Forum Gesellschaft Ein Königreich für einen Kindergartenplatz – Firmen sollen einspringen
Für den Nachwuchs einen Kindergartenplatz zu bekommen, ist ein Problem. Davon können Mütter in vielen Ländern Europas ein Lied singen. Das gilt auch für Tschechien, einem Land, in dem noch zur kommunistischen Zeit die staatliche Kinderbetreuung sogar intensiver war, als manche Eltern sich wünschten. Aber in den letzten 20 Jahren hat sich die Situation langsam aber stetig geändert. Mittlerweile sind Kindergartenplätze so heiß begehrt wie warme Semmeln.
Markéta Kachlíková ist Rundfunkredakteurin und zweifache Mutter. Einen
Kindergartenplatz zu bekommen, damit sie ihre Arbeit beim Tschechischen
Rundfunk wieder aufnehmen kann, war alles andere als ein Kinderspiel:
„Ich habe einen Sohn, der 2005 geboren ist. Und bei dem war es noch nicht so schwierig. Aber jetzt, bei dem Jüngeren, der drei Jahre alt ist, da war das schon ein Problem.“
Unlust, hohe Arbeitsbelastung und Zukunftsängste – das dürften die Faktoren gewesen sein, die in den 90er Jahren für einen absoluten Einbruch bei den Geburten gesorgt haben. Noch im Jahr 1990 - also kurz nach der Wende-Euphorie des Jahres 1989 - verzeichneten die Geburtsstatistiken Spitzenwerte von über 130.000 Geburten. Genau zehn Jahre später, 1999, als die erste Ernüchterung in der Bevölkerung auf die Stimmung drückte, fiel die Geburtenrate auf den Tiefpunkt von nicht einmal 90.000 Kindern. Es gab Überkapazitäten in den Kindergärten. Kindergartenplätze wurden schrittweise abgebaut. Das Problem schlägt in den letzten paar Jahren zu Buche, wo Tschechien wieder Geburtenraten von fast 120.000 Kindern pro Jahr verzeichnet.
„Ich habe ein halbes Jahr gewartet und immer erfahren: ´Es geht nicht,
wir sind voll´, aber dann hat es doch geklappt. Aber wenn der Ältere da
nicht schon gewesen wäre, dann hätte sie das nicht gemacht.“
Markéta Kachlíková hatte also Glück, dass ihr älterer Sohn schon im Kindergarten untergebracht war und die Direktorin deshalb ein Auge zugedrückt hat.
Josef Dobeš (Foto: Archiv des Regierungsamtes der Tschechischen Republik)
Die Kindergartenkrise zu lösen, hat sich der noch recht frische
Bildungsminister Josef Dobeš von der Partei der Öffentlichen
Angelegenheiten auf die Fahne geschrieben. In Zeiten leerer Kassen, keine
kleine Aufgabe. Geholfen hat ihm dabei eine Kommission aus verschiedenen
Ressorts der Regierung. Die Lösung: Firmenkindergärten sollen mit 60
Prozent der Betriebskosten gefördert werden. Dafür sollen sie offiziell
Teil des Bildungswesens und dem Ministerium als Aufsichtsbehörde
unterstellt werden. Das aber nicht umsonst. Was gebraucht wird, erklärt
Bildungsminister Dobeš:
„Einen Auszug aus dem Strafregister, die Hygienevorschriften müssen eingehalten werden, es müssen pädagogisch ausgebildete Betreuer im Firmenkindergarten zur Verfügung stehen. Und die letzte Sache: Es müssen regelmäßig Kontrollen durch die Tschechische Schulinspektion des Ministeriums durchgeführt werden. Wenn der Firmenkindergarten diese Bedingungen erfüllt, dann wird er in das Kindergartenregister eingetragen und hätte Anspruch auf bis zu 60 Prozent der Ausgaben für jedes Kind.“
Das Geld dafür in Zeiten leerer Kassen komme aus Einsparungsmaßnahmen. Die Bürokratie und der Beamtenapparat würden verschlankt, kleine Ministerien abgebaut und Mittelschulen zusammengelegt, so der Minister.
Der Vorschlag klingt gut und glatt. Für Terezie Pemová von der
Organisation Hyperaktivita ist er jedoch nicht revolutionär. Kindergärten
von Firmen, kirchlichen Einrichtungen oder privaten Trägern könnten schon
jetzt Fördergelder beantragen, wenn sie die Bedingungen für staatliche
Kindergärten erfüllten. Der Haken liege aber genau in diesen Bedingungen,
meint Pemová:
„Für Firmenkindergärten ist es manchmal nur schwer möglich, die Bedingungen zu schaffen, die erforderlich sind, um in das Kindergartenregister des Ministeriums aufgenommen zu werden.“
Das gilt zum Beispiel dann, wenn Firmenkindergärten nur für vier, fünf Kinder aufgebaut werden sollen. Da könnten kaum die gleichen Bedingungen geschaffen werden wie in den großen Kindergärten. Daher müsste klarer definiert werden, was ein Firmenkindergarten überhaupt ist und sein soll, erklärt Terezie Pemová:
„Und eine weitere Sache: Firmenkindergärten sollten nur Teil eines
größeren Maßnahmenplans, der den Eltern die Rückkehr in das
Arbeitsverhältnis erleichtert. Dazu gehört zum Beispiel auch
Teilzeitarbeit. Ich kann mir kaum vorstellen, dass eine Mutter, die ihr
zwei, zweieinhalbjähriges Kind in den Kindergarten gibt, davon ausgeht,
dass ihr Nachwuchs dort acht Stunden täglich bleibt. Sie möchte
vielleicht nur Teilzeit arbeiten und den Firmenkindergarten zwei Mal pro
Woche nutzen.“
Ganz so einfach scheint die Lösung des tschechischen Kindergartenproblems also nicht zu sein. Und auch Markéta Kachlíková, die lange nach einem Platz suchen musste, gibt zum Thema Firmenkindergarten zu bedenken:
„Ich finde es auch gut, wenn das Kind da in den Kindergarten geht, wo es
auch wohnt, weil es da Freunde und Bekannte hat, weil es da die Kinder aus
der eigenen Gruppe dann im Park oder auf dem Spielplatz trifft. Und es ist
einfach angenehm unter Bekannten und Freunden zu sein.“
Bildungsminister Dobeš möchte Firmenkindergärten so schnell wie möglich in das offizielle System integrieren. Er peilt den September als Startzeitpunkt an. Bis dahin wird an der Idee aber wohl noch gefeilt werden müssen.






