Forum Gesellschaft Tendenz steigend - Fremdsprachenkenntnisse in Tschechien
Um Menschen aller Altersklassen zum Erlernen von Fremdsprachen zu ermutigen und die sprachlich-kulturelle Vielfalt Europas regelmäßig in den Blickpunkt zu rücken, hat der Europarat vor vier Jahren den 26. September zum Europäischen Sprachentag erklärt. Fremdsprachenförderung als politisches Ziel - und wie sieht die Realität aus, welche Sprachen werden heute tatsächlich gesprochen, von den Bürgern in Tschechien beispielsweise?
Eine zufällige Umfrage unter Passanten im Prager Stadtzentrum.
"Sprichst Du ein bisschen Deutsch? - Ein bisschen. - Macht es Spaß? - Manchmal. - Was ist besser, Deutsch oder Englisch? - Englisch."
"Können Sie sich in einer Fremdsprache verständigen? - In Englisch. Und Russisch eigentlich, wie wir es damals im Sozialismus noch gelernt haben. Englisch - das ist einfach wunderbar, ich möchte gar keine andere Sprache mehr lernen. Wo immer man hinfährt, kann man sich auf Englisch verständigen."
"Sprechen Sie irgendeine Fremdsprache? - Ich schlecht, aber unsere Anetka lernt Englisch und fängt jetzt mit Französisch an, bei ihr wird das schon besser sein. Aber ich bin aus der Generation, wo wir deutsch und russisch konnten. Gelernt haben wir aber immer nur dann, wenn wir einen ausländischen Freund hatten. Können tun wir nichts."
Bei weitem nicht alle Tschechen schätzen heute ihre eigenen
Fremdsprachenkenntnisse so schlecht ein wie diese ältere Dame. 60% von
deren Landsleuten können sich nach eigenen Angaben in mindestens einer
Fremdsprache verständigen. Das ist mehr als im EU-Durchschnitt, der bei
50% liegt. Ähnlich verhält es sich mit den anderen neuen Mitgliedern, die
gemeinsam mit Tschechien im Mai vergangenen Jahres der Union beigetreten
sind. Mit Ausnahme von Ungarn und Polen bewegen sie sich alle oberhalb der
50%-Marke, in den baltischen Staaten, Malta und Slowenien sprechen sogar um
die 90% der Bürger mindestens eine Fremdsprache. Das geht aus einer in
diesen Tagen veröffentlichten Eurobarometer-Umfrage der EU-Kommission
unter fast 30.000 Bürgern aller EU-Mitgliedstaaten hervor. Es handelt sich
um die erste Befragung dieser Art seit der EU-Erweiterung.
Die Erweiterung hat sich also allem Anschein nach auch auf die
Fremdsprachen-Statistik ausgewirkt. Und zwar auch ganz konkret auf die
Rangfolge der gesprochenen Sprachen. War noch bei der letzten Umfrage
Französisch die meistgesprochene Fremdsprache hinter Englisch, ist durch
den Beitritt von zehn neuen Staaten die deutsche Sprache auf Platz zwei
vorgerückt. In Tschechien sogar, als einzigem EU-Staat, auf Platz eins. 31
Prozent der Befragten gaben hier an, sich am besten auf Deutsch
verständigen zu können, das Englische folgte mit 24 Prozent erst dahinter.
Ein wenig überraschend, wurde doch in den letzten Jahren hierzulande immer
wieder das zunehmende Interesse an Englisch beobachtet. Die jüngste
Umfrage dürfe man daher nicht als generelle Trendwende verstehen, sondern
müsse sie durchaus differenziert betrachten, meint Jitka Schubertova von
der nationalen Sokrates-Agentur Tschechien, die EU-Bildungsprogramme
umsetzt:
"Ich denke, das liegt in jedem Fall stark daran, dass wir deutschsprachige Nachbarländer haben. In den Grenzregionen zu Deutschland und Österreich wird stärker Deutsch propagiert. In anderen Teilen Tschechiens hingegen ist ganz klar Englisch an erster Stelle."
