Forum Gesellschaft „Mit den Mundarten ist es vorbei“ - Deutsch in Tschechien heute

30-05-2013 17:03 | Laura Buschhagen

Welchen Stellenwert hat eigentlich die deutsche Sprache in Tschechien und wie trägt sie zur Identität bei? Um diese Fragen ging es am Donnerstag vergangener Woche bei einem Symposium in der Prager Karlsuniversität. Ganz besonders stand dabei die heutige deutschsprachige Minderheit in Tschechien im Mittelpunkt. Veranstaltet wurde das Symposium vom Goethe-Institut und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD).

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In der Tschechischen Republik leben nur noch wenige Angehörige der deutschen Minderheit. Bei der letzten Volkszählung von 2011 waren es nach eigenen Angaben noch rund 18.700 Menschen. Das ist nicht mal ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Vor dem Zweiten Weltkrieg und der darauffolgenden Vertreibung der Deutschen aus der damaligen Tschechoslowakei lag dieser Anteil noch bei rund 30 Prozent. Aber was geschah mit denjenigen, die in ihrer Heimat geblieben sind? Und wie hat sich ihre Sprache verändert? Über diese und weitere Fragen haben die Teilnehmer des Symposiums diskutiert.

Claudia Maria Riehl leitet das Institut für Deutsch als Fremdsprache an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören unter anderem die Mehrsprachigkeit und die Minderheitensprachen. Sie weiß, welche Konsequenzen die Vertreibung der Deutschen aus den Sudetengebieten für den Sprachgebrauch der deutschen Minderheit hatte:

Claudia Maria Riehl (Foto: Archiv des Instituts für Deutsch als Fremdsprache an der Ludwig-Maximilians-Universität)Claudia Maria Riehl (Foto: Archiv des Instituts für Deutsch als Fremdsprache an der Ludwig-Maximilians-Universität) „Über 90 Prozent der Bevölkerung wurden vertrieben. Deswegen hatten jene, die zurückblieben, nur noch wenige Leute, mit denen sie die Sprache sprechen konnten. Die Kommunikationspartner wurden also weniger. In diese Dörfer, die teilweise fast entleert waren, zogen andere Menschen, die nur Tschechisch gesprochen haben. Somit war die Verkehrsprache in den Dörfern hauptsächlich Tschechisch. Hinzukommt natürlich, dass die deutsche Sprache ein schlechtes Prestige hatte und sogar verpönt war. Die deutschen Minderheitsangehörigen mussten nach dem Zweiten Weltkrieg mit einigen Repressalien rechnen, sodass die Eltern oft beschlossen haben, ihre Sprache nicht mehr an die Kinder weiterzugeben - was man verstehen kann.“

Trotzdem gibt es in Tschechien noch einige wenige Nachkommen der deutschsprachigen Minderheit, die einen Dialekt der deutschen Minderheitensprache verstehen oder sogar sprechen können. Mit ihnen hat sich auch das Goethe-Institut in Prag beschäftigt. Das Projekt heißt „Schaufenster Enkelgeneration“ und wurde bei der Veranstaltung vorgestellt. In kurzen Internetfilmen kommen vier junge Tschechinnen und Tschechen zu Wort, deren Großeltern sich selbst zur deutschsprachigen Minderheit in Tschechien zählen. Sie berichten darüber, ob und wie sie die deutsche Sprache erlernt haben und inwieweit sie die Sprache im Alltag noch anwenden. Riehl war ebenfalls an dem Filmprojekt beteiligt.

Foto: Archiv des Goethe-InstitutsFoto: Archiv des Goethe-Instituts „Manchmal oder sogar öfter haben die Kinder das Deutsche von den Großeltern gelernt, was damit zusammenhängt, dass die Großeltern oft nicht genug Tschechisch konnten, um sich mit den Kindern zu unterhalten. Deswegen haben sie den deutschen Dialekt dann mit den Kindern weiter gesprochen. Insgesamt war die Politik aber dahingehend, dass die Sprache nicht mehr an die nächste Generation weitergegeben wurde - und da gab es dann einen Bruch.“

Laut Riehl ist die Weitergabe der deutschen Minderheitensprache und ihrer Dialekte an die nächste Generation dabei sehr wichtig.

Foto: Sanja Gjenero, Stock.xchngFoto: Sanja Gjenero, Stock.xchng „Ich denke, die Minderheitensprache ist einfach ein kulturelles Erbe. Wenn die Weitergabe der Sprache, des Brauchtums und der Denkwelt, die dahinter steckt, abreißt, haben die Kinder irgendwann ihre Wurzeln verloren. Das heißt, sie können zum Beispiel Briefe ihrer Großeltern und Urgroßeltern nicht mehr lesen oder Dinge, die sie sehen oder auf dem Dachboden finden, nicht mehr verstehen. Und das hat in Tschechien eine Tradition, die über 900 Jahre geht.“

Richard Rothenhagen stammt aus Schlesien. Er ist Mitverfasser eines Sprachatlas der deutschen Dialekte in Mähren. Bei der Podiumsdiskussion im Rahmen der Veranstaltung malte er die Zukunft dieser Mundarten düster.

