Forum Gesellschaft Ungeliebtes Zentralabitur: Vorzeitig am Ende?
Das staatliche Zentralabitur – eine schier unendliche Geschichte. 14 Jahre war eine mögliche Einführung diskutiert worden, bis der ehemalige Bildungsminister Josef Dobeš das Projekt vorantrieb. Die Kritik an zentralisierten Prüfungen ließ aber nie nach. 2011 wurde es dann eingeführt, 2012 steht es bereits wieder kurz vor dem Aus.
Das Cermat ist die zentrale Agentur für die Organisation, Durchführung
und Bewertung der zentralen staatlichen Abiturprüfungen. Es war das zweite
Mal überhaupt, dass dieses Zentralabitur in Tschechien durchgeführt
wurde, aber die Diskussionen hörten einfach nicht auf. Nachdem die
Prüfungen gelaufen waren, häuften sich die Probleme: Zunächst
beschwerten sich Schüler und Lehrer, dass die Mathematikprüfungen zu
schwer gewesen seien. Pavel Zelený, Direktor des Cermat, versuchte zu
beschwichtigen:
Václav Klaus jr. (Foto: ČT 24)
„Der Test als solcher ist ein mustergültiger Test, ein Test aus dem
Lehrbuch. Problematisch kann gewesen sein, ihn in der vorgegebenen Zeit zu
bewältigen.“
Alles nur eine Frage der Zeit also? Václav Klaus jr. ist der Sohn des Staatspräsidenten, Mathematiker und Direktor des privaten Elitegymnasiums Porg. Auch er hat die Mathematiktests problematisch bewertet:
„Die Aufgaben haben mir als Mathematiker gefallen. Aber die Zeit war einfach nicht ausreichend. Sie waren ein wenig wie ein Wettbewerb von Mathematikern verschiedener Schulen, jedoch keine Überprüfung dessen, was Schüler in vier Jahren lernen und worüber sie ihr Abitur ablegen sollten.“
Nachdem die Kritik immer lauter wurde, sah sich der frisch ernannte Bildungsminister Petr Fiala genötigt, Stellung zu nehmen:
Petr Fiala
„Wir müssen, wenn dieser Jahrgang fertig ist, mit kühlem Kopf alle
Unzulänglichkeiten analysieren, und anschließend sehen, wie wir weiter
vorgehen. Das staatliche Abitur erfüllt drei bestimmte Zwecke: Zuerst soll
es eine Untergrenze der Bildungsanforderungen festlegen. Dann soll es die
Möglichkeit bringen, die Schulabgänger zu vergleichen. Und zudem würde
mir gefallen, wenn es Bedeutung bei der Annahme der Schüler an den
Universitäten spielen würde.“
In Tschechien hatte zuvor jede Schule ihre eigenen Abiturprüfungen ausgearbeitet. In Deutschland wird das Niveau der Abiturprüfungen immer durch die Autonomie der Länder in Bildungsfragen angezweifelt, jedes Bundesland hat seine eigenen Anforderungen. Hierzulande ist es eher die Vielfalt der Schulen, die keine einheitlichen Aussagen über den tatsächlichen Wissenstand der Schüler erlaubt. In Tschechien führen nämlich nicht nur Gymnasien zur Maturita, wie das Abitur hier heißt, sondern auch viele andere Mittelschulen. Diese ähneln den deutschen Fachoberschulen oder höheren Fachschulen.
Bei der Zulassung zum Studium veranstaltet deswegen jede Universität in
Tschechien Aufnahmeprüfungen. Die große Hoffnung war, diese durch ein
Zentralabitur überflüssig zu machen. Während man sich in Deutschland vom
Abitur als einzigem Zulassungskriterium zum Hochschulstudium entfernt,
versucht Tschechien, genau diesen Weg einzuschlagen. Nach den Problemen mit
den Mathematikaufgaben tauchten aber weitere Schwierigkeiten auf.
Foto: Europäische Kommission
„Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll“, erklärt ein Schüler,
der bisher einer der besten seines Jahrgangs war und im Tschechisch-Aufsatz
nur eine Drei erhalten hatte. Ein weiterer Schüler, der sich bereits bei
Universitäten im In- und Ausland beworben hatte, berichtete:
„Ich habe für die Verfehlung des Themas und der Form null Punkte erhalten und damit eine Fünf für die gesamte Arbeit bekommen.“
Seine Tschechischlehrerin verstand die Benotung ebenfalls nicht. Der Schüler wird nun Einspruch einlegen. Sollte er damit aber nicht erfolgreich sein, bleibt ihm nur eine Wiederholung der Prüfung im September. Dann aber ist es für die Universitäten, vor allem im Ausland, zu spät.
Tomáš Feřtek
Insgesamt erhielten 14 Prozent der Abiturienten ein Ungenügend bei der
Prüfung des stilistischen Ausdruck in Tschechisch. Viele Schüler und
Lehrer kritisieren, dass die Arbeiten von anonymen Prüfern ausgewertet
wurden, die nach sehr subjektiven Kriterien geurteilt hatten. So seien
teilweise auch sehr gute Schüler durchgefallen.
