Forum Gesellschaft Ladislav Špaček, der Knigge der tschechischen Etikette (Teil 1)

02-07-2009 13:38 | Christian Rühmkorf

Er war Lehrer, er war das Nachrichtengesicht des Tschechischen Fernsehens und er stand elf Jahre als Pressesprecher an der Seite von Präsident Havel. In Deutschland hieße er heute Knigge, in Tschechien heißt er Špaček. Christian Rühmkorf sprach für das Forum Gesellschaft mit dem tschechischen Etiketten-Guru über seine ungewöhnliche Karriere und die tschechischen Umgangsformen.

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„Na ja, damit habe ich schon ein kleines Problem. Wenn ich ein Restaurant betrete und ich sehe, wie der Kellner unsicher wird und zittrige Hände bekommt, dann denke ich: ´Ja was soll ich denn machen? Ich kann doch nichts dafür!´"

Dass die Kellner aller Restaurants und Cafés keine besonders entspannte Arbeitszeit haben, wenn Ladislav Špaček das Lokal betritt, das ist kein Wunder. Er ist der tschechische Guru der Etikette, der Aufseher über den Anstand, der Urheber der Umgangsformen im Postkommunismus. Ladislav Špaček ist der moderne tschechische Knigge. Und mit seiner sympathischen, sehr korrekten Erscheinung – dem ergrauten Bill Clinton nicht unähnlich – scheint der 60-Jährige genau dazu prädestiniert. Manche Kellner wählen die Flucht nach vorne, gestehen Herrn Špaček ihr Lampenfieber und bitten um Belehrung.

„Ich sage ihnen dann immer, dass ich gerade nicht im Dienst bin. Also ich habe damit schon manchmal so meine Probleme. Ich komme mir in einem Restaurant häufiger vor wie ein Inspektor und nicht wie ein Gast.“

Wie sehr das Land einen Etiketten-Lehrer brauchte, das hat Ladislav Špaček bei einem Empfang gesehen, der live im Fernsehen übertragen wurde.

Ladislav ŠpačekLadislav Špaček „Die Details, die da zu sehen waren, haben mich zu der erschreckenden Erkenntnis gebracht, dass die Leute sich nicht zu helfen wissen bei einem Buffet, mit den verschiedenen Arten von Besteck, dass sie keine Ahnung haben, wie man dies oder jenes hält, sich nicht korrekt kleiden können. Ich konnte also im Fernsehen all diese schrecklichen Details sehen. Und da wurde mir plötzlich bewusst, dass es auch im Alltag so alarmierend war.“

Ladislav Špaček war nicht immer der Hüter der tschechischen Etikette. Seine berufliche Karriere begann als Lehrer für Tschechisch und Geschichte, führte ihn schließlich als Dozent für Hochtschechisch an die Prager Karlsuniversität und erlebte dann, 1989/90 eine Beschleunigung ungeahnten Ausmaßes. Das Tschechische Fernsehen suchte einen seriösen Vierzigjährigen für die Moderation der Hauptnachrichtensendung. Einer seiner früheren Studenten, damals Journalist, dachte sofort an ihn, den geschmeidigen Špaček. Der willigte ein und es dauerte nur wenige Monate, da war er schon Chef der Inlandsredaktion. Nur weitere zwei Jahre vergingen, da wandte sich Präsident Václav Havel nach einer Live-Sendung ihn.

Václav Havel und Ladislav Špaček (Foto: ČTK)Václav Havel und Ladislav Špaček (Foto: ČTK) „Und Havel drehte sich also plötzlich zu mir um und fragte, ob ich nicht sein Pressesprecher und politischer Berater werden wolle. Puh, hola, ich konnte mich nur noch kurz umschauen, ob er auch wirklich mich meinte und sagen: ´ja, selbstverständlich´.“

Eine Traumkarriere, wie sie vor 20 Jahren nur in den ehemaligen Ostblockstaaten möglich war. Ganze elf Jahre, bis zum Jahr 2003, war Špaček eine von Havels rechten Händen. Eine wichtige Voraussetzung für seine spätere Benimm-Karriere:

„An der Seite von Präsident Havel habe ich 50, 60 Länder auf der ganzen Welt bereist. Ich habe mit der englischen Königin gespeist, mit allen amerikanischen Präsidenten – auch wenn die amerikanischen Präsidenten nicht gerade ein Vorbild an Etikette sind, Amerika hat davon keine Ahnung – ich habe im Elysee-Palast mit dem französischen Präsidenten gespeist. Ich habe also einen riesigen Erfahrungsschatz angesammelt aus dem praktischen Gesellschaftsleben.“

Und weil er alles mit eigenen Augen gesehen hat, glauben ihm die Leute. Dabei waren es schon seine Kindheitserfahrungen, die Špaček diese Laufbahn geradezu vorzeichneten.

