (Foto: Tschechisches Fernsehen) Man schreibt das Jahr 1987. Mit Beginn des Wintersemesters an der Fakultät für allgemeine Medizin in Prag eröffnet unter deren Schirmherrschaft auch die „Universität des dritten Lebensalters“ zum ersten Mal ihre Tore. An ihrer Wiege steht auch die studierte Diplom-Ökonomin und Mutter von vier Kindern, Dana Steinová. Noch kurz zuvor hatte sie den bis heute bestehenden „Klub aktiven Alters“ gegründet. Als Vorbild für eine „Seniorenuniversität“ diente ihr eine französische Bildungsinstitution, gegründet 1973 vom Touluser Universitätsprofessor Pierre Vellas. Dana Steinová erinnert sich:

„Ich war fest entschlossen, die Universität des dritten Lebensalters nach Prag zu bringen. Und dies auch auf den akademischen Boden. In unserem Klub aktiven Alters habe ich eine bedeutende Erfahrung gemacht. Wenn man den bejahrten Menschen Vorträge oder Kurse von hoher Qualität anbietet, dann sind sie auch bereit, diese mit Begeisterung zu besuchen. Das hat mit gefallen.“

Vladimír Pacovský (Foto: Archiv der Karlsuniversität in Prag)Vladimír Pacovský (Foto: Archiv der Karlsuniversität in Prag) Die Umsetzung der Idee kostete natürlich viel Zeit und Mühe. Steinová wandte sich an Halina Schwarz, eine Universitätsprofessorin in Warschau. Sie hatte sich 1975 um die Gründung der ersten Universität des dritten Lebensalters im damaligen Ostblock verdient gemacht. Schwarz erklärte sich schließlich bereit, bei der Konzeptvorbereitung für die neue Institution in Prag behilflich zu sein. Mit ihrer Idee trat Dana Steinová schließlich an Vladimír Pacovský, den Dekan der Fakultät für Allgemeinmedizin. Im Oktober 1987 gelang es, einen Seniorenstudiengang mit dem Namen „Die Biologie des Menschen“ einzurichten.

„Schnapsidee“ mit Tiefgang

Dass dies alles noch vor der politischen Wende von 1989 möglich war, rechnet Steinová Professor Pacovský an.

„Er hat viel Mut aufgebracht. Es galt damals bei weitem nicht als selbstverständlich, hierzulande ein derartiges Projekt durchzusetzen. Die kommunistische Staatsführung hielt es nicht für sinnvoll, in die Bildung älterer Mitbürger zu investieren. Anders als in Frankreich, wo es unter anderen Umständen dazu kam. Dort wurden viele Menschen durch eine Sozialreform in Frührente geschickt, um ihre Arbeitsplätze für Jüngere freizumachen. Sozusagen als Ersatz erhielten sie zum Zeitvertreib die Möglichkeit, sich weiterzubilden. Hierzulande lagen die Beweggründe woanders. Wir wollten unsere Senioren vor allem deswegen in die Schulbänke zurückbringen, weil viele von ihnen in ihrer Jungend keine höhere Ausbildung absolvieren konnten. Etwas besser war die Situation in den Städten, doch wesentlich schlimmer auf dem Lande. Mein Großvater zum Beispiel pflegte stolz zu erzählen, dass er seinen Kindern eine gute Ausbildung ermöglicht hatte. Damit meinte er, dass er sie in die 4. Klasse der so genannten Bürgerschule geschickt hatte, wo auch Deutsch und Stenografie unterrichtet wurde. Mehr konnte man sich finanziell nicht leisten. 1987 erhielten auch Menschen ohne Abitur die Möglichkeit, sich in den ersten Jahrgang der Universität des dritten Lebensalters einzuschreiben.“

Universität des dritten Lebensalters an der Palacký-Universität (Foto: Eva Hrudníková, Archiv der Palacký-Universität)Universität des dritten Lebensalters an der Palacký-Universität (Foto: Eva Hrudníková, Archiv der Palacký-Universität) Insgesamt waren es 369 Seniorstudenten. Die neue Prager Bildungsinstitution war allerdings nicht die allererste ihrer Art hierzulande.

Einige Zeit zuvor gründete der Arzt für innere Medizin und Geriatrie, Květoslav Šipr im mährischen Přerov die so genannte „Akademie des dritten Lebensalters“. Kurz darauf entstand eine Universität des dritten Lebensalters an der Palacký-Universität im nahegelegenen Olomouc/Olmütz. In beiden Bildungsstätten befolgte man Dana Steinová zufolge ein ähnliches Programmkonzept. Mal habe es ein Kinderchorkonzert gegeben, mal ein Vortrag über Rückenschmerzen und ein anderes Mal sei zum Beispiel die Geschichte der Stadt das Thema gewesen. Ganze Studiengänge standen dort also noch nicht auf dem Programm.

