Kein babylonisches Sprachgewirr: Esperanto-Weltjugendkongress in Liberec

Tschechien hat viele Bezüge zur Kunstsprache Esperanto. 1901 entstand im mährischen Brno / Brünn der erste Esperanto-Verein in der damaligen Donaumonarchie. Die tschechoslowakische Hauptstadt Prag wiederum knüpfte 1921 an die Tradition der jährlichen Esperanto-Weltkongresse an, durch den Ersten Weltkrieg war sie unterbrochen worden. Und im mährischen Svitavy / Zwittau gibt es ein Esperanto-Museum. Nun fand zudem vom 18. bis zum 25. Juli an der TU Liberec / Reichenberg der Esperanto-Weltjugendkongress statt.

Foto: AutorinFoto: Autorin Es war der insgesamt 65. Esperanto-Weltjugendkongress. Tschechien war allerdings das erste Mal Gastgeberland. Den Kongress leitete Marek Blahuš:

„Wir haben hier in Liberec mehr als 330 Teilnehmer aus 40 Ländern. Die Teilnehmer kommen von allen fünf Kontinenten. Es ist das erste Mal, dass dieser Kongress von drei Ländern zusammen veranstaltet wird. Wir arbeiten mit unseren jungen Kollegen aus Deutschland und aus Polen zusammen.“

Marek Blahuš (links) und Gregor Hinker (Foto: Autorin)Marek Blahuš (links) und Gregor Hinker (Foto: Autorin) Organisiert werden die Esperanto-Weltjugendkongresse von der Dachorganisation der jugendlichen Sprecher von Esperanto, dem Weltbund der der jungen Esperantisten und Esperantistinnen. Präsident des Weltbundes ist derzeit der Österreicher Gregor Hinker. Ihn fasziniert die ideelle Tragweite der Universalsprache. Das Thema des diesjährigen Weltjugendkongresses war „Freiheit“. Angestoßen hatte die Themenwahl der Name des Veranstaltungsortes Liberec. Das Esperanto-Wort „libereco“ bedeutet „Freiheit“, und Freiheit entspricht nach Ansicht von Gregor Hinker auch dem Grundgedanken der Universalsprache.

„Eine der herausragenden Eigenschaften von Esperanto ist, dass es offen ist für Menschen aller möglichen politischen und religiösen Haltungen. Meine persönlichen Einsichten sind vor allem dadurch gewachsen, dass ich mit sehr vielen Menschen aus verschiedenen Regionen mit ganz unterschiedlichen politischen Hintergründen sprechen konnte, von denen jeder einen anderen Begriff von Freiheit hat. Ich denke die wichtigste Erkenntnis ist, dass die Möglichkeit, die eigene Identität zu definieren, unabhängig von der nationalen, der ethnischen oder der kulturellen und sprachlichen Herkunft eine ganz grundlegende Freiheit eines jeden Einzelnen sein sollte.“

 Prager Erzbischof Miloslav Vlk Prager Erzbischof Miloslav Vlk Esperanto vertieft das Verständnis für kulturelle Vielfalt. Anderseits ist es ein Vehikel kultureller Gemeinsamkeit. Das finden zum Beispiel viele Esperanto-Sprecher unter den Katholiken. Sie glauben, dass die Einheit der Kirche mit Esperanto auf weltweiter Ebene in ähnlicher Weise wieder hergestellt werden könnte, wie es seinerzeit mit dem Latein möglich war. Zur Eröffnung des Esperanto-Weltjugendkongresses hatte der Prager Erzbischof Miloslav Vlk mit den Jugendlichen im St.-Anton-Dom in Liberec einen Gottesdienst zelebriert – in Esperanto. Für viele Kongressteilnehmer bedeutet die Universalsprache aber einfach ein Stück Leben, so für Ulrich Matthias:

„Ich komme aus Wiesbaden. Meine Frau mit unseren beiden Kindern ist auch hier. Wir haben uns vor neun Jahren auf dem gleichen Treffen kennen gelernt. Das war damals der Esperanto-Weltjugendkongress in Hongkong. Meine Frau ist Chinesin. Ein Jahr später haben wir geheiratet und wieder ein Jahr darauf kam unsere ältere Tochter auf die Welt. Wir haben dann Esperanto auch als Familiensprache benutzt. Vor allem wir Eltern nutzen Esperanto, die Kinder haben Esperanto quasi als dritte Sprache gelernt, nach Deutsch und Chinesisch.“

Andere Kinder von Sprechern der Universalsprache wachsen sogar mit Esperanto als Muttersprache auf. Das ist bei Leo Sakaguchi der Fall:

„Meine Eltern sind beide auch Esperanto-Sprecher, und so haben sie sich durch Brieffreundschaft während des Studiums kennen gelernt. Mein Vater ist Japaner. Meine Mutter ist Polin. Und über Esperanto haben die beiden miteinander kommuniziert und letztlich geheiratet und Kinder bekommen. Ich spreche mit meinem Vater daheim nur Esperanto, mit meiner Mutter nur Polnisch und mit meinem Bruder Deutsch.“

Die Gründe, um Esperanto zu erlernen, sind unterschiedlich. Der Wiesbadener Ulrich Matthias analysiert seine persönlichen Motive:

Foto: AutorinFoto: Autorin „Es gab drei Gründe. Zum einen, dass diese Sprache einfach sehr interessant ist, sie ist schön einfach und regelmäßig. Der zweite Grund war, dass ich die Idee hinter dem Esperanto sehr gut finde: Man kann so die Verständigung zwischen den Völkern verbessert. Und der dritte Grund war die Vielfalt von internationalen Kontakten, die man praktisch automatisch bekommt, wenn man auf die Esperanto-Treffen fährt. Das ist eine ganz tolle, weltweite Gemeinschaft.“

Unter den zahlreichen Versuchen, eine künstliche Universalsprache zu kreieren, ist Esperanto der relativ erfolgreichste. Mit Englisch als Weltsprache kann es dennoch nicht konkurrieren.

