Palliativpflege: Tschechien beginnt umzudenken

Alte und unheilbar kranke Menschen werden bisher meist in normale Kliniken abgeschoben. Dies soll sich nun ändern.

Illustrationsfoto: maxlkt, Pixabay / CC0Illustrationsfoto: maxlkt, Pixabay / CC0 Etwa drei Viertel aller Tschechen möchte zu Hause sterben – aber ein ebenso großer Anteil verbringt die letzten Stunden seines Lebens im Krankenhaus. Das ist ein trauriger Widerspruch. Doch jahrelang wurde darüber nicht gesprochen, auch vonseiten der Politiker.

Das Hospiz zum heiligen Stephan in Litoměřice / Leitmeritz: In der nicht-staatlichen Einrichtung sind unheilbar kranke Patienten und ihre Familien untergebracht. Neben den fachkundigen Angestellten helfen auch mehrere Freiwillige. Einige von Ihnen sind sogar Hinterbliebene, deren Nächste hier ihre letzten Tage und Stunden verbracht haben. Auch bei Helena ist das der Fall.

„Ich habe nie geplant, in einem Hospiz zu helfen. Aber wir haben meine Mutti zu Ende ihres Lebens hier untergebracht, denn wir wollten nicht, dass sie im Krankenhaus liegt. Etwa einen Monat lang bin ich regelmäßig hier zu ihr gekommen. Die Atmosphäre war da so freundlich und positiv, dass ich mich nach dem Tod meiner Mutti bei dem Hospiz nicht nur mit Worten bedanken möchte. Zunächst wollte ich eine Spende schicken, dann habe ich aber auf der Webseite der Einrichtung gelesen, dass jeder Interessent auch persönlich helfen kann – zum Beispiel Blumen gießen oder einfach mit jemandem plaudern. So bin ich auf die Idee gekommen, mich als Helferin anzubieten anstatt Geld zu schicken. Nachdem ich beim ersten Mal nur zum Versuch kam, bin ich nun regelmäßig als Freiwillige da, obwohl dies nie meine Absicht gewesen ist.“

Illustrationsfoto: ČT24Illustrationsfoto: ČT24 Insgesamt 17 Hospize bestehen in Tschechien. Träger sind ausschließlich Kirchen und gemeinnützige Organisationen, die öffentliche Hand hat sich in dem Bereich bisher nicht engagiert. Lange Jahre haben die Einrichtungen mit ihrer Finanzierung kämpfen müssen: Im Vergleich zu Krankenhäusern wurde das Personal unterdurchschnittlich bezahlt, und die Betriebskosten mussten oft von Sponsoren oder Stiftungen gedeckt werden.

Palliative Pflege anstatt teure Behandlungen

Illustrationsfoto: ČT24Illustrationsfoto: ČT24 Erst seit diesem Jahr gibt es gesetzliche Regeln für die Finanzierung dieser Einrichtungen. Aber nicht nur Hospize sollen sich um die Sterbenden kümmern, dort verbringen bisher nur drei Prozent der Sterbenden ihre letzte Lebenszeit. Der Staat will auch die Lage in den Krankenhäusern verbessern. Patienten, die kurz vor dem Tod sind, werden dort zwar meist mit Medikamenten weiterbehandelt, aber häufig werden die Angehörigen nicht rechtzeitig informiert, um beispielsweise Abschied zu nehmen. Tom Philipp ist als Staatssekretär beim Gesundheitsministerium für die Aufsicht über die Krankenkassen zuständig:

Tom Philipp (Foto: Archiv Trojkoalice pro Pražany)Tom Philipp (Foto: Archiv Trojkoalice pro Pražany) „In Einrichtungen für Akutpflege ist die Gründung von Teams für palliative Medizin geplant. Ihre Aufgaben sind zum einen, Schmerzen und Depressionen zu lindern. Zum anderen sollen sie Ärzte zu einem anderen Umgang mit unheilbar kranken Menschen motivieren. Ärzte sind es nämlich gewöhnt, Menschen bis zum letzten Atemzug zu behandeln, obwohl dies manchmal bereits ethische Grenzen überschreitet. Oft fällt es ihnen schwer zu akzeptieren, dass sich das Leben des Patienten trotz aller Bemühungen zu Ende neigt. Und genau dort liegt die wichtige Rolle des Palliativarztes, der sagen muss: ‚Liebe Kolleginnen und Kollegen, lasst uns den Patienten nicht mit weiteren Untersuchungen und Behandlungen belasten. Er hat nur noch kurze Zeit zu leben. Lasst uns ihm helfen, diese Zeit so angenehm wie möglich zu verbringen – mit Pflege im Krankenhaus oder noch besser zu Hause bei ihm.“

