„Ich schreite erhobenen Hauptes“: Bürgerinitiative erinnert an Opfer des Kommunismus

An die Opfer des Kommunismus zu erinnern und zudem vor totalitären Regimen zu warnen. Das war das Ziel einer zehntägigen Kampagne, die in den vergangenen Tagen von der Plattform Bez komunistů.cz in Prag ins Leben gerufen wurde. Petr Marek ist einer der Gründer dieser Plattform und Martina Schneibergová nach einer der Veranstaltungen mit gesprochen.

Milada Horáková (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag)Milada Horáková (Foto: Kristýna Maková, Archiv des Tschechischen Rundfunks - Radio Prag) Der 27. Juni gilt in Tschechien als Tag des Gedenkens an die Opfer des Kommunismus. Am 27. Juni 1950 wurde die tschechoslowakische Politikerin, Journalistin und Widerstandskämpferin Milada Horáková hingerichtet. Viele Persönlichkeiten aus der ganzen Welt, darunter Albert Einstein oder Winston Churchill, setzten sich zuvor vergebens für die Begnadigung von Horáková ein. Letztlich wurde sie in einem Schauprozess zum Tode verurteilt. Sie war die einzige Frau, die nach einem politischen Prozess hingerichtet wurde. Inzwischen ist sie zum Symbol des Widerstands gegen den Kommunismus geworden. Die Plattform Bez komunistů.cz erinnert jedes Jahr an Milada Horáková sowie andere Opfer des Kommunismus. In diesem Jahr startete die Initiative um das Datum des 27. Juni eine Kampagne mit dem Titel „Jdu s hlavou vztyčenou“ (zu Deutsch etwa: „Ich schreite erhobenen Hauptes“). Diese Worte schrieb Milada Horáková kurz vor ihrer Hinrichtung. Zu Beginn der Veranstaltungsreihe wurden auf der Prager Kampa-Insel die Namen von Menschen verlesen, die vom kommunistischen Regime aus politischen Gründen hingerichtet wurden oder in Gefängnissen und Arbeitslagern gestorben sind. Rund 1000 Namen waren auf der Liste, die die Plattform zusammenstellte. Petr Marek ist einer der Initiatoren der Gedenkveranstaltung. Diese Art des Gedenkens sei nicht völlig neu, sagt Marek:

Petr Marek (Foto: Martina Schneibergová)Petr Marek (Foto: Martina Schneibergová) „Bei uns wurden schon vor 15 Jahren auf dem Altstädter Ring in Prag die Namen der Opfer des Kommunismus verlesen. Wir wollten mit unserer Veranstaltung daran angeknüpft. Es konnte aber nur ein Bruchteil der Namen von der Liste erklingen. Ein anderes Mal können wir das Vorlesen fortsetzen. Bekannt sind Namen derjenigen, die hingerichtet worden sind. Es gab insgesamt 248 Menschen, die nach politischen Prozessen getötet wurden. Viele Menschen starben jedoch auch in den Gefängnissen oder in den kommunistischen Arbeitslagern. Häufig wurde jedoch der Tod eines politischen Gefangenen vertuscht. Eine vollständige Liste der Opfer des Kommunismus kann nie mehr zusammengestellt werden. Historiker schätzen deren Zahl auf bis zu 10.000 Menschen.“

Kinder politischer Gefangenen im Massengrab

Ehrenfriedhof im Prager Stadtteil Ďáblice (Foto: Mojmir Churavy, CC BY-SA 4.0)Ehrenfriedhof im Prager Stadtteil Ďáblice (Foto: Mojmir Churavy, CC BY-SA 4.0) Das Verlesen der Namen sei darum ein symbolischer Akt, erklärt Petr Marek. Die Initiative habe zudem an die Helden auf dem Ehrenfriedhof im Prager Stadtteil Ďáblice erinnert, sagt der Aktivist:

