Forum Gesellschaft „Haben oder Sein“ – das ist hier die Frage!
Haben wir, um zu sein – oder sind wir, um zu haben. Eine Frage – frei nach Erich Fromm - die sich auch in Tschechien immer mehr Menschen stellen oder stellen sollten. Nicht nur, dass das Land politisch schon lange irgendwo im Westen angekommen ist. Auch die Marktwirtschaft ist in den letzten 20 freien Jahren in Windeseile über das Land gekommen. Konsumtempel heißen die Menschen in allen tschechischen Städten als erste am Ortseingang willkommen. Zuletzt hatte Ex-Präsident Václav Havel seine moralische Autorität in die Waagschale geworfen und die Hässlichkeit der Stadtränder scharf kritisiert. Der Konsum wird – gerade jetzt vor Weihnachten – für viele Familien in Tschechien zur Schuldenfalle. Vergangene Woche wurde mit dem „Den nenakupování“, dem Tag des Nicht-Kaufens, eine Abkehr von der Konsummentalität beschworen. Christian Rühmkorf berichtet im Forum Gesellschaft über ein Phänomen, das auch ein Indikator dafür ist, wie sehr sich Tschechien in die „westliche Gemeinschaft“ integriert hat.
„Wir haben hier Einkaufswagen installiert, die heute frei haben. Denn die
Leute gehen heute nicht in den Super- und Hypermärkten einkaufen. Die
Einkaufswagen spielen hier also zur Abwechslung mal Schach, trinken Tee,
machen einen Ausflug oder Sport. Sie haben halt frei“, erzählt Hana
Chalupská, in der Einkaufszone von Brünn. Um sie herum stehen, sitzen,
liegen leere Einkaufswagen und beschäftigen sich - anders als sonst –
nicht mit dem Fassen von Waren. Hana Chalupská von der Vereinigung
„Nesehnutí“ (Unbeugsamkeit) gehört zu den Organisatoren dieses
Happenings.
Es ist Samstag, der 27. November, man begeht in Brünn und an 400 weiteren
Orten auf der Welt den so genannten „Buy Nothing Day“ – ein Tag, an
dem die Menschen auf Konsum verzichten, ihr Verhalten überdenken sollen.
Ein Tag im Jahr ändere zwar nichts am Konsumverhalten der Menschen, sagte
Hana Chalupská. Trotzdem:
Hana Chalupská
„Mit diesem Feiertag appellieren wir an die Menschen, ihre Gewohnheiten
ein wenig zu ändern. Sie sollen ihre Werte überdenken, darüber
nachdenken, ob es nötig ist, Wasser in Plastikflaschen zu kaufen, ob man
Schnittblumen kaufen muss. Denn die kommen aus Afrika, auch wenn sie über
Holland eingeführt werden. Es geht also darum, darüber nachzudenken,
welchen Lebensstil wir pflegen, ob das Einkaufen nicht schon die Kultur
ersetzt, die Freizeit oder geistige Werte.“
Der „Buy Nothing Day“ wurde 1992 in Kanada ins Leben gerufen, also tief im Westen, wo Konsum seit jeher ein Antriebsrad der Gesellschaft war. 20 Jahre nach der Samtenen Revolution, nach dem Übergang also von der Plan- zur Marktwirtschaft gibt es auch in Tschechien genügend Gründe, einen solchen Tag zu begehen, meint Hana Chalupská. Wie sieht der Psychiater und Theologe Max Kašparů das Konsumverhalten der Tschechen?
„Buy Nothing Day“
„Ich sehe das als Problem, als eines, das langsam aber kontinuierlich
größer wird. Aber nicht absolut großflächig, denn Einkaufen in dem
Sinne, dass Abhängigkeit entsteht, das kann sich ja nur der Teil der
Bevölkerung erlauben, der das nötige Geld für diese Abhängigkeit hat.
Ähnlich ist das mit der Abhängigkeit von anderen Dingen oder Stoffen wie
Drogen. Also, wenn jemand gut betucht ist, kann sich die Anhängigkeit
ausweiten. Wenn jemand nicht das Geld dazu hat, dann wird er entweder nicht
abhängig oder er besorgt es sich durch Straftaten.“
Die Risiken dieser Form von Abhängigkeit seien wie bei anderen krankhaften Süchten, meint Psychiater Kašparů:
Max Kašparů
„Das ist eine Spirale, die sich allmählich hinaufschraubt und wächst.
Wir sollten uns an das alte Sprichwort erinnern, das besagt: Wir essen, um
zu leben. Und nicht: Wir leben, um zu essen. Und wir müssen uns langsam
bewusst werden, dass wir nicht leben, um zu kaufen, sondern kaufen, um zu
leben. Aber wenn sich genau dieses Verhältnis umkehrt, wenn also ein
Mensch lebt, um zu kaufen, dann ist das ein Anzeichen für Sucht. Und dann
wird es eben auch finanziell brenzlig, denn viele Leute hier machen dafür
Schulden. Und dann kommt gleich hinter dem Weihnachtsmann der
Gerichtsvollzieher und pfändet.“
Die Verschuldung tschechischer Haushalte lag im September dieses Jahres
bei 41,7 Milliarden Euro, wie die Tschechische Nationalbank nur wenige Tage
nach dem „Buy Nothing Day“ vermeldet. Und die Situation hat sich
gegenüber dem letzten Jahr verschärft: Über 2,8 Milliarden Euro sind an
Schulden hinzugekommen. Laut Statistik sind es gerade die niedrigen
Einkommensgruppen, die sich über ihre finanziellen Möglichkeiten
verschulden. Das Einkommen der Menschen, die sich nicht mehr aus ihrer
Verschuldungsspirale allein retten können und sich an eine Beratungsstelle
wenden, verdienen umgerechnet zumeist zwischen 325 und 536 Euro. Zum
Vergleich: Das Durchschnittseinkommen in Tschechien liegt bei 955 Euro.
Gegen Konsumabhängigkeit gibt es keine Medikamente. Auch der Psychiater
kann sie nicht von heut´ auf morgen heilen, sagt Max Kašparů:
„Das ist eine Frage langer Einübung, einer langfristigen Umorientierung. Das ist ein bisschen wie mit einem Computer, der umprogrammiert werden muss. Und in den meisten Fällen ist das eine Zusammenarbeit des Psychologen mit der gesamten Familie.“
Gerade in Konsumgesellschaften sind die Kinder eine der wichtigsten
Zielgruppen für die Werbebranche – und damit eine besonders gefährdete
Gruppe für Konsumabhängigkeit. Denn Werbung arbeitet mit Emotionen.
Kinder aber haben noch geringere Fähigkeiten, ihre Gefühle und
Möglichkeiten zu überschauen. Damit geraten in einer Konsumgesellschaft
aber auch die Eltern unter Druck, meint der Theologe und Psychiater Max
Kašparů:
„Die Kinder machen ihren Eltern Druck. Und die Eltern stehen nicht nur unter dem Druck der Reklame, sondern auch der Konsummentalität in dieser Gesellschaft. Wenn Du nicht das hast, was die anderen haben, wenn das Kind in der Schule nicht die Markenartikel bei der Skiausrüstung hat wie die anderen, dann ist das Kind in den Augen der anderen minderwertig und wird schikaniert. Das ist ein Problem der gesamten Gesellschaft.“