Bad Kissingen (Foto: Magnus Manske, Wikimedia Commons Free Domain)Bad Kissingen (Foto: Magnus Manske, Wikimedia Commons Free Domain) „Mit der Mundart ist es wirklich vorbei, da können wir machen, was wir wollen. Jedes Jahr werden wir nach Bad Kissingen zu den Sudetendeutschen Mundartfreunden eingeladen, weil die sich natürlich auch für das interessieren, was wir machen. Da tauchte auf einmal vor zwei oder drei Jahren ein Mensch auf, der fragte, ob nicht jemand von den Großeltern bereit wäre, für die Kinder die Mundart wieder zu revitalisieren. Da war nicht ein einziger Widerhall.“

Dabei ist die Förderung der Sprache zumindest in der Tschechischen Republik sehr intensiv. Martin Dzingel ist Präsident der Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien, er gehört also zur heutigen deutschen Minderheit in Tschechien.

Martin Dzingel (Foto: Archiv des Portals der Deutschen Minderheiten in der FUEV)Martin Dzingel (Foto: Archiv des Portals der Deutschen Minderheiten in der FUEV) „Wir fallen in die Gruppe der geschützten Sprachen. Eigentlich ist es so, dass wir als Minderheit von der tschechischen Regierung anerkannt sind. Außerdem sind wir vertreten im Rat der tschechischen Regierung für nationale Minderheiten, wie auch unter anderem die slowakische, polnische und ungarische Minderheit. Wir profitieren zusätzlich durch den Aspekt der Sprachencharta. Ganz konkret können wir zum Beispiel Projekte machen oder über diese finanzielle Quelle Geld abrufen, was wir auch machen. An größeren Aktivitäten hindert uns allerdings, dass wir kein geschlossenes Siedlungsgebiet mehr haben.“

Vertreibung der Deutschen (Foto: Bundesarchiv)Vertreibung der Deutschen (Foto: Bundesarchiv) Der Grund ist, dass neben der Vertreibung der Deutschen aus der damaligen Tschechoslowakei auch eine Vertreibung innerhalb des Landes stattgefunden hat. Einige deutschsprachige Familien durften und mussten sogar in ihrer Heimat bleiben, da sie oftmals als unentbehrliche Arbeitskräfte galten. Doch aus Sorge, die verbliebenen Deutschen könnten sich zusammentun und gegen die kommunistische Regierung stellen, wurde die restliche deutsche Minderheit über das ganze Land verteilt. Dadurch kam es häufig zur Assimilation.

Ein weiterer Aspekt bei der Veranstaltung war die Mehrsprachigkeit. Für Astrid Winter, Leiterin des DAAD-Informationszentrums in Prag, war die Ausrichtung der Versammlung deshalb auch ein persönliches Anliegen.

Astrid Winter (Foto: Archiv des Instituts für tschechische Literatur)Astrid Winter (Foto: Archiv des Instituts für tschechische Literatur) „Schon lange beschäftigen mich meine Studierenden, die meistens bilingual sind. Ich arbeite im Institut für Translatologie im Bereich Übersetzung und habe mich schon immer gefragt, welche biografischen Hintergründe eigentlich zu dieser Studienfachwahl führen. Ich war von Anfang an fasziniert, welche hervorragenden Sprachkenntnisse diese Studenten mitbringen. Damit verbindet sich natürlich die Frage, wie man sich selbst einordnet und welchen Bezug man zu diesen Sprachen hat. Bestimmen sie die Identität? Gibt es eine deutsche oder eine tschechische Identität? Oder gibt es so etwas wie multiple Identitäten, die auch mit den vielen Sprachen, die die Studierenden hier zum Teil beherrschen, zusammenhängen?“

Auf den Begriff Identität wurde allerdings erst am Ende der Podiumsdiskussion zunehmend eingegangen. Als die Gäste gefragt wurden, inwieweit die Identität von der Sprache abhängig sei, bejahten dies alle.

Während die deutschen Mundarten so langsam aus Tschechien zu verschwinden drohen, gilt das aber nicht für Deutsch als Fremdsprache. Mit rund 450.000 Deutschlernern ist die Tschechische Republik neben der Slowakei und Slowenien im europäischen Vergleich weit vorne. Astrid Winter ist sich sicher, dass sich dies auch nicht ändern wird.

„Generell denke ich, dass das Deutsche weiterhin seine Bedeutung als wichtigste zweite Fremdsprache sowohl in den Grundschulen, als auch in den weiterführenden Schulen und natürlich auch an den Universitäten behalten wird. Ich denke, da führt kein Weg dran vorbei in dieser geopolitischen Lage.“

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