Dass heute immer mehr Tschechen Fremdsprachen können, nachdem während des Kommunismus Generationen unfreiwillig Russisch lernen mussten, ist Schubertova zufolge eindeutig auch ein Verdienst der Schulen:
"Die Schulen sind sich heute wirklich der Wichtigkeit von
Fremdsprachenunterricht bewusst und bemühen sich auch, ihn nach Kräften zu
fördern. Wenn ich vergleiche, wie viele Schulen sich heute an
Comenius-Projekten beteiligen und wie viele Bewerbungen wir in den letzten
Jahren für das Europäische Sprachensiegel bekommen haben, dann kann man
wirklich erkennen, dass die Schulen etwas tun für den
Fremdsprachenunterricht."
Eine der besonders aktiven Schulen in diesem Bereich, die auch das diesjährige Europäische Sprachensiegel - den Preis für innovativen Fremdsprachenunterricht - erhalten hat, ist die Grundschule Lidicka in Hradek nad Nisou, im Dreiländereck zwischen Deutschland, Polen und Tschechien. Sie bietet Deutsch ab der 1. Klasse an. Gemeinsam mit der Partnerschule im sächsischen Hartau praktiziert die Schule bereits seit zehn Jahren frühes Fremdsprachenlernen im Tandem: einmal pro Woche gehen die tschechischen Schüler über die Grenze in ihre deutsche Partnerschule zum gemeinsamen Unterricht und umgekehrt. Eva Kolmannova, Deutschlehrerin an der Grundschule Lidicka, hat das Projekt von Anfang an begleitet. Für die Eltern in der Grenzregion, meint sie, ist es keine Frage, welche Sprache ihre Kinder lernen, die Antwort sei durch die geographische Lage, die Nähe zu Deutschland, gegeben. Und dass nach anfänglicher Skepsis immer mehr Eltern ihre Kinder für Deutschunterricht bereits ab der 1. Klasse anmelden, hängt nach Meinung von Kolmannova auch mit den eigenen Erfahrungen der Eltern zusammen:
"Ich nehme an, für viele ist die Motivation, dass sie selbst keine
Fremdsprache beherrschen. Weder Deutsch noch Englisch, vielleicht ein
bisschen Russisch."
Für die Zukunft wünscht sich Kolmannova, dass das Sprachenlernen nicht
vornehmlich der jüngeren Generation vorbehalten bleibt und über den
schulischen Rahmen hinausgeht:
"Ich würde mir wünschen, dass sich auch die Eltern der Kinder mehr zusammentun, mehr unterhalten. Und es wäre auch schön, wenn sich die Kinder nicht nur in der Schule sehen würden, sondern auch in der Familie. Das heißt, dass die deutschen Familien mal ein Kind aus der tschechischen Partnerschule übers Wochenende einladen würden und umgekehrt. Denn die Kinder können zwar viele Vokabeln, aber in der Praxis ist das wieder etwas anderes, wenn sie dann gezwungen sind, wirklich nur Deutsch zu sprechen."
Ganz unproblematisch ist das Verhältnis zum Deutschen in der Grenzregion
allerdings nicht. Einige ältere Menschen verbinden damit nach wie vor in
erster Linie Erinnerungen an den Krieg, so Kolmannova. Und auch unter den
Jüngeren gibt es Gruppen, die alles andere als Begeisterung für das
Sprachenlernen aufbringen:
"Die jüngere Generation - da ist so eine Art Konsumgesellschaft entstanden. Und diese Leute haben fast an nichts Interesse. Auch nicht am Sprachenlernen."
Dennoch: im Großen und Ganzen steht außer Zweifel, dass sich in puncto Fremdsprachenunterricht seit der politischen Wende von 1989 Einiges getan hat. Das große Interesse am Sprachenlernen bestätigen nicht zuletzt die unzähligen Inserate von Sprachschulen aller Art, die man an jeder Straßenbahnhaltestelle findet. Allerdings hat sich an einem ganz grundsätzlichen Problem nach wie vor wenig geändert. Jitka Schubertova von der tschechischen Sokrates-Agentur:
"Der größte Mangel ist nach wie vor ganz sicher die unzureichende Zahl ausgebildeter Lehrkräfte. Hier gilt leider allgemein, dass qualifizierte Pädagogen lieber in den kommerziellen Bereich gehen, da im Schulwesen die Gehälter zu niedrig sind. In dieser Beziehung hat Tschechien im Vergleich mit anderen EU-Ländern sicherlich noch viel nachzuholen."
Europäischer Tag der Sprachen 2005






