Tschechien und die Globalisierung

Es ist noch nicht lange her, da versperrte ein eiserner Vorhang den Tschechen die Aussicht. Heute Selbstverständliches wie Reisefreiheit oder der freie Austausch von Waren, Informationen oder Ideen, gehörten ins Reich einer westlichen Traumwelt. Seit 1989 hat sich in dieser Hinsicht vieles verändert. 18 Jahre nach der Samtenen Revolution ist die Tschechische Republik im globalen Zeitalter angekommen. Aber wie wirkt sich die fortschreitende Globalisierung auf die tschechische Gesellschaft aus?

Globalisierung ist ein Begriff, der in den letzten Jahren Konjunktur hatte. Es gibt wohl kaum eine politische Debatte, in der er nicht irgendwann als Argument in die Arena geworfen wird. Mit diesem Schlagwort lassen sich Begründungen für eine unzählige Anzahl von Problemen liefern oder einfach nur subtile Ängste schüren. Der deutsche Sozialdemokrat Franz Müntefering prägte das Bild von den „Heuschrecken“, eine Metapher für globale Finanzinvestoren, die schonungslos über die heimische Wirtschaft herfallen. Wie man die Auswirkungen des globalen Zusammenwachsens bewerten soll, da gehen die Meinungen allerdings auseinander. Sie liegen irgendwo zwischen Heuschreckenplage und neoliberalem Schlaraffenland. Axel Dreher von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich beschäftigt sich von Berufs wegen mit dem Thema Globalisierung. Der Globalisierungsindex, den die Konjunkturforschungsstelle der Schweizer Universität jährlich herausgibt, verortet die Tschechische Republik inzwischen auf dem 8. Platz. Die Frage, wie man nun eine Platzierung an der Spitze des Globalisierungsindex bewerten soll, beantwortet er mit akademischer Ausgewogenheit:

„Eine hohe Platzierung ist zunächst weder gut noch schlecht. Der Globalisierungsindex ist nur ein Maß, das ausdrückt, wie globalisiert ein Land ist. Weitere Studien müssen darüber Auskunft geben, in welchen Dimensionen das etwas Gutes oder Schlechtes bedeutet. Wir haben selbst ein ganze Reihe von Studien zu diesem Thema durchgeführt und recht kontroverse Ergebnisse erhalten. Zum Beispiel hat eine stärkere Globalisierung im Durchschnitt der betrachteten Länder und Jahre zu einem höheren Wirtschaftswachstum geführt. Das könnte man als positiv bezeichnen. Auf der anderen Seite haben wir herausgefunden, dass die Einkommensungleichheit innerhalb der betrachteten Länder ebenfalls gestiegen ist. Die meisten bewerten das eher als negativ.“

Diese Unterschiede sind durchaus sichtbar, die so genannte Einkommensschere vergrößert sich. Betrachtet man die in der Studie herangezogenen Kriterien und überträgt sie auf Tschechien, erhält man ein differenziertes Bild über die Auswirkungen und Veränderungen der letzten Jahre.

„Zwei Beispiele dazu: Jemand mit tendenziell schlechter Ausbildung in einem reichen Industrieland wird durch die voranschreitende Globalisierung eher Nachteile haben, da seine Arbeit, aus der er sein Gehalt bezieht, in seinem Land weniger nachgefragt werden wird. Sein Einkommen wird sinken, eventuell wird er sogar die Arbeit verlieren. Er wird zu den Verlierern gehören. Auf der anderen Seite werden gut ausgebildete, junge Menschen, die flexibel sind, zu den Gewinnern gehören, weil sie durch die gestiegene Flexibilität in anderen Ländern ein vergleichbar hohes Einkommen erzielen können,“ führt Axel Dreher aus.

Wenn es so etwas wie ein tschechisches Tor zur globalen Welt gibt, dann ist es am die tschechische Hauptstadt Prag. Hier leben die meisten dieser jungen, gut ausgebildeten, überdurchschnittlich verdienenden Menschen, die sich der globalen Herausforderung stellen. Die Stadt an der Moldau profitiert von der globalen Vernetzung. Die Wirtschaft wächst seit Jahren unaufhörlich, die Gehälter sind überdurchschnittlich. Um das Ausmaß der so genannten sozialen Globalisierung zu erfassen, haben die Schweizer Ökonomen eine ganze Reihe verschiedener statistischer Daten untersucht: Angefangen bei der Zahl der in einem Land lebenden Ausländer bis hin zu so amüsant erscheinenden Informationen wie „McDonald’s-Filialen pro Kopf der Bevölkerung“. Etwa 40 Prozent aller US-amerikanischen Burgerbuden in Tschechien befinden sich in Prag, hier leben und arbeiten durchschnittlich doppelt so viele Ausländer wie im Rest der Republik, die Touristen noch gar nicht mitgerechnet. Die für den Index genutzten Daten zeichnen ein Bild einer globalen Metropole. Es gibt inzwischen viele internationale Firmen, die sich in Tschechien niedergelassen haben. Ihr Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften mit Fremdsprachenkenntnissen ist hoch, das zieht auch immer mehr Ausländer ins Land. Zwei von ihnen Berichten über ihre Erfahrungen:

