Forum Gesellschaft „Frauen im Feld“ /Neuer Dokumentarfilm über das Leben tschechischer Roma-Frauen
„Frauen im Feld“, der neue Dokumentarfilm von Markéta Nešlehová, zeigt drei Frauen, die ihren von traditionellen Gender-Klischees und sozialem Ausschluss geprägten Weg verlassen. Drei Ausnahmen, durch die man auch viel erfährt über die ‚Regel’, über die Lebenswirklichkeit ‚normaler’ Roma(frauen) in Tschechien, über fehlende Integration und die Wichtigkeit von Bildung.
„Frauen im Feld“
Beifall für den neuen Dokumentarfilm von Markéta Nešlehová. Es ist ein
Film, der nahe geht – durch seine starken Protagonistinnen und die
einfühlsame, und zugleich ungeschminkte
Darstellung der Lebenswirklichkeit tschechischer Roma – den Alltag in
sozialen Ghettos mit über 90 Prozent Arbeitslosigkeit, Verschuldung,
Perspektivlosigkeit.
Am Beispiel dreier Roma-Frauen geht die
Regisseurin Fragen auf den Grund, die in Tschechien seit Jahren diskutiert
werden, ohne Ergebnis: Was sind die Gründe dafür, dass immer mehr Roma
in
den Teufelskreis von schlechten Bildungschancen, Arbeitslosigkeit,
Verschuldung geraten? Und wo ist nach Lösungen zu suchen?
Denisa Berousková-Pechová (Foto: Romea)
„Die Politik ist hoffnungslos und die gesellschaftliche Realität
auch.
Wo lässt sich leichter etwas verändern?“
, fragt die 29-jährige Sozialarbeiterin Denisa, eine der drei
Protagonistinnen, am Ende des Films. Sie selbst hat die Erfahrung gemacht:
Ohne politischen Willen sind letztlich keine Veränderungen möglich.
Denisa möchte deshalb in die Politik gehen – bestärkt durch mehrere
Kurse und Seminare zur politischen Bildung, die sie gemacht hat, alles im
Rahmen eines
gemeinsamen Projektes der Heinrich-Böll-Stiftung Prag, der
Roma-Frauenorganisation Manushe/Slovo 21 und der Roma-NGO Athinganoi. Ziel
des Projektes: Roma-Frauen konkrete Bildungsangebote zu machen, damit sie
sich selbst aus ihrer sozialen Situation befreien und andere zu einem
ähnlichen Schritt motivieren können. Eva van de Rakt, Leiterin des
Prager
Heinrich-Böll-Büros:
Eva van de Rakt
„In sozial ausgegrenzten Lokalitäten fehlt oft der Hunger nach
Bildung. Ich glaube, das haben die Frauen sehr gut klargemacht, dass es
darauf ankommt, eben auch diesen Hunger nach Bildung zu wecken. Und ich
finde es sehr beeindruckend, wie es
diesen Frauen gelingt, in ihrer alltäglichen Arbeit in den sozial
ausgegrenzten Lokalitäten Menschen zu motivieren, kleine Schritte
weiterzugehen und vor allem auch Kinder einzubinden in das Schulprogramm
sowie
Eltern davon zu überzeugen, dass es ganz wichtig ist, ihre Kinder auf
die Schule zu schicken.“
Aurélie Balážová (links) im Film „Frauen im Feld“
Kleine Schritte zu gehen, immer wieder an Grenzen zu stoßen und
trotzdem nicht aufzugeben – das verkörpern die drei
Protagonistinnen. Für alle ist Bildung ein ganz entscheidender
Schlüssel zur Integration - und alle drei haben einen extremen Ehrgeiz
und
inneren Antrieb, einen anderen Weg zu gehen als den, der durch Familie,
Tradition und soziales Umfeld vorgezeichnet wurde.