Experten für Palliativmedizin, die schon lange für eine Akzeptanz ihres Faches im tschechischen Gesundheitssystem kämpfen, begrüßen die Initiative des Ministeriums. Ihrer Erfahrung nach liegt es am Engagement jeder Einrichtung, ob und in welcher Qualität Palliativpflege angeboten wird. Meist aber scheuen sich die Krankenhäuser – aus organisatorischen Gründen oder weil die Räume oder das Personal fehlt. Es sei also dringend notwendig, einheitliche Standards in diesem Bereich zu schaffen, sagt Ondřej Sláma, Vorsitzender der Gesellschaft für Palliativmedizin. Sláma hat am erwähnten Projekt des Gesundheitsministeriums mitgearbeitet:

Ondřej Sláma (Foto: Archiv Cesta domů)Ondřej Sláma (Foto: Archiv Cesta domů) „Es ist ein dreijähriges Projekt, in dessen erster Phase Erfahrungen aus dem Ausland gesammelt werden sollen. Wichtig ist vor allem, wie die Palliativmedizin in den alltäglichen Betrieb des Krankenhauses eingegliedert wird. Danach werden über das Land verteilt in zehn Krankenhäusern Teams für Palliativmedizin aufgebaut. Diese Teams sollen sich aus Fachleuten für Medizin und Psychologie zusammensetzen, ihre Zahl wird von der Größe der jeweiligen Einrichtung abhängen. Am Ende wird das Projekt ausgewertet, und zwar nach zwei Kriterien: Wie sich das Befinden der unheilbare kranken Patienten verbessert hat, und wie sich die Einführung der Palliativpflege auf die Ausgaben der Krankenhäuser ausgewirkt hat.“

Eben die Finanzen sind laut Sláma ein starkes Argument für die Palliativmedizin. Wenn aufwendige Untersuchungen und Behandlungen wegfallen, dürfte dies Kosten sparen. Dies zeigt unter anderem das zweijährige Projekt einer privaten Stiftung, die in einigen tschechischen Krankenhäusern bereits die Palliativpflege unterstützt. Obwohl dieses private Projekt erst im kommenden Jahr ausgewertet werden soll, knüpft das Vorhaben des Ministeriums bereits daran an.

Krankenkassen unterstützen ambulante Palliativpflege

Foto: maxlkt, Pixabay / CC0Foto: maxlkt, Pixabay / CC0 Doch die meisten Menschen wünschen sich laut mehreren Umfragen, ihre letzten Tage zu Hause im Kreis ihrer Familie zu verbringen. Dass sich dies bisher nur für wenige erfüllt, hat mehrere Gründe. Vor allem schafft kaum ein Familienmitglied, sich rund um die Uhr um einen Todkranken zu kümmern. Es gibt zwar private Agenturen, die in solchen Fällen qualifizierte Hilfe anbieten, ihre Leistungen werden aber nur zu Teilen von der Krankenversicherung gedeckt. Zudem ist dann kein Arzt im Einsatz. Die Lösung heißt: ambulante Hospizdienste. Auch hier sind aber die Kosten das Hauptproblem. Erst seit zwei Jahren testet die Allgemeine Krankenkasse (VZP) die Finanzierung solcher Dienste. Ondřej Sláma:

„Für dieses Pilotprojekt wird davon ausgegangen, dass sterbenskranke Patienten bei der Verschlechterung ihres Zustandes sonst oft ins Krankenhaus gebracht werden. Wenn die Familie überfordert ist, dann ruft sie den Rettungsdienst, der jedoch nicht für die Palliativpflege zuständig ist. Der ambulante Hospizdienst bedeutet aber, dass ein Arzt und eventuell auch ein Psychologe zu jedem Zeitpunkt vorbeikommen können. Das Projekt war aus meiner Sicht erfolgreich: 94 Prozent der ins Projekt eingebundenen Patienten konnten wirklich zu Hause sterben. Es hat sich herausgestellt, dass Schmerz, Atemnot und andere Beschwerden auch zu Hause behandelt werden können. Und für die Krankenkasse war die wichtigste Information, dass die Kosten für die Pflege in den letzten 30 Tagen des Lebens bei diesen Patienten niedriger lagen, als bei jenen, die ins Krankenhaus gebracht wurden.“

Foto: Tschechisches FernsehenFoto: Tschechisches Fernsehen Die Allgemeine Krankenkasse, bei der die meisten Menschen hierzulande registriert sind, will daher die ambulanten Hospizdienste weiter finanzieren. Andere Versicherungen zögern noch. Ein weiteres Problem ist, dass in Tschechien nur wenige solche Dienste bestehen. Laut Experten fehlen etwa 70 entsprechende Einrichtungen. Im Landkreis „Vysočina“ auf der Böhmisch-Mährischen Höhe gibt es sogar weder stationäre noch ambulante Hospizdienste. Für die meisten Sterbenden hierzulande liegt daher eine Palliativpflege zu Hause noch in weiter Ferne.

Zum Schluss jedoch eine positive Nachricht: Ab dem kommenden Jahr verbessert sich die Lage von Familien, die sich zu Hause um einen sterbenden Angehörigen kümmern möchten. Einer der Verwandten kann dann bis zu drei Monate lang Pflegegeld beziehen.