„Dort befindet sich eigentlich ein Massengrab. Wenn ich von Heldennamen spreche, muss ich jedoch daran erinnern, dass es bis heute nicht bekannt ist, wer alles dort bestattet wurde. Experten gehen davon aus, dass dort mehr als 100 politische Gefangene bestattet wurden. Vermutlich liegen dort jedoch bedeutend mehr Menschen begraben. Leider wurden gleich nach der Wende von 1989 keine Forschungen in dieser Hinsicht durchgeführt. Wir wissen bis heute nicht, wo die sterblichen Überreste von Milada Horáková sowie von anderen 247 hingerichteten politischen Gefangenen liegen. Es wird vermutet, dass sie teilweise auf dem Friedhof im Stadtteil Motol, aber größtenteils in Ďáblice bestattet wurden.“

Kinderfriedhof in Prag-Ďáblice (Foto: ČT24)Kinderfriedhof in Prag-Ďáblice (Foto: ČT24) In Ďáblice wurden Marek zufolge einige Tausend Menschen in einem Massengrab bestattet, wobei nicht alle davon politische Gefangene waren. Darunter seien auch mehrere Kinder gewesen, so Petr Marek.

„Auf den Grabmälern stehen 43 Namen von Kindern, die aus politischen Gründen verurteilte Frauen im Gefängnis zur Welt brachten. Es zeigte sich, dass die Zahl dieser Kinder höher war als vermutet war. Wir von der Plattform setzen uns dafür ein, dass die Vergangenheit untersucht wird.“

Aufarbeitung der Vergangenheit in Deutschland

Powązki-Friedhof (Foto: Hubert Śmietanka, CC BY-SA 2.5)Powązki-Friedhof (Foto: Hubert Śmietanka, CC BY-SA 2.5) Laut Petr Marek gibt es Beispiele im Ausland, wo die sterblichen Überreste von geheim bestatteten politischen Gefangenen aus Massengräbern durch den Vergleich der DNA von deren Verwandten identifiziert worden sind. Er erinnert an die Abteilung Ł auf dem Powązki-Friedhof in Warschau. Dort sei es gelungen, die Identität von mehr als 100 Menschen herauszufinden. Die polnische Gesellschaft habe der Aufarbeitung der Vergangenheit große Aufmerksamkeit beigemessen, meint Petr Marek:

„Auch Deutschland hat die kommunistische Vergangenheit erfolgreicher aufgearbeitet, unter anderem dank der Gauck-Behörde. Uns tut es leid, dass unsere Gesellschaft keinen Rat mit dem Erbe des Kommunismus wusste. Darum versuchen wir, das einigermaßen nachzuholen.“

Distanzierung vom Kommunismus gefordert

Die mangelhafte Aufarbeitung des Kommunismus war das Thema einer Diskussion in der Serie von Veranstaltungen um den 27. Juni. Als Reporter habe er kurz nach der Wende von 1989 die Verhandlungen im damaligen tschechoslowakischen Parlament miterlebt, erinnert sich Petr Marek.

Veranstaltung der Plattform Bez komunistů.cz (Foto: ČT24)Veranstaltung der Plattform Bez komunistů.cz (Foto: ČT24) „Auch damals hat man mitbekommen, dass die Behandlung vieler Entwürfe im Parlament von den Protagonisten des früheren Regimes verlangsamt oder verhindert worden ist. Oder aber es spielte damals der Mangel an Mut der Vertreter anderer politischen Parteien eine Rolle. Die linken Parteien nahmen bald nach der Wende massenweise ehemalige Kommunisten auf. Sie hatten kein Interesse an einer eindeutigen Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit. In Wirklichkeit schleppen wir die negativen Folgen bis heute mit.“

Wäre die Distanzierung vom kommunistischen Regime tiefer gewesen, könnte die tschechische Gesellschaft heutzutage gesünder sein, meint der Bürgeraktivist.

„Milada Horáková schrieb in ihrem Abschiedsbrief einige Stunden vor ihrem Tod: ,Ich schreite erhobenen Hauptes‘ Auch wir hätten einen mehr aufgerichteten Kopf haben können.“