Das Projekt wächst und wächst

Foto: Jairo Zelaya, Pixabay / CC0Foto: Jairo Zelaya, Pixabay / CC0 Nach der Wende 1989 hat sich das Studienangebot zur Fortbildung von Senioren binnen weniger Jahre vervielfacht. Heutzutage kommen jedes Jahr landesweit Abertausende Wissensdurstige in den Genuss, ein Studienfach nach ihren individuellen Interessen auszuwählen. Sei es in den Universitätsstädten, oder aber in kleineren Städten, wo die jeweilige Stammuniversität eine „Filiale“ zu diesem Zweck betreibt. Neben den fachorientierten Studiengängen gibt es zum Beispiel auch Sprachkurse.

„Ich arbeite, du arbeitest, er, sie, es arbeitet“ konjugieren auf Spanisch Studierende im dritten Lebensalter an der Theologischen Fakultät in České Budějovice /Budweis. Den Spanisch-Unterricht gibt es neu ab diesem Jahr. Geleitet wird er von der Lektorin Helena Zbudilová:

Helena Zbudilová (Foto: Archiv der Theologischen Fakultät in České Budějovice)Helena Zbudilová (Foto: Archiv der Theologischen Fakultät in České Budějovice) „Es geht um eine kleinere Gruppe, die im entsprechenden Lerntempo arbeitet. Es liegt mir sehr daran, eine schöpferische und angenehme Atmosphäre bei unseren Treffen zu schaffen. Die Studentinnen sollen keine Angst haben, hemmungsfrei sprechen und Fragen stellen.“

Die Motivationen der Seniorinnen, eine Fremdsprache im höheren Alter zu lernen, sind unterschiedlich. Eine von ihnen ist Zdenka Benešová:

„Ich hatte Spanisch im Gymnasium, habe aber absolut alles vergessen. Jetzt versuche ich, die Reste von damals in meinem Kopf wiederzubeleben. Falls es noch geht!“.

Auch die Rentnerin Marcela Kocourková interessiert sich für Fiesta und Paella:

“Ein Teil meiner Familie lebte einst in Spanien. Nun lebt sie seit einiger Zeit hier und spricht Tschechisch. So habe ich die Motivation zum Spanisch-Lernen verloren. Jetzt aber fing ich an, etwas für mich selbst zu tun.“

Freunde, Selbstvertrauen und Training fürs Gehirn

Věra Suchomelová ist Pädagogin an der Theologischen Fakultät in Budweis. Eines ihrer Betätigungsfelder sind die Freizeitaktivitäten von Senioren. Hierzu gehört auch das Gedächtnistraining, dem sie große Bedeutung anrechnet:

Foto: Lenka Nechvátalová, Archiv des Tschechischen RundfunksFoto: Lenka Nechvátalová, Archiv des Tschechischen Rundfunks „Die lebenslange Bildung ist eine wunderbare Möglichkeit, die Gedächtnisfähigkeiten zu trainieren und dadurch die Informationsautobahn im Gehirn zu erweitern. Frage ich aber die Senioren, warum sie unsere Fakultät besuchen, führen die meisten an erster Stelle an, dass sie Menschen treffen wollen, die eine ähnliche Beziehung zur Bildung verbindet. Unsere Programme können den Bedürfnissen der Studierenden gerecht werden. Darüber hinaus werden hier auch neue Freundschaften geschlossen.“

Das alles kann auch Dana Steinová aufgrund ihrer Erfahrungen bestätigen. Gerade dem Gedächtnistraining misst die Mitbegründerin und derzeitige Vorsitzende der „Tschechischen Gesellschaft für Gedächtnistraining und Gehirnjogging“ eine außerordentliche Bedeutung bei. Dies allerdings nicht nur im Sinne der angestrebten Gedächtnisverbesserung:

„Wir sind in der Lage, den Kursteilnehmer, der an seinem Gedächtnis zweifle, vom Gegenteil zu überzeugen. Von seiem eigentlich großen mentalen Potential also. Einen Nachweis, dass er noch immer über ein großes mentales Potential verfügt, erhält der betreffende Senior in nur 20 Minuten. Dadurch kann er ein intensives Siegesgefühl erleben.“