Tomáš Feřtek ist Direktor von EDUin, einer Nicht-Regierungsorganisation, die sich mit Bildungsfragen in Tschechien beschäftigt. Er hat die Debatte und die Probleme zum Zentralabitur verfolgt:
„Das Problem mit den Tschechischprüfungen ist sogar noch größer als
bei der Mathematik. Bei den Matheprüfungen handelte es sich um eine
Nachlässigkeit von Cermat – sie haben nicht getestet, ob die Zeit für
die Prüfung reicht. Bei der Tschechischprüfung hat sich hingegen gezeigt,
dass Cermat von der subjektiven Herangehensweise einzelner Prüfer bereits
bei der Vorbereitung wusste. Und trotzdem hat Cermat dies zugelassen.“
Hinzu kamen weitere Vorwürfe an die Agentur Cermat. Einzelne Prüfer hätten sich bei EDUin gemeldet und berichtet, es werde Druck ausgeübt. Sie sollten ihre Bewertungen ändern und diese dem Durchschnitt anpassen. Tomáš Feřtek sagte dazu:
Pavel Zelený
„Wenn sich dies bestätigen sollte, muss der Bildungsminister sofort und
schnell eingreifen.“
Drei Tage später, am 8. Juni, handelte Petr Fiala dann und zog Konsequenzen:
„Mit sofortiger Gültigkeit habe ich den Direktor von Cermat, Pavel Zelený, von seinen Funktionen abberufen. Die Gründe für diesen Schritt sind Fehler bei der Durchführung der staatlichen Abiturprüfungen. Es ist ihm nicht gelungen, die Fachöffentlichkeit, die Rektoren, Lehrer und Schüler davon zu überzeugen, dass die staatlichen Abiturprüfungen korrekt durchgeführt werden.“
Der Minister kündigte auch eine Prüfung des gesamten Systems an. Das Zentralabitur schlägt mit 200 Millionen Kronen (8 Millionen Euro) pro Jahr zu Buche und die gesamte Vorbereitung hat bisher 700 Millionen Kronen (28 Millionen Euro) verschlungen. Die jüngsten Ereignisse haben nun auch die Politik auf den Plan gerufen. Ministerpräsident Petr Nečas kommentierte die Probleme mit drastischen Worten:
Petr Nečas (Foto: ČTK)
„Ich muss einmal feststellen, dass die Bürgerdemokraten immer gegen
dieses Projekt waren. Wir wurden aber von unseren Koalitionspartnern
überstimmt. Die Zeit hat nun gezeigt, dass wir Recht hatten, das Projekt
ist nicht lebensfähig. Allerdings hat ein Zentralabitur als solches
durchaus seinen Zweck: erstens einen Mindeststandard der Abiturausbildung
zu garantieren, zweitens die Möglichkeit zu schaffen, die einzelnen
Mittelschulen miteinander zu vergleichen, und drittens die
Aufnahmeprüfungen an den Universitäten überflüssig zu machen.
Allerdings hat das jetzige System keine dieser Aufgaben erfüllt. Wir haben
nun die Daten aus den zwei bisherigen Jahren gewonnen und werden sie
analysieren und über weitere Schritte entscheiden. Aber das derzeitige
Modell einer zentralen Abiturprüfung ist meiner Meinung nach tot.“
Josef Dobeš
Radikalere Kreise in der ODS wollen sogar noch weiter gehen. Das
Zentralabitur war eine der Hauptforderungen der Partei der öffentlichen
Angelegenheiten (VV) und ihres Bildungsministers Josef Dobeš. Nachdem die
Partei nun nicht mehr in der Koalition ist und das Bildungsministerium von
einem Parteilosen geführt wird, soll das Zentralabitur ganz vom Tisch.
Boris Šťastný ist Abgeordneter der ODS:
„Ich bin bereit, mit meinen Kollegen eine Gesetzesnovelle oder ein neues Gesetz vorzulegen, dass das Zentralabitur komplett abschafft. Das System wird wieder so hergestellt, wie es vor der Einführung des Zentralabiturs war: Die einzelnen Schulen schreiben ihr eigenes Abitur. Das Einzige, was der Staat meiner Meinung nach regulieren sollte, sind die Mindestanforderungen an Bildung.“
Foto: Richard Dudley / Stock.XCHNG
Auf der Strecke bleiben die Abiturienten: Vergangene Woche wurden die
Gesamtergebnisse der Abiturprüfungen veröffentlicht: 21,2 Prozent der
Abiturienten sind durchgefallen. Die meisten sind an der schriftlichen
Tschechischprüfung und an der Mathematikprüfung gescheitert. Durch die
ganzen Probleme verunsichert und verärgert haben von 103.000 Abiturienten
insgesamt 6900 Einspruch gegen ihre Ergebnisse eingelegt – die meisten
gegen die Tschechischprüfung. Cermat wird also noch einige Arbeit haben,
selbst wenn die ungeliebte Agentur aufgelöst werden sollte.