„Eigentlich hätte ich zu Hause bleiben sollen, mich um mein Kind kümmern“, sagt Aurélie, 37, heute Sozialarbeiterin. „Aber das Kind wird langsam größer und ich will nicht immer nur am Herd stehen. Ich brauche eine Aufgabe. Und so hab ich entschieden: Wenn der Kleine in die erste Klasse kommt, dann fang ich an, etwas für mich zu tun.“
Aurélie Balážová
Etwas für sich tun – das bedeutete zunächst einen radikalen
Strich zu ziehen unter ihr bisheriges Leben. Ohne die Trennung von ihrem
Mann und den
Bruch mit fest verankerten Gender-Klischees, sagt Aurélie, hätte sie die
Ausbildung zur Sozialarbeiterin niemals geschafft. Jetzt will sie auch
andere dazu motivieren:
„Wenn ich als Sozialarbeiterin in den Roma-Ghettos unterwegs bin, dann denke ich: Wenn ich es geschafft habe, dann können sie es auch schaffen. Es braucht nur Zeit – manchmal brauchen die Menschen einen Spiegel – um klarer zu sehen. Und wenn man ihnen den Spiegel richtig hinhält, kann das ja auch motivieren. Ich glaube, dieser Film ist eine perfekte Motivation. Und Motivation ist sehr wichtig.“
Lucie Horváthová (Foto: Romea)
Andere zu motivieren, Multiplikator zu sein – ein wichtiger
Antrieb auch für die dritte Protagonistin, Lucie Horváthová. Sie ist in
die
Politik gegangen, zu den tschechischen Grünen, und kandidierte bei den
vergangenen Parlamentswahlen als erste Roma-Frau ganz oben auf der
Kandidatenliste (Kreis Pardubice).
„Roma-Frauen haben ein enormes Potenzial – sie können der Gesellschaft unheimlich viel anbieten: nicht nur den übrigen Roma, sondern auch der Mehrheitsgesellschaft.“
Vorausgesetzt, die Mehrheitsgesellschaft ist offen dafür. Noch sind die Tschechen Lichtjahre entfernt von einer multikulturellen Gesellschaft. Alle Diskussionen um Roma-Integration verlaufen daher bisher in einer Einbahnstraße, beobachtet Eva van de Rakt vom Prager Büro der Heinrich-Böll-Stiftung:
Lucie Horváthová im Film „Frauen im Feld“
„Wenn wir zum Beispiel über das Thema inklusive Bildung sprechen,
dann
ist es hier sehr auffallend, finde ich, dass immer von den Vorteilen der
inklusiven Bildung für die Roma-Minderheit gesprochen wird. Es wird
überhaupt nicht darüber gesprochen oder argumentiert, dass inklusive
Bildung ja auch für die Mehrheitsbevölkerung eine Bereicherung ist. Und
da, denke ich, muss noch sehr sehr viel geschehen, weil Erfolge meines
Erachtens erst möglich sind, wenn die Mehrheitsbevölkerung versteht,
dass
es auch in ihrem Interesse ist, dass man die Roma-Mitbürgerinnen und
-Mitbürger integriert.“
Regisseurin Markéta Nešlehová
Die wenigen Schritte, die auf politischer Ebene bislang dazu
unternommen wurden, seien Augenwischerei, meint Aurélie:
„Die Politiker integrieren uns Roma unheimlich gerne – aber nur auf dem Papier. Sie interessieren sich nur für unsere Probleme, wenn es für sie opportun ist, ganz eigennützig. Und wenn es das nicht ist, dann sehen sie unsere Bedürfnisse gar nicht. Deshalb kommt die Integration nicht voran.“
Besonders augenfällig: die Diskussion um so genannte inklusive Bildung – das heißt um ein Bildungssystem, das Roma-Kinder nicht mehr kollektiv auf Sonderschulen abschiebt, sondern sie in das tschechische Schulwesen integriert. Inklusive Bildung sollte das Flagschiff des tschechischen Vorsitzes der europäischen Roma-Dekade sein. Ende Juni endet der tschechische Vorsitz, passiert ist bislang de facto nichts. Noch immer geht die überwiegende Mehrheit der Roma-Schüler – laut jüngsten Angaben der von der Regierung geförderten Agentur für Roma-Angelegenheiten etwa 25.000 – auf Sonderschulen. Fast noch schlimmer ist, dass viele Roma-Vertreter ihre Beteiligung an dem so genannten Aktionsplan für inklusive Bildung zurückgezogen haben – aus Frust darüber, dass unter dem neuen Schulminister Josef Dobeš alle Ansätze seines Vorgängers Ondřej Liška fallengelassen wurden.
Film „Frauen im Feld“
Neben dem frustrierenden Gefühl, dass sich seit 1989 eigentlich kaum
etwas verändert hat auf dem Weg der Roma-Integration, stimmt der Film
aber
auch optimistisch: Es gibt sie, die Ausnahmen, die Vorbilder, die diesen
Weg ebnen helfen. Aurélie:
„Manchmal ist die Idee wichtiger als alles andere – es braucht nur Zeit und mehr Leute, die das als ihre Mission sehen.“