„Über die Anzahl der Sprecher gibt es nur Schätzungen. Es werden eine bis drei Millionen Sprecher in der ganzen Welt angegeben. In Tschechien könnten es einige tausend Sprecher sein, maximal dürfte es hier um die zehntausend Esperanto-Sprecher geben“,

schätzt der tschechische Politologiestudent Stanislav Stoček. Verzichten möchte er auf Esperanto dennoch nicht.

Ludwik ZamenhofLudwik Zamenhof „Es gibt Untersuchungen, die gezeigt haben, dass die Menschen, die zuerst Esperanto gelernt haben und danach eine andere Sprache, auch die Fremdsprache viel besser lernen.“

Nicht nur Studenten, sondern auch ältere Semester traf man auf dem Esperanto-Weltjugendkongress an. Sie machten in Liberec gewissermaßen einen Zwischenstopp auf der Durchreise. Aus Nordböhmen fuhren sie weiter zum „richtigen“ Esperanto-Weltkongress der Erwachsenen ins polnische Bialystok. Dort wurde Ludwik Zamenhof, der Erfinder von Esperanto, geboren, und zwar im Jahr 1859, also vor genau 150 Jahren.

In Bialystok lebten Polen, Russen, Deutsche und Juden neben-, aber nicht immer versöhnlich miteinander. Zwischen den nationalen Gruppen gab es Spannungen, die Verständigung klappte nicht reibungslos. Ludwik Zamenhof träumte schon als Gymnasiast von einer einzigen, verbindenden Sprache für alle Völker der Erde und begann am Modell einer solchen Universalsprache zu tüfteln. 1887 war es schließlich soweit, das erste Esperanto-Lehrbuch aus Ludwik Zamenhofs Feder erblickte das Licht der Welt. Was auf dem Titelblatt zu lesen stand, war allerdings eine Mystifizierung: „Dr. Esperanto – Internationale Sprache“. Der fiktive Autorenname, hinter dem sich Ludwik Zamenhof versteckte, wurde bald auf das Produkt übertragen, und man begann die Sprache selbst „Esperanto“ zu nennen. Esperanto spricht auch die Jugend von heute an, weiß Inge Simon. Sie gehört in Baden-Württemberg dem Vorstand der Esperanto-Liga an.

„Es gibt viele Jugendliche, die Esperanto im Internet lernen und dann irgendwann einfach auftauchen und sagen: ‚Ich kann Esperanto’. Sie sprechen diese Sprache bereits fließend oder sie gehen in Gruppen oder Volkshochschulkurse, aber die meisten jungen Leute lernen Esperanto heute mithilfe des Internets“, so Simon.

Durch den enthusiastischen Einsatz der weltweiten Esperanto-Gemeinde hat sich das praktische Verständigungswerkzeug zur Literatursprache gemausert. Es gibt in Esperanto sowohl Originalliteratur als auch Übersetzungen, zum Beispiel Goethe oder auch „Harry Potter“.

Johann Pacht versorgt die Esperanto-Treffen mit Literatur. Der Bücherliebhaber führt im Kofferraum seines Kleinbusses Proben aus der Esperanto-Weltbibliothek mit, aus Ländern von A wie Australien bis Z wie Zimbabwe. Esperanto mache das Leben, vor allem aber das Reisen leichter, findet der Berliner, der seinen Kleinbus zugleich als fahrendes Schneckenhäuschen benutzt:

Foto: AutorinFoto: Autorin „Ich schätze die Unabhängigkeit. Wenn man sein Wohnmobil hat, ist das sehr praktisch, weil man damit auch schwere Sachen transportieren kann - wie Bücher. Sie sind leicht zu lesen, aber schwer zu transportieren.“

Schwer ist demzufolge an Esperanto nur eines – das Papier, auf dem es gedruckt steht. Und so liest es sich, wenn der Vorsitzende des Esperanto-Weltjugendkongresses, Marek Blahuš, den Hörerinnen und Hörern von Radio Prag eine Botschaft übermittelt:

„Mi elkore volas saluti la auxskultantojn de la Cxehxa Radio kaj deziri al ili multe da sukcesoj kaj interesaj travivajxoj pere de Esperanto, kiujn ili povas gajni de la internaciaj kontaktoj, kiujn Esperanto provizas.“

Will heißen: „Ich möchte alle Hörer des Tschechischen Rundfunks grüßen und Sie einladen zu entdecken, welche internationalen Kontakte und Erlebnisse Ihnen Esperanto ermöglichen kann.“