Forum Gesellschaft Sie wollen ein gestohlenes Auto legalisieren? Auf nach Tschechien!

07-04-2011 10:57 | Christian Rühmkorf

Im Jahr 2010 wurden so wenig Autos in Tschechien gestohlen, wie seit zehn Jahren nicht mehr, meldete vor kurzem die Polizeiabteilung zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens (ÚOOZ). Als Meilenstein in der Ermittlung geht diese Tatsache jedoch nicht ein. Der Rückgang hat nämlich weniger erfreuliche Ursachen. Zudem ist es kaum übertrieben, Tschechien als Paradies für die nachträgliche Legalisierung gestohlener Autos zu bezeichnen. Unter anderem darüber sprach Christian Rühmkorf für das Forum Gesellschaft mit dem Sprecher der Abteilung zur Bekämpfung des organisierten Verbrechens, Pavel Hanták.

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Pavel HantákPavel Hanták Herr Hanták, Sie sind Sprecher der Abteilung zur Aufdeckung des organisierten Verbrechens. 2010 wurden 13.000 Autos in Tschechien gestohlen, so wenig wie noch nie in den letzten zehn Jahren. Das ist für Sie aber kein Grund zur Freude. Warum nicht?

„Man kann sagen, dass seit 2004 die Autodiebstähle in Tschechien leicht aber konstant zurückgegangen sind. Das ist natürlich eine gute Nachricht für unsere Autofahrer. Aber wir müssen das Problem auf alle Fälle im europäischen Kontext betrachten. Und da muss man sagen, dass Autodiebstähle mit zu den am besten organisierten und ´ertragreichsten´ Straftaten gehören. Das Risiko, gefasst zu werden, ist bisher in unserem Land relativ gering. Der Grund, warum dennoch weniger Autos in Tschechien geklaut werden als zuvor, hat mehrere Ursachen. Auf der einen Seite sind die Sicherheitsvorrichtungen an den Autos besser. Auf der anderen Seite wissen wir – und haben dafür auch Signale von unseren Kollegen aus dem Ausland –, dass die Täter aus Tschechien vermehrt im Ausland Autos stehlen, und zwar vor allem in Österreich und Deutschland. Dort verzeichnen unsere Kollegen tatsächlich auch einen Anstieg der Autodiebstähle.“

Warum gehen die Autodiebe denn eher ins Ausland, also nach Deutschland oder Österreich? Heißt das nicht zugleich, dass die tschechische Polizei doch eine gute Arbeit macht?

„Ich denke schon, dass die tschechische Polizei auf diesem Feld eine gute Arbeit macht und vor allem versucht, präventiv zu wirken. Zum anderen ist klar, warum einige Verbrecherorganisationen sich auf das Ausland konzentrieren: Dort gibt es einfach mehr Luxusautos.“

Arbeiten Sie eng mit den deutschen und österreichischen Behörden zusammen?

„Wir arbeiten mit den Kollegen im Ausland sehr eng und schon sehr lang zusammen. Für uns hier ist einfach das größte Problem die Gesetzgebung, das heißt die nachträgliche Legalisierung der gestohlenen Autos. Tschechien hat noch keine gesetzliche Regelung für die Kontrolle von Herkunft und Originalzustand des Wagens. Das sehen wir als absolutes und grundsätzliches Manko an. Unsere Detektive haben schon im Rahmen einer Vereinheitlichung der Legislative innerhalb der EU einige konstruktive Vorschläge gemacht.“

Das heißt, wenn ich ein Auto klaue, dann kann ich die Identität dieses Autos in Tschechien relativ unkompliziert ändern. Wie funktioniert das – können Sie ein konkretes Beispiel geben?

„Das sehen wir in der Tat als das größte Problem an. Gerade hier kommt es zur Legalisierung gestohlener Autos und bei den derzeitigen Gesetzen ist das auch relativ leicht. Ein Auto kann hier zurzeit nur an zwei Stellen kontrolliert werden: zum einen bei der technischen Kontrolle, die dem deutschen Tüv entspricht. Und da muss laut Gesetz nur geprüft werden, ob der Wagen für den Straßenverkehr geeignet ist. Zum anderen müssen die Autos zur Registratur. Aber auch da wird keine Kontrolle durchgeführt, es ist im Grunde nur ein administrativer Akt. Wir bemühen uns darum, dass das Gesetz in Zukunft eine eingehende Prüfung von Herkunft und Originalzustand des eingeführten Neuwagens und jedes Autos vorschreibt, das seinen Besitzer wechselt. An spezialisierten Prüfstellen muss der Wagen eingehend daraufhin kontrolliert werden, ob er wirklich alle Identifizierungsmerkmale ausweist, die in den dazugehörigen Dokumenten verzeichnet sind. Unsere Forderung ist dabei vor allem, dass diese Prüfstellen der Kontrolle des Staates unterstehen.“

Die Polizei konnte nur 15 Prozent der Autodiebstähle aufklären. Das ist nicht viel, sagen auch Sie. Ist das ein technisches oder ein personelles Problem?

„Die Aufklärungsrate ist seit langem relativ niedrig. Das macht uns Sorgen. Das liegt aber auch daran, dass diese Straftaten sehr konspirativ durchgeführt werden. Die Täter kennen sich gut aus mit der Arbeit der Polizei, sie nutzen modernste Technik. Das Ganze läuft absolut organisiert ab und zwar auf internationaler Ebene. Daher sind die Aufdeckung von Autodiebstählen und die Erbringung von Beweisen äußerst kompliziert.“

Was also braucht die Polizei jetzt am meisten?

„Aus unserer Sicht ist das wirklich eine Änderung der Gesetzgebung. Das betrifft aber nicht nur die erwähnten Kontrollen der Autos. Wir haben noch weitere Vorstellungen. Das Strafmaß muss bei einigen Straftaten angepasst werden wie bei der unbefugten Benutzung fremden Eigentums sowie bei Diebstahl, und wir brauchen einige neue Straftatbestände wie zum Beispiel den Besitz von Gegenständen, die zum Autodiebstahl bestimmt sind.“

Was empfehlen Sie den Autobesitzern, damit sie demnächst nicht vor einem leeren Parkplatz stehen?

„Da gibt es eine ganze Menge, was man beachten kann. Das fängt bei der Parkplatzsuche an: öffentliche Parkplätze benutzen, die gut einzusehen und beleuchtet sind. Es kommt darauf an, dass ein potentieller Autodieb keine Zeit hat, in Ruhe den Wagen aufzubrechen. Dann gibt es natürlich viele technische und elektronische Möglichkeiten, den Wagen zu schützen. Aber das hängt davon ab, wie viel dem Besitzer der Wagen wert ist. Es ist zumeist die Kombination aller Maßnahmen, die das Risiko verringert, Opfer eines Autodiebstahls zu werden, verringert.“

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