„Wenn mein Vater am Samstagmorgen sich die Zeitung kaufen ging, dann nahm er sich sein Sakko, band sich seine Krawatte um, nahm den Hut und seinen Stock und machte sich auf den Weg. Eine solche Erscheinung war zu dieser Zeit völlig ungewöhnlich. Na und nach 10 Minuten kam er zurück, zog sich das Sakko aus, setzte sich und las die Zeitung. Ich habe das früher alles als Selbstverständlichkeit wahrgenommen. So sollte, so musste das alles sein.“

 

„Die Tschechoslowakei habe in den 20er und 30er Jahren zur europäischen Spitze gehört“, erzählt Ladislav Špaček, und man sieht ihm an, dass er dieser Zeit in Mode- und Etikettenfragen nachtrauert. Damals unterschieden die Herren noch zwischen Frack, Smoking, Stresemann, zwischen grauem Anzug und schwarzem Anzug, Ascotkrawatte, Fliege, Oxford-Schuhen, Lackschuhen usw. Den großen Bruch mit der Etikette brachte der Kommunismus.

„Das alles gab es plötzlich nicht mehr. Was blieb, war einzig ein einheitlicher schwarzer Anzug und sonst nichts.“

Die Kleidung der Apparatschiks. Der Untergang der Etikette, so Ladislav Špaček, setzte sich fort bei den Restaurants, die ja alle staatlich waren.

„Die waren auf so einem Niveau, dass es völlig gleichgültig war, ob sie sich mit den Ellenbogen auf dem Tisch abgestützt haben oder nicht, ob sie die Gabel oder das Glas so oder anders gehalten haben. Und die Leute haben das einfach verlernt.“

Jetzt sind all die vielfältigen Möglichkeiten eines gesellschaftlichen Lebens wieder da. Es bessert sich. Aber noch Anfang der 90er Jahre, kurz nach der Samtenen Revolution also, da waren die Nachwehen noch zu spüren.

„Alle Unternehmer trugen ein violettes Sakko und weiße Socken. Das war sozusagen die Uniform der neuen Unternehmer. Wenn jemand so etwas anzog, signalisierte er damit: ´Ich bin jetzt Geschäftsmann´. Wenn Sie sich heute junge Manager anschauen, dann erkennen Sie keinen Unterschied zu Managern, wie man sie in den Straßen von Rom, Berlin oder Paris sieht. Die Kleidung hat sich sehr gebessert.“

Auch wenn man heute in Tschechien ein gutes Restaurant besuche, dann seien im Grunde keine Unterschiede mehr zu Westeuropa zu erkennen, meint Špaček. Aber im Alltag zeigten sich doch noch die Defizite:

„Viele Tschechen halten Messer und Gabel oft genug in die Luft. Ein Fehler. Messer und Gabel müssen in Richtung Teller gehalten werden.“

Ein klassischer Fauxpas der Bedienung in einem tschechischen Restaurant ist das Abdecken des Tisches. Ehe man den letzten Bissen geschluckt und die Serviette aus der Hand gelegt hat, fährt eine Kellnerhand von hinten herbei und reißt einem den Teller weg. Während die anderen am Tisch vielleicht noch speisen. Unmöglich, findet Ladislav Špaček. Ein anderes Thema: die Kleidung.

„Tschechen achten nicht auf die Details. Sie tragen zum Beispiel einen guten Anzug, aber die Schuhe passen nicht dazu. Sie tragen Mokassins zum Anzug. Zum Anzug gehören aber Schnürschuhe. Und das sind Details, die einem Engländer oder Italiener nicht entgehen.“

Ein weiteres Problem: Wissen, wann was adäquat ist.

„Manchmal meinen die Tschechen, sie könnten leger sein und dann ziehen sie im Theater ihr Sakko aus, nur weil ihnen heiß ist. Aber das muss man einfach aushalten. Auch beim Business-Lunch. Da kann mir noch so heiß sein. Ein Herrenhemd ist keine Oberbekleidung. Das weiß zum Beispiel ein Engländer ganz einfach.“

Und das weiß eben auch ein Ladislav Špaček, Etiketten-Papst und Familienvater. Herrscht da bei ihm zu Hause nicht eine totalitäre Etiketten-Tyrannei?

„Nein, im Gegenteil. Meine Frau sagt zu mir: ´Pass bloß auf, dass Du davon keinen Tick kriegst. Ich mach´ das hier sowieso, wie ich das will´.“

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