„Ich heiße Han. Ich arbeite hier für Hewlett Packard und bin sozusagen Teil der globalen Lieferkette. Ich wohne jetzt ungefähr zwei Jahre in Prag und plane auch noch eine Weile zu bleiben.“

Der fast zwei Meter große Holländer ist ein kleines Rädchen im globalen Produktionsprozess. Er achtet für die amerikanische Computerfirma darauf, dass der Nachschub der in China produzierten Einzelteile, die in Tschechien zu Computern zusammengebaut werden, nicht ins Stocken gerät.

„Mein Name ist Paul. Ich wohne jetzt seit ungefähr drei Monaten in Prag. Ich arbeite bei Sita, einem Zulieferer für die Luftfahrtindustrie. Bevor ich nach Prag kam, habe ich bereits im Ausland gearbeitet. Ich spreche Französisch, Spanisch und Englisch. Vorher war ich unter anderem in Spanien, in Barcelona. In Prag habe ich relativ schnell und einfach Arbeit gefunden. Das hat gerade mal zwei Wochen gedauert.“

Pauls Arbeitgeber beliefert Kunden in der ganzen Welt. Die umfangreichen Sprachkenntnis des Franzosen kamen daher wie gerufen.

In Prag herrscht annähernd Vollbeschäftigung, viele Firmen beklagen bereits Fachkräftemangel. Die Schattenseite sind die rasant steigenden Preise und Mieten. Mit den sich internationalisierenden Preisen müssen alle leben, auch die Menschen mit geringem Einkommen. Außerhalb Prags sieht das Bild anders aus. Die alten nordböhmischen Industriereviere haben die besten Zeiten hinter sich; dass man hier unter Umständen von der US-amerikanischen Imbisskette vergessen wurde, ist dabei das geringste Problem. Die Schlote rauchen heute in anderen Winkeln des Globus. Wer jung ist, den treibt es fort, den Zurückbleibenden erscheint es manchmal so, als seien es wirklich höhere Mächte gewesen, die plötzlich die Feuer in den Hochöfen ausbliesen.

Foto: Europäische KommissionFoto: Europäische Kommission Die Veränderungen der letzten zwei Jahrzehnte sind überall sichtbar, aber die Gewinne sind noch ungleich verteilt - für die einen ist es ein Fluch, für die anderen ist die globale Perspektive der Wegweiser in die Zukunft. Neben Tschechien sind auch die Nachbarländer Österreich (Platz 2), Deutschland (Platz 11), Polen (Platz 19) und die Slowakei (Platz 23) unter den ersten 25 des Globalisierungsindex.

„Die Globalisierung ist eine Chance, die Länder wie Tschechien ergriffen haben, um sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu positionieren. Unsere Studien zeigen, dass durch die Globalisierung der insgesamt zu verteilende Wohlstand größer wird, insgesamt wächst also das Einkommen der Menschen. Aber wir wissen auch, dass die Ungleichheit zunimmt. Theoretisch könnte man die Verlierer der Globalisierung aus den hören Einnahmen der Gewinner entschädigen. Das ist eine Herausforderung, der sich die Politik stellen muss, auch um sich mit der teilweise berechtigten Kritik an der Globalisierung auseinanderzusetzen und alle mit ins Boot zu holen“, sagt Axel Dreher.

Vordere Platzierungen im Globalisierungsindex scheinen auch ein europäisches Phänomen zu sein. So ist es nicht verwunderlich, dass die Diskussionen, die die globalen Veränderungen mit sich bringen, in den verschiedenen Ländern ähnlich verlaufen. Zu hohe Managergehälter, umstrittene Sozialreformen, Zukunftsängste innerhalb der Mittelschicht sind Themen, die auch die Menschen in Tschechien bewegen. Für das Land bietet die globale Öffnung Chancen auf schnelles Wachstum und Verbesserung der Lebensverhältnisse. Die Voraussetzungen waren dafür sicher auch günstig. Tschechien hat eine der homogensten Gesellschaften Europas, das Wohlsstandsgefälle ist auch im Vergleich mit westeuropäischen Ländern noch sehr gering ausgeprägt. Wie aber eine Gesellschaft, die Ungleichheit nicht gewohnt ist, auf sich vergrößernde Unterschiede reagiert, ist ein unbeschriebenes Blatt.